Kuscheltiere im Physikunterricht

IMAG1314Ich muss zugeben, das ich dem Prinzip des Figurentheaters von Martin Kramer eher sehr skeptisch gegenüberstand. Zunächst.

Ich habe dieses Jahr nur einen einzigen Physikkurs. Klasse 10. Siebte und achte Stunde. Man kann sich die Begeisterung und den Elan der Schülerinnen und Schüler ausmalen.

Aber: Nur ein Kurs bedeutet auch, dass ich allen Spaß nun genau hier reinstecken kann. Auf dem Plan stehen die Grundlagen der Mechanik.

Um die Erdbeschleunigung (also die Beschleunigung, mit der ein Apfel vom Baum fällt) zu berechnen, wollte ich mich versuchs-weise des Figurentheaters bedienen. Statt einer Handpuppe Lilly habe ich meinen Bären Bruno und statt mit verstellter Lilly-Stimme redet Bruno… naja… einfach gar nicht.

Statt klassisch eine Kugel vom Tisch fallen zu lassen, dabei Höhe des Tisches und Zeit des Fallens zu messen, schlug ich den Zehntklässlern folgendes Experiment vor: Wir würden Bruno vom Dach der Schule fallen lassen, die Zeit messen und dann schauen, wie sehr er beschleunigt.

Grooooße Aufregung!
”Herr Klinge! Der arme Bär!”, wurde ich angegiftet. Die gleichen Schüler, die sonst nur mühsam zum Unterricht zu bewegen sind, sprangen mir schier an die Gurgel. Ob man den Bären auffangen dürfe. Und wer ihn fallen lassen sollte. Und… und…
Ein, im Grunde sehr simples Experiment wurde für die Klasse plötzlich sehr persönlich.

Ich beschloss, dem Bären eine Woche später eine weitere Chance zu geben. Es ging um “Kraft”. Die physikalische Kraft wird in der Einheit “Newton” gemessen und dies ist für Schüler erst einmal eine völlig anonyme Größe. Sind vier Newton viel? Oder vierzig? Oder hundert?

Also muss man ein paar anschlauliche Experimente machen, um eine Einschätzung gewinnen zu können.

Welche Kraft hält ein menschliches Haar (Mädchen, Jungen, hell, dunkel) bevor es zerreisst? Welche “Kraft” wirkt auf ein beschleunigendes Auto? Wie viel Kraft steckt in einem startenden Space Shuttle? Und wie viel Kraft steckt in einem Faustschlag?

Für letzteres brauchte ich Bruno wieder.

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Ich habe ein Lichtschranke aufgebaut und den armen Bruno dahinter postiert. Die Schüler durften sollten nun so schnell und fest wie irgend möglich gegen den Bären schlagen.
Die Lichtschranke maß die Zeit, mit der die Faust sich bewegte [Genau genommen schlugen die Schüler über sie hinweg – ein Stift in der Hand durchbrach die Lichtschranke. Wie auf dem Bild erkennbar passt die Hand ja gerade so zwischen den Balken der Lichtschranke durch..]. Über Zeit, Strecke und Masse kamen wir zügig (wenn auch vereinfacht) an die Kraft hinter dem Faustschlag. Mit durchaus respektablen Ergebnissen.

Und auch hier waren die Schüler erst empört, dann begeistert. Aber auf jeden Fall aktiv dabei.
Es entstand ein persönlicher Bezug zum Experiment. Keine komplizierten Geräte um komplizierte Begriffe zu berechnen. Vielleicht moralisch etwas fragwürdig – aber der arme Bruno musste schon Schlimmeres erdulden.

Ich bin, mehr denn je, vom Konzept des Figurentheaters im Physikunterricht überzeugt.

Hurra – Ich bin im Focus (Zusatz)

Meine Schwiegermutter hat sich den Focus gekauft. Ganz stolz. Gestern abend schlägt sie ihn dann endlich auf und runzelt die Stirn: Da ist doch Schrift auf des Schwiegersohnes Stirn…?!
Sie vermutet, der Opa habe die Tageszeitung auf dem Artikel abgelegt und beginnt, mit einem feuchten Tuch mein Hochglanz-Gesicht zu säubern. Natürlich erfolglos.

Hm.
Ist halt Kunst, ne? Smiley

(Habe mich direkt bei der Kollegin entschuldigt.)

Hurra! Ich bin im Focus. (also, dem Magazin…)

Heute ist es soweit.

Nach viel Vorfreude und aufregendem Fotoshooting ist heute der “Focus Schule” mit einem Artikel über bloggende Lehrer erschienen. Unter anderem über andere. Und über mich.

Das habe ich natürlich direkt allen meinen Schülern erzählt. Ohne mich jedoch über den Grund des Artikels zu äußern. So wurden im Folgenden die unterschiedlichsten Vermutungen geäußert.

“Bestimmt, weil sie uns so gut quälen können.”
“Sind Sie Hand-Model?” 
(Ich hatte der Klasse eindrucksvoll vorgeführt, dass ich mit links und rechts an die Tafel schreiben kann.)

“Weil sie so groß sind?”

Alles falsch. Aber zumindest erhielt ich mehr Bewunderung von den Schülern, als von meinen Kollegen. “Sag mal”, murmelt eine von ihnen und betrachtet das Bild von mir genauer, “hast du da einen Hautausschlag auf der Stirn?”

Ich schnaube empört. “Das ist der Beamer der mir meinen eigenen Blog ins Hirn brennt. Das ist Kunst!”

“Sieht aus wie Hautausschlag. Könnte auch gut ein Artikel über schrullige Lehrer sein. Vielleicht bloggst du ja, weil keiner mit dir Kontakt haben will..?!”

Manchmal würde ich ja doch gerne so anonym schreiben, wie Frl Rot.

Statt dessen verziehe ich mich mit meinem Focus zu den Referendaren (also zwischen die Kopierer). Die müssen zumindest Anerkennung heucheln.

Ein bisschen aufregend ist, dass ich meinen bloggenden Kollegen im Focus begegne: Man kennt sich ja ein bisschen aus dem RSS-Feed. Das es die Leute auch “in echt” gibt ist ja doch irgendwie… skurril ;-).

Schubladendenken.

Wir sind bei Freunden zum Kaffee eingeladen.

Carolina spielt mit Jonas, der ein halbes Jahr älter ist als sie selbst. Irgendwann ist die Sahne leer und Jonas wird gebeten, mit der Oma neue Sahne zu schlagen. Meine Tochter schaut verwirrt. “Bei uns kommt die Sahne immer aus der Sprühflasche”, denkt sie. Spricht es aber zum Glück nicht aus.
Stattdessen geht sie neugierig mit Jonas in die Küche und sieht ihm staunend beim Sahneschlagen zu. Amüsiert betrachte ich ihre wachsende Bewunderung für den Knirps.

“Sag mal”, fragt sie, sichtlich beeindruckt, “kannst du auch Auto fahren?”

Erziehung ist hässlich.

Vor einiger Zeit war ich mit meiner Tochter abends auf einer kleinen Abschiedsfeier. Dort bekam sie eine Rose geschenkt und zeigte sie mir stolz. “Hast du dich auch bedankt?”, fragte ich – wohlwissend, dass sie eben dies vergessen hatte.

2010-11-11 17.23.48“Hui… da kommt direkt der strenge Vater!”, murmelte jemand neben mir grinsend. Und einige Umstehende nickten zustimmend. “Armes Pädagogen-Kind.”

Ich habe mich noch kurz über dieses Ereignis geärgert nachgedacht. Nein: Geärgert. Denn solche Sprüche kamen ausnahmlos von Leuten, die keine Kinder haben. Das Thema “Erziehung” ist im Grunde ein Reizwort, nicht wahr? Eines, bei dem ich alle sehr schnell sehr empfindlich werden. Ein afrikanisches Sprichtwort sagt: “Man braucht ein ganzes Dorf um ein…”

Jaja.

Aber nicht mein Kind! Mir redet bitte schön niemand in die Erziehung rein. Oder?
Denn.. ja! Ich bin ein gar förchterlicher und geströnger Hörr Vater. Statt sich über die süße blonde Prinzessin mit der Rose zu freuen, habe ich nur mahnende Worte übrig. Aus der Sicht eines Außenstehenden bin ich der Böse. Zu streng. Zu unbarmherzig.

Aber: Hätte das garstige Kind einfach nach einer Rose gegraptscht und sie wie selbstverständlich gestohlen genommen, hätten sich die gleichen Leute über das schlecht erzogene Kind geärgert. “So eine Göre.” Aus Sicht der Außenstehenden… wäre ich der Böse! Oder nicht?

Erziehung ist hässlich, nicht wahr?
Jeder will gut erzogene, höfliche Kinder sehen. Inklusive mir. Ich kann es auch im Schulalltag nicht leiden, wenn die Schüler sich schlecht benehmen. Aber den Weg dahin möchte niemand sehen, nicht wahr? Strenge Eltern. Quengelnde Kinder. Konsequenz und Regeln in der Erziehung sind manchmal richtig anstrengend. Aber das katastrophale Ergebnis fehlender Erziehung darf ich jeden Tag in der Schule bewundern. Fragt mal Frau Rot.

Wenn ihr also das nächste Mal einen strengen Vater seht, der seinem Kind an der Kasse kein Überraschungs-Ei kauft… bestärkt ihn in seiner Entscheidung! Lächelt ihm zu. Nickt ihm zu. Kauft von mir aus dem Vater ein Überraschungs-Ei (besser keine Rose!). Aber nicht dem Kind! ;-)