Ich bin (vermutlich durch das BlueSky-Lehrerzimmer) auf das uralte Buch „Lesen in Silben“ gestolpert. Meine jüngste Tochter ist jetzt vier und auch jenseits der großartigen Anton-App saugt ihr Hirn Informationen in einer Geschwindigkeit auf, um die ich sie beneide.

Das besondere an der Silbenfibel ist, dass sie Erstlesern die große Hürde nimmt: Wie verknüpfe ich Buchstaben zu Silben? Farblich hervorgehobene Silben („U-we“) erleichtern das erste Lesen ungemein.
Das Buch ist die Gute-Nacht-Lektüre meiner Tochter geworden. Abend für Abend lesen wir gemeinsam darin und ich ärgere mich ein wenig, dass mir dieses Buch erst jetzt begegnet ist. Ich denke an viele meiner Schülerinnen und Schüler, für die „Sprache“ eine gewaltige (unsichtbare) Hürde ist und denen in der Kindheit eher selten vorgelesen wurde.
Allen Eltern, die mit ihren Kindern im Lese-Lern-Alter sind, sei hier eine klare Empfehlung ausgesprochen (Amazon-Link).
Außerdem gelesen: David Goggins – Can’t Hurt Me.
Goggins entstammt ärmlichen Verhältnissen und hat es mit eiserner Disziplin und viel Wut weit gebracht: Er wurde Elitesoldat bei den Navy Seals und hat als Extremsportler an über 70 Ultramarathons, Ultra-Distanz-Radrennen und Triathlons teilgenommen und hielt einige Jahre den Guinness-Weltrekord für die meisten Klimmzüge innerhalb von 24 Stunden.
Ich bin empfänglich für Botschaften dieser Art und habe sowohl die Biographie von Arnold Schwarzenegger als auch die Dokumentation über sein Leben regelrecht verschlungen (an dieser Stelle habe ich darüber gebloggt).
Im Vergleich ist interessant, dass Schwarzenegger von einer Mischung aus Neugierde, Lust und Zielstrebigkeit getrieben ist, die mir sehr sympathisch erscheint. Ausgangspunkt seiner drei Karrieren waren – im weitesten Sinne – positiver Natur: Die Lust darauf, mal etwas völlig Neues auszuprobieren und sich in dieses Feld mit eiserner Disziplin hineinzuarbeiten.
Goggins dagegen ist deutlich martialischer: Zu jedem Zeitpunkt wird klar, dass die eigenen Dämonen, die Wut über sein eigenes Leben die Quelle seines Antriebs ist. Im Buch zitiert er einen Ausbilder mit den Worten: „Du bist die Art von Mistkerl, die sich wünscht, Kriegsgefangener zu sein, nur um zu sehen, ob du das Zeug hast, das zu überstehen“ (Seite 305).
Doch so sehr ich die unglaubliche Disziplin respektiere (er lief u.a. mit gebrochenen Beinen Marathons), fordert seine Lebensgeschichte – im Gegensatz zu Schwarzenegger – mich an keiner Stelle heraus, ihm nachzueifern. Nur am Rande gestreift werden seine ein oder zwei gescheiterten Ehen. Und ich kann mir auch gut ausmalen, wie man sich als Kind eines derart fokussierten und getriebenen Elternteils fühlt.
An einigen Stellen lässt er das selbstreflektiv durchblicken: Er ist ein schlechter Ausbilder gewesen, weil er jeden Soldaten, der nicht ebenso zielstrebig (oder rücksichtslos) agierte, wie er selbst, mit Verachtung betrachtet hat.
All die Wut, all der Hass: Das ist nichts, wonach ich strebe.
Insgesamt ein Buch, dass mich achselzuckend zurücklässt: Es ist beeindruckend, dass Goggins es „vom Tellerwäscher zum Millionär“ gebracht hat und ja: Im Grunde steht dieser eisenharte, disziplinierte Weg jedem offen. Aber Goggins hat in meinen Augen einen hohen Preis dafür bezahlt, derart respektiert zu werden – einen, von dem ich niemandem wünsche, dass er ihn zahlt.

Ich stehe dieser Idee, wenn man genug wolle, könne alles schaffen, grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber. Und zwar im Wesentlichen aus zwei Gründen.
1. Survivor Bias. Wir sehen die Erfolgreichen und diese haben sehr häufig für ihren Erfolg hart und mit eiserner Disziplin gearbeitet. All die vielen, die ebenso hart und mit eiserner Disziplin gearbeitet haben, aber aus verschiedensten Gründen trotzdem nicht so erfolgreich waren, sehen wir nicht.
2. Auch Disziplin ist eine Fähigkeit. Niemand erwartet, dass alle Menschen Topsportler oder geniale Mathematiker sind oder werden können. Aber es wird oft so getan, also könne jeder Mensch hart und diszipliniert arbeiten – man müsse ja nur wollen. Ich denke dagegen, dass man diese Disziplin zwar schon ein Stück weit erlernen und verbessern kann, dass sie aber auch zu einem gehörigen Teil in jedem Menschen fest angelegt oder/und durch äußere Umstände bestimmt wird. In der Schule erleben wir ständig, wie Kids sich das regelmäßige Üben von XY ganz fest und voller Überzeugung vornehmen – sie es also wirklich wollen. Trotzdem halten sie es aber einfach nicht länger als ein paar Tage/Wochen durch. Ich glaube, sie können dafür weniger, als „wir“ uns oft eingestehen. Und ohne unsere Unterstützung werden sie genauso wenig durchhalten, wie die wenigsten eigenständig Mathematik lernen.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass Disziplin und Ausdauer weniger eine allgemeine Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern stark kontextabhängig. Derselbe Schüler kann superdiszipliniert regelmäßig und bei jedem Wetter zum Sport gehen, aber sich nicht zum Üben von Mathematik oder Lernen von Vokabeln aufraffen können, obwohl er weiß, dass seine schulische Karriere davon abhängt.
Danke! Finde es auch bei mir schwer zu unterscheiden, was diszipliniert ist oder mir schlichtweg liegt und umgekehrt.