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Abschied von Zuhause. 1Ein Haus, in dem drei oder mehr Generationen zusammenleben, trägt immer auch die Verantwortung mit sich, das Ende eines Lebens zu begleiten. Ende des Sommers hat mein Schwiegervater eine hoffnungslose Krebs-Diagnose erhalten und geht in diesen Tagen dem Ende seines Lebens entgegen.
Aus einem Handwerker, dessen Wissen und Ausdauer und Kraft mich selbst in hohen Jahren noch in den Schatten gestellt hat, ist ebendieser geworden:  Ein Schatten.

In meinem eigenen Streben, immer wieder Neues zu lernen, nehme ich Gitarrenstunden an seinem Bett. Holprig stolpere ich mich durch neue Lieder – aber manchmal summt er noch einzelne Melodien mit. Zwischendurch halten die Enkelinnen Hand. Trägt und stützt und kümmert sich die Familie. Abschied nehmen von einem Leben, das er massgeblich geprägt hat. Von einem Haus, in dem er Wände hochgezogen und Böden verlegt hat.

In der Schule haben wir heute den jährlichen „Tag der offenen Tür“ zelebriert. Interessierte Eltern konnten hineinschnuppern und ein Teil unserer Schülerschaft hat freiwillig einen halben Samstag in unser Schulleben investiert und Eltern herumgeführt und Fächer und Werkstätten präsentiert.
Spannend ist, dass jedes Jahr wieder einzelne Schüler im Troubel auftauchen, die während der Woche eher wenig von Schule halten. Lernen, Lehrer, Leistung? Alles Mist!

Aber plötzlich, an einem Samstag, wenn die Schule offen ist, dann sind sie da. Ohne Handy. Mit viel Zeit. Und freuen sich, uns zu sehen und sind wie verwandelt.

Ich glaube, zwischen den Zeilen und in ihren Gesichtern eine Spur von Dankbarkeit zu sehen, wenn sie dann auftauchen und uns suchen und aktiv grüßen. Wenn sie gesehen werden wollen. „Schauen Sie! Ich bin heute hier!“

‚Schule‘ – das ist für manche Kinder ein stabiler Ort. Ein Zuhause. Und als der Tag zu Ende geht und wir Aufräumen, liegt immer auch ein bisschen Wehmut in ihren Gesichtern, jetzt gehen zu müssen. Und so dankbar ich bin, irgendwann die Klassentür zu schließen und ins Auto zu steigen – ein Teil von mir nimmt diesen Gedanken jedes Jahr aufs Neue mit.

Im Herbst laufen bei uns die jährlichen Mitarbeitergespräche: Die Kolleg*innen suchen sich ein Schulmitglied aus, buchen einen Termin und dann gibt es ein „Personalentwicklungsgespräch“. Ohne zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern: Man ist sehr dankbar für das Miteinander. Den Team-Spirit. Fürs Lachen und Unterstützen. Oktoberfest im Herbst. Weihnachtsfeier im Winter. Teams-Event im Frühjahr. Nachbarschaftsfest im Sommer.

Das Kollegium bemüht sich, diesen Ort, an dem man viele Jahre seines Lebens verbringt, zu einem… nunja… Zuhause zu machen. Einem Ort, an dem man sich wohl fühlen kann. An dem jeder seine Nische, seine Freunde und seinen Platz finden kann.

Zwischendurch – und an einem Tag wie heute – schauen dann auch gerne ehemalige Kolleg*innen bei uns rein. Quatschen hier und da und drücken aus, dass sie den Laden vermissen. Das Miteinander.

Ein Stück Zuhause.

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2 Gedanken zu „Abschied von Zuhause.“

  1. Ich war mehrere Jahre an einer Schule, an der ich aus von mir nicht beeinflussbaren Gründen nicht bleiben konnte. Das hat mich sehr bedrückt und tut es immer noch; auch heute würde ich noch mitten im Satz alles fallenlassen und losrennen wenn ich dorthin zurückkehren könnte. Es war eine Zeit, in der ich jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen bin und ungeduldig auf das Ende der Ferien gewartet habe. Für meine jetzige Schule habe ich mich dann unter anderem entschieden, weil ein pensionierter Kollege über sie sagte: „Es war schön, aber ich vermisse nichts.“ Der Satz klingt zunächst schroff, aber was er meinte kann ich glaube ich nachvollziehen: Es ist schön dort zu sein, aber es ist auch schön wirklich davon abschalten zu können.

    Für die verbleibenden Tage mit dem Schwiegervater wünsche ich in der Gegenwart viel Kraft und kleine Momente, die in der Zukunft noch Halt geben können.

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