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Austausch & Community – Aber warum eigentlich?

Internet-Communitys vermitteln leicht eine trügerische Nähe: Liest man lang genug in einem Forum, folgt lang genug den gleichen Influencern, empfindet man irgendwann eine scheinbare Vertrautheit: Man kennt Vorlieben, Anekdoten, vielleicht auch Ansichten des Gegenübers. Oft ist dieser Austausch monodirektional: Höre ich den Podcast von Trek am Dienstag nur lang genug, habe ich irgendwann das Gefühl, die Macher zu kennen. Die aber kennen mich natürlich nicht. Ein Stück weit offener ist es in kleinen Newsgroups, Blogs oder der eigenen Bubble: Man erhält Antworten von diesen Internet-Leuten und glaubt, sie zu kennen.

Aber wie gut kennt man schon jemanden?

Austausch & Community - Aber warum eigentlich? 1Zum dritten Mal haben sich einige dieser wildfremden Internet-Leute aus dem weitgefassten Bereich „Schule“ ein ganzes Wochenende in Kassel getroffen. Die Bandbreite reichte von der Studentin über Lehramtsanwärterin mit anstehenden Unterrichtsbesuch auf der einen, bis zur erfahrenen Schulleiterin auf der anderen Seite. Von Sonderpädagoginnen über Personalrätin bis zur Stadträtin, die inzwischen hauptberuflich in der Politik tätig sind und von dort aus Schule voranbringen wollen (Männer sind mitgemeint).

Ein bunter Blumenstrauß wildfremder Menschen, deren gemeinsame Basis zunächst in Neugierde zu finden ist: Was haben andere Leute für Ideen zu Schule? Wie kann ich mich, meine Auffassung des Berufs und vielleicht meine Schule voranbringen? Was gibt es für Ideen?

Viele haben sich an dem Wochenende erst kennen gelernt, manche sind bereits seit Jahren lose verbunden: Den Blog von Herrn Rau bspw. gab es Gerüchten zufolge schon vor dem Internet. Wie immer gibt es kein festes Programm und keine Gruppenzugehörigkeit: Man mischt sich immer wieder mal, quatscht mit diesem und jenem und wer zwischendurch Ruhe braucht, nimmt sie sich. Getreu dem goldenen Motto der 70er: Alles kann, nichts muss.

Nach zehntausenden spazierten Schritten und unendlichen Gesprächen und Austausch geht es für mich heute Abend (Sonntag) mit einer Fraktionssitzung weiter, wo ich meine Aufmerksamkeit der Kommunalpolitik widme. Morgen dann fahre ich im Rahmen von Erasmus für eine Woche nach Holland und schaue mir auch fort andere Schulen an. Was machen die anders? Was besser? Was können wir übernehmen?

Das alles lässt sich zusammenfassen unter der Überschrift „Austausch und Community“.
In Zeiten, da soziale Einsamkeit und gesellschaftliche Rücksichtslosigkeit viel Lebensqualität wegnehmen (oder wegzunehmen scheinen?) sind das wichtige Gegenbewegungen. Wir brauchen Austausch. Brauchen soziale Interaktion und Nähe und Vertrauen.

Von mir leicht vergessen ist dabei jedoch folgender Punkt: Das kostet etwas.
Ein Wochenende im Hotel in Kassel kostet mich nicht nur Geld, sondern auch Zeit mit meiner Familie. Die Fraktionssitzung kostet erneut Zeit. Der Austausch nach Holland kostet mich wieder Geld und Zeit und Energie.

Wozu also?

„Start With Why“ erklärt Simon Sinek immer wieder. Das Why ist ein großer Antrieb für Menschen und sorgt dafür, dass man Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt. Jeder Käufer eines Elektroautos nahm in den letzten Jahren Nachteile in Kauf – hatte aber auf das Why sicher eine Antwort. Überzeugung oder Naturschutz oder Nachhaltigkeit. Whatever.

Es ist dieses Why, dass uns in Kassel zusammengeführt hat und aus dem man dann – mittel- und langfristig – profitiert. Der direkte Austausch erweitertert meinen Horizont und je größer der ist, desto besser kann ich meinen Job machen. Neue Ideen bringen unsere Schule voran – und je besser die ist, desto leichter ist mein Alltag. Meine Arbeit in der Politik stimmt mich weit gnädiger, was politische Prozesse im Allgemeinen angeht.

Und wenn all das nicht genügen sollte, dann bleibt zudem die Erkenntnis, dass aus diesen einst wildfremden Internet-Leuten nach dieser dritten Runde in Kassel vertraute Menschen, und vereinzelt sogar liebe Freunde geworden sind.

Und in einer Welt voller Kriege, politischer Unwägbarkeiten und Sorgen kann man gar nicht genug wildfremde Internet-Freunde haben. Vor allem, wenn sie ein gemeinsames Why verbindet.


Hinweis: Andere Blogger*innen werden das Wochenende im Rahmen einer Blogparade ebenso auswerten – ich werde alle Beiträge hier verlinken.

3 Kommentare zu „Austausch & Community – Aber warum eigentlich?“

  1. Lieber Jan-Martin,
    Es war so so schön, dich mal wieder zu treffen und nicht nur einen schnellen Kaffee zwischen Terminen zu quetschen.
    Danke für die tollen Worte – ich bin auch noch ganz beseelt und denke über einiges nach, was am Wochenende gesagt wurde.
    Liebe Grüße aus Potsdam
    Sarah

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