Liebes Ministerium,

OneNote class notebooks

Microsoft hat sich in letzter Zeit bemüht, Schulen kostengünstiger mit Office auszustatten und in diesem Zusammenhang endlich OneNote die Bedeutung verliehen, die es verdient:

Mit “OneNote Class Notebook” kann man ein zentrales Klassenbuch erstellen, das in drei Bereiche unterteilt ist: Schüler-Notizbücher, eine klassengemeinsame Inhaltsbibliothek und ein Bereich für Zusammenarbeit kleinerer Schülergruppen. Das sind weit mehr Möglichkeiten, als ich sie mit meiner simplen Lehrer-zu-Lehrer-Kooperation nutze. Kostet aber auch weit mehr. So hübsch Microsofts Werbe-Video mit glücklichen Lehrern und begeisterten Kindern auch anmutet – weder haben meine Schüler genug Geld für Surface 3-Tablets, noch ich selbst.

Der Grundgedanke dahinter ist jener, der auch 4teachers.de antreibt: Zusammenarbeit.

Es braucht keine teuren Windows Tablets und auch keine Microsoft Office-Umgebung. Schulen müssten nicht mit der neuesten Hard- und Software ausgestattet sein, um die Lehrqualität entscheidend nach oben zu treiben:

Liebes Ministerium: Baut uns Lehrern doch einen Supermarkt. Einen bundesweiten Supermarkt der Ideen und Arbeitsblätter. Gerne auch einen leeren – wir füllen ihn dann selbst. Das kostet nicht viel, spart langfristig Milliarden (!) und macht uns zu glücklicheren, besseren Angestellten des Landes.

Wie wärs?

Alles wird gut!

Ich wohne am Dorf, und viele Kinder aus unserem Dorf und den Dörfern drumrum besuchen die Gesamtschule Eiserfeld. Deswegen kommt es zum 80er-Jahre “Hallo-Herr-Kaiser-Effekt”, wenn ich samstags in der Stadt einkaufen gehe oder wenn ich mich auf Dorffesten blicken lasse – wie gestern auf der Mudersbacher Kirmes. Man muss sich das so vorstellen: Ein großer Schotterplatz. Darauf werden jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende 5 Karussells, ein großes Bierzelt und diverse Bierwagen, Los- und Pommesbuden hingestellt. Der Bürgermeister macht den Fassanstich und dann wird im Wesentlichen getrunken. Die Jugendlichen vertiefen ihre Alkoholsozialisation, die Alten spülen die Nieren.

Also gestern: Mudersbacher Kirmes und “Hallo-Frau-Tellmann”. Und auf einmal steht Max vor mir. Max war vor einigen Jahren in meiner Klasse und hat einen ziemlich bescheidenen Hauptschulabschluss gemacht. Nicht dass er dumm wäre – weit gefehlt. Max hat den ganzen Tag gezockt und in der Schule hat er nichts getan, außer zu essen und so sah er denn auch aus.  Totes Fleisch. Und am Dorf hört man ja auch wie der Lebensweg so weiter geht: erste Lehre (ich vermute, dass die Mutter die Bewerbung geschrieben hatte) – rausgeflogen. Zweite Lehre – rausgeflogen.
Und gestern steht er vor mir: erschlankt und sieht super aus. Er berichtet mir, dass er jetzt schon im zweiten Lehrjahr in einem rennomierten Unternehmen arbeite und dass er seinem Leben einen ganz neuen Dreh gegeben habe. Er hätte eingesehen, dass das so nicht weitergeht, hat abgenommen, treibt Sport, lernt fleißig in der Berufsschule, die Noten seien gut.
Ich freue mich wirklich und frage: Was ist passiert? Wie kommt es, dass er sich dann doch noch besonnen hat? “Nix”, sagt er.  Nur eines: Nach dem zweiten Rausschmiss habe seine Mutter geweint und da habe er sich überlegt, dass er nie wieder der Grund dafür sein wollte, dass seine Mutter traurig ist.

Komisch, oder? Da macht man und tut man als Lehrer und man könnte genauso gut mit einer Wand reden. Sehr frustrierend.
Das ist nicht das erste Mal, dass ich erlebt habe, dass Leute mit einer wirklich intensiven Pubertät dann doch auf die Füße fallen. Das passiert eigentlich oft, und man trifft die ehemaligen Schüler überall. Und wie schön und gut zu sehen, wie die Kinder ihren Platz im Leben finden. Gut, mag man einwenden, die im Dunkeln sieht man nicht. Klar. Aber wie toll das ist, dass Leute ihren Weg machen und dann doch noch ihre Möglichkeiten ausnutzen, die man nicht packen konnte. Deswegen  für alle Eltern  und Lehrer, die einfach nur verzweifeln möchten, weil das pubertäre Kind den Aufschlag nicht hört: Alles wird gut – fast immer.

#20 Das Wort Gottes 1

Bevor wir beginnen: Ein paar Worte über ‘Worte’.

Bild2Während meines Referendariats durfte ich mir von vielen (sehr guten) Kollegen Ideen und Anregungen holen. Wie alle von uns, wurden wir von Zeit zu Zeit geprüft und diesen “Unterrichtsbesuchen” ging eine Menge Zeit und Arbeit voraus.
Ich wusste, dass mir Unterrichten liegt – aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich jeden Satz vorher zurechtlegen wollen. Ich “schwimme” gerne mit meinen Schülern, reagiere spontan auf Äußerungen und mag das Neue – auch auf die Gefahr hin, dass manches manchmal krumm wird.
Nach jedem Unterrichtsbesuch sitzt man in einer Runde zusammen und erhält Feedback. Was lief gut, was lief schlecht. Meist nette und hilfsbereite Kommentare von Seiten der anderen Referendare – was man eben sagt, wenn man weiß, dass die andere Person einen demnächst selbst bewertet. Höflich eben.

Und dann saß mein Seminarleiter vor mir und war an der Reihe. Und wisst ihr, was er sagte?

Herr Klinge, Sie könnten viel besser sein. Continue reading

Die ersten Nächte…

Die ersten Nächte sind rum.
Mittlerweile sind wir von “Oh, das Baby hat Pupsi Mupsi gemacht!” bei “Oh, das Baby hat schon wieder Pupsi Mupsi gemacht” angelangt. Von “Wie süß das klingt, wenn so ein Neugeborenes schreit” zu “Wer hat nochmal gesagt, dass das süß ist?”

2014-09-11 17.48.01Ich habe mir Sorgen gemacht, wie unser Hund den Familienzuwachs aufnimmt. Natürlich ist Bailey neugierig und über-aufmerksam: Wann immer das Baby weint, springt sie auf und kommt angeflitzt – auch über zwei Etagen hinweg. Ein leichter Beschützerinstinkt ist zu erkennen, der jedoch nicht sehr in den Vordergrund tritt. Ich habe immer wieder wild mit Carolina getobt, um zu sehen, wie der Hund auf Stress und Lärm und Gequicke reagiert: Er sieht interessiert zu und verspürt offensichtlich nicht den Drang, sich einzumischen. Sehr schön.
Außerdem zeigt Bailey amüsante Verhaltensweisen: Sie krallt sich mit den Vorderpfoten immer wieder um die Beine meiner Tochter und lässt sich durch die ganze Wohnung schleifen, genauso wie kleine Kinder sich spielerisch an die Beine ihrer Eltern hängen und mitziehen lassen.

Für Carolina ist die neue kleine Schwester überaus aufregend. Sie hat allerdings durch den Hund schon gelernt, das manche Dinge in der Phantasie schöner sind, als in der Realität – entsprechend vorsichtig ist sie mit ihren Erwartungen dem Baby gegenüber.
Immer wieder erkläre ich ihr, dass dies eine schwierige Zeit ist, weil das Baby so viel Aufmerksamkeit braucht die ihr dann fehlt und dass sie darüber ruhig traurig sein darf, aber wissen müsse, dass wir sie genauso lieb haben (vielleicht sogar ein bisschen mehr, weil sie durchschläft).

Ich schreibe immer noch an dem endlos langen Brief-Schrägstrich-Testament an meine Kinder, falls ich morgen das Zeitliche segnen sollte. Wenn ich mir durchlese, was ich vor Jahren so geschrieben habe, freue ich mich noch mehr auf die kommenden Nächte, Monate und Jahre.

Spannende Zeit.
Zum Glück sind jetzt Herbstferien. Passt mir gerade ganz gut. ;-)

Erkenntnis.

Im Treppenhaus begegne ich Philip. Einem der größten Clowns, die ich in den letzten Jahren unterrichten durfte. “Herr Klinge, ich stehe jetzt 1 in Chemie”, erzählt er mir freudestrahlend. “Donnerwetter”, zeige ich mich beeindruckt, “wie hast du das geschafft?”
Philip grinst verlegen. “Ich habe gemerkt, dass ich mich eigentlich nur regelmäßig melden und nicht soviel quatschen muss, um das zu schaffen.”

Ich mache große Augen und sehe mich verschwörerisch um. “Psst! Nicht so laut. Das ist doch ein Geheimnis, über dass man nicht laut sprechen darf!”

Er lacht (und denkt insgeheim vermutlich  an die vielen Physikstunden des letzten Schuljahres).