Hühnerhaus #2: Tisch

Okay, nur fürs Protokoll: Ein solch extravagantes Hühnerhaus war eine selten dämliche Idee. Zur Erinnerung:
Ich plante, das ganze Haus nur als Kulisse (wie in den alten Star Trek Episoden) um einen Tisch herum zu bauen. Um mir das Säubern zu erleichtern, habe ich vor, das Dach an einer Seite anzuheben. Skizze:

Der Tisch war relativ schnell gebaut. Stabiles Holz und ein paar Winkel. Das Gerüst stand schon im Januar bereit – leider blieb es dort eine ganze Weile stehen.

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Damit die Wände hinterher schräg werden, habe ich an den Seiten Latten angebracht – genau im richtigen Winkel.

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Obenauf eine Tischplatte aus billigem MDF-Holz.

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Damit steht das Grundgerüst. Bis hierhin ist noch Kindergarten, die Probleme kommen noch.

Missverständnisse.

“Und, wie war die Klassenfahrt?”, frage ich meine Tochter.
”Super”, antwortet sie, “wir waren in einem Nuttenheim. Das war ganz schön dort. Super weiche Betten.”

…?

“Bitte wo?”, frage ich und wähle schon die Nummer der Klassenlehrerin.

“In ei-nem Nu-tten-heim”, insistiert meine Tochter und betont jede Silbe, als wäre ich schwer von Begriff. Zwei, drei Sekunden herrscht Stille. “Weißt du, was eine Nutte ist?”, frage ich nach, während es am Ende der Leitung klingelt und ich ungeduldig darauf warte, der Klassenlehrern mal gehörig zu erklären.. und überhaupt!
”Klar”, erklärt meine wunderbare Erstgeborene beiläufig, “Nutten sind doch Frauen, die sozusagen mit Gott verheiratet sind. Oder nicht!?”

Am anderen Ende meldet sich die Klassenlehrerin. “Ja, bitte?”

Upsi.

Sie wollen doch nur lernen

„Da kommen sie schon wieder – hat man denn nie seine Ruhe?“ Kaum ist das eigene Referendariat erfolgreich bewältigt, kaum hat man sich in dem Gefühl eingerichtet, einfach nur unterrichten zu können, kommt die Schulleiterin, kommt der Ausbildungsbeauftragte um die Ecke und fragt, ob man nicht Mentor werden wolle, ob man nicht eine Gruppe Studenten mit in den Unterricht nehmen könne.

„Ich mache aber nichts Besonderes“, das hat sich als Standardantwort etabliert, ist aber natürlich keine Lösung. Zunächst empfiehlt es sich daher, zu überlegen und insbesondere zu besprechen, mit welchem Fokus die Gäste in den Unterricht kommen. Hier kann man vier Gruppen von Gästen unterscheiden:

  • Potenzielle Studierende, ehemalige Schüler: Ihnen geht es um den Perspektivwechsel, um eine erste Vorstellung davon, ob der Lehrerberuf für sie in Frage kommen könnte. Zu viel über Unterricht sprechen wollen sie in der Regel nicht.
  • Studierende (Bachelor): Auch für die steht der Perspektivwechsel im Vordergrund, allerdings vor dem Hintergrund mindestens einer Ahnung, dass der Lehrerberuf etwas für sie sein dürfte – sonst hätten sie sich nicht für das Studium entschieden. In den ersten Studiensemestern geht es für sie darum zu sehen, wie (unterschiedlich) Unterricht ablaufen kann und was Unterricht prägen kann – das Lehrerhandeln, das Schülerhandeln, der didaktische Aufbau, die eine oder andere Methode vielleicht. Ein enger gefasster Hospitationsfokus besteht meist noch nicht.
  • Studierende (Master): Studierende im Masterstudium kommen meist im Rahmen eines Praxissemesters oder – wie es in Hamburg heißt – Kernpraktikums an die Schulen und in den Unterricht. Sie wissen in der Regel, dass sie Lehrer werden wollen. Sie wollen Unterricht verstehen, analysieren und kriteriengeleitet beurteilen, oft gemeinsam mit Kommilitonen im Rahmen einer Seminarveranstaltung. Jedes Wort der Lehrperson hilft ihnen.
  • Referendarinnen und Referendare: Auch sie wollen Unterricht verstehen, analysieren und kriteriengeleitet beurteilen, zusätzlich aber sinnvolle Alternativen durchdenken. Sie wollen Anregungen für den eigenen Unterricht bekommen und sich professionalisieren. Sie haben in der Regel das größte Interesse an Vor- und Nachbesprechungen.

Was also tun, wenn man gebeten wird, ein paar Tage später die Klassentür für diese Menschen zu öffnen? Im Immobilienmarkt heißt es „Lage, Lage, Lage“, im Hospitationszusammenhang „Reden, reden, reden“. Das klingt selbstverständlicher, als es ist. Oft werden Hospitationstermine abgemacht – und bis zum Unterricht bzw. noch darüber hinaus verfallen beide Seiten in eine Art wechselseitige Angststarre: Die Studierenden und Referendare wollen die Lehrerin, die sich bereit erklärt hat, „öffentlich“ zu unterrichten, auf keinen Fall nerven, zumal die Frau ja selbst in den Pausen noch durchgehend mit Schülern zu tun hat, die am Morgen den Bus verpasst, den Hund zum Tierarzt gebracht, den Weg zur Schule nicht gefunden haben. „Und dann die Arme auch noch mit dieser anstehenden Hospitation behelligen? Nein.“ Umgekehrt denkt sich die Lehrerin, denkt sich der Lehrer oft: „Da kommen die nun nächsten Mittwoch zur dritten Stunde und gucken sich alles an – aber wieso eigentlich? Was wollen sie sehen? Naja, das Arbeitsblatt mache ich auf jeden Fall vorher noch etwas schicker. Und drei Stühle stelle ich hinten rein.“

Dass kann es natürlich nicht sein. Unsicherheit lässt sich nur über Transparenz reduzieren: Was genau wollen die Gäste im Unterricht beobachten? Wie kann ich ihnen dabei helfen? Welche Vorabinformationen könnten erhellend sein? Und was kann ich, der ich meine 26 Stunden pro Woche abreiße und oft gar nicht mehr zum Nachdenken komme, umgekehrt von ihnen lernen? Welche Beobachtungen können mir helfen, können meinen Unterricht besser machen?

Sie wollen doch nur lernen. Alle. Lassen wir sie einfach.

Gerald Wenge

[Anm. Gerald Wenge arbeitet am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und bildet Lehrer aus.]