Während anderswo das Schuljahr gerade begonnen hat, nähern wir uns in NRW mit großen Schritten den Herbstferien.
Es ist knapp zehn Jahre her, dass ich Klassenlehrer einer 8. Klasse gewesen bin und ich habe vergessen, wie anstrengend das ist: Die Kinder sind mitten in der Pubertät angekommen und berichten freimütig, wie schwer es ihnen fällt, sich aus der inneren Zähflüssigkeit zu lösen. In Mathematik bin ich dazu übergegangen, jede Stunde einen Test zu schreiben, weil ich viele der Schülerinnen und Schüler sonst nicht ans Arbeiten bekäme. Rückblickend romantisiert man ja vieles und ich habe tatsächlich verdrängt, wie anstrengend und desinteressiert so eine 8. Klasse ist.
Die Diskrepanz zwischen dem, was sein könnte und was ist, erzeugt Frustration. Bei mir und bei den Kindern.
Den gleichen Frust erlebe ich bei meinem neu gewonnenen Hobby. Mithilfe der App „Yousician“ versuche ich als völlig unmusikalischer Mensch Mitte 40, Gitarrespielen zu erlernen.
Die App gefällt mir dabei sehr: Immer wieder neue Songs lassen keine Langeweile aufkommen und die Übungen sind sehr abwechslungsreich. Neben mir nutzen auch mein Bruder und meine älteste Tochter die App und der spielerisch erzeugte Gruppendruck sorgt dafür, dass jeder von uns jeden Tag zum Insturment greift, und ein paar Minuten übt.
Bedauerlicherweise knallt meine eigene Fingerfertigkeit immer wieder unsanft mit der Realität aneinander: Denn ich bin schlecht. Und zwar wirklich schlecht.
Zwischendurch habe ich immer wieder den Gedanken, den ganzen Quatsch doch sein zu lassen. Was soll das auch?
Geholfen hat mir ein Perspektivwechsel: Tödlich für mich ist nämlich der Vergleich der eigenen Fähigkeit mit den Klassenbesten, mit Ed Sheeran oder Jimi Hendrix. Nie werde ich so gut sein, wie die Instagram-Models TikTok-Stars YouTube-Profis. Der Vergleich aber zieht mich permanent runter: Mir gelingen die einzelnen Griffe nicht und von Fortschritt ist nichts zu spüren, wenn ich am gleichen, dämlichen Song den vierten Tag in Folge scheitere.
Perspektivwechsel: Jeden Sonntag filme ich mich selbst beim Zupfen von „Happy Birthday“ auf der Gitarre. Und erst dadurch – im Vergleich mit mir selbst – springt mit der Lernzuwachs förmlich ins Auge: Von Woche zu Woche werden die Melodien flüssiger, schneller und sicherer. Der Rat, den Blick nach innen zu richten und sich nur mit sich selbst zu vergleichen, hilft mir sehr. Woche für Woche werde ich besser. Das motiviert ungemein.
Wie aber lässt sich das im schulischen Kontext umsetzen? Wie den eigenen Lernstatus protokollieren und immer wieder als Vergleich heranziehen können? Das Erstellen der Videos kostet mich keine zwei Minuten – aber im schulischen Kontext? In Mathe, Englisch, Deutsch?
Ich überlege, ob ich mal mit meiner Klasse darüber spreche und sie selbst Ideen sammeln lasse.
Auch an anderer Stelle gibt es wieder Perspektivwechsel: Ich habe ein paar Anfragen erhalten, die pädagogischen Tage anderer Schulen zu begleiten und nachdem ich mich im letzten Jahr einmal neu sortieren wollte, freue ich mich jetzt wieder darauf, tief in Dinge einzutauchen, andere Schulen und Systeme kennenzulernen und Input zu geben.
Nochmal klar geworden ist mir das gestern, als wir Kollegen der SEB zu Gast hatten.
(Ich liebe diese nerdigen Abkürzungen, die alles irgendwie geheimnisvoll und kompliziert machen: SEB steht für die Schul-Entwicklungs-Beratung und ist nach der QA (Qualitätsanalyse) ein weiteres Werkzeug der Bezirksregierung, Schulen voran zu bringen.) Etwa anderthalb Stunden durften wir als Schulleitung die Vision hinter unserem Schulkonzept vermitteln, von der Art wie wir arbeiten erzählen und unser Bemühen um eine ‚Kultur der offenen Türen‘ vermitteln. „Ihr wirkt ein bisschen wie so ein Start-Up“, wurde irgendwann grinsend kommentiert, „da hat man direkt Lust, bei euch anzufangen.“
