Machtspiele – (Lehreralbtraum II)

Wir sprachen zuletzt über eine blöde Situation: Eine Schülerin weigerte sich standhaft, eine Anweisung zu befolgen. Die Situation war weniger ein “ich traue mich nicht”, als vielmehr ein “versuchen Sie doch mal, mich zu zwingen…!”

Ein Machtspiel.

Kollegin Henner beschreibt in den Kommentaren eine ähnliche Situation: Als Praktikantin musste sie sich mit einem Schüler auseinandersetzen, der zumindest ahnte, dass sie ihm nichts konnte. Dort fehlte nicht viel zu einer echten Rangelei. Ich behaupte, dass so etwas vor allem Praktikanten, Referendaren oder jungen Lehrern (und auch öfter Frauen als Männern) widerfährt.
Während Eva neulich über Disziplinprobleme schrieb und darüber, wie man solche Situationen von vorneherein verhindert – geht es heute um.. Kind –> Brunnen:
Heike kommt nicht an die Tafel. Kevin verlässt den Raum nicht. Tine liest ihre Hausaufgaben nicht vor. Und das alles mit einer “Sie können mir gar nichts”-Haltung.

Wie weiter?

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“Oh scheiße…” – ein Lehreralbtraum

2014-02-01 12.46.01 (Small)Meine KollegInnen am Tisch trugen mir auf, in meinem Blog doch endlich mal darüber zu schreiben, wenn etwas so richtig scheiße lief. Die Wahrheit eben.

Hier also ein – tatsächlich erlebter – Lehreralbtraum:

Vor einigen Jahren, direkt zu Beginn meines Referendariats bekam ich eine 10. Klasse Physik. Nebenfach. Randstunde. Einmal pro Woche. Thematisch behandelten wir die Elektrizitätslehre und es ist etwas mühsam, bei Schülern, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, Begeisterung und/oder Interesse für Physik zu wecken.
Im Verlauf der Unterrichtseinheit bat ich einmal eine Schülerin, eine einfache Schaltung an der Tafel zu skizzieren. Jene Schülerin lehnte sich in ihrem Sitz zurück, schnaufte einmal durch und sagte: “Nö, das kann ich eh nicht.”

Ich wiederholte meine Aufforderung. Gleiches Ergebnis, sie etwas patziger im Ton.

Ein drittes Mal. “Versuche es doch einfach – wir werden dir schon helfen.”

“Nee – mach ich nicht.” Sie verschränkte die Arme und machte deutlich, dass sie heute gar nichts mehr tun würde.

Ich hatte mich da in eine richtig beschissene Situation manövriert. Ein Machtspielchen. Ich konnte sie schlecht zwingen, aber wenn ich sie – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht irgendwie zur Tafel brächte, dann würde sich auch jeder andere weigern.  Diese Schülerin würde sich jedenfalls keinen Millimeter bewegen und die anderen fünfundzwanzig Kursteilnehmer beobachteten sehr genau, was jetzt geschehen würde. (Tatsächlich ist das ja eine typische Referendariats-Frage: Was mache ich, wenn der Schüler einfach nicht tut, was ich sage?)

An dieser Stelle möchte ich kurz unterbrechen und euch fragen: Wie hättet ihr reagiert? …bevor ich dann übermorgen berichte, was ich getan habe.

Respekt vs. Affentanz in der Schule

Vor einigen Monaten erzählte eine Kollegin halb scherzhaft, sie habe mal ein Lied über die binomischen Formeln [ (a+b)² = a²+2*a*b+b² ]   mit ihren Schülern eingeübt. Und nach einmal vorsingen hatte ich die Melodie in meinem (von Unsinn zugemüllten) Kopf – und da ging sie auch nie wieder raus.
Vor zwei Wochen dann wagte ich in meiner 10 ein amüsantes Experiment: Ich erzählte ihnen von einem alten Wikingerlied, mit welchem man jene binomischen Formeln lernen könne. Man habe auf einem alten Schiff die Formeln und zugehörigen Noten eingeritzt in die Planken gefunden.

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Passend dazu: Meine Bartmütze mit gestrickten Hörnern und langem, rotem Wikinger-Rauschebart.

Ich sang.

Oder vielmehr: Ich krächzte. Denn ich bin kaum in der Lage, einen Ton zu halten. Aber für die Schüler war es ein großer Spaß.
Zweimal vorgesungen, dann konnten es alle.

Später in der Woche erzählten einzelne Schüler, sie hätten das Lied ihren Eltern vorgesungen und nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Die Formeln würden jedenfalls sitzen. Noch eine Woche später sangen wir das Lied zweistimmig im Kanon.

Solche Aktionen sind stets ein Tanz auf der Messerklinge: Ich mache mich vor meinen Schülern ein Stück weit zum Clown; es wird gelacht und gejohlt und auch wenn sie sich in zehn Jahren kaum mehr an den Inhalt erinnern: Der singende Wikinger-Lehrer bleibt haften.
Spannend ist für mich, dass die Klasse nicht den Respekt vor mir als Lehrer verloren hat. Weder muss ich mich mit lustigen Aktionen bei den Schülern anbiedern, noch gewinnen sie den Eindruck, die Schüler-Lehrer-Distanz würde fallen.
Statt dessen quengeln mich meine 8er an, sie wollten das Lied bitteschön auch lernen.

Solche Spökes-Aktionen kann man nicht mit jeder Klasse machen. Denn es geht auch um gegenseitiges Vertrauen: Ich muss darauf setzen, dass keiner meine Schüler den Auftritt filmt und online stellt. Ich muss darauf vertrauen, dass sie die Aktion als Witz verstehen, aber nicht vom eigentlichen Ziel des Unterrichts abgekommen.

Solche Stunden sehen wirklich großartig aus – weil sie locker erscheinen und gute Laune hinterlassen. Aber dahinter steckt enorm viel Arbeit mit den Schülern und ich habe innerlich Blut und Wasser geschwitzt, als ich da stand und vor dreißig Schülern zu singen begann.

Aber hinterher weiß ich: Es lohnt sich.

Erkenntnis.

Im Treppenhaus begegne ich Philip. Einem der größten Clowns, die ich in den letzten Jahren unterrichten durfte. “Herr Klinge, ich stehe jetzt 1 in Chemie”, erzählt er mir freudestrahlend. “Donnerwetter”, zeige ich mich beeindruckt, “wie hast du das geschafft?”
Philip grinst verlegen. “Ich habe gemerkt, dass ich mich eigentlich nur regelmäßig melden und nicht soviel quatschen muss, um das zu schaffen.”

Ich mache große Augen und sehe mich verschwörerisch um. “Psst! Nicht so laut. Das ist doch ein Geheimnis, über dass man nicht laut sprechen darf!”

Er lacht (und denkt insgeheim vermutlich  an die vielen Physikstunden des letzten Schuljahres).

Der letzte Abend.

Bis in den Nachmittag war es eine fantastische, vollumfänglich großartige Klassenfahrt und (wie immer?) fragt man sich im nachhinein, was man hätte tun können; warum man nicht einen Tag vorher abgereist ist.
Hätte. Wenn. Möglicherweise.

Aber der Reihe nach.

In einem anonymen Lehrerblog könnte ich an dieser Stelle mit Pseudonymen und Details aufwarten, die hier aber fehl am Platze und letztlich völlig uninteressant sind. Nur soviel: Es ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen und es ist auch nichts zerstört worden. Es wurde zu wild getobt und am Ende gab es viele Tränen und Vorwürfe und Anschuldigungen.
Um zu verdeutlichen, wie schwierig der Lehrerberuf auch sein kann, möchte ich euch heute ein Stück weit in diesen letzten Abend mitnehmen, der exemplarisch für hunderte Klassenfahrten von hunderten Schulen steht. (Ich werde gleiche alle möglichen Handlungsmuster aufzeigen, die so gestern gar nicht vorgekommen sind – aber das wird gleich klar.)

Bereit?

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