Google-Phobie…

Tagelang debattiert die deutsche Politik schon über Googles Street-View-Pläne – doch die Bundesregierung hat immer noch keine Linie. Die Opposition mokiert sich über Aktionismus der Minister, fordert neue Datenschutzgesetze. Inzwischen sieht auch die Kanzlerin Handlungsbedarf.”

Meldet der SPIEGEL. Grünen-Chefin Renate Künast kommentiert gar:

“Das ist putzig – sie [gemeint ist CSU-Ministerin Aigner, Anm.] soll uns alle schützen statt nur populistischen Aktionismus zur betreiben.”

Sie sollen uns schützen.

Schützen.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Vielleicht werde ich alt und unverständig, aber wenn ich – für mich selbst – mal kurz zusammenfassen darf:
Die selben Politiker, die soeben ihr OK für Nacktscanner, das SWIFT-Abkommen, die Vorratsdatenspeicherung, noch mehr Kameras an öffentlichen Plätzen, biometrische Daten in Personalausweisen, die elektronische Meldeauskunft  und mit ELENA eine millionenfache Sammlung von Arbeitnehmerdaten an einer zentralen Speicherstelle gegeben haben, entsetzen sich nun über einen Dienst, der veröffentlicht, was man sowieso sehen kann.

Wo liegt mein Fehler?
Wieso habe ich den Eindruck, dass viele Politiker die Medien benutzen, um sich nun öffentlichkeitswirksam an die Seite der besorgten, aber unwissenden Bürger zu stellen? Das die engagierte Truppe von Rentnern (siehe Link) dagegen vorgeht, dass Google ihre Häuserfront ins Internet stellt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Auf RP-Online posieren sie mit grimmigen und vor allem erkennbaren Gesichtern und vollem Namen vor ihren Häusern. Und zwar… im Internet!

imageUnd weiter? Da Herr Hillesheim freundlicherweise mit Namen und Foto im Netz steht, darf ich an dieser Stelle anmerken, dass der Mendelweg meines Erachtens keine besonders aufregende Wohngegend ist. Woher ich das weiß? Weil ich seinen Namen bei www.telefonbuch.de finde. Selbstverständlich mit Telefonnummer, genauer Adresse und Karte aus der Vogelperspektive, powered by Microsoft Bing.

Das verdeutlicht doch, dass die wenigsten Menschen überhaupt eine Vorstellung davon haben, was mit ihren Daten passiert.

Aber weil es gerade hochkocht und man sich prima engagieren und Stimmen fangen kann, ist auch die Politik ganz vorne mit dabei, Google als böse Datenkrake darzustellen.

Weiteres Beispiel?

„Aber Street View ist äußerst heikel, weil der Nutzer die Perspektive eines Fußgängers einnehmen kann.“

Bitte was, Herr Ramelow (Linke)?

Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht bin ich schon zu alt noch nicht alt genug dafür.

Ihr?

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5 Responses to Google-Phobie…

  1. Pingback: Tweets that mention Google-Phobie… « …ein Halbtagsblog… -- Topsy.com

  2. Jörg says:

    Gefällt mir gut und trifft eine Dinge genau! Diesen Artikel werde ich mir merken, wenn ich im kommenden Jahr eine Fortbildung zum Thema Web 2.0 und Datensicherheit mache.

  3. Winni says:

    Deine Kritik an den genannten Politikern mag man ja noch nachvollziehen, aber wie man daran Zweifeln kann, das Google eine „Datenkrake“ ist verstehe ich nun wiederum überhaupt nicht.
    Mir macht das Verhalten von Google sehr große Angst. Nur weil viele Menschen mir ihren persönlichen Daten so wenig sorgsam umgehen und in Google keine Gefahr sehen, bedeutet das doch noch nicht, dass es nicht wirklich so ist. In meinen Augen ist Google eine Gefahr. Vielleicht nutzen sie die gesammelten Daten heute noch nicht zu unserem Nachteil, aber wer hinderte sie daran es in Zukunft zu tun?
    Als Jugendlicher habe ich „1984“ von George Orwell gelesen und mir wurde klar, dass man alles tun muss um diese Fiktion nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Aber in den letzten 20 Jahren sind wir kontinuierlich immer näher an diese Fiktion herangerückt. Ich finde es erschreckend dass nur so wenige Menschen diese Gefährdung der Freiheit und Menschlichkeit erkennen. Und dabei sind die Menschen in Deutschland noch mit die Kritischsten in der Welt, was dieses Thema betrifft. Ich bin um jeden Beitrag zum Datenschutz froh, auch wenn er von heuchlerischen Politikern kommen mag.
    Gruß,
    Winni.

    • Jan-Martin Klinge says:

      Ich habe keine Zweifel und durchaus auch Kritik gegen Googles Datenwulst vorzubringen. Aber die gegenwärtige Situation empfinde ich so, als würden Bonnie und Clyde sich in die Fußgängerzone stellen und sich mit Passanten über den gemeinen Handtaschenräuber Ede aufregen, der jetzt schon zum zweiten Mal einer Oma die Tasche geklaut hat. Und statt sich mit Bonnie und Clyde auseinanderzusetzen, suchen alle nur nach Ede, dem Räuber. 😉 Metaphorisch gesprochen. Alle nutzen Google Earth – sogar die Tagesschau greift immer wieder darauf zurück – und ich finde StreetView nützlich. Ich habe es selbst schon genutzt, um mir meinen Ferienort in Dänemark im Vorfeld anzusehen. Alle nutzen Google und viele immerhin noch einen Mailaccount – aber alles freiwillig. Das kann man von den Methoden der Politik nicht sagen…

  4. Till says:

    Ein anderer, sehr lesenswerter Blog Eintrag meiner Meinung nach ist dieser hier:

    http://blogs.23.nu/bubbleboy/2010/08/sonnenstudiotussis-dieser-stadt-gebt-mir-meine-offentlichkeit-zuruck/

    Hier wird argumentiert, dass StreetView den Raum endlich so öffentlich macht, wie er eigentlich schon ist. Ähnlich wie das Internet das Recht auf freie Meinungsäußerung besser ausübbar macht.

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