Karfreitag. Stille.

Karfreitag. Stille.

Von einem Pastorenkonvent aus schickt mir meine Frau via Whatsapp das Foto eines Kreuzes. Eine Erfurter Baptistengemeinde hat es erschaffen und das besondere an diesem Kreuz ist das Holz. Es ist alt. Und es stammt aus einem Konzentrationslager.
Mir ist noch nie ein krasseres Bild des christlichen Glaubens begegnet, als dieses Kreuz. Aller Schmerz, aller vorstellbarer Zerbruch in diesem Symbol vereint.

„Wir alle standen schon an Gräbern und haben bittere Tränen geweint“, hat mir eine Freundin neulich gesagt. Meine letzte ist erst einen Tag her. Eine liebe Omi aus meiner Kirchengemeinde ist gestorben. Eine Uromi. In hohem Alter. Umgeben von ihren Lieben. Wie man es sich wünscht, nicht wahr?
Und trotzdem sitzen beim Gedenkgottesdienst fünfzig Leute und heulen Rotz und Wasser. Beerdigungen sind so endgültig. Kein weiteres Wort mehr. Keine zweite Chance. Was zerbrochen war, kann nun nicht mehr in Ordnung gebracht werden. Ich ertrage Beerdigungen kaum.

Im Spiegel lese ich heute, dass in Hamburg jede zweite Bestattung ohne irgendein Ritual stattfindet. Die Toten werden ohne viel Aufhebens beseitigt. Was für eine entsetzliche Vorstellung. Dabei geht es mir nicht um einen christlichen (oder überhaupt religiösen) Glauben. Mir tun nicht nur die Verstorbenen leid (obwohl es denen vielleicht egal ist), sondern die Angehörigen. Die Freunde, die Familie.

Im Judentum (dass ich sehr liebe) gibt es den Brauch des “Shiva sitzen”, den der ein oder andere vielleicht aus dem Buch Hiob kennen. Wenn man jemanden verloren hat, dann kommen die Freunde und setzen sich zu einem. Und schweigen. Und sitzen. Wenn man über seinen Verlust sprechen will, dann tut man das. Und ansonsten wird geschwiegen. Stundenlang. Tagelang. Sitzen. Und schweigen. Tag für Tag für Tag.

“Ich lege jetzt die Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet und dann noch einmal – aber ich will es nicht wieder tun; ich habe schon zu viel gesagt!“
[Hiob 40, 4]

Mit der Abkehr religiöser Zugehörigkeit und familiärer Bande fehlen vielen Menschen die Worte. Hilflos bleiben sie zurück und finden keine Form und keinen Ort, mit ihrer Trauer umzugehen. Ich brauche Beerdigungen. Ich brauche sie, um zu klagen und zu weinen und zu bereuen. Ich brauche sie als Orientierungshilfe: Was ist mir wichtig im Leben? Was nicht?

Am heutigen Karfreitag führt mich das zurück zu dem Kreuz mit Balken eines ehemaligen Konzentrationslagers.
Egal, ob man sich selbst als Christ betrachtet oder in Jesus nur einen Ghandi des 1. Jahrhunderts sieht: Das Schlimmste aller denkbaren Verbrechen, die industrielle Vernichtung von Menschen Brüdern und Schwestern und Kindern und Omis – findet sich hier im Kreuz wieder. Wo sich vor zweitausend Jahren ein Mensch (Gott?) aus Liebe für seine Freunde hingegeben hat.
Der Gedanke macht mich sehr, sehr klein und unbedeutend.

Es wird Zeit, mein Leben einmal mehr auszumisten.

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