Gnade vor Recht…?!

halbtagsblog - 2SppRNlB4gVor einigen Jahren gab es da in meiner Stufe diesen Jungen: In der Grundschule als Klassenkasper stets im Mittelpunkt. Alle paar Monate Elterngespräche wegen Raufereien, ungebührlichen Betragens und vergessener Hausaufgaben. Eine Karriere, die sich nahtlos an der weiterführenden Schule fortsetzte: Marginale Fremdsprachenkenntnisse in Kombination mit einer Sauklaue und praktizierter Faulheit. Viele flotte Sprüche statt gemachter Hausaufgaben. Bestimmt ein netter Kerl und – typischer Lehrerspruch – mit “so viel Potenzial!”

Obwohl ich meine Behauptung nie belegen könnte, bin ich mir sicher, dass die Lehrer seinerzeit hier und da ein Auge zugedrückt haben. “Komm, der Jan ist zwar in Französisch ne Pfeife, aber ich glaube, aus dem kann trotzdem noch was werden.” Meine mündliche Prüfung in der Uni in Psychologie war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Das ich bestanden habe, verdanke ich ausschließlich der Gnade der Prüfungskommission.

An vielen Stellen hätten meine Lehrer, Dozenten und Ausbildungskoordinatoren mir einen völlig anderen Lebenslauf verpassen können. Mehr als einmal haben sie Gnade vor Recht ergehen lassen. Zurecht?

Aus mir ist etwas geworden. Ich habe das Abitur geschafft, ein Hochschulstudium absolviert, bin verheiratet, habe wunderbare Kinder und darf einen fantastischen Beruf ausüben. Wenn man so will, haben meine Lehrer mir an den richtigen Stellen Tritte versetzt und an den richtigen Stellen weggesehen.

Heute bin ich Lehrer.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Leistungen von Jungen und Mädchen mit – ihr habt es kommen sehen – “so viel Potenzial!”
Tendenziell gehöre ich wohl eher zu den strengen Kollegen: Ich reagiere allergisch, wenn Schüler fürs Nichtstun noch eine 4 geschenkt haben wollen. Man darf gerne faul sein – muss dann aber mit den Konsequenzen leben.

Und doch.

Eine 5 im Nebenfach Physik kann in der 10 über Schulabschlüsse und Ausbildungsverträge entscheiden. Ich frage mich, an welchen Stellen ich Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Bei wem wäre es richtig, womöglich mal ein Auge zudrücken?

Aber ist das nicht wiederum ungerecht?

Aber habe andererseits ich nicht von dieser Ungerechtigkeit profitiert? Wäre die Welt besser, wenn auch ich womöglich gerecht behandelt worden wäre – aber heute im IKEA Regale einräumen würde?

Ich wüsste gerne eure Gedanken dazu – sowohl von den mitlesenden Lehrern, als auch von den (noch idealistischen) Lehramtsstudenten und Referendaren, aber auch von mitlesenden Eltern:

Darf ein Bewertungskriterium bei Noten “das Potenzial” sein, was der Lehrer in einem Schüler (euren Kindern?) sieht?

Kann es sein, dass es ungerecht manchmal richtig ist?

Notenverwaltung zum Halbjahr

Ich berichtete bereits über das von mir genutzte Notenverwaltungsprogramm auf meinem Android Tablet. Zum Sommer sind einige Kollegen mit auf den Zug aufgesprungen und nach wie vor zufriedene Benutzer. Das spricht zumindest dafür, dass das Programm mich nicht nur überzeugt, weil ich ein Nerd bin – sondern dass es wirklich etwas taugt.

Zum Halbjahr taucht jedoch ein Problem auf, über dessen Lösung ich mir Gedanken machen soll: Bis zum Halbjahr hat man einen ganzen Packen an Noten gesammelt, die nun überflüssig werden.

Während man die Klassenarbeitsergebnisse, Quartalsnoten und Halbjahresnoten womöglich behalten möchte, trifft dies auf die zahlreichen mündlichen Noten womöglich nicht zu.

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Wie kann man also nur bestimmte Notenkategorien löschen? (Also bspw. alle mündlichen Noten?) Ein kurzer (und wie immer freundlicher) Kontakt mit Andreas Schilling, dem Autoren der Software bestätigte mir, dass dieses Feature noch nicht vorhanden sei, aber in den kommenden Monaten nachgereicht würde.

Screenshot_2014-02-04-21-29-17Ich bin arg wenig motiviert, alle mündlichen Noten per Hand zu löschen, will sie andererseits aber auch nicht stehen lassen, weil das letztlich arg unübersichtlich wird.

Die Lösung ist so einfach wie praktikabel: Eine weitere Kategorie. Ich habe nun (selbsterklärend)

  • H1 mündlich
  • H2 mündlich
  • schriftlich
  • Selbsteinschätzung
  • Quartal 1
  • Halbjahreszeugnis
  • Quartal 3
  • Zeugnis.

Ich glaube, damit komme ich prima ein Jahr über die Runden, ohne irgendwann, irgendwas löschen zu müssen. H2 mündl. wird dann im zweiten Halbjahr gefüllt. Dann kann ich mit “Zeitraum abschließen” auch nichts falsch machen und versehentlich Noten löschen ;-).

Notendiskussion

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Bei Herrn Rau gibt es gerade einen Artikel über das Für und Wider von Schulnoten zu lesen, der sich vor allem auf diese Diskussion bezieht. Ich möchte hier keine weitere Grundsatzdiskussion über Noten eröffnen, zumal mein Fokus hier eher auf der Notengebung bei Inklusionskindern liegt.

An der Grundschule meiner Tochter wurde in den vergangenen Wochen diskutiert, ob man die Schulmilch abschaffen sollte (sie widerspricht dem “gesunden Frühstück”) und außerdem, ob die Drittklässler zum Halbjahr schon Noten, oder “nur” Berichtszeugnisse erhalten sollten. Beim Elternpflegschaftsabend wurde von ein, zwei Müttern ein flammendes Plädoyer gegen den Notendruck und die Leistungsgesellschaft gehalten, verbunden mit dem Wunsch, die Kinder doch einfach sein zu lassen wie sie wären. Zustimmendes Murmeln hier und da.

Das hat mich wahnsinnig gemacht.

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Notensoftware für Android

imageEinige KollegInnen fragten mich vor den Ferien, wie ich das mit den Noten machen würde: Als Nerd hätte ich da doch bestimmt irgendwas cooles zur Hand.

Klar!

Ich kenne ganz unterschiedliche Varianten: Die meisten Lehrer nutzen das rote Notenbüchlein oder Varianten davon. Einige wenige nutzen ausgebuffte Excel-Tabellen mit komplexen Berechnungen zu Noten, Fehlstunden und prognostizierter Fehlstundenzahl für die nächsten Monate. Beides habe ich ausprobiert – bin aber nicht so richtig warm damit geworden.

Eine Notensoftware muss für mich vor allem leicht verständlich sein.
Unsere Waschmaschine z.B. ist sicher einfacher zu bedienen, als unser MediaCenter – aber ich verstehe sie nicht. Und darum drücke ich mich um die Bedienung, wo es nur geht (zur Freude meiner Frau, die unser MediaCenter nicht versteht..). Die meisten Notenprogramme sind bei mir nach wenigen Minuten wieder runtergeflogen, weil ich sie schlicht nicht verstanden habe. Und, ja: Ich bin zu faul, um die Anleitung zu lesen und außerdem extrem ungeduldig. Was ich nicht nach fünf zwei Minuten verstehe, finde ich blöd.

Die Software, die ich nun seit anderthalb Jahren benutze ist AndroClass von Apenschi.
Rezensionen sind jedoch so eine Sache, nicht wahr?

Erst neulich las ich den “Testbericht” eines Autors – offenkundig iPhone-Fan – über ein neues Handy. Als Nachteil führte er – für ein Windows Phone – das Betriebssystem “Windows” an. Himmel, dachte ich, dann soll er kein Windows Phone testen, wenn er das per se schlecht findet.
Erfahrungsberichte sind stets durch die subjektive Brille des Betrachters gefärbt und so ist es wichtig zu wissen, aus welcher Perspektive ich AndroClass beurteile.

Bedrohung.

Einige sind schon in den Ferien, andere müssen noch ein paar Tage. Via Google+ ist mir ein inspirierendes Bild begegnet, dass ich für meinen Blog verändern durfte.

Dazu die Empfehlung eines Artikels aus der Zeit, über den Einfluss einzelner Lehrer auf verschiedene Persönlichkeiten. Insbesondere die Erinnerung von Ferdinand von Schirach fand ich sehr beeindruckend. Aber zunächst:
Alltag in der Schule! (Verbunden mit der Frage, wozu Schule eigentlich da ist?)

PISA-Bedrohung

Basierend auf einer Zeichnung von Ralf Alex Fichtner, dessen Bild ich mit freundlicher Genehmigung des Sabine Hinz Verlags auf das schulische Leben umschreiben durfte.

Mathematik & SI-Störungen

2013-03-12 08.43.16Seit knapp einem Jahr unterrichte ich zwei Kinder mit der Glasknochenkrankheit und mit Erlaubnis der Eltern darf ich immer wieder darüber berichten.
An diese Aufgabe bin ich – ebenso wie die meisten Kollegen – recht blauäugig herangegangen, mit wenig mehr als einer gesunden Portion Menschenverstand, vermischt mit naivem Optimismus. Ich möchte heute auch weniger über die Herausforderungen des schulischen Alltags für Kinder mit Glasknochen beschreiben – das habe ich an anderer Stelle mehrfach getan – sondern einen (von einem Laien verfassten) Überblick über die mathematische Fähigkeit bestimmter Kinder in Kombination mit körperlicher Beeinträchtigung ermöglichen.

Warum?
Weil durch die zunehmende Inklusion an Schulen in den kommenden Jahren immer mehr Kinder mit einer SI-Störung im Mathematikunterricht sitzen werden.

Und?
Weil es im Internet (soweit das Google reicht) nur wenig Informationen darüber gibt und nicht jeder Kollege Zeit und Lust hat, Fachliteratur zu wälzen oder sich einzuarbeiten.

Und dich qualifiziert…?!
Gar nichts. Aber für eine Einführung sollte es reichen. Und alles, was im Internet steht, ist wahr – das hat schon Abraham Lincoln gesagt.

Inklusion & Noten

Wie ich an mehreren Stellen ausführte, habe ich zwei Kinder mit Glasknochen in meinem Unterricht sitzen. Wir sind in ganz intensivem Dialog mit den Eltern, Integrationshelferinnen  und Kollegen, um die Kinder zielgleich unterrichten zu können.
2012-12-14 09.06.24Das Fach Technik stellt für die Mädels aber eine schier unüberwindliche Hürde dar: Denn zum Sägen, Feilen und Schleifen braucht man vor allem Kraft. So kam es, dass ich in einer Konferenz den anwesenden Eltern und Kollegen grinsend erzählte, dass die Zwischennoten eigentlich die Noten der Integrationshelferinnen seien, weil die Aufgaben für die Kinder schlichtweg nicht lösbar seien. Die Kinder würden sich bemühen, alle Handgriffe zu probieren und aus dem Mischmasch zwischen arbeiten, helfen und hilflos zugucken habe ich meine Noten gebastelt.
”So so”, murmeln die Eltern augenzwinkernd mit Blick auf die Noten, “da müssen sich die Integrationshelferinnen aber mal mehr Mühe geben…”

Karteileichen

Eine Freundin erzählte mir eine amüsante Geschichte aus ihrer Schulzeit. In ihrer Klasse habe es eine Karteileiche gegeben, also einen Schüler, den es nur in den Listen der Lehrer gab. Bei den Anwesenheitskontrollen (“Christina?” –  “Hier”, “Moritz?” – “Hier”, …) hat sich zu Beginn des Schülers jemand den Scherz erlaubt, in der Anonymität der Klasse einfach “Hier” zu rufen, als jener Florian Silbereisen aufgerufen wurde, so dass die Karteileiche als solche gar nicht identifiziert wurde.

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‘Sehr gut’? – Gibt’s bei mir nicht!

Die Zeugnisse stehen vor der Tür und somit muss darf ich als junger Lehrer eigenverantwortlich in einer Note zusammenfassen, wie ich die Leistung meiner Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Monaten bewerte.

Anhand der Klassenarbeiten komme ich nur bei wenigen Schülern auf rechnerisch klare Noten – der Großteil steht zwischen zweien. Am schwierigsten erscheint mir die Unterscheidung zwischen der Note ‘gut’ und der Note ‘sehr gut’. Wenn ich im Schulgesetz nachlese, dann finde ich dort (§48, 3):

Die Note ’gut’ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen voll entspricht.”

Die Note ‘sehr gut’ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen im besonderen Maße entspricht.

Hmm.
Was ist denn “in besonderem Maße”? Intuitiv würde ich hier herauslesen, dass die Note ‘sehr gut’ nur in absoluten Ausnahmefällen vergeben werden sollte. Ansonsten ist ‘gut’ das Maß aller Dinge.

Eine Umfrage unter Kollegen ergibt ein geteiltes Bild: Einige unterstützen diese Ansicht mit der Begründung, dass für eine ‘1’ schon alles stimmen müsse. Alle Klassenarbeiten 1, durchweg sehr gute sonstige Mitarbeit. Eine Note, die immer nur Wenigen vorbehalten sein wird.
Andere sind da großzügiger: Ein Schüler der sich anstrengt, gute Klassenarbeiten schreibt und in der sonstigen Mitarbeit eine der tragenden Säulen des Unterrichts ist – warum soll der nicht mit einer “1” am Ende auf dem Zeugnis belohnt werden?

Wie haltet ihr das?

Be-frie-di-gend.

Neulich unterhielt ich mich mit einem Kollegen über Noten. “Früher”, sagte er, “als man die Zeugnisse noch handschriftlich ausfüllte, war das ganz schlimm. Mit ausgeschriebenen Noten. Be-frie-di-gend. Mang-el-haft. Sehr unangenehm zu schreiben. ‘Gut’ schreibt man da viel lieber!”

“Vor allem”, füge ich hinzu, “muss ich bei jedem ‘be-frie-di-gend’ überlegen, ob das ‘ie’ am Anfang oder am Ende steht.”

Ein weiterer Kollege, der nur die letzten Fetzen des Gesprächs gehört hat, kommt hinzu. “Oh ja”, nickt er heftig und grinst, “’Befriedigend’ ist die blödeste Note. Ich hab aus Versehen mal ‘Befriedigung’ geschrieben.”