Exkursion zum Länderspiel. Stille.

Stille.
Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

12 Stunden zurück.
Wir treffen uns gut gelaunt an einem kleinen Landbahnhof. Alle sind beisammen und aufgeregt. Uns begleiten zwei weitere Lehrer und zwei Referendare. Ich bin dankbar, die Verantwortung teilen zu können und werde im Laufe der folgenden Nacht merken, wie gut das tat.

IMAG0770Wir haben noch nicht die halbe Zugstrecke geschafft, als Justus vor uns steht. “Herr Klinge”, stammelt er, “ich habe da ein Problem..!”
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich das wirklich hören will. “Ich muss so dringend pinkeln – und die Toilette ist kaputt. Darf ich im nächsten Bahnhof den Wagon wechseln und…!?”

Ich erkläre Justus, dass wir nicht auf ihn warten werden, wenn er aus Schusseligkeit den Zug verpasst, in dem er schon drin sitzt. Er verspricht, keinen Unsinn zu bauen und ist glücklich.

Ich auch.

Bis Jonas vor mir steht.
Jonas verteilt Kuchen. (Eine verlorene Wette.) Linkerhand hält er den selbstgekauften Fertigkuchen, rechterhand ein großes Messer zum Schneiden.

“Schonmal darüber nachgedacht, dass ein Messer im Stadion nur so eine halb coole Idee ist?” Entsorgen möchte Jonas das Lieblingskuchenmesser seiner Oma aber nicht. Die restliche Fahrt überlegt er, es in seinem Schuh zu verstecken. Oder in einem weiteren Fertigkuchen. Oder in seiner Prinzenrolle zwischen den Doppelkeksen. Ich erkläre ihm, wenn das Messer dann gefunden würde, hätte er aber so richtig ein Problem. Alle paar Minuten erzählt er uns von seinem neuesten, immer absurder klingenden Plan. Innerlich sehe ich uns schon die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen.

Jeremias kommt zu uns. “Herr Klinge, ich habe im Stadion angerufen – man darf da keine Rucksäcke mit reinnehmen, haben die gesagt.”
Urgs. Unsere Rückfahrt ist minutiös geplant. Wieder ein innerer Spielfilm: Wir stehen vor einer gigantischen Wand aus 30.000 Lockern. “Herr Klinge, ich habe meinen Schlüssel verloren!” “Herr Klinge, ich weiß meine Nummer nicht mehr!” “Herr Klinge!” “Herr Klinge…?!”

Innerlich vergehe ich, aber zum Glück sind die beiden Referendare ganz entspannt. Eine Oase der guten Laune und der Zuversicht.

Als wir dichtgedrängt in der Straßenbahn stehen, meldet sich erneut Justus. Der mit der Kinderblase. Schweiß auf seiner Stirn, die Beine wackelig. “Herr Klinge”, quetscht er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, “ich. muss. ganz. dringend.” “Schon wieder?” “Schon wieder!”

Ein Kollege erbarmt sich und springt mit Justus aus der proppenvollen S-Bahn. Sofort machen Gerüchte die Runde, Justus wäre ob seines Benehmens rausgeflogen und würde jetzt abgeholt. (Ich muss zugeben, dass ich diese Version der Geschichte befeuerte, um die anderen zu gutem Benehmen anzuhalten.)

Vor dem Stadion holen uns Justus und Begleitung ein. Außerdem vergräbt Jonas schließlich sein Messer mitten auf der Wiese. Er fotografiert das Stück Rasen (“So finde ich das garantiert wieder!”) und wir gehen ins Stadion.

Keine Locker.

Die Taschen werden durchwühlt. Der Ordner isst einen Doppelkeks (“Huuui!”). Plötzlich werden die beiden Referendare und ich von Ordnern weggezogen. Erstens wollen sie wissen, was wir auf das Plakat geschrieben haben. (“Nicht filmen! Unser Schulleiter denkt, wir sind auf Exkursion!”) Zweitens: Wieso haben wir ermäßigte Tickets?! Da stimmt doch was nicht!
Mit stockender Stimme erklären wir den Sachverhalt. Argwöhnisch mustert man uns. Dann sind wir endlich drin.

Innerlich mache ich drei Kreuze. Bisher lief alles prima. Keine Verletzten. Keine Verlorenen und die Tickets sind echt.

IMAG0772_BURST005Während des Spiels haben wir großen Spaß. Die Jungs und Mädchen feiern und singen und grölen und genießen das Erlebnis. Neben uns sitzen fröhliche Kölner, die sich an uns und über uns freuen. Als ich einmal laut “Schweini, ich will ein Kind von dir” schreie, knuffen sie mich an und erklären mit starkem Dialekt: “Ein Dortmunder, der aus Siegen kommt und ein Kind vom Schweini will? In Köln seit ihr alle willkommen! Hier darf man sein!”
Ein Länderspiel ist eben irgendwie ein Volksfest.

Einige Minuten vor dem Abpfiff ist unsere Zeit gekommen. Wir drehen unser Plakat um (“Oh nein, unser Schulleiter hat uns gesehen!”) und verlassen eilig das Stadion. Verpassen wir die S-Bahn, kommen wir erst um 4:30 in unserem Dorf an. Würde jetzt nur bedingt in meinen Plan passen. “Mein Messer”, kreischt Jonas plötzlich auf halbem Weg und rennt wie von der Tarantel gestochen in die Nacht. “Mein Messer! Mein Messer!”
Stumm sehe ich zu, wie Jonas von der Dunkelheit verschluckt wird. Wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt… hmm.
Sekunden vor dem Eintreffen der S-Bahn ist er aber wieder da. Mit dunklen, schmutzigen Fingern, aber glücklich. “Ich habe die Stelle erst nicht gefunden”, erklärt er mir, “im Dunkeln sah das ganz anders aus.”

Die Rückfahrt aus Köln verläuft angenehm ereignislos. Erst jetzt kann ich mich wirklich zurücklehnen. Solche Ausflüge bedeuten doch immer jede Menge Stress für die Verantwortlichen.

Am nächsten Morgen sehen wir uns wieder.

Doppelstunde.

Eigentlich Mathematik.

Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

Osterferien 2015: Baby, Schule, Pool, BVB

Endlich Ferien. Ferien, die ich sehr herbeigesehnt habe und nun auch schamlos genieße.

IMG_20150401_161129 1Einiges an Zeit widme ich der Kombination Hund & Baby. Kleine Kinder greifen immer nach den spannenden Dingen – und bei einem Tier sind das stets die Augen: Aber Bailey lässt alles geduldig über sich ergehen. Jedes Grapschen und Ziehen und Zerren. Ich vergesse nie, dass ein Hund ein Raubtier bleibt – aber dieser scheint mit dem kleinen Mensch prima klarzukommen.

Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag 8 Klassenarbeiten zu korrigieren und halte das (bisher) auch durch. Ich müsste auch noch jede Menge Unterricht vorbereiten – aber dazu habe ich aktuell keine Lust.
Ich gewöhne mich langsam an den Abschied von meiner 10. Klasse. Die letzte Arbeit wurde geschrieben, jetzt stehen nur noch die ZAP und das Länderspiel an. Ich bin nicht nur aus Verbundenheit auf die Ergebnisse gespannt, sondern auch aus lerndidaktischer Perspektive: Diese Klasse hat seit Klasse 7 praktisch ausschließlich mit Lerntheken gearbeitet. Das Mathematik-Buch haben wir nicht ein einziges Mal genutzt. Um sicherzustellen, dass ich nicht meine eigene Suppe auf Kosten der Schüler koche, schreiben wir im Jahrgang sehr ähnliche Klassenarbeiten. Mein Kurs schneidet dabei nicht signifikant besser oder schlechter ab. Also alles im gründen Bereich…!?
Ich werde die Lebensläufe auch die nächsten drei Jahre verfolgen um zu schauen, wie meine Schüler in der Oberstufe zurechtkommen: Haben sie “eigenverantwortliches Lernen” gelernt? Haben sie begriffen, dass ihr Lernerfolg maßgeblich von der eigenen Anstrengung und nicht von der Lehrperson abhängt? Oder werden sie am Bruch “offene Arbeitsform” vs. “frontale Abiturvorbereitung” scheitern? Auch hier bin ich gespannt.

IMAG0292 (Medium)Überdies verbringe ich viel Zeit im Garten.
Unsere Vorbesitzer haben uns einen heruntergekommenen Swimming Pool hinterlassen, der in den nächsten Wochen von mir generalüberholt wird.
Aktuell wird Schubkarre um Schubkarre Erde, Steine und Dreck abgehoben und weggebracht. Ziel wird eine Terrasse außen mit einem Pavillon sein, dazu muss das Becken gereinigt und repariert werden. Wenn es am Ende schön wird, schreibe ich vielleicht nochmal was zum Bau. Wenn es hässlich wird, frage ich die Chemiekollegen nach Sprengstoff (und würde auch darüber schreiben).

Zwei Highlights stehen in den Ferien noch an: Durch glückliche Umstände fahre ich nicht nur Samstagabend zum Spiel des BVB gegen die Münchener Batzis (je nach Spielverlauf korrigiere ich dann nächste Woche großzügiger oder schlechtgelaunter), sondern auch nach Gladbach zum Spiel der falschen Borussia gegen die richtige.
Aufregend wird Samstagabend: Als letzter großer Lothar Matthäus-Fan Deutschlands hoffe ich, die Expertenrunde im Anschluss auf dem Stadionrasen zu stören und den Loddar zu drücken.

DFB-Abenteuer Teil 2

ColorTouchVor knapp drei Jahren habe ich mich mit meiner 7. Klasse beim DFB als EM-Nachwuchsreporter beworben. Eigentlich sollte das Schreiben nur eine “Strafarbeit” für das ständige Fußball-Gequatsche der Schüler sein – am Ende nahm der DFB die Bewerbung jedoch an und so mussten meine Schüler Woche um Woche Berichte über die kommenden Gegner der Nationalmannschaft schreiben.

Später besuchte uns das offizielle DFB-Maskottchen und  an einem aufregenden Nachmittag wurde sogar ein Film über die Aktion gedreht, den man sich immer noch ansehen kann.

Heute, drei Jahre später, stehen die gleichen Schüler kurz vor ihrem Schulabschluss. Einige werden in die Oberstufe gehen, andere streben eine Ausbildung an.

In jedem Fall werden sich unsere Wege trennen.

Ein letztes großes Abenteuer werden wir aber noch gemeinsam erleben: Im Juni fahren wir zusammen nach Köln zu einem Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft. Für die Schüler (und für mich) wird das sicher eine aufregende Sache und ein würdiger Abschluss (werden die meisten wohl auch in zehn Jahren meinen Namen vergessen haben – solche Aktionen bleiben im Gedächtnis).

Der lustigste Punkt aber ist: Wenn man schon mit 30 Mann ins Stadion fährt, dann sollte man die Chance ergreifen und ordentlich auf sich aufmerksam machen. Also: Welches Spruchband sollen wir hochhalten? Welche Buchstaben auf die Stirn malen? In welcher Verkleidung auf den Rängen tanzen?

Uns ist jedes Mittel recht, um einen bunten Abend zu genießen 😀

Ich bitte um Vorschläge :-)

Schwangerschaftskurs vs. ChampionsLeague

Champions League. Bundesliga. Das Leben hat wieder einen Sinn.

Zumindest für meine Freunde – denn ich muss heute zum Schwangerschaftskurs. Meine Frau und ich sind Intellektuelle. Das bedeutet, wir studieren und lesen über Dinge, die in der ganzen Welt völlig natürlich ablaufen. Die Geburt zum Beispiel. “Man kann nicht einfach ein Kind kriegen heutzutage. Das ist unnatürlich. Man muss sich darauf vorbereiten.”

Ah.

Und heute ist Partnerabend. Da können wir uns beide vorbereiten. “Alle Männer kommen” behauptet meine Frau um mich zu überzeugen. In Wirklichkeit habe ich gar keine Wahl – beschließe aber, mich als der unangepasste Rebell zu erkennen zu geben, der ich insgeheim schon immer war:
Als wir zum Kurs fahren, falle ich in meine Rolle: Ich schaue nur noch zu Boden, vermeide Augenkontakt und zucke zusammen, wenn jemand die Hand beim Sprechen bewegt; meine Stimme ist flüsterleise und weinerlich und als ich die Hebamme begrüße, fühlt sich mein Handschlag an wie ein toter Fisch. “Ist mit Ihnen alles in Ordnung?”, fragt sie mich. Ich nicke stumm. Meine Frau stößt mich unsanft an, damit ich mit dem Mist aufhöre – aber jetzt schaut die Hebamme nur noch nachdenklicher.

Zum Glück bin ich nicht der einzige Mann in der Runde. Alle sehen sie bemüht lässig drein aber ich kann in ihren Augen sehen, dass sie von ihren Frauen ebenso hergezwungen wurden wie ich. In Wirklichkeit ist der Abend nicht so schlimm, wie befürchtet. Wir unterhalten uns nett und lachen viel – hin und wieder brummt ein Handy leise… TOR-Alarm. Und dann sieht man – für einen Augenblick nur – Traurigkeit in den Augen der Männer aufblitzen. Champions League.

Ohne uns.

Die Hebamme möchte hören, wie wir die Frauen nach der Geburt unterstützen wollen. Mit leiser Stimme schlage ich vor, sie beim Waschen der Stoffwindeln zu unterstützen.

Einen Augenblick herrscht Stille. Die Hebamme sieht mich stirnrunzelnd an und sagt: “Wenn du willst, dann bin ich nicht die Hebamme, sondern Manuel Neuer. Und wir sind gar nicht in der Hebammenpraxis, sondern im Stadion. Und wir feiern den Sieg – aber nicht hier, sondern in der Kabine. Und wenn du nach Hause kommst, bin ich nicht mehr Manuel Neuer…”

Ich werde jäh aus meiner Phantasiereise geweckt, als alle ihre Taschen packen.

“Oh, schon?”, strahle ich fröhlich.

Datenverbrauch von SkyGo

Rechtzeitig zu unserem Umzug gibt es SkyGo kostenlos für alle Kunden dazu. Großartig für mich, denn in unserem neuen Heim gibt es (noch) keine Satellitenschüssel und dadurch kann ich die Bundesliga nur am Radio verfolgen. Spannend ist für mich vor allem die Frage gewesen, wie viel Traffic das Schauen eines (!) BVB-Spiels kostet. Die Antwort: 3,4 Gigabyte für die Samstagabend-Partie zwischen dem BVB und dem Plastikverein aus Leverkusen.

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Das ist abgefahren viel – sieht aber auch prima aus. Zwinkerndes Smiley

Arbeitsklima.

2013-10-02 12.24.37

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund über sein Arbeitsumfeld. Er möchte Arzt werden und wechselt während seines PJs alle sechs Wochen die Station. Auf diese Weise sieht er in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen.
Zuletzt war er nicht besonders glücklich: Die Schwestern waren chronisch überarbeitet und hatten wenig Zeit; wann immer er irgendwo dabei stand, wurde er angeranzt sich doch “wenigstens mal vorzustellen” – und wenn er sich dann ständig vorstellte hieß es “wissen wir längst!”.

Seit einer Woche ist er eine Station weitergezogen und erlebt ein völlig anderes Arbeitsklima: Die Schwestern sind sehr nett und aufgeschlossen – wenn sie eine Pause brauchen, nehmen sie sie sich. Ein Oberarzt bat ihn zuletzt, etwas länger zu bleiben und mein Freund kam 5 Stunden später nach Hause, als eigentlich geplant. Erschöpft, aber glücklich.

Wir haben uns länger über dieses Phänomen unterhalten. Auch über mein eigenes Arbeitsklima.

Wie die Bundesliga die Schule widerspiegelt.

2013-06-27 15.30.49Letzte Woche wurde ich von einem Online-Magazin angefragt, welche “Tipps” ich für Eltern zur Schulvorbereitung hätte. Und während ich noch ein paar freie Tage genießen darf, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, während ich mich gleichzeitig am Beginn der Bundesliga erfreut habe. Meiner Ersatz-Religion.

Freude hatte ich zumindest, bis ich die Interviews der Gladbacher nach der Niederlage gegen Bayern München hörte. Obwohl Gladbach nicht schlecht gespielt und durchaus einige Torchancen herausgearbeitet hatte, jammerte der Torwart ter Stegen hinterher sinngemäß: “Andere Gegner sind unsere Kragenweite… wir müssen gegen andere Gegner die Punkte holen… gegen die Bayern kann man verlieren…“

Das hat mich maßlos geärgert. Da war kein Frust über die vertane Chance zu spüren, nur das allgegenwärtige Kuschen vor den übermächtigen Bayern.

Vor allem, wenn ich das mit den Stimmen der Augsburger vergleiche, die mit 0:4 gegen Dortmund verloren. Dort schimpfte Halil Altintop: „Das Ergebnis ist definitiv zu hoch und spiegelt das Spiel nicht komplett wieder. Wir brauchen nicht über Borussia Dortmund zu reden […]. Die eigenen Fehler waren entscheidend heute.”

Die Augsburger waren zurecht frustriert. Sie hatten richtig gut gespielt und “es war mehr drin”. Das galt für beide Spiele – aber gegen die Münchener scheint sich ein Großteil der Liga in stiller Angst zu ergeben: Wenn wir nur mit zwei, drei Toren Unterschied verlieren, ist alles in Ordnung.

Zum Kotzen.

Und es erinnert mich an Schule.

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Fußballturnier (mit Glasknochen)

Harlem Shake in unserer Schule.

Ein wirklich, wirklich langer Tag ist für mich zu Ende.

Meine (geliebte) Co-Klassenlehrerin Tamara geht in Mutterschutz und lässt mich im Stich mit meiner Klasse allein. Dadurch fehlt sie nicht nur als Person, sondern es müssen für Deutsch und Englisch sinnvolle Lösungen gefunden werden. Verabschiedet wurde sie mit einem Überraschungs-Harlem-Shake meiner Klasse. (ich sprang mit Blumen aus dem Klassenschrank, just in der Sekunde, da sie vor Wut über das Chaos explodieren wollte… :-D) und einem Frühstück in den ersten zwei Stunden.
Ich selbst bleibe mit Bauchschmerzen zurück. Ich bin gerade ein paar Monate Lehrer und soll allein eine Klasse führen? Und dann eine Inklusionsklasse? Gefühlt hat Tamara alles Wichtige erledigt und immer den Überblick über alles gehabt. Ich fühle mich wie ein Scharlatan.

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Filmbeitrag über die DFB-Aktion

Ein bisschen seltsam ist es ja schon, sich selbst im “Fernsehen” zu sehen, aber die Aktion ist einfach zu cool, um unerwähnt zu bleiben: Der DFB hat den Filmbericht über unsere Klasse online gestellt.

Unbedingt angucken :-)

Link zum Video oder direkt hier:

Vielen Dank an den DFB, die teilnehmenden Schüler und die Kollegen für die großartige Unterstützung. Smiley mit geöffnetem Mund

Filmen mit dem DFB

2012-06-20 16.12.40Heute war es also soweit. Am späten Vormittag sollte ein freundlich gestimmter Tross vom DFB ankommen.
Das Vorfeld zu so einer Aktion ist, besonders an einer großen Schule, etwas kniffelig. Alle Kollegen müssen informiert werden, dass ich ihnen die Klasse an dem Tag wegnehme.
“Ab wann?” – “Keine Ahnung.”
“Wie lange?” – “Keine Ahnung.”

Außerdem müssen vorsorglich verschiedene Räume belegt werden. “Brauchst du den PC-Raum wirklich?”“Keine Ahnung.”
”Ab wann brauchst du die Turnhalle?” – “Puuhh.”

Außerdem ist die Klasse völlig aufgedreht. Eine enorme Lautstärke, jeder hat noch Fragen oder Ideen. “Dürfen die fünf Leute aus dem G-Kurs auch dabei sein oder müssen die Unterricht haben?”  Als mich zwei Schülerinnen fragten, ob sie in der Turnhalle ihr Glätteisen anschließen könnten, habe ich mich kurz gefragt, was zur Hölle ich hier eigentlich mache.
Natürlich verspätet sich das Team vom DFB. Und natürlich suchen zwischendurch irgendwelche Kollegen völlig panisch die Schüler. Und unser Klassenraum war belegt. Und in den Computerraum mussten wir doch nicht. Dafür aber in die Turnhalle – wenn auch deutlich später als geplant. Die ist dann aber belegt. Also stören wir den Sportunterricht einer anderen Klasse. Und die nachfolgende AG ebenso.

Und irgendwann realisiere ich, dass ich an einer ganz großartigen Schule bin: Obwohl die Kollegen von den Störungen nicht begeistert sind, höre ich keine Beschwerde. Statt dessen ein Schmunzeln hier und ein amüsiertes Lächeln dort. Danke dafür!

Im Vorfeld hatte man mir ein Skript zugeschickt, in dem der Film kurz erläutert und Szene für Szene beschrieben wurde. Optimistische zwei Stunden hatte das Team angesetzt, am Ende wurden es fünf. Fünf Stunden mit knapp dreißig Schülern, die sich allesamt bis zum Schluss vorbildlich verhalten und auch mal längere Pausen über sich ergehen lassen haben. Fast eine Stunde lang wurden die Schüler z.B. einzeln interviewt. Für den Rest durchaus herausfordernd, da Ruhe zu bewahren, aber die Klasse hat sich insgesamt von ihrer besten Seite gezeigt.
Im Laufe des Films wird eine (nachgestellte) Unterrichtsszene gezeigt: Langweiliger Mathematikunterricht als Kontrast zum aufregenden DFB-Projekt. Um Himmels willen… als ob ich so unterrichten würde. Und als ob es je eine Klasse wagen würde, sich so zu benehmen, wie die Klasse es im Film durfte. Aber es ist eher ein “So geht es nicht, liebe Lehrer”-Video geworden.

Ganz großartig war das Maskottchen Paule. Er (also, der Mensch unter dem Kostüm) hat sich den Schülerinnen und Schülern vorgestellt, geduldig Fragen beantwortet und Autogramme geschrieben. Zwischendurch im Kostüm herumgealbert und sich den ein oder anderen über die Schulter geworfen.
Klassenbild

Am Ende des Tages bin ich ziemlich platt.
Es ist ganz schön anstrengend, gleichzeitig zu organisieren und für Ruhe zu sorgen. Aber der Artikel über Griechenland wurde via Google-Docs binnen weniger Stunden fertig geschrieben. Und hier in NRW sind es nur noch zweieinhalb Wochen bis zu den Ferien. Das geht schon noch irgendwie. Smiley

EM Berichterstatter (1)

Nachdem der DFB unsere Bewerbung als Nachwuchs-Reporter angenommen hat, standen zwei Dinge auf dem Plan.
Zunächst einmal die spöttischen Kommentare meiner Kollegen ertragen und zum anderen musste ich mir Gedanken über die Organisation machen. Unsere Aufgabe wird sein, verschiedene Länder der EM vorzustellen. Zum einen sachliche Informationen, zum anderen Anekdoten oder welchen Stellenwert der Fußball dort hat. Mit reichlich Erfahrung in Sachen Gruppenarbeit stand ich vor einem Problem:

23 Schülern, aber wenige Artikel.

Ich habe mich für eine technisch-spielerische Lösung entschieden: Google Documents, bzw. Google Drive, wie es heute heißt. Das ist im Grunde eine Art “Online-Word”, auf dem jeder von zu Hause zugreifen kann, dem ich es erlaube und der einen Google Account hat.
Ich habe bisher gar nicht mit Google Documents gearbeitet und war gespannt, wie ich selbst hineinfinden würde und ob ich zwei Dutzend Siebtklässlern den Zugang ermöglichen könnte.

1. Schritt: Alle brauchen einen Google-Account.
Bei gefühlten 30° im Computerraum (einer der spärlichen Sonnentage der Stadt Siegen…) gegen den Lärm von zwanzig begeisterten Kindern anzukämpfen ist antrengend selbstmörderisch. Meine Fresse! Der eine hat sein Passwort vergessen, der nächste die Ziffer in seiner E-Mail-Adresse. Wieder einer hat eine Nicht-Google-Adresse und benutzt sie aber für seinen Google-Account und möchte wissen, ob das auch bei Google-Documents klappt und noch jemand hat sich verklickt und weiß nicht mehr vor und nicht zurück. Und alle versuchen gleichzeitig bei 35° C auf mich einzureden. Und wie Grundschüler kommen sie dazu ganz nach vorne und bilden eine verschwitzte Menschentraube um mich. Ich schwitze. Die Schüler schwitzen. Und es ist ohrenbetäubend laut.

2. Schritt: Alle müssen Zugriff auf den von mir freigestellten Ordner und die Dokumente bekommen.
Ging eigentlich ganz schnell. Nur flux die E-Mail-Adressen eintragen und fertig.

3. Schritt: Kooperatives Arbeiten.
Alle schauen sich ein Dokument an und ich möchte demonstrieren, wie man kooperativ (also zu mehreren daran arbeiten kann. Das klappt irgendwie zu gut. Denn ständig ändert irgendein Schüler etwas. Und bei jeder Änderung poppt ein kleines Farbfeld im Text auf, dass einen informiert, wer hier gerade rumpfuscht. Ping. Ein Schüler fügt ein Wort hinzu. Ping. Ein andere löscht es sofort wieder. Ping. Einer schreibt HAHA ans Ende. Ping. Ein anderer löscht es. Dreiundzwanzig Schüler fangen an, gleichzeitig an einem Dokument zu fummeln und bei gefühlten 38° sehe ich nur noch bunte Punkte vor mir. Einige regen sich auf. Andere lachen. Wieder andere beteuern ihre Unschuld. Es wird lauter. Und heißer.

Aber es funktioniert.

image

Irgendwann herrscht Ruhe. Alle Bildschirme sind aus. Die Schüler sitzen wie Strafgefangene auf ihren Händen, um weder Maus noch Tastatur zu berühren zu können.
Endlich kann ich ein paar Worte sagen. Organisatorisches. “Kommentare bitte in eckigen Klammern. Jeder Schüler kann überall die Stichpunkte ergänzen – den Fließtext dürfen aber nur die Kerngruppen bearbeiten.”

Und es klappt. Ganz wunderbar sogar.
Abends sitze ich zu Hause uns kann zusehen, wie einzelne Schüler die Texte bearbeiten. Ich kann ihnen sogar beim Denken zu sehen: Sätze werden geschrieben. Gelöscht. Umformuliert. Neu geschrieben.

Ein absoluter Traum für konspiratives kollaboratives Arbeiten in der Schule. Ich wünschte, so etwas hätte es schon zu meiner Zeit gegeben!

Als ich völlig erschöpft im Lehrerzimmer niedersinke und stolz auf die Stunde zurückblicke, nähert sich meine Lieblingskollegin von der Seite. “Sag mal”, grinst sie, “kann es sein, dass Schule für dich eine Art Spiel ist? Du willst herausfinden, wie schlimm eine Situation werden kann und wie es dir dann geht?”

Ich überlege kurz. “Ich bin Dortmund-Fan. Da ist man Leidenszeiten gewöhnt!” 😉

Die Geister, die ich rief…

ColorTouchIch habe eine besondere Klasse.
Genau genommen habe ich nur besondere Klassen, aber diese siebte Klasse sticht durch ihre Fußball-Begeisterung negativ auffällig hervor.
Jungen wie Mädchen begeistern sich gleichermaßen für den Sport: Während der Pausen wird draußen gekickt und während des Unterrichts heimlich über die letzten Transfergerüchte gesprochen.

Als der DFB nun, im Zuge der kommenden EM alle fünften bis achten Klassen dazu aufrief, sich als Nachwuchsreporter zu bewerben, sah ich meine Chance gekommen. Als Rache sozusagen. “Ihr habt mich jetzt Woche für Woche mit der Bundesliga abgelenkt, jetzt will ich auch mal sehen, was in euch steckt!”

Gesagt. Getan.
Wir formulierten eine Bewerbung und brachten unsere besonderen Talente zum Ausdruck. Besonders schön – die Fremdsprachen-Kenntnisse einzelner Schüler könnten genutzt werden, um unsere zukünftigen Berichte zu übersetzen. Stichwort: Integration.

Ich freute mich über das Engagement, rechnete aber nicht ernsthaft mit dem Erfolg unserer Bewerbung.

Bis ich dann heute Post vom DFB bekam: Ja, liebe 7c. Nun wird es ernst!
Wir sind ab sofort Nachwuchsreporter des DFB und werden uns nun so richtig in die Arbeit stürzen dürfen.

Herzlichen Glückwunsch!

(Und ganz ehrlich.. Lehrer sein ist einfach der coolste Beruf der Welt! Ist das nicht… geil?! Das ich sowas machen darf? Wuhuuuu)

Sommergeschichten (3)

(Forsetzung von Teil 1 und Teil 2)

Nachdem ein Ersatz für Tobias gefunden war, schien endlich alles gut zu werden.
Dortmund hatte am Abend den HSV in einer Gala zerlegt und die Medien überschlugen sich mit Lobhudeleien. Die Bundesliga ging endlich wieder los und damit schien das Leben wieder einen Sinn zu haben.

Wir sahen auf unserem Weg zur Kirche überall begeisterte Stuttgart-Fans in Trikot und mit Schals und Fahnen.

IMAG0265Tatsächlich wurden es immer mehr Fans, je näher wir der Kirche kamen. Viel mehr.

Viel, viel mehr.

Denn nach vielen Jahren zähen Ringens hatte der VFB Stuttgart aus dem Gottlieb-Daimler-Stadion die Mercedes-Benz-Arena gemacht. Und das wurde gefeiert. Groß gefeiert. Mit einem Zug durch die Stadt und vielen fröhlichen Fans. Und los ging es… genau! Direkt vor der kleinen schnuckligen Kirche, wo unsere Freunde heiraten wollten.

Das war irre skurril und ein bisschen lustig. Gefühlt eine Milliarde Stuttgart-Fans kamen aus ihren erbärmlichen Löchern (meine Frau sagt, ich soll auch die Anhänger von anderen Vereinen respektvoll behandeln… pff) ihren Hobbithöhlen Häusele und freuten sich auf das Heimspiel. Hier würde definitiv kein Bräutigam mehr auftauchen. Und keine Braut. Und überhaupt kein Gast. Himmel, dachte ich, wir haben das Schaf ganz umsonst gefoltert!
Ich erwog kurz,  mein BVB-Trikot anzuziehen, den Stuttgartern meinen blanken Hintern zu zeigen, wegzurennen und so den Weg freizumachen. Aber… So richtig ausgeklügelt war dieser Plan nicht.

Aber wie immer meistens manchmal in Sachen Ehe, lösen sich Probleme ganz von alleine, wenn man sich nur schlafen legt lange genug wartet.  Denn plötzlich zogen die Stuttgarter auch schon los und machen den Weg frei für das Brautpaar und auch die Gäste. Die Trauung konnte nun endlich losgehen. Und mit ihr auch der Auftritt des kleinen Schäfchens.

IMAG0266Während ihrer Predigt erzählte meine Frau davon, dass sie dem neuen Ehepaar etwas aus ihrer eigenen Ehe mit mir erzählen wolle. Es sei ja so, wenn man ein gemeinsames Leben begönne, dann starte man nicht bei Null, sondern jeder brächte so seine Sachen, Erfahrungen, Geschichten mit in die gemeinsame Zukunft.
Sie wolle sich entschuldigen, weil das, was jetzt käme kein schöner Anblick sei – aber es wäre ein anschauliches Beispiel.
Meine Frau berichtete, dass sie – als wir vor vielen Jahren unseren Hausstand zusammenlegten – alles Schöne, alles Wertvolle und Wichtige mit in die Ehe brachte, wohingegen ich nur einen Berg Wäsche und ein Kuscheltier mitgebracht hätte.

Tobias.

Ein angeheitertes Gemurmel ging durch die Reihen. Gespielt angewidert präsentierte meine Frau das arme, zerrupfte Schaf, steckte den Finger durchs Ohr und lies es kreisen.

Sie habe lernen müssen, berichtete meine Frau weiter, dass ich dieses Tier mochte – auch wenn sie es nicht verstehen konnte. Es hatte ein schiefes Gesicht und ein Loch im Ohr. Es stank und war schmutzig und der Rücken war aufgerissen und ein Bein fehlte. (Das sie dem armen Schaf das angetan hatte, erzählte sie natürlich nicht…)

imageEs war platt geliebt. Abgenutzt vor lauter Liebe.

Nicht nur in eine Ehe startet man mit seinen Geschichten, nicht war? Mit Löchern und Schmutz. Mit Narben und Rissen.
Wir selbst sind oft ein bisschen verlottert. Wir haben Dinge nicht unter Kontrolle. Wir sind ätzend, wenn wir nett sein sollten. Wir täuschen, wenn wir eigentlich die Wahrheit sagen wollen. Sachen, über die wir lieber nicht sprechen wollen. Wie viele meiner Freunde haben solche Brüche? Wie viele Eltern?
Verhaltensweisen, die ich nicht verstehe. Ansichten, die ich nicht teile.

Aber die Liebe zu einem Kuscheltier macht es erst wertvoll, nicht wahr? Und die Liebe zueinander, die Beziehungen machen uns wertvoll. Die Löcher und Risse, Narben und Schmutz sind dann einfach nicht mehr wichtig.

Ein schönes Bild für den Beginn einer Ehe. Und, wie ich finde, auch ein schönes Bild für meinen Schulalltag. Wie oft seufzen wir tief, wenn Schüler/Kollegen dieses oder jenes so und nicht anders machen. Wie oft sind wir genervt von Eigenarten und Marotten?
Wann immer mich ein Schüler zukünftig nervt, will ich an dieses arme Schäfchen denken. Und daran, dass auch ich ganz schön zerlumpt bin.