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Rede zum Schuljahresanfang und Oscar-Verleihung

Die erste halbe Woche des Schuljahres ist an Intensität und Schlagzahl kaum zu übertreffen.
Im Vorfeld müssen allerhand organisatorische Dinge erledigt werden. Das sind manchmal offensichtliche Dinge (Kind X muss die Klasse wiederholen, also braucht es einen neuen Stundenplan) aber oft auch kleiner Firlefanz, der schlichtweg Zeit kostet: Die Belegung der naturwissenschaftlichen Räume zum Beispiel. In jeder Klasse gibt es NW, Physik, Biologie oder Chemie. Für einzelne Schüler (wir haben 800 Stundenpläne für 800 Kinder) kann es sogar sein, dass sie dreimal pro Woche im Labor sind. Aber wann belegt welcher Kurs welches Labor?
Es fasziniert mich sehr, diese Abläufe zu beobachten: Unsere Schule ist wie ein gewaltiger Motor, der wieder ans Laufen kommt. Es summt und brummt und die Kolleg*innen haben Lust und scharren mit den Hufen. Eine gewaltige Maschinerie, die nach fünf Wochen absoluter Ruhe zum Leben erweckt wird. Wahnsinn.

Parallel läuft die Vorbereitung des Einschulungstages. Im Vorfeld habe ich mich mehrfach mit den Klassenlehrkräften getroffen und mir sowohl ihre Wünsche und Sorgen angehört, als auch meine Erwartungen ausgedrückt. Auch wenn „Disziplin“ einen zuweilen faden Beigeschmack hat, bin ich fest davon überzeugt, dass Schule nur dann ein guter Ort sein kann, wenn der Alltag strukturiert und geordnet abläuft. Und das heißt auch, sich von Minute 1 an intensiv um jene Kinder zu kümmern, denen das Befolgen von Regeln noch schwer fällt.

Am Mittwoch dann Einschulung und für meine Eröffnungsrede hatte ich mir zwei Dinge ausgedacht:

  1. Über ein kurzes Stück Schlauch sind zwei Luftballons miteinander verbunden: Ein wenig aufgeblasener und ein groß aufgeblasener Ballon. Eine Klammer verhindert, dass die Luft vom einen in den anderen ströhmt.
    Ich fragte Kinder und Eltern, was geschähe, wenn ich die Klammer entfernte und alle waren sich einig: Der große pustet den kleinen auf. Ein ziemlich langweiliges Experiment, konstatierte ich, wenn man schon weiß, was rauskommt. Ziemlich unspektakulär und überhaupt.
    Ich entfernte die Klammer und – Überraschung – der kleine Ballon verlor alle Luft und der große wurde noch größer. Ich nutzte das als Metapher dafür, dass Fehler gemacht werden dürfen und Schule dazu da sei, seine eigenen Vorstellungen und Gedanken zu hinterfragen. Oft lohne sich ein zweiter Blick – das gälte nicht nur für Unterricht, sondern auch füe Menschen.
  2. Und damit zog ich mein Jacket aus. Darunter war mein gebügeltes Hemd ziemlich schmutzig, bemalt und zerrissen. Sogar ein Ärmel fehlte.
    Ich erzählte, meine Kinder hätten es zum Verkleiden benutzt und nutze mein Erscheinungsbild wiederum als Metapher: Wir schauen oft nur oberflächlich und denken: „Der hat alles im Griff!“ „Die weiß gewiss alles!“
    Aber unter der Oberfläche – unter dem Jacket – sieht man nicht, wenn jemand einsam ist. Oder Angst hat. Oder Streß zu Hause hat.
    Ich betonte, dass wir eine Schule nicht nur für Mathematik und Physik und Kunst sind, sondern auch eine, die gemeinsam mit den Kindern durch schwere Tage und Zeiten geht.

Anschließend gingen die Kinder in die Klassen, ich langweilte die Eltern noch mit dem Ablauf der ersten Tage und dann war es auch schon rum.

Neben ein wenig Unterricht gab es dann am Freitag die Oscar-Verleihung. Dabei wurden die Besten aller Jahrgangsstufen prämiert und auch – meine Lieblingskategorie – jene Kinder, die gewaltige Entwicklungsschritte oder sich ansonsten verdient gemacht haben. Die Veranstaltung wird in die Klassenräume übertragen, die neuen Fünftklässler sind das Live-Publikum vor Ort. Es ist immer wieder sehr bewegend, wenn die Fünfer mit großen Augen dasitzen und nicht minder, wenn bei einzelnen Preisträgern die Augen glänzen vor Stolz und Rührung. Ich liebe das sehr.

Meine Co-Klassenlehrerin und ich sind mit Volldampf in unsere Klasse gestartet: Im Oktober stehen zwei Wochen Praktikum und zwei Wochen Herbstferien an – entsprechend ist die erste Klausurenphase bereits in drei Wochen. Das wird knackig. Aber die Stimmung ist gut, niemand hängt gedanklich noch in den Sommerferien fest. Das ist insbesondere erfreulich, da die 9. Klasse an Gesamtschulen mit dem Erreichen des Ersten Schulabschlusses endet – entsprechend kann man nun zum ersten Mal sitzen bleiben. Das erhöht die Schlagzahl etwas. Auch das mag ich.

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