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„The Score“ von C. Thi Nguyen

Zuletzt las ich das Buch „The Score“ des Philosophen C. Thi Nguyen, der intensiv erforscht hat, warum Menschen spielen und der in seinem Buch beschreibt,  wie Punktesysteme (Scores) und Kennzahlen (Metriken) unser Handeln und unsere Werte beeinflussen.

"The Score“ von C. Thi Nguyen 1

Auf das Buch gestossen bin ich durch eine letztlich falsche Annahme: Meine Samsung-Galaxy Watch hat ein Update erhalten, durch das sie allerhand medizinische Daten durch Werte (Scores) übersichtlich darstellt und mich dazu verleiten möchte, gesünder zu leben. Eine kritische Auseinandersetzung mit derlei Entwicklungen war meine Motivation für das Buch – letztlich musste ich aber feststellen, dass Smartwatches und Fitnesstracker praktisch keine Rolle darin spielen.

Stattdessen wird der Rahmen sehr, sehr viel weiter gefasst.

Nguyen unterscheidet zunächst zwei Arten, ein Spiel zu spielen: Beim „strebensorientierten Spiel“ ist der Sieg nur ein vorübergehendes Ziel, um einen spannenden Prozess oder Kampf zu erleben („der Weg ist das Ziel“). Beim Leistungsspiel hingegen geht es um den Sieg – der Prozess ist irrelevant.

Nguyen berichtet, dass er lange Zeit gerne geklettert ist, bis er jene Scores entdeckte, die sozusagen den Level eines Kletterers beschreiben. Von da an war er bemüht, seinen Score nach oben zu treiben und verlor darüber den Spaß am Klettern. Synonym kann man das bei langjährigen Influenzern erleben: Sie sind gestartet mit der Freude am schreiben/twittern/fotografieren/filmen und jagen über kurz oder lang nur noch der Reichweite hinterher.

Diese Wertübernahme, wenn unsere anfänglich komplexen Werte (wie Freude, Gesundheit oder Bildung) von externen, vereinfachten Metriken übernommen und beherrscht werden, betrachtet Nguyen als negativ.  Dabei gilt, dass Metriken im allgemeinen so konstruiert sind, dass sie über verschiedene Kontexte hinweg verständlich und aggregierbar (zusammenfassbar) sind. Dabei entsteht aber zwangsläufig eine Lücke zwischen dem, was leicht messbar ist („Wie gut kann ich klettern?“), und dem, was wirklich wertvoll ist („Macht mir Klettern eigentlich Spaß?“).

Die Übertragung in den Schulkontext ergibt sich automatisch. Schulnoten und der Notendurchschnitt (GPA) sind klassische Metriken. Sie bieten eine „verführerische Klarheit“ über den Erfolg eines Schülers und die  Gefahr einer Wertübernahme ist hier extrem hoch: Schüler hören oft auf, sich für das eigentliche Lernen oder die Neugier zu interessieren, und konzentrieren sich nur noch darauf, die bestmögliche Note zu verbessern.

Und auch die Simplifizierung finden wir in standardisierten Testergebnissen, weil diese Daten für Behörden „lesbar“ sind, aber entscheidende Qualitäten wie kritisches Denken, Originalität, Offenheit oder die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit ignorieren. Überaus deutlich wird das anhand Goodharts Gesetz, das besagt, dass ein Score seinen Nutzen und seine Aussagekraft verliert, sobald er als direktes Ziel verwendet wird. Geprägt wurde dieses Prinzip vom britischen Ökonomen Charles Goodhart, berühmt zusammengefasst im Satz: „When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.“

Ganz besonders deutlich wurde mir das im Alltag: Wenn meine Frau kocht, sind Rezepte für sie nur eine grobe Orientierungshilfe. Sie würzt und kocht mit Erfahrung und passt das Rezept je nach aktuellem Geschmack der einzelnen Zutaten an: Wässrige Tomaten werden anders gesalzen als feste.
Leute wie ich dagegen halten sich akribisch an Rezepte: Das geht mit standartisierten Lebensmitteln und es kommt ein standartisierter, durchschnittlicher Geschmack heraus. Nicht wirklich schrecklich – aber auch nichts, was im Gedächtnis bleibt. Ein typisches Thermomix-Rezept eben.

Ich muss nicht explizit schreiben, wer von uns besser kocht.

Obwohl ich „The Score“ an einigen Stellen als redundant empfand, erschien mir die Lektüre wie ein Kaffeeplausch mit einem ausgewiesenen (und unterhaltsamen) Experten. Ich habe wirklich viel gelernt und hatte auch noch Freude dabei – es ist schon länger her, dass ich das so prägnant erlebt habe.

Tolles Buch und insbesondere all jenen empfohlen, die sich mitder Erhebung von Daten im Bildungskontext beschäftigen.

 

2 Kommentare zu „„The Score“ von C. Thi Nguyen“

  1. Vielen Dank für die Empfehlung – das klingt nach einem Buch, das für mich auch interessant sein könnte. Ich halte Noten in der Schule zwar weiterhin für sinnvoll und wichtig, sehe aber durchaus auch ihre negativen Seiten.

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