Auf BlueSky fragt die Düsseldorfer Kollegin Iris Laube-Stoll nach Hinweisen für eine*n Referent:in zum Thema „Gesprächsführung mit Schüler:innen in Konfliktsituationen“.
Ich mag das digitale Lehrerzimmer auf BlueSky, weil sich da wirklich viele kluge Köpfe vernetzen und zusammen sehr niedrigschwellig eine ganze Menge Ideen und Input zusammentragen – aber mein erster Gedanke war ein anderer:
Als Abteilungsleiter/Schulleitungsmitglied sitze ich selbst genau an der Schaltstelle, an der eskalierte Konflikte landen: Kind und Lehrkraft geraten im Schulleben aneinander und als letzter Schritt bleibt nur: „Jetzt gehst du zum Direktor.“
Das ist zunächst einmal völlig wertfrei gemeint: Jeder kann sich sowohl Situationen ausmalen, in denen eine Schülerin ihre Lehrerin maximal provoziert als auch Situationen, in denen ein Lehrer einen bedeutungslosen Konflikt derart eskalierend vor sich hertreibt, bis die Situation außer Kontrolle gerät.
„Jetzt gehst du zum Direktor!“
Ich hatte das große Glück, in den vergangenen Jahren an wirklich guten Fortbildungen teilgenommen zu haben:
- eine Weiterbildung zum Grenzen (…und) Los AntiMobbing Coach und JugendCoach
- Ulrich Krämer hat mir viel beigebracht im Umgang mit herausfordernden Konfliktsituationen.
- Rudi Rohde ist jemand, von dem ich vielleicht am meisten gelernt habe, insbesondere im Hinblick auf Körpersprache und Theaterpädagogik – zu dem Thema habe auch viel geschrieben: „Das Klassenzimmer als Bühne„.
Will sagen: Ich bin jetzt auch nicht ganz unbedarft, was das Thema angeht. Der eigentliche Witz ist: Die reine Zahl an Situationen, in denen Kinder zu mir geschickt werden, nimmt kontinuierlich ab. Im aktuellen Halbjahr habe ich nur vier oder fünf disziplinarischer Gespräche mit Schüler:innen geführt – aber nie wurde das Kind an den Ohren in mein Büro gezerrt. Jedesmal war die Situation: Klassenlehrer ist nicht im Haus oder Die Botschaft muss der mal von jemand anderem hören.
Tatsächlich kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt eine solche Situation (überforderte Lehrkraft – eskalierender Schüler) erlebt habe.
Nicht objektiv messbar: Ich glaube nicht, dass die Schülerschaft sich spürbar verändert hat. Gesellschaftlich hat man ja eher den Eindruck, dass alles den Bach runtergeht, was nicht in ein TikTok-Video passt.
Der Grund Die Gründe liegen – meines Erachtens – an anderer Stelle.
- In meiner Funktion als Abteilungsleitung unterstütze ich die Kolleg:innen in schwierigen Situationen, die es an unserer städtisch geprägten Gesamtschule unzweifelhaft gibt.
Aber: Ist ja prima, wenn ich dem Rasmus die Ohren lang ziehe. Aber das löst das Problem des Kollegen im Unterricht nicht – er muss ja mit dem Kind klarkommen.
Entsprechend: Ein wesentlicher Bestandteil meiner Unterstützung liegt immer auch in der Nachbesprechung der Situation. Wie ist es dazu gekommen? An welcher Stelle hättest du was anders machen können? Welche Maßnahme hätte den Konflikt entschärft/vertagt/deeskaliert?
Aus dem Nachgespräch erwächst die Kompetenz, beim nächsten Mal zielgerichteter agieren zu können. Jeder Unterstützung erfordert von den Kolleg:innen also auch Arbeit. - Wir sind als Kollegium unheimlich vernetzt: Absprachen werden in den Jahrgangsstufen gemeinsam getroffen. Strategien zum Umgang mit schwierigen Kindern ausgetauscht und Hilfen angeboten. Wir sind eine Schule mit offenen Türen.
Aber:Vor dem Gang zum Direktor steht das Klagen beim Klassenlehrer: „Deine Klasse hat sich schon wieder so schrecklich benommen. Tu mal was!“
Entsprechend: Auch auf der Ebene gilt: Das Kollegium unterstützt sich gegenseitig – aber die Arbeit kann weder beim Klassenlehrer, noch den Sozialarbeitern oder der Schulleitung abgeladen werden. Elterngespräche oder Reflektionsgespräche mit den Kindern – gerne sitzen Klassenlehrkräfte oder auch ich dabei. Aber nicht immer.
Weil wir das seit Jahren so handhaben, ist im Kollegium – selbst bei den jungen Kolleg:innen – eine große Kompetenz im Umgang mit herausfordernden Situationen erwachsen: Nachdem man bei zwei, drei Elterngesprächen und zwei, drei schwierigen Schülergesprächen dabei war, hat man eine Idee von Gesprächsführung, Deeskalation und Zielvereinbarungen.
Weil niemand alleine dasteht, wächst auch jeder in die Erfahrung rein.
Was mich zurück zu der Anfrage von Iris Laube-Stoll führt. Denke ich an mein Kollegium weiß ich, dass die eine Menge zu dem Thema zu erzählen hätten. Aber nur ein Teil hat mit Gesprächsführung und Körpersprache zu tun.
Der weitaus größere Teil mit Unterstützung.
