#8: Steinewerfer

Steinewerfer

Wir haben bisher einen Blick auf einige alte hebräische Schriften geworfen, die das ein oder andere Ereignis womöglich in neuem Licht erscheinen lassen. Heute wollen wir mal einen Blick in die Evangelien werfen, in eine Geschichte über Jesus und suchen dann nach dem roten Faden, der all das miteinander verbindet.

Also: Steinewerfer.
Eine Frau wird inflagranti bei einem Liebhaber erwischt und die Religionspolizei (was ein entsetzliches Wort) bringt sie (aber nicht ihren Kerl) in den Tempel und klagt sie an. Dabei versuchen die Gelehrten, Jesus die Worte zu entlocken, nach dem Gesetz solle sie gesteinigt werden. Schöne Nächstenliebe, Herr Messias.
Jesus aber kniet sich hin, kritzelt etwas in den Staub und sagt dann:

Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Er schreibt noch etwas auf den Boden und schließlich gehen die Ankläger von dannen, bis nur noch Jesus und die Frau zurückbleiben. Er fragt sie, ob irgendwer sie verurteilt, sie sagt Nein, er sagt ihr, dass er das auch nicht tue und sie fortan ohne Sünde leben solle.

Ende der Geschichte.

Bleibt die Frage, was er auf den Boden geschrieben hat.

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Pädagogisches Verhalten in FKK-Bereichen

Yeah!
Immer wieder verteilen die Bundesländer sogenannte Erlasse, an die wir Lehrer uns zu halten haben. Vor einigen Jahren postete ich zum Beispiel ein Strafverzeichnis, dass einem Erlass nachfolgend durchgezogen wurde und so Perlen enthielt wie “Jakob erhielt wegen Unaufmerksamkeit drei Stockschläge” oder “Siegfried, Rudolf und Anton erhielten 12 Stockschläge wegen unsittlicher Handlungen”.

Womit wir beim Thema wären.

Denn jüngst ereilte mich der Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahr 1986 mit dem Betreff “Pädagogisches Verhalten in FKK-Bereichen”.  Denn:

Bei der zunehmenden Verbreitung von ganz oder partiell textilfreier Freizeitgestaltung mehren sich die Situationen pädagogischer Relevanz.

Ja. Probleme aus dem Alltag. So schreibt der Kultusminister auch:

…die um sich greifende aggressive Nacktheit (ausgehend vor allem von Jugendlichen) […] zwingt zu Überlegungen, wie diese Situationen […] pädagogisch fruchtbar gemacht werden können.

Meine Rede!
Zum Glück aber, liebe Eltern, Schüler und Kollegen, kümmert sich das Land um uns. So gibt es klare Arbeitsanweisungen, die ich so unterschreiben möchte:

Grundsätzlich gilt, dass ein Lehrer unbekleideten Schülern ausnahmslos nur ins Gesicht schauen darf.

Ich sehe die Situation schon plastisch vor mir.
Fröhlich pfeifend führe ich meinen Hund nackt am Ufer der Sieg entlang, freue mich meines Lebens als eine Horde ebenfalls nackter Schüler auf mich zugestürmt kommt.

“AHHHH. Herr Klinge! Dem Isy sein Fuß blutet! Der ist fast ab! Herr Klinge! Tun sie doch etwas!”

Gemach, gemach!

In derartigen Situationen kommt einem ungezwungenen Grüßen ein besonderer Stellenwert zu. Der Lehrer sollte etwa mit seiner linken Hand wie zufällig sein Geschlecht bedecken, mit der rechten Hand dem Schüler leicht zuwinken, und dabei einen alterstypischen Gruß aussprechen, etwa “Hallo”.

“HERR KLINGE! DER ISY VERBLUTET GLEICH! SCHEISSE SCHEISSE SCHEISSE!”

“Hallo.”

Das passt noch nicht. Aber der Erlass ist ja auch noch nicht zu Ende:

Damit dieser Vorgang nicht verkrampft und peinlich wirkt, hat der einzelne Lehrer die Szene vorher zu üben. Es wird dringend empfohlen, eine der nächsten Konferenzen [..] unter Anleitung eines gymnastischen Kollegen zur Einübung dieser Grußformen zu üben.

Ist das nicht großartig?
Alle unter euch, die sich schon immer fragten, was es bei Lehrerkonferenzen eigentlich zu besprechen gibt – hier ist die Antwort:
Wir üben alterstypische Grußformen, während wir – wie zufällig – unser Geschlecht bedecken.  Smiley mit geöffnetem Mund

Der Erlass endet übrigens mit einem Hinweis auf den nötigen Strahlenschutz vor der Sonne und verweist bei Fragen an den zuständigen “Beauftragten für FKK-Pädagogik” (sic!). Und den rufe ich gleich mal an, um zu erfahren, ob es einen Nachfolgeerlass gibt, oder ob dieser hier noch gilt.

2014-03-25 07.49.11-1

Dr. Jekyll & Mr. Hide

Ich unterrichte unter anderem zwei Schwestern in Physik.
Die eine in meinem großartigen Oberstufenkurs1, der sich auch in der neunten Stunde nicht zu schade ist, gutgelaunt Professor Moriarty das Handwerk zu legen oder auszurechnen, welcher Typ Flaschenöffner bei der Abi-Feier am besten zum Einsatz kommt.
Die andere Schwester in einem Kurs, der weit weniger Enthusiasmus verströmt: Der Fokus liegt auf den Zentralen Abschlussprüfungen und Physik ist ein Fach, das in erster Linie langweilig und anstrengend ist. Ein paar mühen sich – aber es bleibt genau das: Mühe.

Und während die eine Schwester große Freude an meinem Unterricht hat, würde die andere mich “am liebsten austauschen”.

Skurril.

Der gleiche Lehrer. Der gleiche Unterricht. Die gleichen Experimente. Das gleiche Fach.

Unterschiedliche Wahrnehmung.

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#7: Das revolutionäre Buch ‘Leviticus’

Ist Leviticus nicht eigentlich das Paradebeispiel dafür, warum das Alte Testament so ein archaisches und überholtes Buch ist? Wer (mit halbwegs funktionierendem Verstand) würde ‘Leviticus’ und ‘revolutionär’ in einen Satz packen?

Also, wohlauf denn.

Leviticus beginnt mit umfangreichen (um ehrlich zu sein: langweiligen) Anweisungen wie man verschiedene Opfer darbringt: das Brandopfer, das Speiseopfer, das Dankopfer, das Sühneopfer und das Schuldopfer. Brand? Sühne? Schuld? Klingt nach einer Party, hm?

Und um das noch auf die Spitze zu treiben, folgen Vers um Vers mit genauen Instruktionen, was man mit dem Fett (der geopferten Tiere), dem Fleisch (selbiger Tiere), der Leber und dem ganzen Blut machen soll.

Zwei Anmerkungen zum Text:

Erstens beginnt das Buch damit, dass der HERR (so wird Gott stets genannt) zu Mose sagt:

Wenn ihr dem HERRN eine Opfergabe darbringen wollt…

Im hebräischen steht an der Stelle für darbringen das Wort “Korban” (קָרְבָּ֖ן) und Korban impliziert Nähe.

Nähe?

Die Götter wurden damals als weit entfernte, distanzierte, anspruchsvolle und fordernde Wesen verstanden, deren Hunger stets gestillt werden musste. Man wusste nie so recht, wie man mit den Göttern gerade stand (in der griechischen Mythologie kann man das erahnen: Ständig gab es Streit zwischen Menschen und Göttern).

Aber an dieser Stelle kann man Gott nahe sein? Im Ernst? Das war eine neue Idee.

Ein kurzer Moment zum Innehalten: Wir sind erst einen Vers eingetaucht und schon drehen sich unsere Gedanken im Kreis: Menschen sprachen über Götter nicht auf diese Weise. Die Menschen kannten Götter nicht auf diese Art. Was bedeutet…

Dieser Gott ist anders.

Zu diesem Gott kann man eine Beziehung aufbauen.

Das führt zu einer zweiten Beobachtung: Eines der Opfer wird als “Dankesopfer” (שְׁלָמִ֖י) bezeichnet: Man könnte auch Friedensopfer dazu sagen. Also ein Opfer, das man darbringt, um Frieden mit Gott zu haben. In einer Zeit, da man den Launen der Götter (Sonne, Regen, Sturm, Flut, Meer) ausgeliefert war (s. letzter Beitrag) und man in steter Angst leben musste, ob man diese Götter womöglich durch ein zu geringes Opfer oder irgendwelche unbedachten Taten verärgert hat – in dieser Zeit erschien es wie ein unerhörtes Angebot, Gott durch ein klar definiertes Dankesopfer zu besänftigen.

Mit anderen Worten: Man wusste plötzlich genau, wie man zu Gott stand.
Aber was, wenn man sich an die schnippische Antwort an die Schwiegermutter erinnert – hat das Gott womöglich erzürnt? Wie kann ich das wieder hinkriegen? In Leviticus finden wir ein passendes Opfer für diesen Fall. Was, wenn man unbeabsichtigt jemandes Esel mit altem Heu gefüttert hat, so dass der jetzt gestorben ist… Wie kann man..? In Leviticus findet sich eine passende App ein passendes Opfer für diesen Fall.

Aber trotzdem, wird man nun einwenden, ist das doch einfach schaurig und blutig! Muss das denn sein?

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass dieser Text tausende von Jahren alt ist.

Aber warum all diese vielen Details?

Zu dieser Zeit lebte man in dem Glauben, dass die Götter einen für eine falsche Geste oder ein unbedachtes Wort bestrafen konnten. So sahen die Menschen ihre Götter. “Einmal falsch geblinzelt und du bist Geschichte!” Die vielen Einzelheiten in Leviticus hatten eine zutiefst beruhigende Wirkung auf viele Menschen, weil man sichergehen konnte, sich mit Gott gut zu stellen und keinen Zorn auf sich zog.

Aber all die Wiederholungen machen es schwer, das Buch durchzulesen, ohne dabei einzunicken..

An dieser Stelle möchte ich ermutigen, einmal das Strafgesetzbuch durchzulesen. Mit all seinen Details und Ausnahmen und… Auch hier macht die Lektüre keinen besonderen Spaß – aber sie beruhigt uns. Denn das Vorhandensein von Regeln und Gesetzen sorgt für eine gewisse Ordnung.

Und warum haben sie das ganze System von Opfern nicht einfach zusammengefasst?

Guter Punkt. Warum nicht alles über eine Klinge scheren. Ein endgültiges Opfer für alle Sünden und dann ist alles wieder okay. Einmal den Tempel abreißen. Einmal verkünden, dass alles… Moment… wir sind schon ein bisschen voraus, oder? (Bitte – diesen Abschnitt muss man genießen ;-) )

Okay – das wirft die Frage auf, warum sie diesen Schritt mit den zahlreichen Opfern nicht übersprungen haben?

Nun… wie verändern sich Sachen? Wie ändert man das Bewusstsein eines ganzen Volkes? Wie ändert man Rituale und Bräuche, die seit Urzeiten von den Vätern und Großvätern weitergegeben wurden?

Kann man sich einfach hinstellen und sagen: “Sorry, Freunde! Die Zeit ist um – jetzt kommt etwas neues..”?

Ende des letzten Jahres schlug ein Politiker vor, man könne in deutschen Kantinen doch einen vegetarischen Tag in der Woche einführen.

Was ein Aufschrei!

Wir alle wissen, dass der Fleischkonsum den Planeten zugrunde richtet. Wir wissen, dass der Regenwald abgeholzt wird und Abermillionen Tonnen Medikamente in der Fleischindustrie missbraucht werden. Wir alle wissen das. Und wir wissen seit letztem Jahr auch, dass die NSA jeden unserer Schritte überwacht. Das zahlreiche Konzerne uns ausspionieren und mit unseren Daten handeln. Kein Mensch wehrt sich dagegen – aber einen vegetarischen Tag in der Woche einzuführen, das sei ein nicht zu akzeptierender Eingriff des Staates in unser Leben. Das ruft die Boulevard-Medien auf den Plan!

Um Dinge zu ändern, braucht es Zeit. Man holt Menschen da ab, wo sie stehen, spricht in der Sprache, die sie sprechen, zu ihnen und führt sie Schritt für Schritt zu neuen Ideen und Einblicken.

Leviticus ist also ein Schritt vorwärts?

Leviticus war seinerzeit ein revolutionärer Schritt nach vorn im menschlichen Bewusstsein, der die Menschen einlud, eine völlig neue Vorstellung des Göttlichen zu entwickeln.

Meinte Paulus das, als er schrieb, das Gesetz sei ein Lehrmeister?

So langsam passen die Teile, nicht wahr? Ein Lehrer holt dich an der Stelle ab, an der du stehst und begleitet dich zum nächsten Ort. Man braucht ihn für eine gewisse Zeit und mit ihm und durch ihn wächst man, entwickelt sich und entdeckt schließlich, dass man nicht mehr der Gleiche ist wie früher.

Nun, da wir schon sieben Teile in dieser Reihe vollbracht haben, fühlt es sich an, als würde ein roter Faden all diese Erzählungen und Geschichten verbinden – nämlich eine wachsende und zunehmend differenzierte Betrachtung Gottes.

Als nächstes wollen wir uns ansehen, was Jesus in den Staub schrieb, als die Meute die Frau steinigen will.

Dank geht an Rob Bell.
Alle Teile der Serie.

OneNote gratis (& für Mac)

multiplatformAn verschiedenen Stellen habe ich in diesem Blog über OneNote gesprochen – die eierlegende Wollmilchsau unter den Computerprogrammen schlechthin – und für Lehrer meines Erachtens ideal geeignet. (Wer es nicht kennt: Ich habe hier und hier eine Einführung dazu geschrieben und auch mal ein Video dazu erstellt (s. Ende des Artikels).

Bisher fristete OneNote ein Schattendasein im Office-Paket. Dort wurde es wenig bis gar nicht wahrgenommen – aber das hat sich ab heute geändert:

OneNote ist gratis.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich OneNote anzusehen. In dem Video unten reiße ich kurz an, wie ich meinen Unterricht strukturiere und vorbereite. Und ehrlich: Ich habe kein Blatt Papier mehr hier rumliegen. :-)

 

Nachteile?

Ja.

Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem (Premium) Office OneNote und dem Freemium Gratis OneNote: Die kostenlose Version verzichtet zunächst auf SharePoint-Unterstützung, Versionsgeschichte und die Outlook-Integration. Nichts davon ist für den Normaluser relevant.
Ärgerlicher ist, dass das Gratis-OneNote wohl nur mit WebNotizbüchern funktioniert – die Daten liegen also in jedem Fall auf den Microsoft-Servern. Abgesehen von Fragen des Datenschutzs ist das auch ab bestimmten Dateigrößen quatsch. Ich zumindest habe eine Menge MP3s, Bilder, Filme und Dokumentationen in OneNote abgelegt – solche Datenmengen funktionieren nur offline.