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Die Sehnsucht nach Freiheit

Die Sehnsucht nach Freiheit 1Ich hatte die Tage die Gelegenheit, mit Bob Blume in seinem Podcast „Die Schule brennt“ über das Konzept unserer Schule („800 Kinder, 800 Stundenpläne“) zu plaudern. Das Ergebnis kann man hier nachhören.

Im Schulalltag merkt man, dass die Kinder ferienreif sind: Zwischen Weihnachten und Ostern liegen 12 Wochen – in NRW ohne Faschingsferien. Zwei Wochen noch, dann haben sie es geschafft.

Freitags habe ich ein Mathe-Lernbüro ni der Jahrgangsstufe 5. Das läuft mit diesem Jahrgang ganz herausragend gut – so gut, dass die Lernbüroschiene für mich geradezu langweilig ist: Still und konzentriert arbeiten die 5er vor sich hin. Selten, dass mal jemand eine Frage an mich hat.

Spannend sind unsere Level-1-Kinder. Das sind jene Schülerinnen und Schüler, die sich in den vergangenen Wochen so bewährt haben, dass sie auch – weitgehend unbeaufsichtigt – in der Aula oder einer unserer vielen Lerninseln lernen dürfen.
Fünf Minuten nach Beginn des Lernbüros melden sie sich bei mir ab und verschwinden, so dass meine eh schon kleine Lerngruppe nochmal um gut ein Drittel eingestampft wird.

Die Sehnsucht nach Freiheit 2

Gehe ich dann meine Runde, beobachte ich Spannendes: Einige der Kinder sitzen in den Lerninseln und arbeiten – so weit, so erwartet.
Andere aber setzen sich auf den Boden in irgendeine Wand-Nische. Kühl und zugig und düster und unbequem – aber frei.

Ich finde das verrückt: Im Klassenraum ist es mucksmäuschenstill – es gibt jede Menge freier Tische und niemand stört.

Ich habe darüber nachgedacht, weshalb der Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Freiheit bei den Kindern so groß ist, dass er sachliche Überlegungen völlig verdrängt: Es wäre viel sinnvoller, im Klassenraum mit Tisch und Stuhl und Ruhe und Experten zu arbeiten.

Ein absurder Gedanke kommt mir dabei: Neben der Schule gibt es nur einen einzigen Ort, der derart tief in die freiheitlichen Grundrechte eines Menschen eingreift und ihm vorschreibt, wo er wann zu sein hat, mit wem er sich umgeben und wann er essen und wann auf Toilette gehen darf: Ein Gefängnis.

Derart verglichen ist der Wunsch nach Unabhängigkeit vielleicht doch eher nachvollziehbar – wenn ich auch jedesmal beleidigt tue, wenn ein halbes Dutzend Kindern nach fünf Minuten vor mir steht und sagt: „Herr Klinge, wir gehen dann mal!“

 

4 Gedanken zu „Die Sehnsucht nach Freiheit“

  1. Mastery, Purpose – und: Autonomy. Die drei Dimensionen, die Motivation speisen. Freiheit ist ein mächtiger Treiber!

    Danke für den großartigen Podcast, btw. Stärkste Resonanz bei mir!

  2. Hallo Jan-Martin,
    darf ich hier auf deinen Podcast mit Bob Blume reagieren?
    Ich habe gerade heute auf Substack diesen Kommentar eines Lehrers gelesen: „If we want students to be inquirers and thinkers, we have to be very intentional about building their knowledge through explicit instruction and retrieval practice. I’m more convinced of this now than ever.
    Since shifting to explicit instruction and using evidence-based practices like spaced practice when teaching challenging and nuanced global issues, I’ve noticed something important: students consistently ask more questions, and, more importantly, questions of substance. They make more relevant connections, see patterns, and better understand how systems connect, interact, and build upon each other.
    Because that knowledge has been strengthened through spaced and retrieval practice, students can automatically recall it from memory. It no longer occupies space in working memory, which frees them to focus on asking deeper questions and making stronger connections.
    This is THE path to inquiry and critical thinking. When students are explicitly taught to know a lot about a concept, and that knowledge becomes durable and automatically retrievable, they will naturally pick up the inquiry and critical-thinking baton and run with it. I see this everyday.“
    (Quelle: https://substack.com/@solinthewild/note/c-224353537?utm_source=feed-email-digest)
    Hier wird einiges aufgegriffen, was mir bei eurem Gespräch über euer Schulkonzept ebenfalls durch den Kopf gegangen ist. Unter anderem die Kognitionsforschung legt nahe, dass wirkungsvolles Lernen durch Prinzipien wie Explicit Instruction, Spaced and Retrieval Practice usw. (siehe z.B. https://www.aft.org/sites/default/files/Rosenshine.pdf oder auch meinen Kommentar hier: https://halbtagsblog.de/2026/01/22/extreme-ownership-oder-vertrauenslehrer-werde-ich-nicht-mehr/) besonders gefördert wird. Diese Prinzipien – scheint mir – sind aber mit individuellen Lernwegen mit vielen Lerntheken oder ähnlichen Selbstlern-Formaten nicht oder kaum umsetzbar; zumindest nicht individuell angepasst an 700 Schüler. Ich selbst erlebe gerade sehr eindrucksvoll, welche positiven Effekte es hat, dass ich u.a. in meinen beiden Mathe-Klassen neue Inhalte explizit und in kleinen Schritten (aber zügig) einführe, mehrere Themenstränge in einer Stunde „vorantreibe“ und miteinander verschachtele, täglich alte Aufgaben kurz wiederhole usw. Daneben ist mir ein Anliegen, JEDES Kind durch Chorantworten, Mini-Whiteboards, Partner-Talks usw. so oft wie möglich zu aktivieren, und kontinuierlich im Blick zu haben, dass JEDES Kind aufmerksam dabei ist. Das ginge nicht, wenn jedes Kind individuell für sich lernen würde. Und aus all meinen vergangenen Erfahrungen mit offenen Lernformen ist mir nur zu gut in Erinnerung, wie oft selbst „starke“ Kinder doch Unterstützung brauchen oder sich bei Aufgaben durchmogeln und ich gar nicht sicher bin, dass sie die ganze Stunde effektiv genutzt haben und bei den Aufgaben wirklich alles mitgenommen an Lerneffekt, was ich mir wünschen würde. Lernen ist nachweislich vor allem effektiv, wenn es auf wünschenswerte Weise „anstrengend“ ist (Stichwort „desirable difficulties“, Elizabeth & Robert Bjork), und naturgemäß gehen wir Menschen dem gerne aus dem Weg.
    Natürlich bilde ich mir nicht ein, dass ich damals die offenen Lernformen perfekt umgesetzt habe. Manches ginge sicherlich besser, aber für mich nicht ohne unvertretbar hohen Aufwand, der letztlich nicht durch Erfolg auch bei den „schwächeren“ Schülern gerechtfertigt würde.
    Und wie es im Kommentar oben schon angerissen wurde: Für mich bedeutet Erfolg auch nicht nur, dass Schüler nachher in der Klassenarbeit alle Aufgaben richtig lösen können, sondern die Frage ist u.a. auch, wie gut die Lernerfolge wirklich im Langzeitgedächtnis verankert sind und wie leicht bei der Aufnahme neuer Inhalte darauf aufgebaut und sogar kritisch und „forschend“ damit umgegangen werden kann (was sich häufig durch gute Fragen seitens der Schüler ausdrückt). Überhaupt scheint mir, dass gerade starke Schüler, die vor allem nur selbstständig lernen, um so manches wertvolles Unterrichtsgespräch gebracht werden, wo sie im Austausch mit den Mitschülern und vor allem mit dem Lehrer, der als Experte in aller Regel doch deutlich mehr Fachwissen mitbringt, großen Gewinn haben könnten.

    Noch kurz zu deinen Gedanken über Freiheit und Unabhängigkeit: Zufällig habe ich auch dazu heute einen interessanten Artikel eines Englisch-Lehrers aus GB gelesen, der in letzter Zeit einige Posts zu diesem Thema veröffentlicht hat. Ich verlinke mal einige, wenn ich darf:
    https://daviddidau.substack.com/p/the-blank-page-problem-creativity
    https://daviddidau.substack.com/p/the-consequences-of-freedom
    https://daviddidau.substack.com/p/the-promise-and-the-price-of-autonomy
    (Der erste Artikel von gestern ist ab der Hälfte ungefähr ein Bezahl-Artikel; die anderen beiden sind frei. Das 3,50€/Monat-Abonnement von David Didau lohnt sich mMn aber absolut; da er regelmäßig sehr lesenswerte, fundierte Artikel über Bildung, Lernen und Psychologie veröffentlicht.)
    Deinen „Vergleich“ der Schule mit einem Gefängnis teile ich übrigens wenig. Schule kann sicherlich so empfunden werden, aber ich persönlich denke nicht, dass der Grund dann darin liegt, dass ich aus sinnvollen Gründen festlege, wann Schüler wo und wie lernen. Für mich persönlich war Schule durch die vermittelte Bildung trotz solcher Regelungen ein Ort, der mich in mehr „Freiheit“ geführt hat. Diese Erfahrung machen hoffentlich auch meine Schüler, während ich ihnen gleichzeitig viel „vorschreibe“ – gerade weil ich als Erwachsener und Fachexperte besser als sie beurteilen kann, was sinnvoll ist.

    Deinen Blog verfolge ich übrigens seit 14 Jahren mit großem Interesse (anfangs vor allem wegen Lerntheken, OneNote, Surface usw.). Ich empfinde Hochachtung vor allem vor deiner Liebe zu deinem Beruf und deinen Schülern und vor deinem „Feiern des Lebens“. Das motiviert mich selbst auch immer wieder – vielen Dank! Vermutlich u.a. aus diesem Empfinden heraus ist es jetzt ein so langer Kommentar geworden , da ich selbst gerade so dankbar bin für die „Reise“, die ich als Lehrer im letzten Jahr machen konnte! Und ich nutze deinen Blog gerade wohl auch dafür, meine eigenen Gedanken zu sammeln und zu schärfen …
    In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende!

    1. Danke für die ausführliche Rückmeldung (und die freundlichen Worte). SoL in the Wild ist auch in meinem Feedreader und ich lerne weiterhin dazu.

      Ich bin auch Gefangener meines eigenen Horizonts und meiner eigenen Schule – und da empfinde ich (und Kollegium & Schülerschaft) die derzeitige Situation als positiv.

      Schwierig ist immer der Vergleich: Wie würde exakt meine Lerngruppe mit anderen (schulweiten) Methoden agieren? Auf meiner Einkaufsliste steht jedoch „Teach like a champion“ und ich freue mich auch darauf, meinen Horizont zu erweitern.

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