Der letzte Schultag steht bei uns an der Schule im Zeichen eines Weihnachtsfestes. Vormittags haben die Kinder bei ihren Klassenlehrkräften Unterricht, der individuell gestaltet werden kann und in der letzten Stunde gibt es eine Art „Schul-Weihnachtsmarkt“, in dem selbstgebastelte Plätzchen oder Nippes an den Mann (bzw. das Kind) gebracht werden kann.
Wer mich schon länger liest, weiß, dass Weihnachten in meiner Klasse in den letzten Jahren stets hieß: Es werden Theaterstücke gespielt. Aufgeteilt in Gruppen bereiten die Jugendlichen kurze, weihnachtliche Theaterstücke vor und präsentieren die vor der Klasse. Jahr für Jahr Filme ich die Stücke und wenn wir in zwei Jahren auseinandergehen, wird daraus ein hübscher Kinoabend. Auch dieses Jahr waren die Jungen und Mädchen dabei. Einzelne waren zunächst wenig motiviert – in erster Linie aus pubertären „ich habe einfach keine Lust“-Gründen.
Entscheidend war an der Stelle eine Mischung aus Verständnis und sanftem Druck: Wenn sich ein Teil der Klasse von der Theater-Nummer verabschiedet, wird sich auch der Rest nicht mehr „zum Affen machen“. Und dann fällt das ganze Projekt. Es geht also nur: Alle oder gar nicht.

Viel Überzeugungsarbeit musste ich aber nicht leisten – niemand will wissen. Die Stücke reichten von absurd-komisch bis mexikanische Telenovela-Stil (in etwa: 7 Schwestern erben eine Villa – aber der das Testament ist verschwunden. Drama! Großes Drama! Und dann taucht auch noch der verschollen geglaube Cousin Phönizio auf!!)
Für den schulischen Weihnachtsmarkt selbst verspüre ich wenig Lust auf Kekse backen & verkaufen. Die Ergebnisse der letzten Jahren (aus Leibniz-Keksen Häuschen bauen etc.) sahen zwar immer sehr schön aus, brachten aber Berge von Müll hervor und weil jeder Kekse macht, sind die Dinger am Ende auch Ladenhüter und werden von den Kindern selbst nach Hause genommen. Viel Aufwand – sehr wenig Ertrag. Auch fürs Basteln bin ich nicht so recht zu haben. Aus unserer Klasse selbst entsprang aber der Wunsch nach einer lustigen Wurf-Bude à la „Torten auf den Clown“ werfen.
Nach einer Sekunde des Zweifelns hielt ich das für eine ganz famose Idee – gab weite Teil der Arbeit aber an meine Klasse ab. Und die lieferten: Bei uns haben ja alle Kinder individuelle Stundenpläne und jene, die in diesem Jahr Kunst gewählt hatten und diejenigen, die in der Holzwerkstatt arbeiten, haben ordentlich reingehauen:

Der Rest der Klasse wollte sich darum kümmern, abgelaufene Packungen „Schoko-Küsse“ zu besorgen. Der Einzelhandel ist da aber leider gnadenlos: Statt die Dinger für einen guten Zweck zu spenden, werden Lebensmittel in Deutschland nach wie vor weggeworfen.
Mit der Klasse haben wir vorher über Regeln und Grenzen gesprochen: Die ganze Aktion sollte ein lustiger Scherz werden und auch bleiben. Wenn einzelne Halbstarke den Eindruck machen sollten, mit voller Wucht draufzu werfen, würden die ’starken Jungs‘ meiner Klasse als ‚Security‘ sofort einschreiten. Abstände mussten eingehalten werden, ein respektvolles Miteinander gewahrt bleiben. Für einen €uro konnte man zwei Schaumküsse/Würfe erwerben – alles eingenommene Geld des gesamten Weihnachtsmarktes wird an die Tafel gespendet. Am Ende, so die Hoffnung, sollte es eine Gaudi werden.
Und es wurde auch eine.
Unter großem Gejohle wurde gezielt und geworfen. Oft daneben, oft genug mitten ins Schwarze. An Schutzbrillen aus der Chemie mangelte es zum Glück nicht. Auch einige Kolleg*innen der Schule hatten großen Spaß, sich der Meute auszusetzen. Wilder Jubel, wenn jemand getroffen wurde. Dazu gehört natürlich, dass die Lehrkräfte vorher theatralisch eine Szene machen: „Dein Gesicht merke ich mir!“ „Wehe dir!“ „Ich dachte, du magst mich! Du warst doch immer mein Lieblingsschüler!“
Ein ganz spannender Aspekt dieser Nummer ist ein Verständnis von Theaterpädagogik und dem Aspekt von Hoch- und Tiefstatus: In dem Moment, da ich mich abwerfen lasse, begebe ich mich freiwillig in den Tiefstatus. Das macht, für die Kinder, den Reiz der ganzen Bude aus.
Entscheidend aber: Es ist kein – durch Gegebenheiten oder äußere Umstände – erzwungener Tiefstatus, sondern einer, in den sich die Lehrkräfte freiwillig hineinbegeben haben.
Erzwungener Tiefstatus erzeugt Häme. Ein Gefühl von „geschieht dir recht!“. Ein gespielter Tiefstatus dagegen erzeugt – witzig eigentlich – eher noch mehr Respekt und Autorität: „Ich bin mir meiner eigenen Rolle so sicher, dass ich mich sogar mit Schaumküssen bewerfen lassen kann, ohne um meinen grundsätzlichen Hochstatus fürchten zu müssen.“
Das erzeugt in gleicher Weise Respekt, wie ein Chef, der sich entschuldigt. Wie Eltern, die vor ihren Kindern Fehler einräumen.
Für die Schülerinnen und Schüler war die Nummer nicht nur ein gewaltiger Spaß – sie haben die Lehrkräfte auch gefeiert, die sich in die Arena begeben haben. Und ihre erste Frage nach dem Aufräuen an mich war, ob wir das nächstes Jahr wieder machen könnten.
Hm.. weiß nicht. Jetzt brauche ich erstmal Ferien.
