Wie die Bundesliga die Schule widerspiegelt.

2013-06-27 15.30.49Letzte Woche wurde ich von einem Online-Magazin angefragt, welche “Tipps” ich für Eltern zur Schulvorbereitung hätte. Und während ich noch ein paar freie Tage genießen darf, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, während ich mich gleichzeitig am Beginn der Bundesliga erfreut habe. Meiner Ersatz-Religion.

Freude hatte ich zumindest, bis ich die Interviews der Gladbacher nach der Niederlage gegen Bayern München hörte. Obwohl Gladbach nicht schlecht gespielt und durchaus einige Torchancen herausgearbeitet hatte, jammerte der Torwart ter Stegen hinterher sinngemäß: “Andere Gegner sind unsere Kragenweite… wir müssen gegen andere Gegner die Punkte holen… gegen die Bayern kann man verlieren…”

Das hat mich maßlos geärgert. Da war kein Frust über die vertane Chance zu spüren, nur das allgegenwärtige Kuschen vor den übermächtigen Bayern.

Vor allem, wenn ich das mit den Stimmen der Augsburger vergleiche, die mit 0:4 gegen Dortmund verloren. Dort schimpfte Halil Altintop: „Das Ergebnis ist definitiv zu hoch und spiegelt das Spiel nicht komplett wieder. Wir brauchen nicht über Borussia Dortmund zu reden […]. Die eigenen Fehler waren entscheidend heute.”

Die Augsburger waren zurecht frustriert. Sie hatten richtig gut gespielt und “es war mehr drin”. Das galt für beide Spiele – aber gegen die Münchener scheint sich ein Großteil der Liga in stiller Angst zu ergeben: Wenn wir nur mit zwei, drei Toren Unterschied verlieren, ist alles in Ordnung.

Zum Kotzen.

Und es erinnert mich an Schule.

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Sonntag. Angst.

Ich bin ein großer Anhänger des Jazz.
Diese spielerische Leichtigkeit. Die Improvisation. Man kann in die Musik eintauchen.
Obwohl ich nur wenig von Musik verstehe, ist mir eines doch klar: Weder Charlie Parker noch irgendein anderer, guter Jazz-Musiker ist mit der Improvisation, die den Jazz auszeichnet, groß geworden. Ganz im Gegenteil: Damit eine Musik-Gruppe miteinander spielen kann, sind harte Regeln und fest vorgegebene Abläufe von Nöten. Wieder. Und wieder. Jahrelang. Ein enges Korsett voller Regeln. Ohne geht es nicht.

Diese Art der Regeln sind für uns wichtig. Und ich denke, innerlich halten wir so lange wie möglich an ihnen fest.

Frei predigen? Spontan ein Lied anstimmen? Unvorbereitet einen Vortrag halten?

Improvisation birgt Risiko. Birgt Angst.

Wir mögen keine Veränderung. Sie machen uns Angst. Überall. Immer wieder.
Ich war lange genug Student, um Prüfungsängste kennenzulernen. Ich kenne Menschen, die sich fragen, ob sie je einen Partner finden werden. In meiner Gemeinde haben einige Angst vor Veränderungen. Vor neuen Liedern. Vor neuen Gebeten. In der Schule haben wir Angst vor neuen Kollegen. Die besser sind. Wenn ich die Schüler mit der größten Klappe bitte, vor der Klasse etwas vorzutragen, werden sie ganz still.

Wenn ich in  das Alte Testament schaue, dann finde ich dort das gleiche Muster: Gesetze. Und genau beschriebene Abläufe und Vorgaben. Ein enges Korsett von Regeln. Tu dies. Unterlasse jenes. Ansonsten wird Gott dich strafen. A.J.Jacobs hat ein skurriles Buch darüber geschrieben.
Es ist ein Ausgangspunkt.
Denn später, im Neuen Testament, finde ich dann Freiheit. “Fürchte dich nicht” ist, wie mir scheint, einer der häufigsten Sätze der Bibel. Fürchte dich nicht. Als sollte man diese Regeln, nachdem man sich ihrer bewußt, zurücklassen und voll ins Leben eintauchen. Uns von allem, was uns einengt befreien.

Wenn man jahrelang Jazz gespielt hat, wenn man perfekt aufeinander eingespielt ist, wenn man die Regeln und Vorgaben verinerlicht hat – dann kann man sie hinter sich lassen. Dann kann man spielen und improvisieren. Träumen. Und zu ganz neuen Horizonten vorstoßen.

Die Angst meiner Tochter vor laufenden Autos ist mein Geschenk an sie.
Es hilft ihr, im Straßenverkehr aufzupassen. Aber irgendwann muss sie diese Angst hinter sich lassen. Sonst verpasst sie das Leben.

Fürchte dich nicht.