Inklusion im Kopf

imageGestern hatten wir einen Projekttag zur Gestaltung des Schulhofes. Den ganzen Tag über durfte meine Klasse Ideen sammeln, forschen und diskutieren, wie man unsere Schule (noch) schöner gestalten könne.
Bezeichnend waren zwei Szenen:
Als eins meiner Glasknochenmädels im Rollstuhl nach vorne fuhr, um einen Vorschlag an die Tafel zu schreiben, sprang der größte Chaot der Klasse auf, um ihr die Tafel nach unten zu ziehen und ein Stück Kreide zu reichen.
Und: Immer wieder wurden die erarbeiteten Vorschläge auf Barrierefreiheit abgeklopft und die Möglichkeit, ob man auch mit den beiden Rollis “in die Chill-Zone” könne.

Unabhängig von der tatsächlichen Umsetzung der Pläne kann man in der Klasse etwas beobachten, das schon die Mutter von Henry in der “Jauch”-Sendung kritisch anmerkte: Kaum jemand hat in seinem Alltag mit behinderten Menschen zu tun und erst, wenn sich das ändert, verändert sich der Blick auf die Umgebung.
Die größten Klassenkasper sind stets die ersten, die auch Tische tragen und Türen öffnen.

Aus meiner Perspektive ein ganz spannender Prozess, von dem ich mich selbst gar nicht ausnehmen will.

Inklusion und Parallelgesellschaften

2014-06-17 18.06.07Heute verbrachte ich den Nachmittag in der Musikschule. Die strenge Klavierlehrerin docente piano meiner Tochter (Zitat: “Wir Pianisten sitzen aufrecht!”) hatte Eltern und Verwandte geladen, die Künste ihrer Eleven zu bestaunen. Also saß ich inmitten des Bildungsbürgertums zwischen adrett frisierten Katharinas und Magdalenas und zurechtgestutzten Hendriks und Friedrichs und bestaunte ein musikalisches Wunderwerk nach dem anderen.
Eine echte Parallelgesellschaft mit glücklichen Kindern, die oft zwei Instrumente spielten und vereinzelt wochenends eine japanische Schule im Ruhrgebiet besuchen.
Keine Klassenclowns. Keine Hotzenplotz. Keine Kicker vom Aschenplatz.

Als meine Tochter erfuhr, sie wäre als erstes mit dem Vorspielen dran, entfuhr ihr ein halblautes “ach du scheiße!” Auch wenn sie das Klavierspielen liebt – man ahnt, wes Geistes Kind sie ist. Ich fühlte mich deplatziert.

Heute schreibt SPIEGEL ONLINE einen ausführlichen Artikel Kommentar von Jan Fleischhauer zum Thema Inklusion (klick). Tenor:

An deutschen Schulen hat ein radikales Bildungsexperiment begonnen: Erstmals ist für die Zulassung zu Realschule oder Gymnasium nicht mehr entscheidend, ob jemand dem Unterricht folgen kann. Was allein zählt, ist die Utopie einer Welt ohne Grenzen.

Natürlich stürzt sich auch das Forum auf die “sozialistische Hirnwichse aus dem Elfenbeinturm” (sic!). Allgemein herrscht die Angst, die da unten könnten uns am Lernen behindern. “Was ist mit der Elitenförderung?” rufen sie empört, als würden sie dazu gehören und als ob sie in ihrer Schulzeit irgendeine Form von Hochbegabtenförderung in der Schule erlebt hätten.

Dazu zwei Geschichten aus meiner Schul- und Studienzeit.
Ein (mittlerweile pensionierter) Physiklehrer, der praktisch nur im Vorbereitungsraum saß und korrigierte oder Zeitung las und die “Kinderchen” aufforderte, “nicht so einen Krach zu machen”.
Ein (ebenfalls pensionierter) Erdkundelehrer, dessen Unterricht darin bestand, die Schüler seine OHP-Folien abschreiben zu lassen. Stunde um Stunde. Um Stunde.

Katastrophaler Unterricht. Trotzdem ist aus ihren Schülern etwas geworden. Aus allen. Im Nachhinein blicken sie alle zurück, eher grinsend als grimmig.

In allen Inklusionsdiskussionen gewinne ich wieder und wieder den Eindruck, die Beteiligten würden die Vergangenheit verklären. Als ob es früher keine verhaltensauffälligen Klassenkasper gab, die den Unterricht gestört hätten. Als ob es früher ständig eine Förderung der Begabten gegeben hätte und nicht wie heute “nur eine für die schwachen 20%”.

Ja, es gibt Kinder, die durch ihr Verhalten nicht schulfähig sind. Kinder, die eine so entsetzliche Geschichte mit sich herumtragen, dass es einem die Fußnägel hochrollt und die ihre Wut, ihre Angst und ihre Störung an den Mitschülern und Lehrern auslassen. Und ja, es gibt Kinder, die auf Grund ihrer geistigen Behinderung an einem normalen Leben kaum teilnehmen können.
Solche Kinder gehören nicht in den Regelunterricht.

Aber sie gehören auch nicht in einen Käfig, am Rande der Zivilisation, damit sie uns ja nicht davon abhalten, Zahnärzte, Journalisten oder Anwälte zu werden.

An der Gesamtschule erlebe ich immer wieder, dass ein ganz großer Teil (etwa 50%) der Kinder mit Realschul-Empfehlung am Ende Abitur macht. Und studiert. Das verstehe ich unter Förderung.

Mein Leben wäre einfacher, wenn ich die Hauptschul- und Realschulkinder nicht in meiner Klasse hätte. Wenn ich nur die Katharinas und Magdalenas und Hendriks und Friedrichs unterrichten müsste.
Das Problem ist nur:

Ich wäre nicht dabei. 

Denn ich war ein Klassenkasper, die nur mit viel Geduld und Förderung der Lehrer durch die Schule getragen wurde. Gefühlt bin ich immer noch der Clown. Und sehe ich meine Tochter an, die mir heimlich Grimassen schneidet, während vorne musiziert wird – dann weiß ich, sie nimmt das Beste aus beiden Welten mit.

So soll es sein.

Vortrag der Uni Siegen

Kommenden Donnerstag (26.Juni) hält Professor Matthias Trautmann von der Universität Siegen um 20 Uhr einen Vortrag im Kulturhaus Lÿz zum Thema “Inklusion in Schule und Unterricht: Hoffnungen, Fallstricke, Herausforderungen”.

Da man “den Uni-Leuten” oft vorwirft, sie würden aus ihrem Glaspalast heraus über den Schulalltag urteilen (und dann passende Studien dazu erfinden), bin ich überaus gespannt, was mich erwartet. Tatsächlich habe ich von Herrn Trautmann aber viel Gutes gehört, so dass ich arg zuversichtlich bin. Besonders freue ich mich auf die Diskussion im Anschluss – Otternnasen, Lerchenzungen und Wolfzitzenchips sind eingepackt. :-)

Letztlich kann ich aber nur wiederholen, was ich eigentlich immer sage: Inklusion ist so kompliziert und von so vielen Einzelfällen geprägt, dass es sich kaum in einen kurzen Vortrag pressen lässt. Sowohl Inklusionsbefürworter wie auch –gegner können mit dramatischen Einzelschicksalen (in die eine oder andere Richtung) und passenden Studien (in die eine oder andere Richtung) dienen. Womöglich wird man einiges davon am Donnerstag zu Ohren bekommen.

Vielleicht sieht man sich ja Smiley

Mediale Hexenverbrennung.

Zurück in Siegen habe ich ein paar Stunden Zeit gehabt, mir sowohl die Sendung gestern als auch die vielen Zeitungsartikel darüber und die vielen E-Mails im Anschluss daran durch den Kopf gehen zu lassen.
Die Sendung kann man noch einige Tage hier sehen. Als ungerecht empfinde ich dabei die sehr negativen Kommentare, die sich in erster Linie über Herrn Kraus, als auch Henris Mutter, Frau Ehrhardt ergossen.

Tragischerweise hat der SPIEGEL in seinem Artikel das Thema sowohl durchschaut, als auch missverstanden:

Es gibt Themen, die sich schlecht für eine Talkrunde eignen. Weil sie zu vielschichtig sind für kameragerechte Kurz-Statements. Weil die im Fernsehen erwünschte Emotionalisierung die Sache zusätzlich vernebelt. Oder weil dadurch Menschen ins Schlaglicht gelangen, denen diese Öffentlichkeit nicht unbedingt dient.

Ja – das Thema ist komplex. Es ist sogar so komplex, dass es auch nicht hilfreich ist, wenn (halbprominente) Menschen mit Behinderungen wie Raul Krauthausen beklagen, es würden nur “Nichtbehinderte über Behinderte” sprechen. Es gibt so viele unterschiedliche Ausprägungen des Downsyndroms, dass wir allein mit ihnen das Studio hätten füllen können. Wer könnte den stellvertretend für alle Behinderten sprechen? Mit welchem Recht habe ich stellvertretend für ‘die Lehrer’ gesprochen?
Umgekehrt muss so ein Thema aber in die Öffentlichkeit gezehrt werden. Und zwar nicht durch eine Dokumentation auf ARTE um 1 Uhr nachts, sondern so prominent, wie es nur geht.

Was mich zu Frau Ehrhardt führt.
Ja, ich bin nicht ihrer Meinung. Ich halte ihren Wunsch, den Jungen in ein Gymnasium zu stecken, für falsch. Und ich glaube, man sah ihr an, dass sie in den vergangenen Wochen viel Kritik hat einstecken müssen. Aber ihr gebührt ganz großer Respekt: Mein eigener Bruder hatte den Begriff “Inklusion” vorher noch nie gehört – Frau Ehrhardt hat es mit ihrem Beißen und Zanken und Kämpfen geschafft, dass in der A-Liga des Deutschen Fernsehens über das Thema gesprochen wird. Und bei allem (berechtigten?) Ärger von Eltern und Lehrern und Experten über ihren Weg – was sie tut ist eine großartige Leistung, die in jedem Fall der Sache dient.

Was mich zu Herrn Kraus führt.
Auch er hat eine Menge einstecken müssen. Und auch das – wie ich finde – zu unrecht. Obwohl ich ihm im Laufe der Sendung ordentlich vors Schienbein getreten habe (“..ich finde ganz furchtbar, was Sie hier sagen..”), nahm er mir meine Ansicht an keiner Stelle persönlich. Nach der Sendung haben wir noch fast eine Stunde zusammen über Schule und Inklusion ganz nett parliert. Ja, er hat an bestimmten Punkten eine Meinung, die ich nicht teile – aber das finde ich okay. Und noch mehr – im Sinne einer positiven Streitkultur möchte ich hier nochmal betonen, wie hilfreich jemand mit klaren Statements in so einer Sendung ist. Stellen wir uns vor, es wären 60 Minuten lang nur politisch korrekte Halbwahrheiten ausgetauscht worden…?!

Was mich zu mir führt.
Zufällig (?) ist heute mein 2. Beitrag zur SPIEGEL-Lehrer-Kolumne erschienen, indem ich schrieb, dass uns Lehrern oft das Vertrauen der Eltern fehlen würde. Woraufhin sich die Taliban des elitären, deutschsprachigen Internets (=SPIEGEL-ONLINE-Foristen) unter dem gemeinsamen Motto auf mich stürzten:

“Vertrauen kann man nicht fordern, dass muss man sich verdienen.”

Ähnlich wie bei Herrn Kraus gibt es sofort einen Beißreflex, wenn jemand eine Meinung äußert. “So könne man das nicht sagen”.

Doch. Tue ich.

Und zwar nicht jammernd, sondern in dem Bewusstsein, dass ich in meiner Klasse ein ganz großartiges Verhältnis zu “meinen” Eltern habe: Die haben auch Ängste und Sorgen und Fragen und Kritik. Sie sind auch nicht immer glücklich mit mir oder der Schule oder ihren Kindern. Aber sie reden mit mir. Immer wieder. Und sie lassen nie, niemals Zweifel daran aufkommen, dass wir das gleiche Ziel verfolgen. Deswegen funktioniert alles. Auch die Inklusion.

imagePS: Ein wirkliches Highlight des Abends war für mich übrigens, meiner Ministerpräsidentin Frau Dreyer begegnen zu dürfen. Ich wollte mich ihr gar nicht so an den Hals werfen, aber da ich doch seit einigen Tagen ein Landeskind bin, hat mich die Freude übermannt.  :-D

 

 

 

Die gesamte Sendung gibt es hier zu sehen.

Günther Jauch.

Diesen Sonntag darf ich tatsächlich nach Berlin in die Talkshow von Günther Jauch reisen, um ein, zwei Gedanken zum Thema “Inklusion” zu verlieren.

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Obwohl das Thema ein Ernstes ist, bedeutet diese Erfahrung für mich vor allem Aufregung und viel Spaß. Meine Kollegen gaben mir ein abstruses Codewort mit, dass ich sagen solle, um sie zu grüßen. Meine Frau kam auf die gleiche Idee (aber mit anderem Codewort). Meine Schüler ebenfalls.
Um mich abzulenken, reise ich schon Samstag nach Berlin – vielleicht komme ich noch in den Genuss des DFB-Pokalfinales. Je nachdem, wer gewinnt, werde ich dann Sonntagabend fröhlich oder missmutig in der Runde sitzen.
Tatsächlich werden die bestehenden Probleme um und mit Inklusion sicher nicht in dieser Talkshow gelöst. Ich denke, es geht vor allem darum, sich Gedanken zu machen. Zu sprechen. Zu denken. Immer wieder zu prüfen, was das Beste für die Kinder ist. Und dabei den ein oder anderen Zuschauer mitzunehmen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird meine Position diesbezüglich erahnen: Mit einer Klasse haben wir mit dem DFB zusammengearbeitet, mit einer anderen für ARTE in einer Doku mitgewirkt und mit noch anderen ein riesiges Modell unserer Schule gebaut, dabei immer wieder neue Lernformen und Methoden ausprobiert und hier vorgestellt, Filme in meinen Physikunterricht eingebunden, meinen Schülern in flüssigen Stickstoff getauchte Marshmallows zu essen gegeben und immer wieder schreibe ich über meine Inklusionsklasse und meine Erfahrungen damit. Als Lehrer darf man sich ausprobieren, darf wagen, experimentieren, forschen, spielen, entdecken, lernen1.
Ich blende die Schwierigkeiten gewiss nicht aus. Ich weiß, dass Inklusion an vielen Schulen katastrophal umgesetzt wird. Es ist ein schwieriger, langer Weg voller Fehler und Tragödien – aber auch mit viel guten Entwicklungen.

Ich liebe diesen Beruf. (Sagte ich das bereits?)

Am Telefon wies man mich übrigens ausdrücklich darauf hin, nichts Kleinkariertes zu tragen. Auch wenn das einen fernsehtechnischen Hintergrund hat: Alle Welt scheint zu glauben, wie Lehrer würden stets karierte Jackets mit Flicken auf den Ärmeln tragen.  Ich versicherte jedenfalls, mich angemessen zu kleiden. Ob mir das gelungen ist, dürft ihr selbst beurteilen. Zwinkerndes Smiley

1: Insbesondere die mitlesenden Lehramtsstudenten: Es ist großartig! Großartig!