Der Physiker & die Wahrsagerin

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Vergangenes Wochenende gab es hier in der Nähe ein großes Mittelalterfest. Mit Rittern und Burgfräuleins, Minnesang und Schwertkampf und für zwei €uro Silberstücke konnte man sich sogar zum Ritter schlagen lassen. Und natürlich mit Kartenlegern und Handlesern. Sozusagen die mittelalterliche Entsprechung der Aktienanalysten heute. Und als Physiker, Naturwissenschaftler, Lehrer oder einfach nur als aufgeklärter Mensch wollte ich es wissen. Wirklich wissen!

Ist da was dran?

nächste Schritte…

Seit heute ist es offiziell – ich habe den Vertrag an meiner neuen Schule unterschrieben (hach.. wie aufregend!) und damit nähert sich das Ende meiner Referendariatszeit mit Riesenschritten.

imageFür alle angehenden Lehrer sei an dieser Stelle kurz skizziert, wie so etwas abläuft:
Einige Wochen im Jahr dürfen die Schulen von sich aus freie Stellen ausschreiben. Das tun sie in NRW in Form des Online-Portals Leo. Dort gibt man seine Fächer und die gewünschte Schulform ein und erhält alle aktuellen Gesuche von Schulen. Dies nennt man “schulscharfe Ausschreibung". Im Unterschied zu früher ist die Examensnote hier erstmal noch nicht von essentieller Bedeutung – bewerben darf man sich überall. Praktisch dabei: Ich muss meine Bewerbung nur an die Schule schicken – das Portal leitet meine (vorher eingegebenen) Daten direkt an die Bezirksregierung weiter.
Alternativ kann man sich auch im “Listenverfahren” auf eine Liste setzen und wird dann, je nach Bedarf und Examensnote, einer Schule zugeteilt. Das kann dann aber unter Umständen auch in Wiedenborstel sein.

Endet die Frist der Bewerbung werden alle Kandidaten (=Lehramtsanwärter) zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und müssen dürfen sich den Fragen von Schulleitung, Personalrat, Elternvertretung etc. stellen. Interessant hierbei: Die Bewerbugnsgespräche sind meistens alle an einem Tag – habe ich mich als Referendar also an verschiedenen Schulen beworben, habe ich unter Umständen Schwierigkeiten. Jetzt beginnt ein Pokerspiel zwischen Bewerbern und Schulen. Hier gilt: Die Wahl der Uhrzeit für das Gespräch lässt zuweilen (!) Rückschlüsse auf die Wertschätzung des Kandidaten zu. Beispiel: Schule X will den Kandidaten Y unbedingt haben. Also wird sie ihn so terminieren, dass er möglichst nicht an anderen Bewerbungsgesprächen teilnehmen kann. ‘10 Uhr’ ist so ein Killer-Termin. Da kann ich vorher nur schlecht bei einer anderen Schule (inklusive Anreise) sein und hinterher wird es auch schwierig.
Nach allen Gesprächen einigt sich die Runde auf eine Rangfolge der Kandidaten. Die Referendare bekommen also einen Anruf und wissen direkt “ich bin Nummer 2” oder so. Wenn Kandidat 1 absagt, ist “2” dran und so weiter.

Ich hatte Glück.
Meine neue Schule wollte mich unbedingt und ich wollte unbedingt dorthin (“Was muss ich tun? Ich arbeite hier auch als Hausmeister!”) – und habe mich entsprechend nirgendwo anders beworben.

Nach einem guten Gespräch und der Vertragsunterschrift (Party-Smiley) habe ich noch mit ein, zwei zukünftigen Kollegen gesprochen und mich über Lehrinhalte, Schulbücher etc. kundig gemacht, um möglichst reibungslos in meiner neuen Stelle starten zu können.

Nun beginnen sie also… meine letzten Tage und Wochen an meiner alten Schule. Mit meiner großartigen Mitreferendarin planen wir eine ordentliche Abschlussparty für “unsere” Klassen. Meine Lerntheken werden nach Hause geschleppt und ein klein wenig Wehmut schleicht sich ein.

Hach… ich freu mich! Smiley

Südkorea digitalisiert das Schulsystem

Vergangenen Mittwoch (29.6.2011) hat das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie verlautbaren lassen, man wolle Students read textbooks on notebook PCs at Guil Elementary School in Seoul on Wednesday. /Yonhap 1,4 Milliarden Euro investieren, um eine “Umgebung zu schaffen, in der Schüler/Studenten besser und interaktiver auf Lehrstoff zugreifen können.”
Immer und zu jeder Zeit.

Konkret will man zum einen Inhalte digitalisieren. Alle Schulbücher zum Beispiel. Zum anderen aber auch jeden Schüler und jede Schülerin mit einem (richtigen) TabletPC ausrüsten.

Südkorea ist so etwas wie das Digitalien der Welt. Die durchschnittliche (!) Breitband-verbindung beträgt 100 Mbit/s. Ich bin mit meinem 16 Mbit/s schon ganz glücklich. Bis Ende 2012 soll in Südkorea eine Bandbreite von 1 Gbit/s Standard sein. Papiertickets gibt es für den öffentlichen Nahverkehrt seit 2004 praktisch nicht mehr. Alles wird direkt mit dem Handy bezahlt. (Und entgegen aller deutschen Untergangspropheten ist in Südkorea noch nicht die Welt untergegangen. Auch nicht die Datenschutzwelt.)

Was bedeutet das für mich?
Ganz sicher vollzieht sich der digitale Wechsel in Deutschland langsamer, als in Südkorea. Aber er wird hier nicht halt machen. Das bedeutet, ich muss als Lehrer ununterbrochen dazulernen und mit der Zeit gehen – sonst wird es bald sehr schwer. So wie die meisten anderen Berufe auch wird sich nun auch der der Lehrers in den kommenden Jahren massiv verändern.
Kaum ein Beruf, der das nicht schon hinter sich hat: Man denke bspw. an den KFZ-Mechatroniker heute und vor fünfzig Jahren. Ich glaube jeder, der sich heute überlegt, Lehrer zu werden, muss sich vor Augen halten, dass dieser Beruf nicht die nächsten vierzig Jahre mit Kreide und Schwamm zu vollziehen ist. Ob man das gut findet oder nicht.

Vielleicht fliege ich in ein paar Jahren nach Südkorea und schau mir an, wie die das so machen Smiley.

Kraftwerk? Ich bin auf jeden Fall dagegen.

Durch die entsetzlichen Geschehnisse der letzten Tage ist die Diskussion um die Atomkraftwerke neu entflammt. Und während ich meinem Physikkurs alltagsbezogene Fragen auch am Wochenende zumaile (“Was hat es mit den Jod-Tabletten auf sich, die ständig erwähnt werden?”), beobachte ich besorgt die neu aufkommende Diskussion über das Für und Wider von Atomkraft.

Viele Menschen sind gestorben. In Tschernobyl. Nun in Fukushima. Und viele Menschen sind krank geworden. Durch Tschernobyl. Und vermutlich auch in den nächsten Jahren durch Fukushima.

Oft vergessen wird aber, dass auch durch Kohlekraft Menschen sterben. Eine Menge Menschen. Nur in China sind das rund 6000 Bergleute pro Jahr. Seit 1949 sind dort über 250000 Tote Bergleute verzeichnet. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Dazu kommen Folgeschäden durch Kohlebrände, Smog etc.
In der Ukraine sind seit 1991 knapp 4000 Bergleute gestorben. Indien? Sibirien? Kolumbien? Keine Orte, an denen ich gerne Bergmann wäre.

Als Physiker bin ich ein Anhänger der Kernfusion – allerdings bemühen sich die Grünen gerade, diese Technologie zu begraben. Es seien bis 2020 schließlich schon 6 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung geflossen – ein “Milliardengrab”.
(Um die Kosten besser einzuschätzen: Über 1 Milliarde Euro haben die Eurofighter gekostet; etwa 36 Milliarden Euro kostet der Krieg ‘kriegsähnliche Zustand’ in Afghanistan. 7,6 Milliarden Euro kassierte die GEZ im Jahr 2009. Flappsig formuliert: Wir könnten uns zehn Jahre intensive Kernfusionsforschung leisten, wenn wir ein Jahr auf das “Musikantenstadl” und “Wetten Das…!?” verzichten würden…)

Mir fällt vor allem eines auf: Diese Diskussion ist weit, weit größer, als das ich mit meinem Sachverstand ein vernünftiges Urteil abzugeben imstande wäre. Leider fehlt mir im Moment jedoch das Vertrauen, um die Ratschläge und Argumente einzelner Politiker/Gruppen/Parteien wirklich ernst zu nehmen.

Geht das nur mir so?

Roboter-Lehrer ab 2012

Ich muss zugeben, ich bin ein Fan von I Robot. Aber was Südkorea da plant, jagt mir doch eine Gänsehaut über den Rücken:

Ab 2012 sollen an 500 Kindergärten und Vorschulen Roboter als Erzieher zum Einsatz kommen. Bis 2013 soll das System auf 8000 Einrichtungen ausgedehnt werden.

imageDie Roboter sollen zum Beispiel zum Vorlesen von Geschichten eingesetzt werden. Für mich als Lehrer ist das zunächst einmal eher spannend, als bedrohlich.

Denn es ist noch gar nicht so lange her, da ging man mit der zunehmenden Verbreitung von Computern davon aus, dass sich das Lernen durch eben diese steuern, individualisieren und verbessern ließe. Die Vision war, dass jeder Schüler eines Tages nur noch von und mit seinem Computer lernt, der ihn individuell immer genau richtig fordert und fördert.

Offenkundlich sieht die Realität anders aus. Schüler nutzen ihre Laptops, um im Unterricht Pornos zu gucken – nicht aber für abgestimmtes Lernen.

Und ein weiterer Punkt kommt mir in den Sinn.

Im 13. Jahrhundert wollte Kaiser Friedrich II. die Ursprache der Menschheit herausfinden. Zu diesem Zweck lies der Kaiser einige Babys direkt nach der Geburt von ihren Müttern trennen und gab sie in die Obhut von Ammen. Diese waren angewiesen, die Babys zu säubern und zu füttern, aber jeglicher liebevoller Kontakt, jedes Streicheln oder gar liebevolle Worte waren den Ammen verboten. Auf diese Weise wollte Friedrich herausfinden, welche Sprache die Babys entwickeln würden. Die Antwort ist

Gar keine.

Denn alle starben.

Wir Menschen sind Beziehungswesen. Das Bedürfnis nach Geborgenheit, Anerkennung und Liebe ist so tief in uns verwurzelt, dass wir nicht ohne können.

Ich wage zu behaupten, dass wir in einigen Jahren genug von all dem haben: Genug von der Hektik, von dem technischen Firlefanz und der Anstrengung, stets mit der Zeit gehen zu müssen.

David Levy sieht das allerdings anders ;-) .