Tabletschule im Aufbau #8: Wie groß darf es werden?

Meine Schule, eine städtisch geprägte Gesamtschule im Süden NRWs, vollzieht gerade den Wandel hin zu einer durch und durch digitalisierten Bildungseinrichtung. „Zeitgemäßes Lernen“ nennen wir das. Um diesen Prozess zu illustrieren und den ein oder anderen interessierten Kollegen mit auf diese Reise zu nehmen, habe ich im Mai mit einer Artikelreihe begonnen, überschrieben „Tabletschule im Aufbau“. Alle Artikel findet man hier.

In Teil 1 habe ich unsere Ausgangslage beschrieben: Was für eine Schule sind wir? Episode 2 beschrieb die drei Schwachpunkte eines digitalen Konzeptes, die ein solches zu Fall bringen kann: überforderte Schüler; überforderte Lehrer, überforderte Hardware. Teil 3 hat sich auf die Lehrerhardware fokussiert: Ist ein iPad/Surface sein Geld wert? Danach ging es in Folge 4 um die Mitnahme und Fortbildung des Lehrerkollegiums. Der 5. Teil skizziert unser Medienkonzept und die Grundgedanken unserer Arbeit.

In der 6. Folge beschrieb ich, dass wir im Januar, bei der Anmeldung der neuen 5er, alle Eltern fragten, ob sie ihr Kind in eine Tabletklasse stecken wollten. Allen Eltern versichert, dass ihre Entscheidung keinerlei Einfluss auf die Aufnahmeentscheidung hat und wirklich maximale Freiheit gewährt. Wir laufen vierzügig und unser Ziel war, zum kommenden Schuljahr eine Tabletklasse zu erstellen. Dafür benötigten wir 28 Eltern, die uns das Ja-Wort gaben.
Das war unser Plan.

Aber dann haben 97% aller Eltern „Ja“ gesagt.

Und wir hatten ein Problem.

Dieses Ergebnis haben wir einige Zeit wirken lassen. Uns Gedanken gemacht und Szenarien durchgespielt. Mit dem Kollegium diskutiert. Der Ansatz war, eine Klasse mit einer Gruppe engagierter Kollegen die, Pionieren gleich, den Weg bereiten für den Rest des Kollegiums. Aber.. vielleicht wäre ja auch eine zweite Klasse drin? Und die anderen beiden Klassen könnten dann im Herbst oder Dezember nachziehen? Wenn man schon Erfahrungen gesammelt hat. Erste Fehler gemacht hat. Eine oder zwei?

Wir kamen nicht so recht weiter und fuhren mit einer Delegation nach Unna an die Werner-von-Siemens-Gesamtschule, die seit vielen Jahren mit Notebooks im Unterricht arbeitet. Ähnliche Schule. Ähnliche Situation – aber viel mehr Erfahrung. Der Schulleiter, Hans Ruthmann nahm sich viel Zeit für uns. Stellte kluge Fragen. Letztlich wollten wir seinen Rat, ob wir mit einer Klasse starten sollten, oder volles Risiko mit zweien1.

„97% eurer Eltern haben gesagt, sie wollen?“, fragte er.

Wir nickten.

„Also alle Eltern wollen. Und Euer Kollegium will auch?“

Wir nickten.

„Wenn ihr mich fragt: Warum startet ihr nicht mit vier Klassen?“

Wir erstarrten.
Das war nicht das, was wir hören wollten. Ganz im Gegenteil – wir hatten auf ein „Lieber langsam! Lieber nur eine Klasse“ gehofft. Vielleicht hatten wir uns ja missverständlich ausgedrückt?

Aber Ruthmann blieb bei seinem Vorschlag. Und untermauerte seine Ansicht mit stichhaltigen Argumenten.

Ziemlich still fuhren wir wieder zurück. Und ließen den Gedanken sacken. Vier Klassen?? Alle auf einmal? Die nackte Panik des ersten Moments wich nach und nach innerer Einsicht. Ja, klar! Alles andere ist auch wirklich Quatsch!
Wir diskutierten die Idee mit einzelnen Kollegen. Fragten nach Gegenargumenten. Streuten die Vorstellung breiter und breiter. Warteten, dass irgendwer rief: „Ne, Leute! Folgenden Punkt habt ihr total vergessen! Nämlich…“

Aber dieser Moment kam nicht. Je mehr wir darüber nachdachten, desto klarer wurde diese Vorstellung: Wir müssen keinen Elten sagen: „Sie leider nicht!“ Die Verantwortung für dieses gewaltige Projekt wird auf deutlich mehr Kollegenschultern verteilt, als auf eine Handvoll Pioniere. Unser, mit jedem Jahr wachsendes Kollegium, ist von Anfang an komplett eingebunden.

Als wir im Januar die Konferenz „Vernetzte Welten“ ausgerichtet haben, zeigte sich der Bürgermeister unserer Stadt, Steffen Mues, sichtlich erfreut über die Entwicklung unserer Schule. In seiner Laudatio unterstrich er seine Unterstützung für eine zeitgemäße, digitale Schule und nun waren wir bereit, das ganze richtig anzupacken.

Wir wollten, wir würden dieses Vorhaben nicht halbherzig durchziehen, sondern mit voller Kraft. Und es gäbe auch keine Alternative zu „Das wird klappen!“
Die Lehrerkonferenz beschloss, im kommenden Jahr mit vier Tabletklassen zu starten. Volle Kraft voraus!

~~ Fortsetzung folgt ~~

1: Ich erzähle ja von dieser Entwicklung in der Vergangenheit. Mittlerweile sind wir gerne Gastgeber für interessierte Kolleginnen und Kollegen.

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