Aktuell haben wir im Rahmen des Erasmus-Projektes Schülys und Lehrer*innen aus Spanien zu Besuch, die ein wenig von unserer Schule, ein wenig von Siegen und ein wenig von Nordrhein-Westfalen mitnehmen. In den Wochen davor hatten wir jeden Tag zwischen 7 und 10 Kolleg*innen anderer Schulen bei uns, kommende Woche nochmal zwei Schulen aus NRW, die sich unser Schulsystem mit Lernbüros und Werkstätten ansehen wollen:
- die Kinder arbeiten bereits in der 5. Klasse mit offenen Tablets – MDM gibt es nicht.
- die Kinder suchen sich über die Lernbüros ein Stück weit Fächer und Lehrer aus
- wir etablieren Selbstreguliertes Lernen über die Beratungsstunden am Morgen
- ab einem bestimmten Level dürfen Kinder sich frei im Gebäude bewegen und eigenverantwortlich Lernorte aufsuchen
- die Kinder wählen über Werkstätten neigungsspezifisch Lieblingsfächer
- Handys wandern zu Beginn jeder Stunde in Handyhotels, können aber bei Bedarf (und Absprache) genutzt werden
Vielen Besuchen gemein ist der Gedanke, dass all dies mit „der eigenen Schülerschaft nicht möglich sei„. Den Gedanken finde ich rundheraus spannend. Und falsch! Denn weder stehen unsere Fünftklässler an Tag 1 da und beherrschen all das, was wir von ihnen verlangen – noch war unser Kollegium von Beginn an in der Lage, ein solch offenes System professionell zu bedienen (nur zur Klarstellung: Ich nehme mich da nicht von aus).
Das muss erlernt werden. Immer wieder neu.
Und das führt zu einer – für mich – entscheidenden Frage: Was für ein Bild von (zukünftiger) Schule habe ich vor Augen und welche Schrauben/Faktoren in (m)einer Schule lassen sich überhaupt verändern und welchen Effekt haben sie auf das Lernen und damit den Erfolg der Kinder?
In dem Zusammenhang ist mir eine sehr umfassende Studie (Link) begegnet, die dieser Tage publiziert wurde: Sie untersuchte die Auswirkungen von verschließbaren Handytaschen in den USA über einen Zeitraum von 2018 bis 2025, wobei die Effekte bis zu drei Jahre nach der Einführung analysiert wurden. Die Untersuchung war landesweit angelegt und wertete Daten von mehr als 16.000 Schulen aus.
Ergebnis: Ein komplett durchgesetztes Handyverbot an der Schule hat keine nennenswerten Effekte auf den Lernerfolg der Jugendlichen.
Ich finde das insofern spannend, weil von Seiten der Öffentlichkeit und auch vielen Lehrerkollegien sehr viel Aufmerksamkeit und Energie in die Durchsetzung von SocialMedia-Verboten, Handy-Verboten, etc. fließt.
In Summe bringt all dieser Aufwand praktisch nichts.
Das widerspricht an vielen Stellen dem Bauchgefühl und davon nehme ich mich erneut selbst gar nicht aus.
Das ist das Blöde an Pädagogik, dass sich viele Einflussfaktoren nur sehr unscharf messen lassen und darum helfen solch groß angelegte Studien immer wieder, die eigene Perspektive gerade zu rücken. (Ich habe meine Probleme mit der Bildungsforschung an dieser Stelle etwas weiter ausgeführt)
Letztlich steckt für mich die Frage nach der Lernkultur dahinter: Ich/Kollegium/Schulleitung/Öffentlichkeit kann viele Probleme der Jugend von Heute™ auf das Privatfernsehen die vermaledeiten Handys schieben. Schlechtes Benehmen. Mangelnde Aufmerksamkeit. Schlechte Noten. Whatever. Spitzer verdient viel Geld damit.
Ich glaube, dass die Beschäftigung mit (seriöser) Bildungsforschung hilft, sich mit jenen Faktoren/Strukturen im System Schule zu beschäftigen, deren Effekte nachweislich und langfristig positiv sind.
Mit dem Verbot von Handys und Tablets beschäftigt sich bei uns übrigens niemand. Viel Aufmerksamkeit fließt dagegen in bessere Aufgabenformate und effektive Sprachförderung.

Wir haben eine große Befragung zum Sicherheitsgefühl der Schülerschaft durchgeführt, und neben physischen Angsträumen (Toilettenanlagen, Fahrradkeller) hat fast ein Drittel(!) dabei die Verbreitung von Smartphones als Angstquelle genannt: Sie fürchten sich vor unerlaubten Fotos und Videos sowie damit verbundener Mobbinggefahr. Die Lernatmosphäre wird hier also nicht vom eigenen Handy negativ beeinflusst, sondern von denen der anderen Leute.
Unsere bisherige Praxis ist, dass Handys ausgeschaltet in der Schultasche sein dürfen. Wir überlegen nun, ebenfalls Handyhotels einzuführen; um der geäußerten Sorge zu begegnen, müsste es aber wohl eine stundenübergreifende Lösung sein, was logistisch aufwändig zu sein scheint.
Ich finde aber die langfristige Steigerung des Wohlbefindens ein fast noch stärkeres Argument für die Einschränkung der Handynutzung, als es nachlassende Leistungen gewesen wären. Wobei ich natürlich nicht weiß, wie stark ausgeprägt der Effekt wirklich war und ob er sich beispielsweise auf eure Schule so ohne weiteres übertragen ließe.
Weiß gar nicht, ob unsere Schule da so besonders wäre – ich gehöre der Fraktion an, die sagt: Man muss lernen, mit den Dingern umzugehen.
Aus einer (anderen) Studie ergab sich bei vergleichbarem Settting, dass die Bildschirmzeit der Kinder – egal ob Handy weggesperrt oder nicht – am Ende der Woche ziemlich genau gleich war. Die holten dann abends und nachts nach, was sie tagsüber verpassten. Mit der Konsequenz, dass die in der Schule dann den Schlaf nachholen.
Königsweg bleibt für mich: Lerne zu filtern. Erlerne Kontrolle.
„In Summe bringt all dieser Aufwand praktisch nichts.“
Hm, aber ganz kann ich die Schlussfolgerung nicht nachvollziehen. Auch wenn das Handyverbot keine nennenswerten Effekte auf den Lernerfolg der Jugendlichen hat, so steht doch auch in der Studie, dass das Wohlbefinden der Schüler messbar ansteigt. Das ist doch eigentlich auch wünschenswert, und dafür lohnt sich das Verbot möglicherweise auch schon?
Ich gehöre der Fraktion an, die sagt: Man muss lernen, mit den Dingern umzugehen.
Aus einer (anderen) Studie ergab sich bei vergleichbarem Settting, dass die Bildschirmzeit der Kinder – egal ob Handy weggesperrt oder nicht – am Ende der Woche ziemlich genau gleich war. Die holten dann abends und nachts nach, was sie tagsüber verpassten. Mit der Konsequenz, dass die in der Schule dann den Schlaf nachholen.
Königsweg bleibt für mich: Lerne zu filtern. Erlerne Kontrolle.
Insbesondere, da Cybermobbing etc. sich gar nicht verändert haben – es geht also primär ums Filtern und Konzentrieren.
Mein Problem: Was beweist es, wenn die Noten auch dann konstant bleiben, wenn ein Handyverbot keinen Einfluss auf Noten hat? Ich höre so oft, dass Noten nichts über tatsächliche Leistung aussagen, dass ich skeptisch geworden bin, wenn Noten herangezogen werden, um Leistungsfortschritte zu messen. Am Ende kommt immer ein Schnitt von 3,0 heraus, egal wie gut oder schlecht die Klasse ist.
Ich habe mir die Studie nicht angeschaut, vielleicht geht es ja gar nicht um Noten, obwohl das oben steht, sondern um Leistungen in standardisierten Tests. Von denen bin ich allerdings auch kein Freund; man misst, was man messen kann, und das ist herzlich wenig von dem, was man in der Schule lernt.
Ein paar Minuten Podcast über die Studie habe ich immerhin gehört: Messbar war jedenfalls, dass die Zufriedenheit („happiness“) der Lehrkräfte mit dem Handyverbot steigt, und das wäre ja schon mal ein Gewinn. Außerdem stieg die Anzahl der Besuche in der Schulbibliothek messbar an. Auch darüber könnte man nachdenken.
Aber Handyvebot ist kein Allheinmittel, und MDM schlimm, ich gebe dir ja bei den meisten Sachen recht.
Ich denke, zumindest wäre eine deutliche Leistungssteigerung (gemessen in Noten) ja ein deutlicher Indikator für einen Störenfluss der Geräte. Wenn ich eine Klasse, sagen wir, inmitten einer spieenden Kindergartengruppe zwischen Vierjährige setze und teste, wird sich gewiss eine Änderung ergeben. Da würde man dann ja auch schlussfolgern: „Das Settting beeinflusst die Leistung.“
>Da würde man dann ja auch schlussfolgern: „Das Settting beeinflusst die Leistung.“
Oh ja! Aber die brave Lehrkraft berücksichtigt ja all das; Noten entsprechen mindestens in der Praxis der Leistung **unter den jeweils gegebenen Umständen**. Heißt: Ich wünschte mir erst einmal geklärt, wie viel Noten über Leistung aussagen.
Ich bin ja auch zwiegespalten beim Handyverbot. Einerseits gebe ich dir ja vollkommen recht, wenn du sagst: „Man muss lernen, mit den Dingern umzugehen.“ Die Handys gehen nicht wieder weg, das Internet erst recht nicht, und die KI (LLMs) ebensowenig.
Andererseits: Wie lernt man es denn? Kann nicht auch ein zeitweises Verbot zumindest dazu beitragen, dass man den Umgang damit lernt? Ich kann mich erinnern, dass man vor dem Handyverbot teilweise durch die Gänge gegangen ist, und speziell vor den Fachräumen, in die die Schüler ja in der Pause noch nicht hineindürfen, war zu beobachten, dass da viele Schüler alle nebeneinander an der Wand saßen, niemand kommunizierte mit seinem Nachbarn, alle starrten sie nur auf das Smartphone, dass sie vor sich hielten. Der Begriff „Smombie“ wurde dafür mal geprägt.
Das ist inzwischen deutlich besser geworden, die Schüler kommunizieren und agieren wieder mehr miteinander, und vielleicht brauchte es gerade das Verbot, damit die Schüler überhaupt merken, dass das doch auch seinen Reiz hat.
Wieder umgekehrt stimme ich auch zu, dass die Beschäftigung mit der „besten Verbotsmethode“ Zeit kostet – Zeit, die dann möglicherweise für andere wichtige Dinge fehlt. Unser System sieht beispielsweise so aus, dass Handys zwar verboten sind, dass sie aber vormittags nicht verwendet werden dürfen. Wird ein Schüler dennoch mit dem Handy erwischt, wird es in einer Tasche versiegelt, die der Schüler allerdings dennoch bei sich behalten darf (um etwaigen Anschuldigungen von wegen da sei jetzt ein Kratzer drauf, der vorher noch nicht drauf war, zu entgehen). Der Name wird protokolliert, und bei mehrmaligen Verstößen droht eine Strafe.
Das System ist nicht lückenlos, es verhindert nicht, dass die Schüler in einem unbeobachteten Moment nicht doch mal einen kurzen Blick drauf werfen; aber es verhindert, dass die Schüler quasi pausenlos davorsitzen.
Allerdings… einzelne Schüler (also nicht „die“ Schüler, auf den Großteil trifft das nicht zu) versuchen, sich mit allen Mitteln, einen Teil ihrer Bildschirmzeit zurückzuholen. Am besten funktioniert das auf der Toilette, weil da am schlechtesten kontrolliert werden kann. Und so haben manche inzwischen die Gewohnheit entwickelt, sich in der Pause auf die Toilette zurückzuziehen, um dort dann zu surfen. Vereinzelt wurde sogar schon berichtet, dass sich jüngere Schüler nicht mehr in den Pausen auf die Toilette trauen, weil es dort größere Ansammlungen von älteren Schülern gibt.
Tja, das Ende vom Lied wird sein, dass das alles in der nächsten Gesamtlehrerkonferenz Thema sein wird… es wird Kollegen geben, die deshalb für eine Abschaffung des Handyverbots plädieren werden – dann braucht sich niemand auf die Toiletten zurückzuziehen, diese sind dann wieder frei. Es wird Kollegen geben, die die bisherige Regelung beibehalten und an den Anstand der Schüler appelieren wollen. Es wird Kollegen geben, die die Regelung verschärfen wollen und zentrale Handy-Hotels einrichten wollen… dann bringt ein Toilettengang den Schülern nichts mehr, weil sie das Handy ja gar nicht dabei haben. Und es wird Kollegen geben, die anmerken werden, dass die gerissensten Schüler dann eben ihr Zweithandy im Handy-Hotel abgeben…
Ja, es wird Zeit kosten…