Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Feuer fangen.

Seit einem Jahr arbeitet sich mein WP-Technikkurs durch mein Elektronik-Workbook. Wie immer geht es den einen viel zu langsam, während die anderen gerne wieder Praktisches machen wollen.

Weil ein Referendar nun in den Kurs einsteigt, haben wir genau das gemacht: Die Schüler sollen ein Radio bauen. Grundlage ist ein Opitec-Bausatz, der von jedem Schüler individuell modifiziert werden soll.

Hin und wieder lehnt man sich als Lehrer zurück und staunt und genießt einfach.

Ein Schüler möchte den Kippschalter durch einen selbstgebauten Touch-Schalter ersetzen. Ein anderer möchte das Radio beleuchten – die Lichtstärke soll mit dem Lautstärkeregler verbunden sein (“Das geht über den Trimmer, glaube ich!”). Hier möchte jemand ein Plexiglasfenster einsetzen und dort wird gegrübelt, ob man für die Touchkeys nicht eine bistabile Kippschaltung im Hintergrund benötigt.

An einer Gesamtschule kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen. Arme und reiche, solche mit Gymnasialempfehlung und solche mit Hauptschulempfehlung, welche mit fröhlichen Familien im Hintergrund und welche, die beim Nachbarn mal ins Brot beißen wollen. Aber in diesen Stunden gibt es keinen Unterschied.

Ein, zwei SchülerInnen bitten mich am Ende der Stunde, eine Handvoll Kondensatoren, Transistoren, Widerstände und Dioden mit nach Hause nehmen zu dürfen, um am Wochenende schon mal auszuprobieren, ob sich der Wechselblinker mit dem Senderegler sinnvoll verknüpfen lässt.

Abends landet via Facebook ein kurzes Video im Posteingang: Die bistabile Kippschaltung läuft nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit dem 22k-Ohm Widerstand.

 

In solchen Momenten bin ich einfach nur fröhlich. Was ich für großartige Schüler habe!

Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

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“Dürfen wir Musik hören?”

IMG_20150305_100354Ich arbeite viel mit Lerntheken. Das bedeutet, die Schüler suchen sich Aufgaben eines wählbaren Schwierigkeitsgerades aus und bearbeiten sie alleine oder zu zweit. Nach mehreren Jahren und deutlichen Beispielen haben die meisten mittlerweile verstanden, dass sie umso besser lernen, je mehr sie selbst denken – vulgo je mehr sie alleine arbeiten. Ich selbst werde als Lehrer im Unterricht nur noch gebraucht, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ansonsten schaue ich zu.
In letzter Zeit fragen mich besonders die Mittelstufenschüler, ob sie nebenher Musik hören dürfen und stets bin ich unentschlossen.

Nein, weil man sich auf die Aufgabe konzentrieren und nicht nebenher seine Lieblingshits summen soll. Auch nicht im Geiste. Nein, weil am Ende doch Zeit damit verschwendet wird, das nächste Lied auszuwählen oder das letzte Lied nochmal oder das Album zu wechseln oder oder oder. Nein, weil ich beim Arbeiten absolute Ruhe brauche: Radio oder Musik oder Fernsehen nebenher geht gar nicht.

Ja, weil einige Schüler stiller und konzentrierter sind. Sie werden nicht mehr vom Nachbarn abgelenkt. Ja, weil es auch Menschen gibt, die wunderbar zuhören und nebenher kritzeln können. Bestimmt trifft das auf Musik auch zu. Ja, weil gar nicht alle (nicht einmal die Hälfte) Musik hören wollen, sondern nur ein kleiner Teil (übrigens fast ausschließlich Mädchen).

Wie bei vielem muss ich letztlich zugeben, dass ich nicht weiß, ob “Musik hören beim Arbeiten” irgendwelche Auswirkungen hat. Lernen die betreffenden Schüler dadurch besser? Schlechter? Macht es am Ende überhaupt einen Unterschied?

Wie seht ihr das?

DFB-Abenteuer Teil 2

ColorTouchVor knapp drei Jahren habe ich mich mit meiner 7. Klasse beim DFB als EM-Nachwuchsreporter beworben. Eigentlich sollte das Schreiben nur eine “Strafarbeit” für das ständige Fußball-Gequatsche der Schüler sein – am Ende nahm der DFB die Bewerbung jedoch an und so mussten meine Schüler Woche um Woche Berichte über die kommenden Gegner der Nationalmannschaft schreiben.

Später besuchte uns das offizielle DFB-Maskottchen und  an einem aufregenden Nachmittag wurde sogar ein Film über die Aktion gedreht, den man sich immer noch ansehen kann.

Heute, drei Jahre später, stehen die gleichen Schüler kurz vor ihrem Schulabschluss. Einige werden in die Oberstufe gehen, andere streben eine Ausbildung an.

In jedem Fall werden sich unsere Wege trennen.

Ein letztes großes Abenteuer werden wir aber noch gemeinsam erleben: Im Juni fahren wir zusammen nach Köln zu einem Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft. Für die Schüler (und für mich) wird das sicher eine aufregende Sache und ein würdiger Abschluss (werden die meisten wohl auch in zehn Jahren meinen Namen vergessen haben – solche Aktionen bleiben im Gedächtnis).

Der lustigste Punkt aber ist: Wenn man schon mit 30 Mann ins Stadion fährt, dann sollte man die Chance ergreifen und ordentlich auf sich aufmerksam machen. Also: Welches Spruchband sollen wir hochhalten? Welche Buchstaben auf die Stirn malen? In welcher Verkleidung auf den Rängen tanzen?

Uns ist jedes Mittel recht, um einen bunten Abend zu genießen 😀

Ich bitte um Vorschläge :-)

Fortbildung: Erstellung von Unterrichtsmaterialien

LehrerfortbildungVor kurzem erhielt ich die Einladung zu einer Fortbildung Ende April. Es geht um die Erstellung von Material für das Fach NW (“Naturwissenschaft”). Solche Einladungen sind nichts besonderes – jeder Lehrer und jede Schule erhält Dutzende davon im Jahr. Diese Fortbildungen sind manchmal cool und manchmal… nunja, auf andere Lehrertypen zugeschnitten.

Da ich (wie üblich) von meinem eigenen Unterricht ganz begeistert bin, habe ich bei dieser Fortbildung gedacht, wie großartig mein selbst erstelltes NW-Workbook dazu passt. Also schrieb ich den Kollegen eine E-Mail, entschuldigte mich für die dreiste Einmischung – und hängte die Workbooks an.

Einige E-Mails später wurde ich herzlich eingeladen, doch bitteschön selbst an der Fortbildung teilzunehmen und – wenn möglich – auch ein bisschen was dazu zu erzählen. Also freue ich mich auf die Gelegenheit, im April etwas beisteuern zu können. Das wird bestimmt cool (und wenn nicht, dann ist es halt auf andere Lehrertypen zugeschnitten Zwinkerndes Smiley). Die Anmeldung erfolgt online hier – evtl. treffe ich ja den ein oder anderen Leser dieses Blogs dort.

Apropos großartiger Unterricht:
Eine liebe Kollegin kam letzte Woche auf mich zu, drückte ihren Unmut über ihre (und meine) Phantasielosigkeit im Unterricht aus und begann aus dem Stehgreif, eine Geometriemappe für das neue Thema “Dreieckskonstruktion” zu erstellen. Inhaltlich entspricht sie in großen Teilen der zugehörigen Lerntheke – der Aufbau ist allerdings geführter mit sehr viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung (ich bin nicht so der große Hefte-Einsammler, da passt mir das hier ganz gut).

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Interessierten Kollegen schicke ich die Mappe gerne zu – sie ist aber auch an üblicher Stelle zu finden. Diesmal auch als veränderbare .pptx-Datei, damit ihr sie… öhm… “auf euren Lehrertypus anpassen” könnt. (Falls ihr das Workbook nicht cool findet, wie es ist..!?)

Notenschlüssel

IMAG0235_1Carolina ist in ihrem letzten Grundschuljahr.
Das Zeugnis, welches sie nächste Woche erhält ist (mehr oder weniger) entscheidend für den weiteren Verlauf ihrer Schulkarriere. Daher habe ich mir ihre Klassenarbeiten in den letzten Monaten etwas genauer angesehen und bin irritiert: Nicht, dass ihre Noten schlecht wären – aber oft reicht schon ein Fehler, um kein “sehr gut” mehr zu schaffen. Die Bewertung scheint mir auch an anderer Stelle oft hart.

Beim Schulentwicklungsgespräch frage ich die Klassenlehrerin nach dem Notenschlüssel der Schule. Ein solcher Schlüssel beschreibt, wie viel Prozent richtige Antworten welcher Note entspricht.

”Ab 98% gibt es ein ‘sehr gut’” erklärt mir die Kollegin. “Ab 88% ein ‘gut’, ab 75% eine ’Drei’ und für eine ‘Vier’ braucht man 50%.”

Eine Grundschulkollegin aus dem Bekanntenkreis bestätigt mir, dass sie ähnlich bewerten würde.
Ich bin erstaunt. Erst recht, wenn ich den Notenschlüssel mit dem meiner Schule vergleiche. Genau wie die Grundschule ist auch eine Gesamtschule eine Schule “für alle Kinder”. Anders als Hauptschule oder Gymnasium haben wir eine extrem unterschiedliche Schülerschaft. Unser Notenspiegel orientiert sich an den Vorgaben für die Zentralen Abschlussprüfungen bzw. für das Abitur in NRW. Alle Klassenarbeiten in allen Fächern werden bei uns nach dem gleichen Schlüssel bewertet:

100% – 87% Note 1
86% – 73% Note 2
72% – 59% Note 3
58% – 45% Note 4
44% – 18% Note 5
17% – 0% Note 6

Da ergibt sich ein anderes Bild.

Ich drücke meine Irritation im Gespräch auch aus. “Wenn ich erst ab 98% ein ‘sehr gut’ verteilen würde, dann wäre das für viele Kinder ein ziemlich trauriges Schulleben.” Die Grundschulkollegin stimmt mir zu, erwähnt aber auch, dass sie trotzdem von Seiten der Eltern oft unter Druck stünde, deutlich härter zu bewerten. “Manche haben Zweifel, wie die Kinder überhaupt das Gymnasium schaffen sollen, wenn sie von hier kommen.”

Platt gesagt: An der weiterführenden Schule wäre jede Arbeit meiner Tochter stets eine Note besser bewertet worden. Von einem bayrischen Gymnasium weiß ich, dass sie auch (mehr oder weniger) unseren Schlüssel benutzen. Ich will dabei die Grundschule gar nicht groß kritisieren: Die machen da eine ganz wunderbare Arbeit und Carolina freut sich jeden Tag auf die Schule.

Ich finde das Ganze eher schwer zu beurteilen – zunächst einmal, weil ich kein Grundschullehrer bin und überdies, weil mir die langjährige Erfahrung fehlt. Aber eliminiert man mit der Grundschulversion nicht de fakto die Note “sehr gut”? Ein Fehler im Diktat. Irgendwo einmal verrechnet. Führt das nicht womöglich dazu, dass die Eltern den Druck auf die Kinder erhöhen oder diese den Spaß an der Schule verlieren? Es ist ja auch nicht so, als wären die Noten bedeutungslos: Es geht um den weiteren Bildungsweg.

Wie seht ihr das?
Und wie sieht der Notenschlüssel bei euch an der Schule aus? (Und erwähnt dabei zur Orientierung bitte Schulform und Bundesland.) Ganz besonders interessieren mich die Erfahrungswerte von Grundschulkollegen.

Einige Projekte für 2015

20141228_121347Die Ferien sind fast rum und dieses kleine Blog geht in sein sechstes Jahr – unglaublich, wie die Zeit vergeht.

Die Ferien habe ich sehr genossen und auch zwei Wochen lang nicht das Bedürfnis verspürt zu bloggen oder für die Schule zu arbeiten. Bailey hat das erste Mal in ihrem Leben Schnee gesehen – und lieben gelernt. Weihnachten war irgendwie zwischen “abgeklärt für die Große” und “noch nicht magisch für die Kleine”. Das wird in den nächsten Jahren sicher anders. Silvester ist nicht so meins: ich komme aus einer Ärztefamilie, da wurden Neujahr immer die ‘abgerissene-Finger’-Geschichten erzählt und so richtig Lust auf Böllern hat dann niemand.
Erst in den letzten Tagen habe ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und noch korrigiert und etwas Unterricht vorbereitet.

Große Bauchschmerzen bereitet mir dabei der Technikkurs meiner eigene Klasse: In der 7.2 steht das Thema “Energie” auf dem Lehrplan – aber damit werde ich nicht so richtig warm.
Ich möchte keinen zweiten Physik-Unterricht machen und nach und nach Elektrizitätsenergie, Wärmeenergie, mechanische Energie etc. abarbeiten. Jede Stunde mit einem Experiment und einer Folgerung. Der Vorteil daran wären vier Stunden Physik pro Woche – aber unter “Technikunterricht” verstehe ich eigentlich etwas anderes. Gerade das bauen und “werken” macht vielen Kindern Spaß. Die Papierbrücken haben für große Begeisterung gesorgt. Darüber hinaus darf ich meine zwei Schülerinnen mit Glasknochen nicht vergessen – viele Arbeiten sind für sie sehr mühsam.
Wenn ihr da Ideen und Vorschläge habt, freue ich mich sehr.

Überdies stehen in diesem Jahr noch ein paar weitere Projekte an.

  • mit meinem WP1-Kurs “Arbeitslehre Technik” (=Werken) in der 8 stecke ich mitten in einem Elektronik-Jahr. In den vergangenen Monaten habe ich diesen Kurs mithilfe eines selbsterstellten Workbooks strukturiert. Das hat prima geklappt und ich möchte das Heft gerne bis zum Sommer fertigstellen.
  • im nächsten Schuljahr möchte ich mit eben diesem Kurs eine komplette Produktfertigung (angelehnt an das 15-Euro-Mikroskop) mit der 16-Schritte-Methode (mehr dazu beizeiten) durchführen. Das wird jedenfalls großartig!
  • in diesem Jahr führe ich eine Mathematik-10 zum Abschluss. Damit schließen sich so langsam die letzten Lücken: Bald habe ich jedes Thema einmal gemacht und auch zu jedem dieser Themen eine Lerntheke erstellt. Bald kann ich mich daran machen, Fehler auszubessern, Fotos durch freie Bilder zu ersetzen und die Lerntheken Stück für Stück zum öffentlichen Download komplett freizugeben. (Das wird aber sicher noch etwas dauern.)
  • Wirklich unzufrieden bin ich mit meinem Physikunterricht. Sicher, er funktioniert und es sind auch ein paar Highlights drin (über die ich auch schon geschrieben habe) – aber insgesamt bin ich unzufrieden. Ich brauche noch etwas Zeit, um herauszufinden, woran genau es liegt – aber das darf muss besser werden.
  • Ab Sommer wird außerdem unsere Schule um einen weiteren Zug erweitert. Über diesen Umzug werde ich sicher auch das ein oder andere Mal schreiben.

Auch privat wird das Jahr aufregend: Unsere Vorbesitzer haben den Pool im Garten in einem restaurierungsbedürftigen Zustand hinterlassen – wir müssen erst mal entscheiden, ob wir ihn abreißen oder instandsetzen wollen. In jedem Fall  kommt noch Arbeit auf mich zu. Außerdem kommt Lina in eine weiterführende Schule und Amélie lernt krabbeln; letzteres wird in Kombination mit dem Hund noch spannend.

Euch jedenfalls einen guten Start ins neue Jahr und vielen Dank fürs Lesen! :-)

Rückblick und Ausblick

2014-12-12_13.00.08Nachdem der Anfang des Schuljahres mit meiner Klasse sehr schön, aber auch wirklich anstrengend war, hat sich das Geschehen nach den Herbstferien deutlich entspannt. In der 7. Klasse ist die Spannweite zwischen hochgradig und noch nicht pubertierenden Kindern enorm groß. Die Synapsen der Kinder feuern in alle Richtungen und es erfordert ein gehöriges Maß an Geduld und Anstrengung, diese Horde im Griff zu behalten.
Einmal mehr – und immer wieder – möchte ich betonen, dass der entscheidende Punkt die Zusammenarbeit mit den Eltern ist. Wir wissen, dass wir uns immer melden können und Unterstützung erfahren würden. Selbst die größten Rabauken der Klasse sind – objektiv betrachtet – harmlose Lümmel (ein herrliches Wort), weil Eltern und Lehrer gemeinsam Grenzen setzen und die Richtung vorgeben. Das  ist wirklich toll und ich erwähne das, weil ich es auch anders kenne.

IMG_20141128_104804Im Technikunterricht haben wir uns das vergangene Halbjahr mit Papierbrücken beschäftigt. Nach einem ersten Experimentieren und Forschen habe ich die Klasse in 4 Gruppen geteilt (zwei Jungen- und zwei Mädchengruppen) um sich komplett auszutoben.
Der Arbeitsprozess war sehr spannend zu beobachten. Bei den Jungen herrschte eine Art Neandertaler-Politik: Es wurde so lange herumgekaspert und gezankt, bis ein Herrscher erkoren war. Ab da ging es gut voran. Die Mädchen dagegen waren sehr auf sozial orientiert. Sie wollten keine Anführerin und waren entsprechend weniger zielstrebig im Arbeiten. Mit jeweils 7 Leuten waren die Gruppen sehr, sehr groß – eigentlich ein Unding. Es war mir aber wichtig, dass die Kinder sich trotzdem arrangieren, alle Mitglieder einbinden und es schaffen, aufkommenden Frust abzubauen. Je weiter die Projekte voranschritten, desto besser gelang ihnen das. Herausfordernd ist allemal die Inklusion: Zwar haben meine zwei Schülerinnen im Rollstuhl einen extra niedrigeren Tisch – aber gemeinsames Arbeiten ist dann trotzdem umständlich. Immerhin lässt sich  mit Glasknochen Papier leichter verarbeiten, als Holz.

Mit den Endergebnissen sind jedenfalls alle zufrieden.

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Am letzten Schultag hatte die Klasse gefragt, ob wir Wichteln würden, aber ich habe das abgeschmettert (das klingt jetzt arg hartherzig..). Meiner Erfahrung nach sind Wichtelgeschenke vor allem Müll und selten wirklich toll – also haben wir statt dessen gefrühstückt und jeder hat selbstgebackene Kekse mitgebracht. Das war auch schön.
Außerdem haben ein paar Jungs Hammer und Nägel besorgt und wir haben unsere Bilderwand im Klassenraum mit ein paar aktuellen Fotos erweitert. Auf die Frage, ob wir die alten Bilder aus der 5. Klasse abnehmen oder bis zum bitteren Ende hängen lassen wollen, kam ein klares “uuunbedingt hängen lassen!”

20141219_105546Es handelt sich um die ganz billigen IKEA-Bilderrahmen und obwohl meine Schüler Jungs beim Toben alles zerlegen, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf die Fotowand sorgsam geachtet. Sie gibt dem Klassenraum etwas familiäres, was mir sehr gefällt.

Traditionell endet der letzte Schultag mit einem Bläserkonzert auf dem Schuldach. Dabei spielen die Bläser (Lehrer, Ehemalige und Schüler) nicht nur für die versammelte Schülerschaft, sondern für das ganze Dorf. Hinterher gibt es Dank-Anrufe im Sekretariat aus dem Ort.

Das ist alles ganz schön Idylle hier.

Im nächsten Jahr wird es natürlich aufregend: Unsere Schule wird endgültig auf 5 Züge erweitert – das zweite Gebäude ist aber 15 Fußminuten entfernt. Die Realisierung wird spannend.
In den Ferien steht eine Korrektur an, außerdem muss mein Elektronik-Workbook erweitert werden. In der zweiten Jahreshälfte steht in Technik das Oberthema “Energie” an – da möchte ich eine passende Stationenarbeit entwickeln. Aber nicht mehr vor Weihnachten.

SEfU oder: Die Crux mit dem Feedback

Ich habe eine Feedbackrunde in einer meiner Klassen durchgeführt und spannende Ergebnisse erhalten. Die Frage ist aber – was mache ich jetzt damit?

Vergangene Woche habe ich meinen 10er Mathematik-Kurs geben, meinen Unterricht auszuwerten. Dazu habe ich die SEfU-Webseite benutzt.

Die Abkürzung “SEfU” steht für “Schüler als Experten für Unterricht“. SEfU ist ein Instrument zur Selbstevaluation des eigenen Unterrichts, das speziell für die Unterstützung der individuellen Unterrichtsentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern konzipiert wurde. Es bietet der bzw. dem Lehrenden die Möglichkeit, sich ein Bild über den eigenen Unterricht zu schaffen, und zwar aus Sicht derer, für die er gestaltet wird: die Schüler.

Der SEfU-Fragebogen wird seit Februar 2005 im Online-Verfahren von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betreut, wissenschaftlich begleitet und fortlaufend weiterentwickelt.

Dort muss ich mich anmelden und meinen Kurs “registrieren”. Anschließend erhalte ich einen Haufen Zugangsschlüssel, die ich den Schülern aushändige. Der Vorteil: Sie müssen sich nicht registrieren oder irgendwelche Daten angeben – der Schlüssel führt direkt zum richtigen Bogen.

Das habe ich gemacht.
Zwei Aspekte haben die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst: Erstens ist die Klasse mir sehr ans Herz gewachsen – wir haben eine Menge Unsinn miteinander getrieben und vor Jahren bspw. mit dem DFB zusammengearbeitet. Das verfärbt die Antworten zu meinen Gunsten.
Zweitens: Die Auswertung erfolgte direkt nach einer schweren Mathematikarbeit. Das sorgt wiederum eher für negative Rückmeldungen.

SEfU bietet eine wirklich tolle, fachspezifische Auswertung. Es beginnt mit einer allgemeinen Erhebung:

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Es ist erst einmal schön zu sehen, dass ein großer Teil der Schüler gern in die Schule geht – sich unabhängig davon aber alle in der Klasse sehr wohl fühlen. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Aussagekraft ihrer Antworten. Ein Kurs, indem sich niemand wohl fühlt und alle Schule als Zeitverschwendung empfinden, wird definitiv anders antworten.

Anschließend erfolgt eine detaillierte Auswertung der Schülerantworten:

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Über viele Antworten freue ich mich, aber natürlich gibt es immer ein, zwei Schüler die unzufrieden sind. Das ist schade, lässt sich aber kaum vermeiden, besonders nicht in den Hauptfächern.

Toll finde ich:

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Doof finde ich:

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Schließlich gibt es noch ein Feld für freie Antworten, im positiven (“Ich finde toll”) wie im negativen (“Ich wünsche mir von ihm..”). Ein kleiner Auszug:

  • Am liebsten hätte ich ihn für immer in mathe den er gibt mir den arschtritt den ich brauche

Bzw.

  • Mehr rote Stationen [also schwerere Aufgaben]
  • Manche Schuler könnten sich [Anm.: … durch meine flapsige Sprache] nicht wohl fühlen, dass ist zwar witzig für alle anderen, aber für den Betroffenen ist das ¨nicht schön und er fühlt sich dadurch evt. benachteilig und unwohl
  • Ich wurde gerne mal Hausaufgaben auf bekommen. […] Nach meiner Meinung beabeiten wir zu wenig im Buch und müssen viel zu sehr eigenständig arbeiten. Wir sollten auch zwei Stunden in der Woche an der Tafel Aufgaben bei denen Schüler schwierigkeiten haben zusammen besprechen

[sic!]

Und nun?
Seit einigen Tagen durchdenke ich diese Ergebnisse und vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen in der Universität, wo solche Auswertungen mittlerweile üblich sind. Der Ansatz von SEfU lautet “Schüler als Experten für Unterricht” – und schon da zweifle ich.
Beispiel oben: Klar wünschen sich die Genies der Klasse noch mehr “Rote Aufgaben”. Meine Erfahrung ist aber, dass sich auch sehr gute Schüler bisweilen in ihre Spezialaufgaben verrennen und schlussendlich die Basics aus den Augen verlieren. Es hat also seinen Sinn, dass auch die Leistungsstärksten die Grundlagen wiederholen müssen.
Oder: Klar ist der ein oder andere vom eigenständigen Arbeiten genervt – aber ich verfolge ja einen Zweck damit. Die SchülerInnen sollen auf die Oberstufe bzw. ein Berufsleben vorbereitet werden.

Letztlich kann ich die Kritikpunkte der Schüler komplett nachempfinden – ich werde sie aber nicht ändern, weil ich ja gute Gründe dafür habe. Das aber führt zu einem Problem: In der Uni hat mich seinerzeit sehr genervt, dass die Professoren zwar Auswertungsbögen herumgaben – letztlich aber gar nichts verändert haben. Bei mir bzw. den Studenten entstand Frust und die (berechtigte) Frage, wozu man da überhaupt irgendwas ankreuzen solle. Gleiches würden womöglich meine Schüler empfinden – darum würde (und werde) ich mit Feedbackbögen sehr vorsichtig umgehen.

Schüler als Experten für Unterricht? Schwierig.
(Um ein plakatives Beispiel zu bringen: Ich koche für meine Tochter. Trotzdem ist sie kein “Experte für Kochkünste”, denn ihre Kritik besteht stets aus “zu viel Gemüse” und “zu wenig Schokolade”. Die Aussagekraft ist aber eher marginal.)

Es bleibt trotzdem die Frage, welchen Nutzen ich aus diesen Daten ziehen soll.
Nach einigen Tagen des Grübelns und Durchdenkens, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich so eine Auswertung nicht wiederholen werde.
Ich kann (rede ich mir zumindest ein) sehr gut damit leben, wenn Schüler mit mir sprechen und Wünsche oder Kritik äußern. Beides ist in der Vergangenheit oft geschehen und ich habe mich auch schon bei Schülern für dieses oder jenes entschuldigt. Aber so anonymisierte Kritik (“Bitte mehr mit dem Buch arbeiten”) nervt mich eher – ich habe ja Gründe, das nicht zu tun und möchte das lieber erklären können. Und natürlich finden Sabine und Jeremy es womöglich nicht toll, dass ich ihnen permanent Druck mache (“in den Arsch trete“) und sie antreibe – trotzdem ist das nötig, damit sie einen Schulabschluss erreichen.

Am Ende bleibt von dieser Erhebung, dass die meisten zufrieden sind, Das wusste ich aber auch vorher schon.

Wie handhabt ihr das?
Nutzt ihr Feedbackbögen? Habt ihr schon Aspekte eures Unterrichts auf Basis solcher Erhebungen verändert?

Schülerhirn im Unterricht (SiS)

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Vertretungsstunde in meiner eigenen Klasse. Die Jungs sind aufgedreht und unruhig. “Timo”, greife ich mir einen raus und plötzlich wird es ganz still, “du darfst jetzt entscheiden: Ihr könnt Handy spielen und quatschen und tun, was ihr wollt… für etwa 30 Sekunden. Danach endet meine Geduld und ihr bekommt eine Stillarbeit. Oder ihr werdet jetzt leise und wir schauen uns Christians Gehirn an.”

Timo zögert.

Gleichzeitig (!) lehnen sich die Banknachbarn von links und rechts zu ihm rüber und flüstern halblaut durch die Klasse: “Nimm die 30 Sekunden Handy! 30 Sekunden, Mann! Handy!!!”
Dabei grinsen sie mich wie Verrückte an.

Im Stillen beiße ich mir auf die Zunge um nicht loszulachen. Am Ende wird sich aber doch für die Alternative entschieden.

Einer meiner Schüler hat eine Untersuchung im MRT über sich ergehen lassen müssen. Schon vor Wochen hatte ich ihn gebeten, vom Krankenhaus die Bilder anzufordern und mitzubringen – damit könne man im Physikunterricht ganz wunderbar arbeiten.

Und das tun wir dann auch.
Während wir uns Scheibe für Scheibe durch den Kopf arbeiten, betrachten wir die verschiedenen Hirnareale, erläutern den Unterschied zwischen MRT und CT und schaffen die Verknüpfung zum aktuellen Physikthema (Elektrostatik – Mit einem geladenen Plastikstab kann man einen Wasserstrahl ablenken). Die Kinder berichten von Unfällen im Bekanntenkreis die mit Kopf oder Wirbelsäule zu tun haben und wir erinnern uns gemeinsam an das, was wir bei unserem Erste-Hilfe-Kurs gelernt haben.

Am Schluss haben wir versucht, die einzelnen Bereiche des Gehirns zu benennen, was mich zu einem neuen ‘Schule im Schaubild’ führt:

 

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Revision – Wozu eigentlich?

IMG_20141118_093250Heute hatte ich die Nachbesprechung meiner eigenen zwei Revisionsstunden und ich will gar nicht soviel darüber erzählen, was daran nun gut oder blöd war.
Einzig folgender Aspekt: Mein Unterricht lebt ganz besonders von der Beziehung zwischen mir und den Schülern. Es wird gelacht, Sprüche geklopft und wild ins Blaue hinein spekuliert. Wenn jedoch Prüfer (oder insbesondere die Schulleitung) im Klassenraum mit dabei sitzt, dann werden selbst die größten Chaoten plötzlich handzahm. Das ist natürlich nett gemeint, weil man mir ja helfen möchte, aber wenig hilfreich: Ich habe lieber lustige, lebendige Schüler die auch mal Unsinn machen, als handzahme, stumme Kinder, die sich kaum trauen, vor der Schulleitung etwas Falsches zu sagen.

Aber ganz ab davon ein paar Gedanken zu so einer Revision. Es gibt vier mögliche Ergebnisse dieser “Dienstlichen Beurteilung”:

  1. Der Beamte ist voll diensttauglich.
  2. Der Beamte ist überdurchschnittlich, großartig, fast schon gottgleich diensttauglich.
  3. Der Beamte ist nicht diensttauglich.
  4. Aus bestimmten Gründen ist eine Beurteilung nicht möglich.

Der Unterschied zwischen Ergebnis ‘1’ und ‘2’ besteht in der Wartezeit auf Beförderungsstellen. Ist man ein Superlehrer, verkürzt sich diese Wartezeit um ein Jahr. Ich dürfte also z.B. schneller Abteilungsleiter werden. Dies ist aus verschiedenen Gründen spannend: Denn tatsächlich kann (im positiven Fall) nur ein einziges Ergebnis erreicht werden:
Wenn nun mein Schulleiter davon überzeugt wäre, ich sei nicht nur ein großartiger Kollege, sondern ein außergewöhnlich fantastisches Exemplar, dann müsste er bei der zuständigen Bezirksregierung persönlich vorstellig werden und dort begründen, weswegen er mich für so toll hält. Diesen Aufwand nehmen bestimmt viele Schulleiter (die sonst auch nur wenig zu tun haben) gerne in Anspruch. Es gibt also nur “voll diensttauglich”.

Als Lehrer habe ich bei so einer Beurteilung entsprechend nichts zu gewinnen (Lehrer bin ich ja schon), ich kann höchstens verlieren (“Das reicht nicht”). Das senkt natürlich die Motivation für eine solche Revision ganz erheblich: Ob ich nun sterbenslangweiligen “schreibt-den-Text-Buch-Seite-16-ab”-Unterricht oder außergewöhnlichen “Wir-machen-eine-Exkursion-in-die-Kanalisation”-Unterricht mache spielt keine Rolle.

Am Ende ist beides diensttauglich.

Morgen dann Elternsprechtag. Das ist eigentlich immer nett.

“Dienstliche Beurteilung”

Zu Beginn einer Lehrerkarriere wird man von der Schulleitung auf Tauglichkeit überprüft. “Revision” nennt sich das. Ähnlich wie ein Unterrichtsbesuch bei den Referendaren setzt sich mein Schulleiter in meinen Unterricht und verfasst eine “Dienstliche Beurteilung” über das, was ich da so tue.

Bei mir steht das Dienstag an.

Ich wurde von meinem Schulleiter darauf hingewiesen, keine Showstunde zu machen, sondern ganz normalen Unterricht. Aber natürlich überlegt man sich Stundeninhalt und –verlauf sehr genau und da ich meinen eigenen Unterricht oft genug ganz wunderbar finde (oft genug aber auch nicht), freue ich mich auch sehr auf Dienstag.

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“Oh scheiße…” – ein Lehreralbtraum

2014-02-01 12.46.01 (Small)Meine KollegInnen am Tisch trugen mir auf, in meinem Blog doch endlich mal darüber zu schreiben, wenn etwas so richtig scheiße lief. Die Wahrheit eben.

Hier also ein – tatsächlich erlebter – Lehreralbtraum:

Vor einigen Jahren, direkt zu Beginn meines Referendariats bekam ich eine 10. Klasse Physik. Nebenfach. Randstunde. Einmal pro Woche. Thematisch behandelten wir die Elektrizitätslehre und es ist etwas mühsam, bei Schülern, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, Begeisterung und/oder Interesse für Physik zu wecken.
Im Verlauf der Unterrichtseinheit bat ich einmal eine Schülerin, eine einfache Schaltung an der Tafel zu skizzieren. Jene Schülerin lehnte sich in ihrem Sitz zurück, schnaufte einmal durch und sagte: “Nö, das kann ich eh nicht.”

Ich wiederholte meine Aufforderung. Gleiches Ergebnis, sie etwas patziger im Ton.

Ein drittes Mal. “Versuche es doch einfach – wir werden dir schon helfen.”

“Nee – mach ich nicht.” Sie verschränkte die Arme und machte deutlich, dass sie heute gar nichts mehr tun würde.

Ich hatte mich da in eine richtig beschissene Situation manövriert. Ein Machtspielchen. Ich konnte sie schlecht zwingen, aber wenn ich sie – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht irgendwie zur Tafel brächte, dann würde sich auch jeder andere weigern.  Diese Schülerin würde sich jedenfalls keinen Millimeter bewegen und die anderen fünfundzwanzig Kursteilnehmer beobachteten sehr genau, was jetzt geschehen würde. (Tatsächlich ist das ja eine typische Referendariats-Frage: Was mache ich, wenn der Schüler einfach nicht tut, was ich sage?)

An dieser Stelle möchte ich kurz unterbrechen und euch fragen: Wie hättet ihr reagiert? …bevor ich dann übermorgen berichte, was ich getan habe.

Respekt vs. Affentanz in der Schule

Vor einigen Monaten erzählte eine Kollegin halb scherzhaft, sie habe mal ein Lied über die binomischen Formeln [ (a+b)² = a²+2*a*b+b² ]   mit ihren Schülern eingeübt. Und nach einmal vorsingen hatte ich die Melodie in meinem (von Unsinn zugemüllten) Kopf – und da ging sie auch nie wieder raus.
Vor zwei Wochen dann wagte ich in meiner 10 ein amüsantes Experiment: Ich erzählte ihnen von einem alten Wikingerlied, mit welchem man jene binomischen Formeln lernen könne. Man habe auf einem alten Schiff die Formeln und zugehörigen Noten eingeritzt in die Planken gefunden.

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Passend dazu: Meine Bartmütze mit gestrickten Hörnern und langem, rotem Wikinger-Rauschebart.

Ich sang.

Oder vielmehr: Ich krächzte. Denn ich bin kaum in der Lage, einen Ton zu halten. Aber für die Schüler war es ein großer Spaß.
Zweimal vorgesungen, dann konnten es alle.

Später in der Woche erzählten einzelne Schüler, sie hätten das Lied ihren Eltern vorgesungen und nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Die Formeln würden jedenfalls sitzen. Noch eine Woche später sangen wir das Lied zweistimmig im Kanon.

Solche Aktionen sind stets ein Tanz auf der Messerklinge: Ich mache mich vor meinen Schülern ein Stück weit zum Clown; es wird gelacht und gejohlt und auch wenn sie sich in zehn Jahren kaum mehr an den Inhalt erinnern: Der singende Wikinger-Lehrer bleibt haften.
Spannend ist für mich, dass die Klasse nicht den Respekt vor mir als Lehrer verloren hat. Weder muss ich mich mit lustigen Aktionen bei den Schülern anbiedern, noch gewinnen sie den Eindruck, die Schüler-Lehrer-Distanz würde fallen.
Statt dessen quengeln mich meine 8er an, sie wollten das Lied bitteschön auch lernen.

Solche Spökes-Aktionen kann man nicht mit jeder Klasse machen. Denn es geht auch um gegenseitiges Vertrauen: Ich muss darauf setzen, dass keiner meine Schüler den Auftritt filmt und online stellt. Ich muss darauf vertrauen, dass sie die Aktion als Witz verstehen, aber nicht vom eigentlichen Ziel des Unterrichts abgekommen.

Solche Stunden sehen wirklich großartig aus – weil sie locker erscheinen und gute Laune hinterlassen. Aber dahinter steckt enorm viel Arbeit mit den Schülern und ich habe innerlich Blut und Wasser geschwitzt, als ich da stand und vor dreißig Schülern zu singen begann.

Aber hinterher weiß ich: Es lohnt sich.