Nähe & Distanz zu Schülern

Vor einigen Tagen beschrieb Arne Ulbricht in der SPIEGEL-Online Sparte, er entspräche in seinem Berufsbild dem Kumpeltyp und würde zuweilen mit der fehlenden Distanz zu den Schülern kämpfen. 

Als Schüler lag ich einer Englisch-Referendarin zu Füßen. Alle Jungs taten das. 

Die Frage von Nähe und Distanz zu den Schülern – im Beamtendeutsch „Schutzbefohlenen“ – ist von immenser Bedeutung: 

Im Unterschied zu einem Hochschulstudium oder einer Berufsausbildung ist „Erziehung“ nämlich durch das Schulgesetz vorgegebene Aufgabe der Lehrer. Wir können uns nicht auf das “Lehren” beschränken.

Obwohl ich sehr viel Spaß in und an meinem Beruf habe und durch SocialMedia sicher leicht zu greifen bin, betrachte ich mich selbst nicht als Kumpel meiner Schüler.
Aber zum Ende eines Schuljahres verbringt man dann doch bei Projekten, Festen und Exkursionen viel Zeit außerhalb des eigentlichen Unterrichts mit den Kindern. In anderthalb Wochen fahre ich mit einer Abschlussklasse zum Länderspiel und schon während der Vorbereitung rutscht dem ein oder anderen Schüler versehentlich ein „Du“ raus. Nicht aus mangelndem Respekt. Nicht wegen unklarer Rollenverteilung. Sondern aus wachsender Vertrautheit.

Diese Nähe empfinde ich als sehr Zwiespältig.

Ich schätze das entgegengebrachte  Vertrauen. Ich mag, wenn Schüler mich mögen und vermutlich kann ich sie besser motivieren, wenn das Unterrichtsklima positiv ist.
Auf der anderen Seite denke ich, dass ein großer Teil der Schülerin-und-Lehrer-brennen-durch-Storys ihren Anfang in fehlender Distanz gefunden haben. Jede zweite Seifenoper behandelt die verbotene Liebe zwischen einem Lehrer und einer Schülerin.

Ich beneide den Kumpeltyp Ulbricht um seine Sorglosigkeit und Freude am Beruf. Aber mir wäre die Gefahr zu hoch, dass einzelne Schüler am Ende nicht mehr damit zurecht kämen, dass ich sie benote und damit Ausbildungschancen vergebe oder verbaue.

Hätte die genannte Englisch Referendarin uns seinerzeit auch nur einmal zugezwinkert oder einen Hauch Nähe gezeigt, hätte es bei uns kein Halten mehr gegeben. 

Ich bin dankbar, dass sie uns auf Abstand hielt.

Kinderstube

Demnächst feiert meine Schule 25jähriges Jubiläum.

Neben allerlei Brimborium werden meine Co und einige Mädchen der Klasse ein Kinderschminken anbieten und brauchten Freiwillige zum Üben und ausprobieren.

Und da war er wieder: Einer jener Momente, von denen ich bedaure, das die Eltern nicht teilhaben können.

Die ganze Mittagspause über ließen sich die Jungs der Klasse Bärte und Muster, Spinnen und Tattoos aufmalen. Geduldig ertrugen sie Blumen, falsche Augenbrauen und Katzengesichter. Diese Klasse ist zu einer Art Familie zusammengewachsen, in der niemand außen vorsteht und es ist schade, dass Eltern diese Perspektive oft vorenthalten bleibt.

Dazu passt auch: Lieblingssport der Kinder ist es, sich in den Pausen heimlich ins Gebäude zu schleichen und vor der Aufsicht zu flüchten. Alle drei Tage stehen die Kollegen zähneknirschend vor mir und ich gelobe, mit der Saubande zu reden. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht um vier oder fünf Kinder. Oder elf oder zwölf. Es geht mehr um fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Kinder. Jede Pause sind es andere. Wenn ich die alle zum Hofdienst schicke, haben sie noch SPaß dabei.
Innerlich jubiliere ich: Wenn alle gemeinsam Unsinn machen, spielen alle auch gemeinsam. Und spielende Kinder fühlen sich wohl und lieben den Ort, an dem sie sind! Äußerlich habe ich mahnend der Zeigefinger und versuche gegenzusteuern. Ohne Erfolg.

Ein Kollege hat Anfang der Woche ein kleines Häuflein geschickt abgefangen und zu einem Besinnungsaufsatz verdonnert. Die Jungs und Mädchen haben den auch ohne Widerspruch und zusätzliche Ermahnung geschrieben. Die Hälfte der Briefe beginnt mit

Geehrter Herr…
es tut mir leid, dass…

Und Strafarbeiten, die mit “Sehr geehrter Herr sowieso” beginnen…  – da ist die Kinderstube noch in Ordnung!

Feuer fangen.

Seit einem Jahr arbeitet sich mein WP-Technikkurs durch mein Elektronik-Workbook. Wie immer geht es den einen viel zu langsam, während die anderen gerne wieder Praktisches machen wollen.

Weil ein Referendar nun in den Kurs einsteigt, haben wir genau das gemacht: Die Schüler sollen ein Radio bauen. Grundlage ist ein Opitec-Bausatz, der von jedem Schüler individuell modifiziert werden soll.

Hin und wieder lehnt man sich als Lehrer zurück und staunt und genießt einfach.

Ein Schüler möchte den Kippschalter durch einen selbstgebauten Touch-Schalter ersetzen. Ein anderer möchte das Radio beleuchten – die Lichtstärke soll mit dem Lautstärkeregler verbunden sein (“Das geht über den Trimmer, glaube ich!”). Hier möchte jemand ein Plexiglasfenster einsetzen und dort wird gegrübelt, ob man für die Touchkeys nicht eine bistabile Kippschaltung im Hintergrund benötigt.

An einer Gesamtschule kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen. Arme und reiche, solche mit Gymnasialempfehlung und solche mit Hauptschulempfehlung, welche mit fröhlichen Familien im Hintergrund und welche, die beim Nachbarn mal ins Brot beißen wollen. Aber in diesen Stunden gibt es keinen Unterschied.

Ein, zwei SchülerInnen bitten mich am Ende der Stunde, eine Handvoll Kondensatoren, Transistoren, Widerstände und Dioden mit nach Hause nehmen zu dürfen, um am Wochenende schon mal auszuprobieren, ob sich der Wechselblinker mit dem Senderegler sinnvoll verknüpfen lässt.

Abends landet via Facebook ein kurzes Video im Posteingang: Die bistabile Kippschaltung läuft nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit dem 22k-Ohm Widerstand.

 

In solchen Momenten bin ich einfach nur fröhlich. Was ich für großartige Schüler habe!

Meine 10er, Naina und die Bildungspolitik

Ich bin krankgeschrieben. Das erste Mal in meinem Leben überhaupt verpasse ich eine ganze Schulwoche. Zum Glück ist das Halbjahr fast geschafft, so dass mein Ausfall nicht zum kompletten Zusammenbruch des Systems führt, auch wenn ich das innerlich befürchte.

Meinen großartigen 10ern habe ich aufgetragen, sich die neue Lerntheke herunterzuladen und eigenständig damit zu arbeiten. Schließlich naht die Abschlussprüfung. Und die Zeit.. die Zeit! Als Vorbereitung auf die Oberstufe würden sie das auch alleine hinbekommen. Und weil sie so toll sind und so, habe ich totales Vertrauen.
Natürlich wusste ich, dass sich nicht alle daran halten würden. Höchstens die Hälfte. Vielleicht ein Drittel. Wenn es ganz schlecht läuft, nur eine Handvoll.

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SEfU oder: Die Crux mit dem Feedback

Ich habe eine Feedbackrunde in einer meiner Klassen durchgeführt und spannende Ergebnisse erhalten. Die Frage ist aber – was mache ich jetzt damit?

Vergangene Woche habe ich meinen 10er Mathematik-Kurs geben, meinen Unterricht auszuwerten. Dazu habe ich die SEfU-Webseite benutzt.

Die Abkürzung „SEfU“ steht für „Schüler als Experten für Unterricht„. SEfU ist ein Instrument zur Selbstevaluation des eigenen Unterrichts, das speziell für die Unterstützung der individuellen Unterrichtsentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern konzipiert wurde. Es bietet der bzw. dem Lehrenden die Möglichkeit, sich ein Bild über den eigenen Unterricht zu schaffen, und zwar aus Sicht derer, für die er gestaltet wird: die Schüler.

Der SEfU-Fragebogen wird seit Februar 2005 im Online-Verfahren von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betreut, wissenschaftlich begleitet und fortlaufend weiterentwickelt.

Dort muss ich mich anmelden und meinen Kurs „registrieren“. Anschließend erhalte ich einen Haufen Zugangsschlüssel, die ich den Schülern aushändige. Der Vorteil: Sie müssen sich nicht registrieren oder irgendwelche Daten angeben – der Schlüssel führt direkt zum richtigen Bogen.

Das habe ich gemacht.
Zwei Aspekte haben die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst: Erstens ist die Klasse mir sehr ans Herz gewachsen – wir haben eine Menge Unsinn miteinander getrieben und vor Jahren bspw. mit dem DFB zusammengearbeitet. Das verfärbt die Antworten zu meinen Gunsten.
Zweitens: Die Auswertung erfolgte direkt nach einer schweren Mathematikarbeit. Das sorgt wiederum eher für negative Rückmeldungen.

SEfU bietet eine wirklich tolle, fachspezifische Auswertung. Es beginnt mit einer allgemeinen Erhebung:

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Es ist erst einmal schön zu sehen, dass ein großer Teil der Schüler gern in die Schule geht – sich unabhängig davon aber alle in der Klasse sehr wohl fühlen. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Aussagekraft ihrer Antworten. Ein Kurs, indem sich niemand wohl fühlt und alle Schule als Zeitverschwendung empfinden, wird definitiv anders antworten.

Anschließend erfolgt eine detaillierte Auswertung der Schülerantworten:

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Über viele Antworten freue ich mich, aber natürlich gibt es immer ein, zwei Schüler die unzufrieden sind. Das ist schade, lässt sich aber kaum vermeiden, besonders nicht in den Hauptfächern.

Toll finde ich:

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Doof finde ich:

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Schließlich gibt es noch ein Feld für freie Antworten, im positiven („Ich finde toll“) wie im negativen („Ich wünsche mir von ihm..“). Ein kleiner Auszug:

  • Am liebsten hätte ich ihn für immer in mathe den er gibt mir den arschtritt den ich brauche

Bzw.

  • Mehr rote Stationen [also schwerere Aufgaben]
  • Manche Schuler könnten sich [Anm.: … durch meine flapsige Sprache] nicht wohl fühlen, dass ist zwar witzig für alle anderen, aber für den Betroffenen ist das ¨nicht schön und er fühlt sich dadurch evt. benachteilig und unwohl
  • Ich wurde gerne mal Hausaufgaben auf bekommen. […] Nach meiner Meinung beabeiten wir zu wenig im Buch und müssen viel zu sehr eigenständig arbeiten. Wir sollten auch zwei Stunden in der Woche an der Tafel Aufgaben bei denen Schüler schwierigkeiten haben zusammen besprechen

[sic!]

Und nun?
Seit einigen Tagen durchdenke ich diese Ergebnisse und vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen in der Universität, wo solche Auswertungen mittlerweile üblich sind. Der Ansatz von SEfU lautet „Schüler als Experten für Unterricht“ – und schon da zweifle ich.
Beispiel oben: Klar wünschen sich die Genies der Klasse noch mehr „Rote Aufgaben“. Meine Erfahrung ist aber, dass sich auch sehr gute Schüler bisweilen in ihre Spezialaufgaben verrennen und schlussendlich die Basics aus den Augen verlieren. Es hat also seinen Sinn, dass auch die Leistungsstärksten die Grundlagen wiederholen müssen.
Oder: Klar ist der ein oder andere vom eigenständigen Arbeiten genervt – aber ich verfolge ja einen Zweck damit. Die SchülerInnen sollen auf die Oberstufe bzw. ein Berufsleben vorbereitet werden.

Letztlich kann ich die Kritikpunkte der Schüler komplett nachempfinden – ich werde sie aber nicht ändern, weil ich ja gute Gründe dafür habe. Das aber führt zu einem Problem: In der Uni hat mich seinerzeit sehr genervt, dass die Professoren zwar Auswertungsbögen herumgaben – letztlich aber gar nichts verändert haben. Bei mir bzw. den Studenten entstand Frust und die (berechtigte) Frage, wozu man da überhaupt irgendwas ankreuzen solle. Gleiches würden womöglich meine Schüler empfinden – darum würde (und werde) ich mit Feedbackbögen sehr vorsichtig umgehen.

Schüler als Experten für Unterricht? Schwierig.
(Um ein plakatives Beispiel zu bringen: Ich koche für meine Tochter. Trotzdem ist sie kein „Experte für Kochkünste“, denn ihre Kritik besteht stets aus „zu viel Gemüse“ und „zu wenig Schokolade“. Die Aussagekraft ist aber eher marginal.)

Es bleibt trotzdem die Frage, welchen Nutzen ich aus diesen Daten ziehen soll.
Nach einigen Tagen des Grübelns und Durchdenkens, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich so eine Auswertung nicht wiederholen werde.
Ich kann (rede ich mir zumindest ein) sehr gut damit leben, wenn Schüler mit mir sprechen und Wünsche oder Kritik äußern. Beides ist in der Vergangenheit oft geschehen und ich habe mich auch schon bei Schülern für dieses oder jenes entschuldigt. Aber so anonymisierte Kritik (“Bitte mehr mit dem Buch arbeiten”) nervt mich eher – ich habe ja Gründe, das nicht zu tun und möchte das lieber erklären können. Und natürlich finden Sabine und Jeremy es womöglich nicht toll, dass ich ihnen permanent Druck mache („in den Arsch trete„) und sie antreibe – trotzdem ist das nötig, damit sie einen Schulabschluss erreichen.

Am Ende bleibt von dieser Erhebung, dass die meisten zufrieden sind, Das wusste ich aber auch vorher schon.

Wie handhabt ihr das?
Nutzt ihr Feedbackbögen? Habt ihr schon Aspekte eures Unterrichts auf Basis solcher Erhebungen verändert?

Schülerhirn im Unterricht (SiS)

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Vertretungsstunde in meiner eigenen Klasse. Die Jungs sind aufgedreht und unruhig. “Timo”, greife ich mir einen raus und plötzlich wird es ganz still, “du darfst jetzt entscheiden: Ihr könnt Handy spielen und quatschen und tun, was ihr wollt… für etwa 30 Sekunden. Danach endet meine Geduld und ihr bekommt eine Stillarbeit. Oder ihr werdet jetzt leise und wir schauen uns Christians Gehirn an.”

Timo zögert.

Gleichzeitig (!) lehnen sich die Banknachbarn von links und rechts zu ihm rüber und flüstern halblaut durch die Klasse: “Nimm die 30 Sekunden Handy! 30 Sekunden, Mann! Handy!!!”
Dabei grinsen sie mich wie Verrückte an.

Im Stillen beiße ich mir auf die Zunge um nicht loszulachen. Am Ende wird sich aber doch für die Alternative entschieden.

Einer meiner Schüler hat eine Untersuchung im MRT über sich ergehen lassen müssen. Schon vor Wochen hatte ich ihn gebeten, vom Krankenhaus die Bilder anzufordern und mitzubringen – damit könne man im Physikunterricht ganz wunderbar arbeiten.

Und das tun wir dann auch.
Während wir uns Scheibe für Scheibe durch den Kopf arbeiten, betrachten wir die verschiedenen Hirnareale, erläutern den Unterschied zwischen MRT und CT und schaffen die Verknüpfung zum aktuellen Physikthema (Elektrostatik – Mit einem geladenen Plastikstab kann man einen Wasserstrahl ablenken). Die Kinder berichten von Unfällen im Bekanntenkreis die mit Kopf oder Wirbelsäule zu tun haben und wir erinnern uns gemeinsam an das, was wir bei unserem Erste-Hilfe-Kurs gelernt haben.

Am Schluss haben wir versucht, die einzelnen Bereiche des Gehirns zu benennen, was mich zu einem neuen ‘Schule im Schaubild’ führt:

 

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Machtspiele – (Lehreralbtraum II)

Wir sprachen zuletzt über eine blöde Situation: Eine Schülerin weigerte sich standhaft, eine Anweisung zu befolgen. Die Situation war weniger ein “ich traue mich nicht”, als vielmehr ein “versuchen Sie doch mal, mich zu zwingen…!”

Ein Machtspiel.

Kollegin Henner beschreibt in den Kommentaren eine ähnliche Situation: Als Praktikantin musste sie sich mit einem Schüler auseinandersetzen, der zumindest ahnte, dass sie ihm nichts konnte. Dort fehlte nicht viel zu einer echten Rangelei. Ich behaupte, dass so etwas vor allem Praktikanten, Referendaren oder jungen Lehrern (und auch öfter Frauen als Männern) widerfährt.
Während Eva neulich über Disziplinprobleme schrieb und darüber, wie man solche Situationen von vorneherein verhindert – geht es heute um.. Kind –> Brunnen:
Heike kommt nicht an die Tafel. Kevin verlässt den Raum nicht. Tine liest ihre Hausaufgaben nicht vor. Und das alles mit einer “Sie können mir gar nichts”-Haltung.

Wie weiter?

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“Oh scheiße…” – ein Lehreralbtraum

2014-02-01 12.46.01 (Small)Meine KollegInnen am Tisch trugen mir auf, in meinem Blog doch endlich mal darüber zu schreiben, wenn etwas so richtig scheiße lief. Die Wahrheit eben.

Hier also ein – tatsächlich erlebter – Lehreralbtraum:

Vor einigen Jahren, direkt zu Beginn meines Referendariats bekam ich eine 10. Klasse Physik. Nebenfach. Randstunde. Einmal pro Woche. Thematisch behandelten wir die Elektrizitätslehre und es ist etwas mühsam, bei Schülern, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, Begeisterung und/oder Interesse für Physik zu wecken.
Im Verlauf der Unterrichtseinheit bat ich einmal eine Schülerin, eine einfache Schaltung an der Tafel zu skizzieren. Jene Schülerin lehnte sich in ihrem Sitz zurück, schnaufte einmal durch und sagte: “Nö, das kann ich eh nicht.”

Ich wiederholte meine Aufforderung. Gleiches Ergebnis, sie etwas patziger im Ton.

Ein drittes Mal. “Versuche es doch einfach – wir werden dir schon helfen.”

“Nee – mach ich nicht.” Sie verschränkte die Arme und machte deutlich, dass sie heute gar nichts mehr tun würde.

Ich hatte mich da in eine richtig beschissene Situation manövriert. Ein Machtspielchen. Ich konnte sie schlecht zwingen, aber wenn ich sie – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht irgendwie zur Tafel brächte, dann würde sich auch jeder andere weigern.  Diese Schülerin würde sich jedenfalls keinen Millimeter bewegen und die anderen fünfundzwanzig Kursteilnehmer beobachteten sehr genau, was jetzt geschehen würde. (Tatsächlich ist das ja eine typische Referendariats-Frage: Was mache ich, wenn der Schüler einfach nicht tut, was ich sage?)

An dieser Stelle möchte ich kurz unterbrechen und euch fragen: Wie hättet ihr reagiert? …bevor ich dann übermorgen berichte, was ich getan habe.

Respekt vs. Affentanz in der Schule

Vor einigen Monaten erzählte eine Kollegin halb scherzhaft, sie habe mal ein Lied über die binomischen Formeln [ (a+b)² = a²+2*a*b+b² ]   mit ihren Schülern eingeübt. Und nach einmal vorsingen hatte ich die Melodie in meinem (von Unsinn zugemüllten) Kopf – und da ging sie auch nie wieder raus.
Vor zwei Wochen dann wagte ich in meiner 10 ein amüsantes Experiment: Ich erzählte ihnen von einem alten Wikingerlied, mit welchem man jene binomischen Formeln lernen könne. Man habe auf einem alten Schiff die Formeln und zugehörigen Noten eingeritzt in die Planken gefunden.

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Passend dazu: Meine Bartmütze mit gestrickten Hörnern und langem, rotem Wikinger-Rauschebart.

Ich sang.

Oder vielmehr: Ich krächzte. Denn ich bin kaum in der Lage, einen Ton zu halten. Aber für die Schüler war es ein großer Spaß.
Zweimal vorgesungen, dann konnten es alle.

Später in der Woche erzählten einzelne Schüler, sie hätten das Lied ihren Eltern vorgesungen und nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Die Formeln würden jedenfalls sitzen. Noch eine Woche später sangen wir das Lied zweistimmig im Kanon.

Solche Aktionen sind stets ein Tanz auf der Messerklinge: Ich mache mich vor meinen Schülern ein Stück weit zum Clown; es wird gelacht und gejohlt und auch wenn sie sich in zehn Jahren kaum mehr an den Inhalt erinnern: Der singende Wikinger-Lehrer bleibt haften.
Spannend ist für mich, dass die Klasse nicht den Respekt vor mir als Lehrer verloren hat. Weder muss ich mich mit lustigen Aktionen bei den Schülern anbiedern, noch gewinnen sie den Eindruck, die Schüler-Lehrer-Distanz würde fallen.
Statt dessen quengeln mich meine 8er an, sie wollten das Lied bitteschön auch lernen.

Solche Spökes-Aktionen kann man nicht mit jeder Klasse machen. Denn es geht auch um gegenseitiges Vertrauen: Ich muss darauf setzen, dass keiner meine Schüler den Auftritt filmt und online stellt. Ich muss darauf vertrauen, dass sie die Aktion als Witz verstehen, aber nicht vom eigentlichen Ziel des Unterrichts abgekommen.

Solche Stunden sehen wirklich großartig aus – weil sie locker erscheinen und gute Laune hinterlassen. Aber dahinter steckt enorm viel Arbeit mit den Schülern und ich habe innerlich Blut und Wasser geschwitzt, als ich da stand und vor dreißig Schülern zu singen begann.

Aber hinterher weiß ich: Es lohnt sich.

Erkenntnis.

Im Treppenhaus begegne ich Philip. Einem der größten Clowns, die ich in den letzten Jahren unterrichten durfte. “Herr Klinge, ich stehe jetzt 1 in Chemie”, erzählt er mir freudestrahlend. “Donnerwetter”, zeige ich mich beeindruckt, “wie hast du das geschafft?”
Philip grinst verlegen. “Ich habe gemerkt, dass ich mich eigentlich nur regelmäßig melden und nicht soviel quatschen muss, um das zu schaffen.”

Ich mache große Augen und sehe mich verschwörerisch um. “Psst! Nicht so laut. Das ist doch ein Geheimnis, über dass man nicht laut sprechen darf!”

Er lacht (und denkt insgeheim vermutlich  an die vielen Physikstunden des letzten Schuljahres).

Der letzte Abend.

Bis in den Nachmittag war es eine fantastische, vollumfänglich großartige Klassenfahrt und (wie immer?) fragt man sich im nachhinein, was man hätte tun können; warum man nicht einen Tag vorher abgereist ist.
Hätte. Wenn. Möglicherweise.

Aber der Reihe nach.

In einem anonymen Lehrerblog könnte ich an dieser Stelle mit Pseudonymen und Details aufwarten, die hier aber fehl am Platze und letztlich völlig uninteressant sind. Nur soviel: Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen und es ist auch nichts zerstört worden. Es wurde zu wild getobt und am Ende gab es viele Tränen und Vorwürfe und Anschuldigungen.
Um zu verdeutlichen, wie schwierig der Lehrerberuf auch sein kann, möchte ich euch heute ein Stück weit in diesen letzten Abend mitnehmen, der exemplarisch für hunderte Klassenfahrten von hunderten Schulen steht. (Ich werde gleiche alle möglichen Handlungsmuster aufzeigen, die so gestern gar nicht vorgekommen sind – aber das wird gleich klar.)

Bereit?

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Klettern und Krönen (mit Glasknochen)

3. Tag.
Ich habe ein paar Augenblicke gebraucht, um zu verstehen, weshalb es in dem Saal so nach Rauch stank. Und noch ein wenig mehr, warum ich einfach rausgerannt bin, ohne mich um das Feuer oder zurückbleibende Schüler zu kümmern.
Ein verdammter Alptraum hindert mich daran, wenigstens nachts meine Ruhe zu finden. Nichts passiert. Alles gut.
Nach dem Gewaltmarsch Spaziergang gestern (ich werde morgen ein bisschen über Statistiken und Highlights und Momente schreiben) sind die Kinder abends um zehn einfach umgefallen. Ab elf herrschte Totenstille, und nicht einmal die laut gröhlende Parallelklasse, die zur mitternächtlichen Stunde aus der Sternwarte zurückkam, konnte sie wecken. (Mich auch nicht.) (Ich habe mir sagen lassen, dass sie gegröhlt haben.)

Nach dem Frühstück stand heute Bouldern auf dem Plan. („Bouldern? Hat man das früher nicht ‚klettern‘ genannt?“ grummelte einer der Jungs, als wäre er schon sein eigener Senior.)
Das Klettern hatten wir über die JHB gebucht und waren gespannt. Einerseits klang das nach Action und Abenteuer, andererseits würden unsere beiden Mädels mit Glasknochen sicher nur Zuschauen können.

Hatten wir gedacht.
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Grillen mit den Eltern

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Zum Ausklang des Schuljahres haben wir mit unseren Schülern und ihren Eltern zusammen gegrillt.
Es war ein nettes Beisammensein mit lustigen Gesprächen; die Kinder sind allesamt nach wenigen Minuten zwischen den Büschen und Bäumen verschwunden – empfinde ich immer als gutes Zeichen.

Morgen gibt es noch Zeugnisse. Außerdem haben sich die Schüler gewünscht, die “schriftliche Feedbackrunde” (unbedingt lesen!) zu wiederholen. Damit werden alle Kinder mit einem schönen, zweiten Zeugnis in die Ferien entlassen. Das wird gut.