Zeitgemäße Schule muss sich ein Stück weit lösen von der Abarbeitung einzelner Fächer und Inhalte und ihren Fokus hin auf das Vermitteln von Kernkompetenzen verschieben. Fächerübergreifendes Lernen. Regelmäßiges Feedback und die Gewichtung auf den Arbeitsprozess sind wesentliche Elemente. Aber: Was genau macht guten Projektunterricht aus? Und wie komme ich als Lehrer und wir als Schule in diese Richtung? Darum soll es in dieser Reihe gehen.

Schlagzeilen

Ein paar Schlagzeilen aus dieser Zeit zu Beginn:

  • die Abschlussfeiern zum Überreichen der Zeugnisse der Abiturienten dürfen in NRW stattfinden, sofern sie überwiegend „dienstlichen Charakter“ haben. Für die Einhaltung der Hygienevorschriften ist am Ende der Schulleiter haftbar verantwortlich.
  • bis zum 15. Mai sind in England und Wales mindestens 26 Lehrerinnen und Lehrer an den Folgen von Corona verstorben (Link)
  • unter dem Twitterhashtag #CoronaElternrechnenab machen frustrierte Mütter und Väter ihrem Ärger Luft. Kern der Wut: Es gib kein klares Konzept zur Kinderbetreuung – da wirken sich die  neun Milliarden Euro zur Unterstützung der Lufthansa stimmungsmäßig eher schlecht.
  • und inmitten dieser Gemengelage drängt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek auf ein möglichst volles Schulprogramm nach den Ferien: Wie auch immer.

Gefühlslage und Perspektiven

Die Stimmung ist gereizt. Viele Eltern sind (zurecht) frustriert von den Schulen, weil sie sich allein gelassen fühlen. Viele Schulen sind (zurecht) frustriert von der Politik, weil sie sich allein gelassen fühlen. Und viele Politiker sind (zufrecht) frustriert, weil sie zwischen frustrierten Eltern, besorgten Arbeitnehmern, insolvenzbedrohten Betrieben und verirrten Verschwörungsgläubigen einen Weg lancieren müssen, mit dem am Ende niemand zufrieden ist (mit Ausnahme der Lufthansa vielleicht).

Auch an meiner Schule ist nicht alles perfekt.

Aber – an dieser Stelle sei eine mythenmetzsche Abschweifung erlaubt – ich möchte mit diesem Blog immer auch einen kleinen Einblick in die Arbeit von Schule geben. Ganz besonders, seit ich Teil einer Schulleitung bin.
Ich schreibe als Lehrer, wie ich meinen Unterricht gestalte. Ich schreibe als Schulleitungsmitglied, wie wir strategisch in die Zukunft denken und ich schreibe aus der gleichen Rolle, wie wir mit der Politik und unserer Stadtverwaltung versuchen, die Beste aller möglichen Lösung zu finden. Jeder Leser, ob aus der Perspektive eines Elternteils, Lehrers oder Politikers mag sich seinen Teil nehmen und durchdenken.

Gegenwart: Klar.

Im Augenblick scheint nur eines gewiss: Niemand kann verlässlich beurteilen, wie es mit der Schule nach dem Sommer weitergeht. Das bedeutet für Eltern und Lehrer viel Ungewissheit: Was ist mit gebuchten Klassenfahrten? Wie laufen abschlussrelevante Kurse und Prüfungen weiter?

Vor zwei Jahren haben wir uns als Gesamtschule auf den Weg gemacht, digitale Schule zu werden (klick). Dies hat uns in den vergangenen Wochen geholfen, einen strukturierten und für alle Betroffenen weitgehend sinnvollen Unterricht zu gestalten: Alle Schülerinnen und Schüler schaffen es zwei- bis dreimal pro Woche in die Schule und an den Tagen, an denen sie zu Hause bleiben, finden Videokonferenzen und Fernunterricht statt. Die Rückmeldung von Eltern, Schülern und Kollegium ist angesichts der Umstände sehr positiv. Es wird keine Zeit totgeschlagen, niemand erscheint alibihaft in der Schule. Allen ist klar: Besser geht es gerade nicht.
Es wird gearbeitet – aber inzwischen so routiniert und gesteuert, dass auch niemand mehr an seiner persönlichen Grenze arbeitet. Belastungssteuerung gibt es nicht nur in der Bundesliga.

Nebenher arbeiten wir ganz intensiv mit der Stadt Siegen zusammen. Unsere positive Arbeit wird wahrgenommen und wir sind – so ist zumindest mein Empfinden – auf dem Level angekommen, bei dem uns zugehört und unsere Bedürfnisse ernst genommen und im Rahmen des Möglichen Lösungen gefunden werden.
Klar – Wünsche hat eine Schule immer. Aber ich sage auch: Besser geht es gerade nicht.

Zukunft: Unklar? Klar!

Nebenher verbringen wir als Schulleitung jede Woche viele Stunden damit, ans kommende Schuljahr zu denken. Frau Karliczeks Drängen scheint mir nachvollziehbar und entspricht inbesondere dem Bedürfnis vieler Eltern, ihre Kinder wieder in die Schulen zu schicken – aber „Wie auch immer“ können wir die Schulen nicht öffnen.

Diese Woche habe ich mit einem Kollegen ein Video für unsere neuen 5er-Eltern aufgenommen. Inhalt: „Wir schaffen das.“
Diese unidirektionale Kommunikation mit den neuen Eltern kann ich auf der Basis von „Wie auch immer“ per Mail, YouTube oder Facebook realisieren. Aber unser Anspruch ist das nicht.

Entsprechend systematisch gehen wir an die Überlegungen für das neue Schuljahr heran. Im Angesicht von drohenden Schulschließungen, reduzierter Stundenzahl und der Überbelastung durch den Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht müssen ganz neue Konzepte her.

Unterricht, der sehr stark von Leitideen wie „eigenverantwortlichem Lernen“, „Vertrauen“ und „Verantwortung“ geprägt ist, steuert zwangsläufig in die Richtung Unterrichtsprojekte. Ich vermute, die meisten hier mitlesenden Lehrerinnen und Lehrer haben schon das eine oder andere Unterrichtsprojekt durchgeführt.

Eine von mir durchgeführte – nicht repräsentative – Umfrage unter 362 Lehrerinnen und Lehrern des #Twitterlehrerzimmers ergab, dass über die Hälfte der durchgeführten Projekte im Nachhinein eher ernüchtert betrachtet wurden.

So folgt dann nicht selten auch das Fazit: Wirklich effektiv war das nicht und man ist dann eher skeptisch, das Ganze noch einmal zu wiederholen.

Natürlich, der ein oder andere wird sein Projekt vielleicht als nur positiv empfunden haben. Ich kann jedoch für mich sagen, dass ich hier im Blog zwar über Highlights wie die Untersuchung der Schaumhöhe bei Pferdeurin oder die Spritzmuster einer Klospülung bei offenem Deckel berichte – aber natürlich gab es auch immer wieder Arbeiten von Schülern, die einfach Mist waren oder Projektaufgaben von mir, die wirklich Mist waren.

Aber, und der Vergleich sei erlaubt, wenn ich mich an die ersten Unterrichtsstunden im Referendariat erinnere, dann erfüllt mich ein kalter Schauer. Wie sehr habe ich mich seitdem weiterentwickelt. Wie viel an Routine, Klarheit und Erfahrung gewonnen.

Auch Unterrichtsprojekte erfordert Routine, Klarheit und viel Erfahrung. Auf Seiten der Lehrer und auch auf Seiten der Schüler.

Guter Unterricht verändert sich.

Unser Ziel ist, nach den Sommerferien mit Unterricht zu starten. Und zwar nicht „wie auch immer“, sondern mit einem genau durchdachten Plan. Damit wir auch im September sagen können: „Die Situation ist vielleicht Mist, aber wir sind sehr gut vorbereitet. Besser geht es gerade nicht.“

„Wie auch immer“ die Situation dann sein wird.

Fragen zum Weiterdenken:

Welche Möglichkeiten bieten Unterrichtsprojekte, die ich im regulären Fachunterricht vielleicht nicht habe? Warum genau sind Projekte schiefgegangen? Welche systematischen Hilfen wären denkbar, um Unterrichtsprojekte auf Seiten der Lehrer und Schüler positiver zu gestalten? Gibt es einen Unterschied zwischen einem Unterrichtsprojekt und Projektunterricht?

Übrigens: In wenigen Tagen erscheint das Buch „Projektunterricht? Geht doch! – Anleitung für eine system(at)ische Umsetzung“ von Anna Klein und mir, indem wir uns auf über 100 Seiten mit dem Thema auseinandersetzen und zeigen, wie man Unterrichtsprojekte und Projektunterricht in Schulen voranbringen kann.