#19 Musik

Vor einigen Tagen wurde meine Tochter beim Wocheneinkauf zur Umkehr aufgerufen, um nicht in der Hölle zu enden. Vor dem Supermarkt stand ein sehr überzeugter Herr auf einer kleinen Bühne und spielte mit Puppen die Jesus-Geschichte nach. Vor ihm saßen staunende Grundschulkinder auf einer flauschigen Decke und darum herum standen (mehr oder weniger) interessiert dreinblickende Erwachsene und lauschten. Begriffe wie “Sünde” und “Vergebung” und “Umkehr” und “unfehlbar” drangen dumpf in meinen Kopf.

Eine unsanfte Erinnerung daran, dass das Siegerland die NRW-Version des amerikanischen Bible Belts ist.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zusammennehmen müssen, wenn vor ihnen jemand eine BILD-Zeitung kauft. Oder kleine Kinder anpredigt.

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Schwangerschaftskurs vs. ChampionsLeague

Champions League. Bundesliga. Das Leben hat wieder einen Sinn.

Zumindest für meine Freunde – denn ich muss heute zum Schwangerschaftskurs. Meine Frau und ich sind Intellektuelle. Das bedeutet, wir studieren und lesen über Dinge, die in der ganzen Welt völlig natürlich ablaufen. Die Geburt zum Beispiel. “Man kann nicht einfach ein Kind kriegen heutzutage. Das ist unnatürlich. Man muss sich darauf vorbereiten.”

Ah.

Und heute ist Partnerabend. Da können wir uns beide vorbereiten. “Alle Männer kommen” behauptet meine Frau um mich zu überzeugen. In Wirklichkeit habe ich gar keine Wahl – beschließe aber, mich als der unangepasste Rebell zu erkennen zu geben, der ich insgeheim schon immer war:
Als wir zum Kurs fahren, falle ich in meine Rolle: Ich schaue nur noch zu Boden, vermeide Augenkontakt und zucke zusammen, wenn jemand die Hand beim Sprechen bewegt; meine Stimme ist flüsterleise und weinerlich und als ich die Hebamme begrüße, fühlt sich mein Handschlag an wie ein toter Fisch. “Ist mit Ihnen alles in Ordnung?”, fragt sie mich. Ich nicke stumm. Meine Frau stößt mich unsanft an, damit ich mit dem Mist aufhöre – aber jetzt schaut die Hebamme nur noch nachdenklicher.

Zum Glück bin ich nicht der einzige Mann in der Runde. Alle sehen sie bemüht lässig drein aber ich kann in ihren Augen sehen, dass sie von ihren Frauen ebenso hergezwungen wurden wie ich. In Wirklichkeit ist der Abend nicht so schlimm, wie befürchtet. Wir unterhalten uns nett und lachen viel – hin und wieder brummt ein Handy leise… TOR-Alarm. Und dann sieht man – für einen Augenblick nur – Traurigkeit in den Augen der Männer aufblitzen. Champions League.

Ohne uns.

Die Hebamme möchte hören, wie wir die Frauen nach der Geburt unterstützen wollen. Mit leiser Stimme schlage ich vor, sie beim Waschen der Stoffwindeln zu unterstützen.

Einen Augenblick herrscht Stille. Die Hebamme sieht mich stirnrunzelnd an und sagt: “Wenn du willst, dann bin ich nicht die Hebamme, sondern Manuel Neuer. Und wir sind gar nicht in der Hebammenpraxis, sondern im Stadion. Und wir feiern den Sieg – aber nicht hier, sondern in der Kabine. Und wenn du nach Hause kommst, bin ich nicht mehr Manuel Neuer…”

Ich werde jäh aus meiner Phantasiereise geweckt, als alle ihre Taschen packen.

“Oh, schon?”, strahle ich fröhlich.

Väter müssen antreiben. Oder?

Screenshot_2013-11-24-16-29-56_1Jeden morgen, wenn ich unter der Dusche stehe, schleicht sich meine Tochter nach unten und deckt den Tisch. Oft versteckt sie sich dann unten und ich tue so, als wäre sie nachts abgehauen und ich suchte sie verzweifelt. Zuweilen schimpfe ich auch lautstark über mein faules Kind, dass sich nicht wecken lässt und gar nicht reagiert und bin dann ganz überrascht, wenn sie fertig angezogen in der Küche steht. Manchmal legt sie sich auch wieder ins Bett und erklärt mit großen Augen “Papa, ich wollte den Tisch decken, aber irgend jemand Geheimnisvolles hat das schon gemacht!”

Wir zwei haben diese Bindung zueinander, wie man sie hin und wieder in Büchern liest Filmen sieht. Ein Geschenk.

Im November letzten Jahres wurden Die Olchis in einem Puppentheater in Siegen aufgeführt. Ich dachte, dass sei eine großartige Überraschung für meine Tochter und malte mir insgeheim aus, wie es wohl wäre, Carolina mit verbundenen Augen ins Theater zu bringen. Als ich ihr erzählte, wir hätten einen Ausflug vor, aber ich würde nicht verraten, wohin es ginge, entgegnete sie sofort: “Wow! Und verbindet ihr mir dann die Augen, damit ich nicht weiß, wohin es geht?”

Es ist wunderbar.

Später dann war Elternsprechtag. Und neben allem Guten war ihre Lehrerin gegenüber meiner Frau sehr besorgt. Vor der letzten Mathematikarbeit sei Carolina zu ihr gekommen und hätte gesagt, sie bräuchte unbedingt eine gute Note, damit ihre Papa stolz auf sie sei. Und überhaupt, ihr Papa hätte ihr gesagt, sie solle endlich vom 1m-Brett springen, aber sie traue sich nicht. Ein Beispiel reiht sich an das nächste.

Bei der Lehrerin gingen sogleich die Alarmglocken an. Innerlich hat sie sich vielleicht schon ausgemalt, wie ich mein Kind leistungsorientiert erziehe und liebe.

Und also sprach der HERR, der dich erschaffen hat: Wenn du mit einer Zensur, schlechter als 2 nach Hause kommst, wirst du deine Stube nimmermehr verlassen, als bist du ordentliche Leistungen bringst und du wirst keine Spur der Liebe erhalten von deinem HERRN.

Tatsächlich will ich gar nicht verhehlen, dass die Leistung in der Schule bei uns einen hohen Stellenwert genießt. Aber sollte das nicht so sein? Frau Henner warf in ihrem Blog zuletzt immer wieder die Frage auf, wie viel wir Eltern die Kinder zu ihrem Glück zwingen sollen. Müssen wir Väter nicht auch ein bisschen Antreiber sein? Herausforderer?

Ich bin da sehr um Ausgleich bemüht: Zwar ist Samstags unser “Lesetag” in der Familie, an dem geschrieben und gelesen werden muss – dafür ist aber jeder Freitag auch “Kinotag” mit Popcorn und Film und so. Vieles an “Leistung” versuche ich spielerisch oder in Form von Ritualen zu vermitteln.

SO-Artikel: “Was mich an Schule nervt”

Pünktlich zu meinem 1000. Artikel (Hurra!) wurde ich von SPIEGEL ONLINE gefragt, ob ich nicht für ihre Lehrer-Geständnisse-Rubik schreiben möchte. Eines der nächsten Themen sei “Was mich in der Schule am meisten nervt.”

Seit ein paar Tagen grüble ich jetzt schon und kann mir auch ein, zwei Richtungen vorstellen – aber in Wirklichkeit bin ich nicht besonders genervt. Ich liebe meinen Job. Darum gebe ich die Frage gerne an euch weiter und lasse mich inspirieren. Schreibt doch in die Kommentare unten:

Was nervt euch an Schule am meisten?

Ich bin gespannt Erstauntes Smiley