Handschrift vs. Computerverständnis

20141205_193309Meine Tochter schreibt gerne Geschichten. Seitenlang bekriegen sich Elben und Orks, erleben Mädchen Abenteuer auf dem Schulweg, befreunden sich Jungen mit Gespenstern aus der Tiefkühltruhe.
Sie hat sogar ellenlange “Abenteuerbücher” verfasst, in denen man am Ende des Kapitels wählen konnte, wie es weiterging und im entsprechenden Kapitel weiterlesen musste um zu erfahren, ob Legolas und Tauriel nun einander retten, oder nicht.

Zu schreiben ist – wie meine befreundeten Deutschkollegen immer sagen – die beste Art, schreiben zu lernen. Untersuchungen zeigen, dass sich Schreibschrift sehr gut einprägt, fast, als hätte die Hand ein eigenes Gedächtnis.
Im Zuge der Diskussion ob Informatik ein verpflichtendes Schulfach werden soll, denke auch ich manchmal über Carolinas (nicht vorhandene) Fähigkeiten am Computer nach: Geschichten zu schreiben wäre ein guter Einstieg in ein Textverarbeitungsprogramm. Sie würde quasi beiläufig die Begriffe “Laden” und “Speichern” verstehen und auch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur erlernen.
Ihre Kenntnisse beschränken sich bisher darauf, Apps auf dem Handy zu de- bzw. installieren, neu anzuordnen und das Hintergrundbild zu verändern.

Wie man es auch dreht und wendet: Es gibt mehr Dinge zu lernen, als Zeit sie zu üben.

Handschrift oder Computer? Klavier oder Bogenschießen im Garten? Sportverein oder Kinotag?
Bedeutet “familiäre Förderung”, dass sie viel Zeit zum Lernen bekommt oder dass sie ihre Kindheit genießt? Und: Bedeutet “optimale Förderung” in der Schule, dass ich den Schülern möglichst viel Wissen vermittle oder, dass ich mit ihnen Ausflüge mache und das Leben lebe?

Schülerhirn im Unterricht (SiS)

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Vertretungsstunde in meiner eigenen Klasse. Die Jungs sind aufgedreht und unruhig. “Timo”, greife ich mir einen raus und plötzlich wird es ganz still, “du darfst jetzt entscheiden: Ihr könnt Handy spielen und quatschen und tun, was ihr wollt… für etwa 30 Sekunden. Danach endet meine Geduld und ihr bekommt eine Stillarbeit. Oder ihr werdet jetzt leise und wir schauen uns Christians Gehirn an.”

Timo zögert.

Gleichzeitig (!) lehnen sich die Banknachbarn von links und rechts zu ihm rüber und flüstern halblaut durch die Klasse: “Nimm die 30 Sekunden Handy! 30 Sekunden, Mann! Handy!!!”
Dabei grinsen sie mich wie Verrückte an.

Im Stillen beiße ich mir auf die Zunge um nicht loszulachen. Am Ende wird sich aber doch für die Alternative entschieden.

Einer meiner Schüler hat eine Untersuchung im MRT über sich ergehen lassen müssen. Schon vor Wochen hatte ich ihn gebeten, vom Krankenhaus die Bilder anzufordern und mitzubringen – damit könne man im Physikunterricht ganz wunderbar arbeiten.

Und das tun wir dann auch.
Während wir uns Scheibe für Scheibe durch den Kopf arbeiten, betrachten wir die verschiedenen Hirnareale, erläutern den Unterschied zwischen MRT und CT und schaffen die Verknüpfung zum aktuellen Physikthema (Elektrostatik – Mit einem geladenen Plastikstab kann man einen Wasserstrahl ablenken). Die Kinder berichten von Unfällen im Bekanntenkreis die mit Kopf oder Wirbelsäule zu tun haben und wir erinnern uns gemeinsam an das, was wir bei unserem Erste-Hilfe-Kurs gelernt haben.

Am Schluss haben wir versucht, die einzelnen Bereiche des Gehirns zu benennen, was mich zu einem neuen ‘Schule im Schaubild’ führt:

 

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“Wissen Sie, was ich meine?”

Physik. Zehnte Klasse.
Eine verzweifelte Schülerin steht vor mir.

“Wenn du mit deinem Referat nicht vorwärts kommst, dann schreib doch erst einmal alles auf, was du weißt.”, sage ich.

“Ja, aber was, wenn ich gar nicht weiß, was ich weiß?”

Sie seufzt schwermütig. “Oder noch schlimmer: Wenn ich weiß, was ich nicht weiß, aber nicht weiß, was ich noch alles wissen müsste, um zu wissen, was ich wissen muss.”

Sie seufzt noch einmal. “Wissen Sie, was ich meine?”

“Nein.”

“Ich weiß!”, heult sie auf.

#25: Abstand

20141127_160431Wenn man sich mit einer Sache beschäftigt, ist etwas Abstand davon ganz wichtig. Auch bei der Bibel. Man kann einen Vers lesen und die einzelnen Worte studieren. Man kann einen Satz wirken lassen. Oder nach Aussage und Sinn in einem ganzen Abschnitt suchen. Einen Absatz oder ein Kapitel aufnehmen.

Oder man tritt einen Schritt zurück und blickt auf das gesamte Buch.

Man kann die Bibel aus verschiedenen Höhen betrachten – von der Bedeutung eines einzelnen Wortes hin bis zum 5000-Meter-über-den-Dingen-Blick auf das ganze Werk. Und wenn man so großen Abstand hat, dann erkennt man oft Aspekte, die man vorher übersehen hat.

Wie in der Apostelgeschichte.