#16: Hatten sie nur zuviel Wein?

Ich lasse mich leicht begeistern.

Von technischen Spielereien. Von wissenschaftlichen Fakten. Von Menschen. Von Berufen.
Einer der grandiosen Zufälle meines Lebens ist, dass ich mit einer Pastorin verheiratet bin. Wo ich Kirchen oder biblische Texte wie ein Trottel betrachte, weiß meine Frau oft die irrsten Zusammenhänge.

Darum beneide ich sie.

Aber es läßt mich immer wieder sprachlos zurück, wenn sie mir hier und da ein wenig von ihrer Welt eröffnet.
So wie heute.
Heute feiern wir Pfingsten, ein Fest, das sich von Pentacosta ableitet, das ist griechisch und bedeutet “fünfzig”. Pfingsten gilt als die Geburtststunde der Kirche. Kirche. Was immer einem in den Sinn kommt, wenn man an den Begriff Kirche denkt – hier ging es los.

Continue reading

Die große Erschöpfung!?

2010-08-09 13.46.42Ich bin ein ganz großer Fan von Bill Cosby. Ich liebe seine Fernsehserie wegen ihres durchweg positiven Familienbildes, ich liebe Cosbys Humor und seine Art, über Familie und Ehe zu sprechen. Ich liebe das, weil ich Familie liebe. Weil ich meine Ehe liebe. Und weil ich meine Tochter liebe und auch noch das Vergnügen habe, beruflich mit Kindern arbeiten zu dürfen.
Neulich bin ich über einen lustigen Test für werdende Eltern gestoßen. Er stammt aus dem Buch “A beginners guide to fatherhood” von Colin Falconer. Ich finde den Test ganz lustig, weil ich Familie liebe und weil ich kleine Babys süß finde und gerne mit Kindern arbeite.

Ein Auszug:

Continue reading

Weihnachtsstress

Meine Frau hat einen Lieblingsladen. Konplott. Ein Geschäft voller Ketten und Armreife und Ohrringe und… Buäh! Nichts davon hat WiFi, geschweige denn Bluetooth. Dabei weiß doch jeder, dass alles mit Bluetooh besser ist.

Meine Frau weiß, dass ich den Laden fies finde. Natürlich gehe ich trotzdem rein. Und kaufe ihr ein Geschenk.

“Uuuund? Hast du schon Geschenke für mich?”, fragt die wundervollste Ehefrau von allen am Nachmittag. “Ich war nicht in deinem fiesen Laden!” entgegne ich. Sie sieht traurig aus und m weiteren Verlauf des Tages muss ich mir anhören, wie undankbar ich sei. Während sie den ganzen Tag dieses und jenes machen würde… aber ich…
Schließlich hetzt sie auch ihre Freundinnen auf. “Der soll sich nicht so anstellen.” “Sag ihm, er soll dieses und jenes…”

Einen Nackenschlag nach dem anderen fange ich mir ein. So geht das Tag für Tag. Mal beiläufig. Mal direkt.

Was sind wir Ehemänner letzten Endes doch für arme Kerle: Wie wir es auch machen, wir machen es falsch. Das Geschenk bringe ich jedenfalls morgen zurück: Ich höre mir doch nicht tagelang diesen Mist völlig umsonst an. ;-)

Erziehung

Wir gucken Star Trek: Deep Space 9.
Die Pilotfolge läuft und Captain Sisko erklärt den Wurmlochwesen die Prinzipien der menschlichen Existenz und der linearen Zeit.

Plötzlich setzt sich meine Tochter auf. “Hey, das stimmt! Wenn ich jetzt Fußball spielen würde und man wüsste, dass ich gewinne – dann wäre das ja voll langweilig!”

Es gibt im Leben eines Vaters viele großartige Momente. Aber zu erleben, wie eine 7jährige aufspringt und das Prinzip linearer Zeitabfolge durch eine Star Trek-Episode versteht gehört mit zu den besten!

Ich bin meine eigene Schwiegermutter.

Neulich ist meine Tochter allein in die Gemeinde gelaufen, weil sie unbedingt beim (Senioren-)-Tanzkreis mitmachen wollte. “Keine Sorge, Papa”, erklärte sie mir. “Ich gehe zu Fuß hin und zu Fuß wieder zurück. Du kannst also weiter mit deinem Handy spielen arbeiten.”

“Gut”, erklärte ich mich einverstanden und wies sie dann noch einmal auf die Gefahren der Straße etc. hin. “Sag der Mama, sie soll mir kurz schreiben, wenn du da bist!”

Sie versprach es. Und ging. Natürlich kam kein Anruf. Als ich bei meiner Frau nachfragte, erfuhr ich, dass sie gar nicht dort sei. Und während in meinem Kopf ein entsetzlicher Film ablief, klingelte das Telefon. “Papaaa”, keuchte Carolina, “ich habe ganz vergessen, anzurufen. Nicht dass du denkst, ich bin überfahren! Aber die Mama ist gar nicht da.”

imageJahrelang habe ich meine Schwiegermutter grinsend verulkt, wenn sie um einen Anruf nach langer Autofahrt bat. Oder wenn ich einfach nur nicht ans Telefon gegangen bin und sie sich entsetzliche Schreckensszenarien ausmalte.

Und heute?
Natürlich habe auch ich sofort das Schlimmste befürchtet. Der Film im Kopf rattert einfach durch und ich merke, ich bin wie meine eigene Schwiegermutter geworden. Loslassen ist nicht so einfach.

Sorry, Mama! Smiley

Kochkünste in einer modernen Ehe.

Meine Frau und Carolina essen in der Küche zu Abend.
”Mama? Du musst mir unbedingt Kochen beibringen”, erklärt Carolina mit vollem Mund.
Meine Frau nickt.
“Bevor ich ausziehe!”, insistiert Carolina.
Meine Frau nickt.
”Sonst müssen der Vater (sic!) und ich immer Brote und Cornflakes essen!”

Ich weiß nicht… plant sie, mit mir auszuziehen? :-O

Einkaufen mit mir.

Meine Frau und ich gehen einkaufen.
”Schau mal”, ruft sie entzückt und zieht eine Weste aus einem Kleiderständer voller Hemden und Pullover.
“In hundert Millionen Jahren ziehe ich die nicht an!” gebe ich augenblicklich zurück und mustere das fiese Ding.
”Los!”, drängt mich meine Frau.
Ich schaue auf eine imaginäre Uhr. ”Die hundert Millionen Jahre sind noch nicht vorbei”
”Los!”,
drängt mich meine Frau.
Ächzend, als würde ich eine große Last schultern, nehme ich die Weste und schlurfe zum nächstgelegenen Spiegel.
”Und?”, fragt die liebreizendste Ehefrau von allen.

“Wir nehmen sie.”
Noch immer sehe ich ihr Augenrollen, als ich stolz wie ein Pfau mit meiner Weste später zum Elternabend losfahre.

Sommergeschichten (3)

(Forsetzung von Teil 1 und Teil 2)

Nachdem ein Ersatz für Tobias gefunden war, schien endlich alles gut zu werden.
Dortmund hatte am Abend den HSV in einer Gala zerlegt und die Medien überschlugen sich mit Lobhudeleien. Die Bundesliga ging endlich wieder los und damit schien das Leben wieder einen Sinn zu haben.

Wir sahen auf unserem Weg zur Kirche überall begeisterte Stuttgart-Fans in Trikot und mit Schals und Fahnen.

IMAG0265Tatsächlich wurden es immer mehr Fans, je näher wir der Kirche kamen. Viel mehr.

Viel, viel mehr.

Denn nach vielen Jahren zähen Ringens hatte der VFB Stuttgart aus dem Gottlieb-Daimler-Stadion die Mercedes-Benz-Arena gemacht. Und das wurde gefeiert. Groß gefeiert. Mit einem Zug durch die Stadt und vielen fröhlichen Fans. Und los ging es… genau! Direkt vor der kleinen schnuckligen Kirche, wo unsere Freunde heiraten wollten.

Das war irre skurril und ein bisschen lustig. Gefühlt eine Milliarde Stuttgart-Fans kamen aus ihren erbärmlichen Löchern (meine Frau sagt, ich soll auch die Anhänger von anderen Vereinen respektvoll behandeln… pff) ihren Hobbithöhlen Häusele und freuten sich auf das Heimspiel. Hier würde definitiv kein Bräutigam mehr auftauchen. Und keine Braut. Und überhaupt kein Gast. Himmel, dachte ich, wir haben das Schaf ganz umsonst gefoltert!
Ich erwog kurz,  mein BVB-Trikot anzuziehen, den Stuttgartern meinen blanken Hintern zu zeigen, wegzurennen und so den Weg freizumachen. Aber… So richtig ausgeklügelt war dieser Plan nicht.

Aber wie immer meistens manchmal in Sachen Ehe, lösen sich Probleme ganz von alleine, wenn man sich nur schlafen legt lange genug wartet.  Denn plötzlich zogen die Stuttgarter auch schon los und machen den Weg frei für das Brautpaar und auch die Gäste. Die Trauung konnte nun endlich losgehen. Und mit ihr auch der Auftritt des kleinen Schäfchens.

IMAG0266Während ihrer Predigt erzählte meine Frau davon, dass sie dem neuen Ehepaar etwas aus ihrer eigenen Ehe mit mir erzählen wolle. Es sei ja so, wenn man ein gemeinsames Leben begönne, dann starte man nicht bei Null, sondern jeder brächte so seine Sachen, Erfahrungen, Geschichten mit in die gemeinsame Zukunft.
Sie wolle sich entschuldigen, weil das, was jetzt käme kein schöner Anblick sei – aber es wäre ein anschauliches Beispiel.
Meine Frau berichtete, dass sie – als wir vor vielen Jahren unseren Hausstand zusammenlegten – alles Schöne, alles Wertvolle und Wichtige mit in die Ehe brachte, wohingegen ich nur einen Berg Wäsche und ein Kuscheltier mitgebracht hätte.

Tobias.

Ein angeheitertes Gemurmel ging durch die Reihen. Gespielt angewidert präsentierte meine Frau das arme, zerrupfte Schaf, steckte den Finger durchs Ohr und lies es kreisen.

Sie habe lernen müssen, berichtete meine Frau weiter, dass ich dieses Tier mochte – auch wenn sie es nicht verstehen konnte. Es hatte ein schiefes Gesicht und ein Loch im Ohr. Es stank und war schmutzig und der Rücken war aufgerissen und ein Bein fehlte. (Das sie dem armen Schaf das angetan hatte, erzählte sie natürlich nicht…)

imageEs war platt geliebt. Abgenutzt vor lauter Liebe.

Nicht nur in eine Ehe startet man mit seinen Geschichten, nicht war? Mit Löchern und Schmutz. Mit Narben und Rissen.
Wir selbst sind oft ein bisschen verlottert. Wir haben Dinge nicht unter Kontrolle. Wir sind ätzend, wenn wir nett sein sollten. Wir täuschen, wenn wir eigentlich die Wahrheit sagen wollen. Sachen, über die wir lieber nicht sprechen wollen. Wie viele meiner Freunde haben solche Brüche? Wie viele Eltern?
Verhaltensweisen, die ich nicht verstehe. Ansichten, die ich nicht teile.

Aber die Liebe zu einem Kuscheltier macht es erst wertvoll, nicht wahr? Und die Liebe zueinander, die Beziehungen machen uns wertvoll. Die Löcher und Risse, Narben und Schmutz sind dann einfach nicht mehr wichtig.

Ein schönes Bild für den Beginn einer Ehe. Und, wie ich finde, auch ein schönes Bild für meinen Schulalltag. Wie oft seufzen wir tief, wenn Schüler/Kollegen dieses oder jenes so und nicht anders machen. Wie oft sind wir genervt von Eigenarten und Marotten?
Wann immer mich ein Schüler zukünftig nervt, will ich an dieses arme Schäfchen denken. Und daran, dass auch ich ganz schön zerlumpt bin.

Sommergeschichten (2)

(Fortsetzung von Teil 1)

Meine Tochter war bereit, ihr Lieblingskuscheltier zu opfern, um uns zu helfen. Ich fragte mich kurz, ob ich bereit wäre, mein Handy zu opfern, nur weil meine Frau zu dämlich beschäftigt war, um an ein Kuscheltier zu denken.

Schäfi wurde zerschnitten. Carolina weinte bitterlich. Stofffetzen flogen umher. Beine, Ohren, ein Auge.

“STOP!”, donnerte ich (was in dem kleinen Hotelzimmer eher peinlich als beeindruckend klang). Meine Frau hatte das Schaf nichtmal angefasst. Es lag noch bei meiner Tochter. Puuhh.
Mit einem Blick auf die Uhr stand ich auf. Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff der neuen Bundesliga-Saison. Dortmund gegen Hamburg. Das würde was geben! “Ich gehe, und suche ein neues Kuscheltier. Ein Ersatz für Schäfi.”

“Wo willst du um diese Zeit jetzt ein Kuscheltier kaufen?” “Keine Ahnung”, grummelte ich missmutig, “aber wir können auf keinen Fall Schäfi zerfetzen.” Carolina sah mich dankbar an.

Und also ging ich.

In einer Tankstelle fand ich ein Ersatz-Schaf. Es war klein und süß und schnuffig – und es musste geopfert werden. Denn ohne zerfleddertes Schaf würde es keine Hochzeit geben. Das war völlig klar. Also kaufte ich es, trat aus der Tankstelle an die frische Luft… und warf das Schaf in den Dreck.

IMAG0262Ich trampelte darauf und sprang und kicherte irre und hörte erst auf, als ich aus den Augenwinkeln sah, dass der Tankwärter nervös telefonierte und mit dem Finger auf mich zeigte. Rasch packte ich das Schaf Opfer Kuscheltier und rannte davon. Hinter mir jaulte leises Sirenengeheul durch die Straßen.

Erschöpft kam ich im Hotel an und drückte meiner Frau das Schaf in die Hand. “Hier”, keuchte ich. Dankbar nahm sie es. “Das sieht ja schon ganz schön fertig aus”; meinte sie. “Aber das reicht leider nicht.”

Es gibt so Momente in einer Ehe, die einen innehalten und nachdenklich werden lassen, nicht wahr?
Der Augenblick, als meine Frau diesem armen Geschöpf ein Bein ausriß und ein Loch ins Ohr schnitt, ist so jemand. Seitdem lasse ich sie nicht mehr aus den Augen und habe stets ein ungutes Gefühl, wenn ich sie mit einer Schere sehe. Ein Bild des zerrupften Schäfchens kann und will ich meinen Lesern nicht zumuten. Es ist zu grausam. Seit jedoch versichert, es brach uns beiden das Herz.

Aber zumindest war die Hochzeit gerettet. So dachten wir jedenfalls.

(Fortsetzung folgt…)