Flaschenöffner-Physik

Mein 10er Physikkurs startet nun in relativ anstrengende Wochen – die Zentralen Abschlussprüfungen stehen an. Um ihren Lerneifer in dieser schweren Zeit zu unterstützen, fahre ich meinen Unterricht etwas zurück und lasse den Kurs die nächsten Stunden (d.h. Wochen) an einer Lerntheke alles Wichtige des Halbjahres noch einmal wiederholen bzw. anhand konkreter Rechenaufgaben Probleme mathematisch lösen.
Die letzte richtige Stunde beinhaltete das Hebelgesetz. Ich muss zugeben: Als wir in der Stunde davor die Energie des Asteroiden berechnet haben, der die Dinosaurier ausgerottet hat und dies mit der Energie der Atombombe von Hiroshima, dem Bügeleisen des Einbrechers Marv und Bruce Willis Fingern verglichen haben, war die Auf-merkamkeit größer. Zunächst.
Denn es gibt ein schönes “Hebelproblem”, dass mir leider nie in Schule oder Studium begegnete – das Flaschenöffner Problem: So ein Flaschenöffner kann nämlich auf zwei verschiedene Arten genutzt werden, um eine Flasche zu öffnen.

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Im linken Bild dient der Flaschenöffner als einseitiger Heben, im rechten als zweiseitiger Hebel um den Kronkorken zu öffnen. Welche Methode ist nun, physikalisch, effektiver?
Für meine Schüler, sonst am späten Nachmittag eher selten zu Diskussionen zu bewegen, entbrandete daran ein Streit. Und insbesondere war interessant zu beobachte, wie die Argumente auf dem Niveau von “der verhakt doch im Bild links viel besser” und “aber rechts kann ich die Flasche besser halten” starteten, um sich dann in Richtung 2012-04-18 14.47.34“echter Physik” zu entwickeln. Irgendwann fielen Begriffe wie “Länge des Hebelarms” und “Angelpunkt” und dann war es auch nicht mehr weit, bis zum Ziel.

Zum Schluss sollten die Schüler in kleinen Gruppen von jeweils einem Gerät (Bolzenschneider, Schere, Nussknacker, Nagelschere etc.) messen, welche Kraft am Ende tatsächlich wirkt. Im Grunde eine triviale Aufgabenstellung – aber die Klasse stand vor dem Problem, herauszufinden, wie viel Kraft sie in den Kraftarm stecken kann. Konkret: Wie viel Kraft kann ich mit meinem Zeigefinger ausüben? Mit welcher Kraft kann ich den Bolzenschneider zusammenpressen? Um das zu beantworten, sollten die Schülerinnen und Schüler sich Messmöglichkeiten überlegen – und am Schluss den anderen Gruppen ihr Ergebnis präsentieren.

Ich mag die ja, diese Klasse.

Kuscheltiere im Physikunterricht

IMAG1314Ich muss zugeben, das ich dem Prinzip des Figurentheaters von Martin Kramer eher sehr skeptisch gegenüberstand. Zunächst.

Ich habe dieses Jahr nur einen einzigen Physikkurs. Klasse 10. Siebte und achte Stunde. Man kann sich die Begeisterung und den Elan der Schülerinnen und Schüler ausmalen.

Aber: Nur ein Kurs bedeutet auch, dass ich allen Spaß nun genau hier reinstecken kann. Auf dem Plan stehen die Grundlagen der Mechanik.

Um die Erdbeschleunigung (also die Beschleunigung, mit der ein Apfel vom Baum fällt) zu berechnen, wollte ich mich versuchs-weise des Figurentheaters bedienen. Statt einer Handpuppe Lilly habe ich meinen Bären Bruno und statt mit verstellter Lilly-Stimme redet Bruno… naja… einfach gar nicht.

Statt klassisch eine Kugel vom Tisch fallen zu lassen, dabei Höhe des Tisches und Zeit des Fallens zu messen, schlug ich den Zehntklässlern folgendes Experiment vor: Wir würden Bruno vom Dach der Schule fallen lassen, die Zeit messen und dann schauen, wie sehr er beschleunigt.

Grooooße Aufregung!
”Herr Klinge! Der arme Bär!”, wurde ich angegiftet. Die gleichen Schüler, die sonst nur mühsam zum Unterricht zu bewegen sind, sprangen mir schier an die Gurgel. Ob man den Bären auffangen dürfe. Und wer ihn fallen lassen sollte. Und… und…
Ein, im Grunde sehr simples Experiment wurde für die Klasse plötzlich sehr persönlich.

Ich beschloss, dem Bären eine Woche später eine weitere Chance zu geben. Es ging um “Kraft”. Die physikalische Kraft wird in der Einheit “Newton” gemessen und dies ist für Schüler erst einmal eine völlig anonyme Größe. Sind vier Newton viel? Oder vierzig? Oder hundert?

Also muss man ein paar anschlauliche Experimente machen, um eine Einschätzung gewinnen zu können.

Welche Kraft hält ein menschliches Haar (Mädchen, Jungen, hell, dunkel) bevor es zerreisst? Welche “Kraft” wirkt auf ein beschleunigendes Auto? Wie viel Kraft steckt in einem startenden Space Shuttle? Und wie viel Kraft steckt in einem Faustschlag?

Für letzteres brauchte ich Bruno wieder.

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Ich habe ein Lichtschranke aufgebaut und den armen Bruno dahinter postiert. Die Schüler durften sollten nun so schnell und fest wie irgend möglich gegen den Bären schlagen.
Die Lichtschranke maß die Zeit, mit der die Faust sich bewegte [Genau genommen schlugen die Schüler über sie hinweg – ein Stift in der Hand durchbrach die Lichtschranke. Wie auf dem Bild erkennbar passt die Hand ja gerade so zwischen den Balken der Lichtschranke durch..]. Über Zeit, Strecke und Masse kamen wir zügig (wenn auch vereinfacht) an die Kraft hinter dem Faustschlag. Mit durchaus respektablen Ergebnissen.

Und auch hier waren die Schüler erst empört, dann begeistert. Aber auf jeden Fall aktiv dabei.
Es entstand ein persönlicher Bezug zum Experiment. Keine komplizierten Geräte um komplizierte Begriffe zu berechnen. Vielleicht moralisch etwas fragwürdig – aber der arme Bruno musste schon Schlimmeres erdulden.

Ich bin, mehr denn je, vom Konzept des Figurentheaters im Physikunterricht überzeugt.

Physik als Abenteuer (1)

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Etwa um die Weihnachtszeit schlug mir der Amazon-Suchalgorithmus ein Buch vor: “Physik als Abenteuer” von Martin Kramer.
Ich stehe Didaktik-Büchern im Allgemeinen eher skeptisch gegenüber. Zum einen, weil ich zu faul zum Lesen einer Anleitung bin (egal ob es um den Videorekorder, mein Handy oder eben Unterricht geht) und zum anderen, weil mir bisher nur sehr, sehr wenige wirklich nützliche didaktisch orientierte Bücher begegnet sind. Um Kalenderweisheiten oder pädagogische Grundsätze zu erfahren, fehlt mir schlicht die Zeit. Und als ich las, dass Martin Kramer im Unterricht ein Figurentheater nutzt, lief es mir schon kalt den Rücken herunter. Ich sah mich schon mit einer sprechenden Handpuppe und verstellter Stimme entsetzten Zehntklässlern die Gefahren der Gammastrahlung erklären.

Naja. Ich habe es mir trotzdem gekauft.

Und bin begeistert.

Begeistert!

Grundgedanke des Buches ist folgendes Zitat:

Das brauche ich nicht zu lernen, das habe ich erlebt.”

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert – im ersten beschreibt Kramer die Grundsätze seines Unterrichts. Einige Dinge finde ich ziemlich gut, andere teile ich nicht. Krämer lässt Schülerkleingruppen über viele Monate, z.T. Jahre zusammenarbeiten. Ich hingegen wechsle alle sechs Wochen die Sitzordnung. Krämer will, dass die Schüler ihre Arbeitsabläufe optimieren – ich möchte, dass sie lernen, immer wieder mit den wechselnden, unterschiedlichen Leuten zusammenarbeiten zu können.
Überrascht hat mich das Kapitel über – grusel – das Figurentheater. Doch statt Handpuppen und verstellter Stimme geht es mehr um ein Maskottchen. Eines, das für die dämlichen Fragen zuständig ist und in Form einer Geschichte auch für die Experimente verantwortlich sein kann. Bemerkenswert sind die Details, die Krämer erwähnt: So weist er bspw. darauf hin, der Figur keinen Mädchennamen zu geben – die (scheinbar) dämlichen Fragen des Maskottchens würden zu "typisch Mädchen”-Sprüchen im Physikunterricht verleiten.

Insgesamt ist Krämer, als Theaterpädagoge, sehr vom enaktiven Anteil des Unterrichts besessen. Vieles kann nachgespielt und von den Schülern selbst erfahren werden. Bis hierhin, dachte ich, sind ein paar schöne Ideen darunter (ich habe seitdem den Problembären Bruno mit magnetischen Händen).

Der zweite Teil des Buches ist aber dann tatsächlich großartig:
Thema für Thema arbeitet Krämer die Physik durch und gibt konkrete Ideen, Anleitungen und Möglichkeiten preis, wie man Physik erlebbar machen kann. In vieles werde ich mich noch monatelang hineindenken müssen. Anderes ist sofort offensichtlich. Besonders schön: Es gibt nicht nur “Physik als Abenteuer” sondern auch “Mathematik als Abenteuer”.

Das ein oder andere habe ich schon umgesetzt.
Zur Einführung der Symmetrie in meiner sechsten Klasse habe ich die SchülerInnen den Klassenraum entlang einer Linie aus Krepband symmetrisch umgestalten lassen. Spannend war, wie zunächst grob die Tische und Stühle halbwegs richtig standen – zum Ende der Stunde ging es dann aber um Details: “Der Stift auf diesem Tisch liegt mit der Spitze nach außen auf der linken Seite des Buches – auf dem Spiegeltisch liegt er aber…”
Die Klasse bekam ein Auge für die Details. Dafür, was Symmetrie ist.

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ein paar unsortierte Gedanken zu #OER…

(Auch) durch den fiesen “Schultrojaner” ist der Gedanke des offenen Bildungsmaterials (OER) in den verschiedenen Lehrerblogs wieder Thema.
Insbesondere die Beiträge von Martin Kurz und Herrn Larbig haben mich mich sehr beeindruckt. Ich muss über sowas meist länger grübeln. Dann stand auch mein Examen an und – Ironie der Geschichte – drei der Prüfer baten mich, ihnen doch meine selbstentwickelten Lehrmaterialien per E-Mail zukommen zu lassen, sie wären “immer auf der Suche nach gutem Material”.

Ob es “gut” ist, sei mal dahingestellt – aber offenbar sind auch Examensprüfer (die nun sicher in ihrem Leben hunderte perfekt vorbereiteter Stunden gesehen haben) auf der Suche nach Material.

Nach wie vor gibt es keine vernünftige Lösung, um offenes Material an einer zentralen Stelle im Netz zu bündeln und auch keine sinnvollen Vorgaben, wie es denn nun genau auszusehen habe, geschweige denn, in welcher Form man welche Inhalte wie anbieten kann. Herr Rau bietet da einen, wie ich finde, guten Überblick.

Ich selbst bin nicht so ein Fan von Büchern. Weder von Schulbüchern, noch von Nachschlagewerken oder überhaupt irgendeiner Form von dicken Wälzern. Die Vorstellung, womöglich alle 294 Seiten voller Mathematikaufgaben durchrechnen zu müssen, hat mich als Schüler demotiviert. Und die 1176 Seiten im Gerthsen waren beinahe das Ende meines Physikstudiums. Ich mag keine Fachbücher.

Statt dessen bin ich ein Fan von Lerntheken. Stationen. Kleine, auf A5-Karten aufgeteilte Lernhäppchen für die Schüler, in verschiedenen Schwierigkeitsstufen und Themenbereiche aufgeteilt.
Ein Beispiel aus meiner Mathematik-Examensstunde der Klasse 8 zum Thema “Daten und Zufall”:

[Links oben die Bezeichnung der Station, in der Mitte der Titel und farblich gekennzeichnet der Schwierigkeitsgrad (grün, gelb, rot) und rechts oben die relevanten Hilfekarten (H1 bis H5). Jede Karte in zwei- bis dreifacher Ausführung, A5 und laminiert.]

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Die Karten erstelle ich mit PowerPoint – das erleichtert mir das Herumschieben von Bildern, Texten und Diagrammen.

Ein beträchtlicher Teil meines Unterrichts sowohl in Mathematik als auch Physik läuft über diese Schiene.
Die Schüler haben die Möglichkeit, sich entsprechend ihren Fähigkeiten Aufgaben auszusuchen und ich kann hier und da und dort Einzelnen helfen.

Ich werde zukünftig noch stärker darauf achten, alle Inhalte selbst zu erstellen und, sowie ich eine intelligente Möglichkeit gefunden habe, alle Lerntheken in meinen Blog einbinden. Ich will ungern immer mehr Links in der Spalte sammeln – das ist jetzt schon völlig überladen… :-(  

Eine spannende Frage an die Rechtskundigen unter uns: Inwieweit stehen denn z.B. Mathematikaufgaben unter Copyright?

  • Textaufgaben zum Beispiel. Gibt es da ein Copyright drauf? Ab welcher Anzahl an Buchstaben?
  • Oder eine Sammlung von 25 Bruchaufgaben.
  • Oder die Formulierung der Aufgaben auf den Karten oben.

Wie viel darf ich aus Büchern und anderen Quellen raubkopieren übernehmen, und ab wann muss ich ins Gefängnis? Wenn da jemand einen Rat weiß, wäre ich mal so richtig dankbar :-) .

“Bloß nicht langweilen”

…titelt die Zeit heute.
Michael Moesslang, so lerne ich in dem Artikel über langweilige Präsentationen, hat ein Buch über Präsentationstechniken geschrieben. Denn:

“Die meisten Präsentationen sind unendlich langweilig.
[…]
Manchmal dauern sie nur wenige Minuten, manchmal Stunden und manchmal eine gefühlte Ewigkeit: Vorträge und Präsentationen füllen den Joballtag. Doch in den allermeisten Fällen langweilt der Redner seine Zuhörer. Eine Umfrage ergab, dass 84 Prozent aller Präsentationen als einschläfernd empfunden werden, ganze 97 Prozent als verbesserungswürdig.”

(c) by Bill McChesneyDas ist für mich immer ein ganz interessantes Themengebiet.
Zunächst einmal trifft mich das als Lehrer natürlich selbst: Ob man das jetzt gut oder schlecht findet – der Frontalunterricht ist nach wie vor Bestandteil eines jeden Unterrichts und wenn 84% aller Frontalphasen “als einschläfernd empfunden werden”, dann muss ich mir Gedanken machen. Und weit hergeholt ist der Vergleich nicht – wie im Zeit-Artikel über Präsentationen sitzen auch meine Schüler nicht freiwillig hier. Sie müssen. Und schlimmer noch – sie werden hinterher darüber abgefragt.
Außerdem ist meine Frau Pastorin. Ich habe haufenweise Pastoren und Pastorinnen in meinem Freundeskreis – jeden Sonntag präsentieren predigen sie die die Leute an. In schöner Regelmäßigkeit streiten diskutieren meine Frau und ich darüber, ob die Predigt zu lang war und welche Methoden man nutzen kann, sie zu ‘verbessern’.
(Volker Pispers schlägt Werbepausen vor)

Ganz besonders interessant fand ich einen von der Zeit vorgeschlagenen Punkt:

    • Werfen Sie die Inhaltangabe niemals an die Wand, nehmen Sie nicht die Spannung weg!

Klar das Moesslang das vorschlägt – er kann in seinen Vorträgen dann auch mit Überraschungen aufwarten. In der Lehrerausbildung hingegen lernen wir, dass man am Anfang der Stunde einen kurzen Überblick darüber geben soll, was heute ansteht. Dies nicht zu tun, kann darin enden, dass solche ‘Spannungs’stunden “als einschläfernd empfunden werden”.
Es ist auch schnell klar – warum: Der geneigte Leser möge sich einmal vorstellen, wir säßen in der Mathematik-Doppelstunde

“Die Herleitung des Kathetensatzes.”

Was erwartet uns da?
Wer weiß es? Und vor allem – wer will es wissen? Wie viel “Spannung” ist denn da zu erwarten?
Das Problem solcher Stunden ist, dass die Schüler wir – einmal abgehängt – die Orientierung verlieren. Wir wissen mittendrin nicht mehr, was alles schon gemacht wurde und vor allem, was noch kommt. Und ohne Überblick schalten wir ab – wer weiß, wie lange der Onkel da vorne noch quasselt.

Darum wird uns Lehrern ein “informativer Unterrichtseinstieg” empfohlen. Zu Beginn der Stunde skizzieren wir ins zwei, drei Sätzen den Stundenverlauf – wenn möglich/nötig schreiben wir ihn als Stichworte auf. Wenn uns unser Mathelehrer also erzählt, er wolle uns zunächst einige Minuten die VHS-Aufnahme von der Telekolleg-Sendung 1983 zeigen, um anschließend kurz eine alternative Herleitung an die Tafel zu bringen bevor wir zum Schluß einige Übungsaufgaben bekommen werden (Rest ist Hausaufgabe!) – dann wissen wir genau was uns erwartet. Das gibt Sicherheit.
Verliere ich den Anschluß bei der Telekolleg-Sendung, kann ich versuchen beim zweiten Teil wieder einzusteigen. Außerdem weiß ich, dass der Onkel mit der komischen Brille aus dem Fernsehen jetzt nicht 90 Minuten lang reden wird.

Mir verdeutlicht dieser Zeit-Artikel vor allem eines: Jeder Jeck ist anders. Was der eine super findet, gefällt dem anderen nicht.

Was gibts sonst noch?
Ich habe heute Geburtstag. Das wissen aber nur die 16%, die diesen Artikel nicht als einschläfernd empfunden haben. Zwinkerndes Smiley

Schulterschluß

IMG_0404Wie an vielen anderen Schulen auch, haben wir Schwierigkeiten mit der Arbeitshaltung vieler Schüler. Es gibt Klassen, da herrscht beinahe eine einmütige Verweigerungshaltung gegenüber Hausaufgaben. Bücher werden vergessen oder passen nicht in die Handtäschchen.

Die Kollegen versuchen, jeder auf seine Art, dem zu begegnen. Bei mir wird mit der zweiten vergessenen Hausaufgabe Freitags nachgearbeitet. Andere sind da toleranter. Bei dem einen darf nachgereicht werden, bei dem anderen nicht. Die eine schreibt beim dritten Mal einen Elternbrief, dem nächsten sind Hausaufgaben völlig egal.

Das Tragische dabei ist aber, dass sich meines Erachtens neunzig Prozent aller “Fünfen” ausschließlich auf die Arbeitshaltung zurückführen lassen. Ich denke, die wenigsten Katastrophen-Arbeiten hängen mit mangelndem Intellekt oder damit verbundener Überforderung zusammen. Es geht fast immer um die Arbeitshaltung.

Seit heute nun gilt in unserer Schule eine gemeinsame, neue Zero-Tolerance-Politik gegenüber nicht gemachten Hausaufgaben: Wer seine Hausaufgaben vergisst, muss den versäumten Stoff am nächsten Tag in der 7. Stunde nacharbeiten.

Ich erfahre gemischtes Echo auf diese Maßnahme. Oft sind Kollegen von anderen Schulen eher erstaunt. Empfinden die Maßnahme als zu streng oder fragwürdigen Mehraufwand.
Ich muss zugeben, dass ich diese Zweifel nicht teile. Ich glaube, ganz im Gegenteil, wir sind an unseren Schulen nicht streng genug. Wenn die Schüler von der fünften Klasse an das Nacharbeiten als logische Konsequenz vergessener Hausaufgaben kennenlernen, dann wird dies hoffentlich zu einer veränderten Arbeitshaltung führen. Wenn ein Kollegium geschlossen ein bestimmtes System verfolgt und nicht mehr jeder “an seiner eigenen Front kämpft”, wird dies die Arbeitsatmosphäre bessern. Langfristig erhoffe ich mir davon, dass ich weniger Zeit mit Hausaufgabenkontrolle, Elternbriefen etc. verbringen muss.

Und am Ende werden die Schüler wieder zum strengsten Lehrer sagen: “Bei Ihnen, da habe ich was gelernt. Das war eigentlich gar nicht so schlecht…”

Ist die Methode den Inhalt wert?

Vor einiger Zeit habe ich ein hübsches Quadromino in den Unterricht eingebracht.

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Hierbei geht es um die “vier Gesichter einer Zahl”. Der Bruch 1/2 beispielsweise entspricht 50%, als Dezimalbruch 0,5 und bildlich, wenn zwei von vier Kästchen angemalt sind. Vier verschiedene Arten, den gleichen Sachverhalt auszudrücken.

Die Schüler mögen es und es ist eine nette Abwechslung zum typischen “Rechnet die Aufgaben vier bis sechs, a bis f”.

Aber damit verbunden auch eine Menge Aufwand. Es muss kopiert, laminiert und geschnitten werden. Mehrfach. Und wieviel ist am Ende hängen geblieben? Das frage ich mich oft.

Wieviel Aufwand verträgt mein Unterricht?

20 Aufgaben in 5 Minuten

Vor einigen Tagen schrieb ich über meine Rache ein Exempel Experiment, dass ich an mit meinen Schülern durchführte: Sie bekamen ein Arbeitsblatt, dass allein dadurch zu lösen war, dass man es durchlas. Wer jedoch zu unaufmerksam war, übersah diesen Hinweis und verstrickte sich in einer sinnlosen Beschäftigungstherapie.

Das Ergebnis: Vier Schüler von 24 befolgten die Anweisungen genau und lasen sich das Arbeitsblatt durch. Der Rest arbeitete ebenso konsequent wie verbissen die Aufgaben durch. Bis ein lautes “SCHEISSE!” einer Schülerin den ein oder anderen mißtrauisch werden ließ.

Als fast alle schon fertig waren, arbeiteten zwei immer noch konzentriert und verbissen – schauten die anderen sogar böse an, weil sie Ruhe bräuchten, um zu arbeiten.

Für mich – und die vier anderen Schüler – war das zumindest ein großer Spaß, der auch nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Und wenn von den anderen 20 nur zwei zukünftig aufmerksamer an die Aufgabenstellung in Klassenarbeiten herangehen werden, dann hat es sich gelohnt Smiley.

37°–Immer mit Herzblut. Auch fachfremd.

Ein bisschen überrascht bin ich schon von dem Trailer für die Lehrer-Dokumentation heute abend im ZDF.

In wenigen, dramatischen Schnitten werden genervte Lehrer und prügelnde Schüler gezeigt und das Bild völligen eines Chaos präsentiert. Irre ich mich, oder ändert sich das Lehrerbild gerade in der Öffentlichkeit? Aber kann es sein, dass man bei der öffentlichen Betrachtung gerade “auf der anderen Seite vom Sattel fällt”? Von Gerhard Schröders “faulen Säcken” wandelt sich das Bild nun zu einem völlig überforderten Sozialarbeiter, der sich mit Mühe durch 41 türkische, 16 russische Schüler und nur einem einzigen deutschen Schüler in auch nur einer einzigen Klasse kämpft. Aber klar: der ganz normale Lehreralltag in einer durchschnittlichen Schule ist bei weitem nicht so aufregend, als dass man im Fernsehen darüber berichten wollte.

Der Trailer hat mich – ehrlich – erschrocken. Vorausgesetzt, er verfälscht nicht, dann darf ich freimütig behaupten, dass an meiner (Real-)Schule nicht mal im Ansatz solche Verhältnisse wie in besagtem Hamburger Gymnasium herrschen. Vielleicht sollten die Menschen in Hamburg am Ende doch dankbar sein, dass sich die Gymnasialeltern abschotten Zwinkerndes Smiley. Ich kenne auch von meinen Kollegen im Umfeld keine Schule, in der solche Verhältnisse vorherrschen.

Was mir aber (ganz unbescheiden) aufgefallen ist: Im SPIEGEL-Artikel über die Dokumentation wird berichtet, dass ein Lehrer, obwohl er selbst in der 10. Klasse Französisch abgewählt hat, eben jenes Fach nun fachfremd unterrichten muss.
Mit aller nötigen Demut darf ich an dieser Stelle auf mein OneNote-Projekt hinweisen: Durch den (kostenlosen (!), aufwandfreien (!!)) Austausch mit meinen Kollegen sammeln sich auf meinem Rechner gerade – wohlsortiert und ausgearbeitet – die Stunden in den Fächern Technik, Biologie, Chemie, Sozialwissenschaften, Englisch, Deutsch, Religion, Mathe, Physik. Wie gesagt: Ohne Aufwand. Ohne sortieren. Zwei von den aktuell neun Fächern unterrichte ich selbst – für den Rest bekomme ich Tag für Tag, Woche für Woche neue ausgearbeitete Stunden.

Fachfremd unterrichten? Ganz ehrlich – ich freu mich drauf! Smiley mit geöffnetem Mund

Die Fernseh-Dokumentation "Immer mit Herzblut. Lehrer: Mehr als ein Job" ist am Dienstag, 11. Januar, um 22.15 Uhr im ZDF zu sehen.

ekelhafte Methoden… oder?!

Letzte Woche Freitag habe ich meiner Siebener, eine Woche vor der Klassenarbeit mit einem Überaschungs-Test aus dem morgendlichen Tiefschlaf geweckt.

Eine Reihe allgemeiner, offen gestelter Fragen zum aktuellen Thema. “Was ist der Unterschied zwischen einer proportionalen und einer wachsenden Zuordnung? Gib ein Beispiel.” “Was bedeutet Quotientengleichheit in diesem Zusammenhang?”
Lauter so Zeug.
Nicht sonderlich schwer – aber aus dem Stehgreif auch nicht ganz einfach.

Das Ergebnis war vorhersehbar: Eine ganze Reihe richtig schlechter Noten – bedingt auch durch meine sehr strenge Korrektur. Denn ein Großteil der Schüler denkt nur, er hätte den Stoff verstanden – in der Realität sieht es aber ganz anders aus.
Durch eine glückliche Fügung hatte ich den Kurs an jenem Freitag in der fünften Stunde nochmal und konnte den Test direkt zurückgeben. Wie zu erwarten gab es ein paar lange Gesichter. Normalerweise bewerte ich Tests genauso wie mündliche Noten mit “+”, “o” und “-“. Schüler wie Eltern nehmen die Tests sonst zu wichtig und setzen sie (un-)bewusst mit Klassenarbeiten gleich.
Diesmal aber nicht.
Bei diesem Test gab es konkrete Noten – und zwar tendenziell schlechte. Und zusammen mit dem Test gab es die traditionelle Test-Version der Klassenarbeit1.
Meine Hoffnung war nun, dass die Schüler – aufgeschreckt von der schlechten Test-Note – die nächsten Tage zum intensiven Lernen nutzen. Denn vielen war offenbar nicht klar, wie groß ihre Defizite sind. In der Folgestunde habe ich über eine Folie weitere Aufgaben an die Wand geworfen (die Test-Version der Klassenarbeit bespreche ich nicht – das ist Aufgabe der Schüler selbst). Einige Schüler wollten gerne Kopien der Folie haben und ich versprach, jedem, der es wünsche, eine Version mit Lösung zum Überprüfen, per E-Mail zukommen zu lassen.

Und tatsächlich haben das einige Schüler in Anspruch genommen. Und erfreulicherweise nicht diejenigen, die sowieso “eins” stehen.

Zurück bleiben aber – für mich – einige offene Fragen:

  • Ein, zwei Schüler waren ob der schlechten Note den Tränen nahe – insbesondere wenn sie an den Ärger mit ihren Eltern dachten. Rechtfertigt mein Zweck (die Schüler erschrecken & zum Lernen antreiben) die Mittel (harter Test, ohne Vorankündigung…)? Zumal es sicher auch (wenn auch eher nicht in meiner Klasse) Kinder gibt, die unter “archaischen” Erziehungsmitteln zu leiden haben.
  • Soll ich die Ergebnisse der Schriftlichen Übung überhaupt werten? Schließlich habe ich bewusst darauf gesetzt, schlechte Ergebnisse zu erhalten, um die Schüler aufzuschrecken. Wie rechtfertige ich ein mögliches Nicht-Werten vor den Schülern, die sehr gut abgeschnitten haben?
  • Hat das überhaupt etwas gebracht? Also, fällt die Klassenarbeit (heute geschrieben) besser aus?

Unter jedem schlechten Test habe ich die Eltern um ein telefonisches Gespräch gebeten. Zum einen, um sie davon abzuhalten, ihren Kindern die Hälse umzudrehen und zum anderen, um sie zu beruhigen – der Test sei nur als Tritt in den Hintern gedacht: Für die Schüler, aber auch für die Eltern, damit sie ihre Kinder bewusst zum Lernen anhalten. Insbesondere spiegele die Test-Note nicht den tatsächlichen Leistungsstand des Kindes.

1 Thema: (Anti-)Proportionalität mitsamt typischer Aufgaben im Stile von:
”Nach der Apfelernte wird ein großer Teil der Äpfel zu Apfelsaft verarbeitet. Aus 60 kg Äpfeln erhält man 24 l Apfelsaft.
a) Wie viel Kilogramm Äpfel wurden gepresst, wenn man 408 l erhalten hat?
b) Wie viel Liter Saft erhält man aus 515 kg Äpfeln?