bunte Schulbücher…

Seit einigen Tagen herrscht eine ganz spannende Diskussion über Zukunft und Gegenwart aktueller Schulbücher. Spannend deswegen, weil sie nicht von Poliktern, Schulbehörden oder Verlagen geführt wird, sondern von Lehrern. Frustrierten Lehrern oder zumindest solchen, die mit den aktuellen Schulbüchern unzufrieden sind.

Auch ich kann mir mehr vorstellen – deutlich mehr. Aber bevor ich die Ärmel hochkremple und etwas tue, will ich mir noch ein paar Gedanken über die Richtung machen, die ein neues Schulbuch einschlagen soll – keine Sorge, ich werde gleich deutlicher.

So in etwa sah ein Mathematikbuch vor dreißig Jahren aus:

Folie3

Folie4

 

 

 

 

 

 

 

 

Oben auf der Seite wurde die Regel erläutert. Und dann folgten zwei, drei Seiten stupides Üben. “Päckchenrechnen” nannte man das. Am Ende konnten die SuS die Regel anwenden. Nicht unbedingt verstehen – aber anwenden.

Heute sehen Mathematikbücher eher so aus:

Folie1

Folie2

Es gibt einen kleinen Text mit Alltagsbezug. Am Seitenrand immer “Tipps”, zwei bis fünf Fotos und kompetenz-orientierte Aufgaben. Das bedeutet, mal sollen die Schülerinnen und Schüler rechnen, mal diskutieren, mal den Taschenrechner einsetzen und mal ein Modell entwickeln.

Grundsätzlich bin ich ein großer Anhänger der modernen Version: Den cleveren Kindern wird keine stupide Fleißarbeit zugemutet. Pfiffige Aufgaben in vielen Variationen machen den Unterricht abwechslungsreich und bemühen sich zumindest, die Mathematik mit dem Alltag zu verbinden.

Für leistungsschwächere Schüler sind die Bücher dagegen eine Katastrophe. Es ist kaum möglich, eine gewisse Routine zu erlangen, weil hier dies und dort jenes verlangt wird. Die Bilder und Geschichten lenken ab und verwirren. Die Schüler haben gerade den Pythagoras kennengelernt, da kommt eine Geschichte über seinen Lebenslauf, eine Info darüber, dass die Erde ein Ellipsoid ist und darüber, wie in handwerklichen Berufen der Satz des Pythagoras gebraucht wird und anschließend ein kleiner Text, warum “Überschlagen” in der Mathematik so wichtig ist. Und dazwischen immer wieder Fotos und bunte Kästchen, die anzeigen, welche Kompetenz hier gefördert wird.

imageIch arbeite im Unterricht gerne mit Lerntheken. Dabei werden einzelne Aufgaben auf Karteikarten geklebt, z.T. mit Lösung auf der Rückseite. Das Funktioniert in Physik ebenso wie in der Mathematik. Beim Pythagoras sind das nur ein bis zwei Aufgaben je Karte, beim Rechnen in Q einige Dutzend.
Die SuS kommen mit dieser Art des Übens sehr gut klar: Sie haben Erfolgserlebnisse, wenn sie eine ganze Karte geschafft haben und sie werden nicht durch zig Texte, Bilder und Infos abgelenkt. Dazu arbeite ich mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen, so dass jeder Schüler selbst entscheiden kann, wann er sich mit den schwierigen Karten auseinandersetzen will (Bsp: “Ein Rohr, das senkrecht an einer Mauer steht, rutscht um 3 Ellen herunter. Dadurch ist das der Fuß des Rohrs 9 Ellen von der Mauer entfernt. Wie lang ist das Rohr?”).

Bei meinen Lerntheken arbeiten die Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich – das bedeutet, ich kann einen Kaffe trinken gehen rumgehen und Fragen beantworten, helfen, beraten oder einfach mal mit den Schülern plaudern. Diese Form des Unterrichts liegt mir sehr und den Schülerinnen und Schülern (denke ich) auch. Einige leihen sich die Karten aus oder bekommen sie per E-Mail zugeschickt. Immer wieder gibt es natürlich auch von mir gesteuerte  Stunden – aber knapp ein Drittel meines Unterrichts in jeder Klasse läuft komplett autonom, d.h. ohne mich.

Und dabei merke ich – ich brauche das Buch eigentlich gar nicht. Was ich bräuchte, sind mehr Lerntheken. Vieleicht sollten wir Lehrer eher daran arbeiten? Smiley

Die Vorlage für meine Lerntheken gibt es hier zum Download.

Schreibe einen Kommentar zu David Gerlach Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

21 Gedanken zu “bunte Schulbücher…”