Ines‘ Geschichte

„Wenn Sie diese Geschichte erzählen“, fordert Ines von mir ein, „dann erwähnen Sie auch, dass es die Mädchen geschafft haben!“ Ihre Augen glühen, ihr Ton lässt keinen Widerspruch zu. Ich hebe die Rechte und gelobe Gehorsam.

Ein halbes Jahr vorher

Ich frage meine Oberstufenschüler nach ihrer Selbsteinschätzung. Bevor ich ihnen meine Noten um die Ohren haue, höre ich mir immer gerne von jedem Schüler an, welche Note er aus welchen Gründen für gerecht empfindet. In 9 von 10 Fällen stimme ich überein, in der Tendenz neigen Jungs dazu, ihre Leistung zu über-, Mädchen dagegen die eigene zu unterschätzen. Ich höre mir ihre Einschätzung an und überdenke meine eigene Sicht – zuweilen kommt es vor, dass ich Schüler nicht richtig sehe und dann ist ein Korrektiv hilfreich.
Ines meldet sich. Leistungsstark, fleißig, aber eher zurückhaltend. Physik wird wohl nie ihr Lieblingsfach. Sie bewertet sich selbst eine ganze Notenstufe schlechter als ich es täte. Innerlich seufzend trage ich einfach die bessere Note ein und beschließe, ein andermal mit Ines über ihr Selbstbild zu reden.

Das Wochenende kommt und geht und am Montag begrüßt mich Ines vor dem Lehrerzimmer. Sie druckst herum, ist sichtlich nervös. „Herr Klinge“, murmelt sie leise, „ich bin mit meiner Note nicht einverstanden und habe Angst, dass Sie mir jetzt die Schlechtere geben, weil ich das so gesagt habe.“
Ich kann nicht anders – ich muss laut lachen. Eine befreundete Beratungslehrerin hatte mich schon vorgewarnt. Bei ihr hatte Ines nämlich vorsichtig gefragt, ob sie es wohl wagen könne, mich nochmal anzusprechen. Sie, Ines, habe das ganze Wochenende nicht schlafen können, Bauchschmerzen gehabt und wäre richtig unglücklich.

Ich lache und lache und erkläre ihr erstens, alles andere als die bessere Note wäre auch eine Frechheit. Zweitens: ich würde ihr das schlechte Wochenende von Herzen gönnen, denn diesen Fehler würde sie so schnell nicht nochmal begehen und drittens: Für alle Zukunft wünsche ich ihr weiterhin genau diesen Mut, mich anzusprechen. Wunderbar!

Später im Schuljahr sprechen wir noch einmal darüber. Sie ahnt schon, dass sie in zukünftigen Kursen als Exempel dienen wird und ich wiederhole meine Hoffnung, dass ihr diese falsche Bescheidenheit über die eigene Leistung nicht wieder geschehen würde.

Jetzt

Wieder Physik.
Weil ein Teil des Kurses auf einer Ski-Freizeit ist, beschließe ich, mit dem Rest Herons Brunnen zu bauen. Wahllos setzen sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen zusammen. Sie erhalten eine Anleitung und genügend Material: Flaschen, Heißkleber, Trinkhalme. Vorne sitzen ehemalige Schüler aus meinem Technik-Kurs, hinten eine Gruppe fröhlicher Clowns. Ines hat sich mit einer Gruppe Schülerinnen links von mir zusammengefunden.
Während an jedem Tisch gegrübelt und gebastelt wird, beobachte ich Beteiligung und Engagement der Arbeit. Klassische Gruppenarbeits-Dynamiken. Die Clowns bauen nebenher ein Katapult, die Techniker betrachten die Aufgabe als exakte Wissenschaft und der Mädchen-Tisch bastelt einfach drauf los.

Am Ende funktioniert der Brunnen nur bei einer einzigen Gruppe: Jenem Mädchentisch.
Die Schülerinnen selbst scheinen darüber mehr verwundert, als ich es bin – aber in diesem Beitrag geht es mir um etwas anderes. Nachdem gestaunt und gewürdigt und fotografiert wurde, steht Ines vor mir. „Ist Ihnen auch aufgefallen, dass der Brunnen nur bei uns Mädchen funktioniert?“, fragt sie mich selbstbewusst.

Ich muss lachen. Nicht so sehr über das vermeintliche Wunder eines erfolgreichen Brunnenbaus, sondern über meine Schülerin.
Über die Entwicklung von jemandem, der vor einem halben Jahr noch Bauchschmerzen hatte, mit mir über eine gerechte Notenvergabe zu sprechen hin zu einer jungen Frau, die sich vor mir aufbaut und sehr klare Vorstellungen davon hat, was sie leistet und was das wert ist.

Schule vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch Kompetenzen, also die Fähigkeiten, bestimmte Hürden zu bezwingen. Was auch immer Ines später beruflich machen wird – sie gehört hoffentlich zu jener Generation Frauen, die sich nicht mit genderungleichem Gehalt zufrieden geben wird. Sie hat gelernt, für sich einzustehen. Und bei aller Liebe zu meinen Fächern – solche Entwicklungen zu sehen gehört mit zu den schönsten Seiten dieses Berufes.

„Wenn Sie diese Geschichte erzählen“, fordert Ines am Schluss der Stunde von mir ein, „dann erwähnen Sie auch, dass es die Mädchen geschafft haben!“

Sie lächelt dabei.

Schreibe einen Kommentar zu Melanie Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

6 Gedanken zu “Ines‘ Geschichte”