Pädagogisches Verhalten in FKK-Bereichen

Yeah!
Immer wieder verteilen die Bundesländer sogenannte Erlasse, an die wir Lehrer uns zu halten haben. Vor einigen Jahren postete ich zum Beispiel ein Strafverzeichnis, dass einem Erlass nachfolgend durchgezogen wurde und so Perlen enthielt wie “Jakob erhielt wegen Unaufmerksamkeit drei Stockschläge” oder “Siegfried, Rudolf und Anton erhielten 12 Stockschläge wegen unsittlicher Handlungen”.

Womit wir beim Thema wären.

Denn jüngst ereilte mich der Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahr 1986 mit dem Betreff “Pädagogisches Verhalten in FKK-Bereichen”.  Denn:

Bei der zunehmenden Verbreitung von ganz oder partiell textilfreier Freizeitgestaltung mehren sich die Situationen pädagogischer Relevanz.

Ja. Probleme aus dem Alltag. So schreibt der Kultusminister auch:

…die um sich greifende aggressive Nacktheit (ausgehend vor allem von Jugendlichen) […] zwingt zu Überlegungen, wie diese Situationen […] pädagogisch fruchtbar gemacht werden können.

Meine Rede!
Zum Glück aber, liebe Eltern, Schüler und Kollegen, kümmert sich das Land um uns. So gibt es klare Arbeitsanweisungen, die ich so unterschreiben möchte:

Grundsätzlich gilt, dass ein Lehrer unbekleideten Schülern ausnahmslos nur ins Gesicht schauen darf.

Ich sehe die Situation schon plastisch vor mir.
Fröhlich pfeifend führe ich meinen Hund nackt am Ufer der Sieg entlang, freue mich meines Lebens als eine Horde ebenfalls nackter Schüler auf mich zugestürmt kommt.

“AHHHH. Herr Klinge! Dem Isy sein Fuß blutet! Der ist fast ab! Herr Klinge! Tun sie doch etwas!”

Gemach, gemach!

In derartigen Situationen kommt einem ungezwungenen Grüßen ein besonderer Stellenwert zu. Der Lehrer sollte etwa mit seiner linken Hand wie zufällig sein Geschlecht bedecken, mit der rechten Hand dem Schüler leicht zuwinken, und dabei einen alterstypischen Gruß aussprechen, etwa “Hallo”.

“HERR KLINGE! DER ISY VERBLUTET GLEICH! SCHEISSE SCHEISSE SCHEISSE!”

“Hallo.”

Das passt noch nicht. Aber der Erlass ist ja auch noch nicht zu Ende:

Damit dieser Vorgang nicht verkrampft und peinlich wirkt, hat der einzelne Lehrer die Szene vorher zu üben. Es wird dringend empfohlen, eine der nächsten Konferenzen [..] unter Anleitung eines gymnastischen Kollegen zur Einübung dieser Grußformen zu üben.

Ist das nicht großartig?
Alle unter euch, die sich schon immer fragten, was es bei Lehrerkonferenzen eigentlich zu besprechen gibt – hier ist die Antwort:
Wir üben alterstypische Grußformen, während wir – wie zufällig – unser Geschlecht bedecken.  Smiley mit geöffnetem Mund

Der Erlass endet übrigens mit einem Hinweis auf den nötigen Strahlenschutz vor der Sonne und verweist bei Fragen an den zuständigen “Beauftragten für FKK-Pädagogik” (sic!). Und den rufe ich gleich mal an, um zu erfahren, ob es einen Nachfolgeerlass gibt, oder ob dieser hier noch gilt.

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Inklusion & Alltagsprobleme

UnbenanntInzwischen hat das zweites Schuljahr für meine Klasse, in der auch zwei Mädchen mit Glasknochen sind, begonnen. Das erste verlief unproblematisch und der Alltag war geprägt von unkomplizierten, praktischen Lösungen.

Inklusion nennt sich die Einbindung von Menschen mit Behinderungen in den normalen Schulalltag, die in Deutschland in den nächsten Jahren mehr und mehr umgesetzt wird und ich habe an vielen Stellen von den Erlebnissen und Bereicherungen der Inklusion erzählt.

Aber – und auch darin sehe ich eine Gewisse “journalistische” Pflicht – es gehört auch dazu, von den Schwierigkeiten und Herausforderungen zu berichten. Diese entstammen natürlich meinen Erfahrungen, sind aber größtenteils auch auf andere Inklusionsfälle übertragbar. Heute also einige Worte zu ein paar Alltagsproblemen, die sich mit der Inklusion einstellen.

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Wandern und schauspielern (mit Glasknochen)

 

IMG-20130910-WA0000Noch zwei Tage, dann ist diese Kokolores-Woche rum.
Gestern sind wir den Grubenweg in Eiserfeld gewandert. Vor einigen Jahren hat ein Kollege mit dem Kurs “Gemeinnützig Handeln” an unserer Schule einen 8 Kilometer langen Pfad durch den Wald entlang vieler Bergbaugruben erschlossen und mit Infotafeln versehen. Herausfordernd war der Weg für meine Rollstuhlkinder und dieser Ausflug ist ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, die das Thema Inklusion mit sich bringt: 

Grundsätzlich ist der Pfad in Rollstühlen unpassierbar. Punkt.

Als Lehrer stehe ich nun vor einem Problem: Der Bergbau gehört zur Tradition der Stadt Siegen und als solches ist so ein Ausflug im Sinne der Heimatkunde berechtigt. Wenn ich jetzt (überspitzt) sage: “Tut mir leid, können wir nicht machen und werden wir nie machen können, weil wegen den beiden!” – dann sind die anderen Schüler genervt und mit zunehmender Dauer werden Inklusionskinder zum Zentrum für Ärgernisse. “Nie können wir die lustigen Dinge machen!” Das wird in Zukunft mehr und mehr Kollegen betreffen. Und von den Schülern wird sich der Frust auf die Eltern übertragen – Inklusion ja bitte gerne, aber nicht neben meinem Wilhelm Maximilian!

Es ist für uns Lehrer sehr schwer die Balance zu finden, zwischen Projekten die alle machen wollen und Projekten, die alle machen können. Ich bewahre mir dabei eine gewisse Naivität, gepaart mit einem Schuss Sturheit:

Wir haben den Ausflug einfach gemacht. Mit Rollstühlen.

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Die 10 Gebote (…meines Unterrichts!)

Frl. Rot wies auf ein überaus amüsantes Youtube-Video hin, indem sich Juri über zehn Dinge äußerte, die er an der Schule hasste. Sehr komisch – und viel Wahrheit darin. Überhaupt ist Schule geprägt von Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Zuallererst allerdings von uns Lehrern in Richtung Schüler.

Den ganzen Tag predige ich meinen Schülern Ge- und Verbote. (Jeder Lehrer bekommt eine Sammlung bei der Anstellung überreicht – zusammen mit einem karierten Jackett mit Flicken auf den Ärmeln, einer großen Busfahrer-Tasche und einem roten Notenbüchlein):

10 Gebote

(eine Verschriftlichung für für die Google-Reisenden und RSS-Leser am Ende des Artikels.)

Leider hört das an dieser Stelle nicht auf. Insbesondere wir Lehrer haben eine endlose Zahl von Regeln und Gesetzen zu befolgen, die sich zum Teil auch noch widersprechen. Herr Rau äußerte sich an dieser und jener Stelle darüber. Es gibt einen Leitfaden für Staatsbedienstete, in denen uns verboten wird, Facebook, Twitter und Google effektiv zu nutzen. Obwohl die Gründe nachzuvollziehen sind, entsteht der Eindruck, dass die Schule mal wieder nichts mit dem echten Leben zu tun hat. Zwei angehende Lehrerinnen schrieben just darüber, dass sie im Studium aufgefordert wurden, sich über das Handy im Schuleinsatz Gedanken zu machen. Ergebnis: Eher mau. Kollegen bilden Whatsapp-Gruppen mit ihren Klassen, erhalten Krankmeldungen über Facebook etc.etc. Der Unterschied zwischen Gesetz und Realität wird vielleicht anhand eines Schaubildes deutlich:

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Dies alles wiegt umso schwerer, wenn man sich Herr Larbigs aktuellen Blogartikel (und insbesondere das Ende) zu Gemüte führt: Wie kann digitale Integration von Lehr- und Lernmedien fortgeführt und erleichtert werden.

Und vor allem: Wie, wenn man nur Moodle benutzen darf? Da könnte man als Lehrer glatt selbst ein Video drehen: “10 Dinge, die ich an der Schulpolitik hasse”.

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“Papa, was ist ein Negerkönig?”

Aus aktuellem Anlass.

Neulich sahen Carolina und ich ihrem großen Vorbild Pippi Langstrumpf bei allerhand Unsinn zu. Pippi vereinigt alle Eigenschaften in sich, die sich Kinder wünschen. So hat sie ein eigenes Pferd, das sie auch hochheben kann, da sie das stärkste Mädchen der Welt ist. Sie lebt ohne Eltern in der Villa Kunterbunt und kann tun und lassen, was sie möchte. Und sie hat einen Vater, Ephraim Langstrumpf, den König von Taka-Tuka-Land.

“Papa, was ist ein Negerkönig?”, fragt mich meine Tochter.

Was soll man darauf antworten?

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563,19€

Fünfhundertdreiundsechzig Euro und neunzehn Cent. Das ist meine Zahl des Jahres. Denn soviel Geld habe ich dieses Jahr für Unterrichtsmaterial ausgegeben. Lerntheken. Bastelmaterial. Arbeitsbücher. Ohne, dass ich auch nur einen Cent davon wiedergesehen habe. Tendenziell wird es eher mehr sein, denn ich habe nicht alle Rechnungen aufbewahrt.

Warum nur schreibt dieser Angeber und Selbstdarsteller gutverdienende Lehrer das hier?

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Amoklauf.

Eine kleine Geschichte:

imageVor einigen Jahren drang Charles Roberts in eine Schule der Amish ein, schickte die Jungen und die Lehrerin raus und bedrohte die Mädchen mit einer Pistole. Den Schülerinnen gelang es, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und der Mann erzählte, er sei wütend auf Gott und verbittert. Sein erstes Kind sei kurz nach der Geburt gestorben und er könne das nicht verwinden. Er konnte nicht vergeben.
Die älteste Schülerin der Klasse bot dem Mann an, stellvertretend für die anderen zu sterben. Er solle die anderen gehen lassen und sie töten.
Aber er lehnte ab. weiterlesen

Deshalb investieren wir in Wissenschaft.

imageVor kurzem brachte der SPIEGEL einen groß aufgemachten Artikel über die (kostenintensive) Suche nach dem Higgs-Teilchen. Daraufhin waren im nächsten SPIEGEL einige Leserbriefe zu lesen, unter anderem auch folgender:

“Na toll, da werden Milliarden für Technik und hochbezahlte Forscher ausgegeben, um theoretische Physik zu suchen. Ergebnis: Sie haben das Higgs-Teilchen entdeckt! Na und? Helfen diese Milliarden, die Welt besser zu machen, Klimaveränderungen zu beeinflussen, Atomwaffen abzuschaffen, die Wirtschaft zu stabilisieren, den Hunger und die Armut der Welt zu bekämpfen? Was bringt den Menschen diese Entdeckung?”

Hendrik Mosel, Tinizara, La Palma (Spanien)

Ein berechtigter Gedanke, nicht wahr?