#22 Warum diese Bibliothek?

Das ist die Frage, nicht wahr? Warum nicht andere Bücher? Andere Zusammenstellungen? Warum diese? Warum die Bibel?

Gute Fragen.

Warum diese Zusammenstellung? Wegen uns.

In der Bibel finden wir immer und immer wieder brutal ehrliche Berichte über die Menschheit. Wir lügen, betrügen, stehlen, wir schauen Sendungen auf RTL – wir haben diesen ungezügelten Drang, Chaos anzurichten. An keiner Stelle der Bibel wird diese Realität übertüncht, beschönigt, abgestritten oder ignoriert. Von wir haben alle schon mal tief ins Klo gegriffen über das Herz ist arglistig zu seid ihr wirklich so begriffsstutzig? (übrigens ein großartiges Zitat von Jesus) – in der Bibel finden wir wieder und wieder die ungeschminkte Wahrheit über unsere Fehler, unsere Schwächen, unsere Hartherzigkeit, unseren Kleingeist und unsere Begriffsstutzigkeit.

Aber was wir auch finden (manchmal am gleichen Ort und manchmal sogar im gleichen Atemzug) sind beeindruckende Aussagen über unsere Größe, unser Potential und unsere Möglichkeiten. Menschen wird zugesprochen, sie würden Nationen anführen und die gute Botschaft über die Versöhnung aller Dinge bis an das Ende der Welt tragen.

Wir sind ein merkwürdiger Cocktail, eine verrückte Mischung, eine seltsame Verquickung von Haut und Knochen und Geist und Seele. In der einen Minute hören wir von buchbaren Weltraum-Flügen für Touristen und in der nächsten von einer Frau, die ihre neugeborenen Babys in einem Bahnhofsschließfach entsorgt.

Die Höhen und Tiefen, zu denen wir in der Lage sind frustrieren oft, inspirieren manchmal, verärgern uns und – nicht zuletzt – sind zuweilen auch wunderschön.

Warum diese Zusammenstellung? Wegen der vollen Bandbreite.

In der Bibel finden wir das ganze Spektrum menschlicher Erfahrung versammelt: von Zweifel, Wut, Freude, Rache, Verzweiflung, Hunger und Frieden zu Verwirrung, Solidarität, Staunen und Tod und alles dazwischen auch.
Wenn wir uns selbst nach zwei, drei entscheidenden Momenten unseres Lebens fragen, nach Zeiten, die unseren Lebenslauf verändert haben und die uns geformt und verändert haben – wären es Geschichten über Triumph und Sieg oder eher Schmerz und Pein und Leid?
In den allermeisten Fällen sind es die schmerzhaften Erfahrungen, die uns verändert haben. Wir sagen dann Dinge wie “das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht” oder “niemals wieder möchte ich so etwas erleben” oder “wieso ist das ausgerechnet mir passiert?” aber dann folgt oft auch ein “aber ich habe etwas Wichtiges daraus gelernt” oder “trotz all dem Mist ist etwas Gutes daraus geworden”.

Das Buch Hiob zum Beispiel beschäftigt sich lang und ausführlich mit allen Details menschlichen Leids, die Klagelieder erzählen von entsetzlichen Zeiten, es gibt Stellen in den Evangelien, als Jesus Familie glaubt, er sei psychisch krank und sich seine Freunde von ihm abwenden, während der mächtigste Mann des Landes seinen Kopf will und man ist überzeugt, dass das alles zerfällt und nie, nie, nie etwas Gutes daraus erwachsen könnte.

Warum diese Zusammenstellung? Weil Schwäche uns letztlich den Weg weist.

Wir leben (speziell hier im Westen) in einer Alpha-Welt: Die stärksten, beliebtesten, schönsten Menschen sind auf der Siegerseite und zahlreiche Medien erinnern uns täglich daran, wer in ist und wer out:
”Ein zwölfjähriges Mädchen mit langen blonden Haaren und großen Kulleraugen, das einen 25 Jahre älteren Mann heiraten muss.” schreibt der STERN und es stellt sich unweigerlich die Frage, ob eine Zwangsheirat bei einem kleinen, dicken und hässlichen Mädchen vielleicht nicht so schlimm wäre.
Nein – in dieser Welt ist sehr deutlich, wer in ist und wer out. Wir strengen uns an, behaupten uns, benutzen unsere Ellbogen und zeigen jedem, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben und schlank genug sind und stark genug und cool genug.
Aber die Geschichten der Bibel laden uns dazu ein, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie erzählen von einem Gott, der uns dann begegnet, wenn unser Leben in Scherben vor uns liegt. Die Bibel berichtet von einem Gott, der uns in unseren Fehlern, unserem Unglück, unserer Schwachheit und Einsamkeit ansieht. Der uns auf der Intensivstation begegnet, wenn wir Konkurs sind und uns nach einem Absturz auf der Straße wiederfinden.

Dieser Gott – das behaupten die Verfasser der Geschichten – ist genau dort zu finden.

Es geht nicht um abstrakte Ideen, Utopien einer besseren Welt oder vergängliche Vorstellungen der Zeit – wir begegnen echten Menschen die wirkliche Hilfe erfahren und nach realem Frieden suchen und von echtem Schmerz und Leiden geheilt werden.
Exodus berichtet von der Befreiung eines Volkes aus realer Sklaverei. Jesus heilte richtige Menschen, keine Romanfiguren. Die Briefe im Neuen Testament sind echte Briefe, adressiert an Menschen, die nach Sinn und Zweck und Freude suchen.
Die Grundaussage der Bibel ist, dass inmitten der fehlerhaften, schrecklichen, schönen Menschheit ein Gott präsent ist, der in die Welt eingreift und handelt und das wir ein Teil davon sein können.

Warum diese Zusammenstellung? Weil es um das hier geht.

Den Büchern zufolge dreht sich alles um diese Welt, diesen Planeten und dieses Leben. Jesus lehrte seine Jünger, dass Gottes Wille auf der Erde geschehen sollte, wie im Himmel. Die Bibel erzählt, dass diese Welt erneuert, wiederhergestellt und repariert wird. Es geht darum, dass der Himmel auf die Erde kommt und zwar auf eine Art und Weise, dass Himmel und Erde der gleiche Ort sind.
Sie berichtet nicht von Flucht, Evakuierung oder dem simplen Versprechen auf ein besseres Leben nach dem Tod. Es geht darum, sich hier und heute und jetzt zu engagieren, denn diese Welt ist die einzige, die wir haben. Hier entfaltet sich die Geschichte, hier muss Unrecht beendet werden, hier kommt es drauf an.

Warum dieses Buch? Wegen dem Garten und der Sonne und Schweiß und Sex und Wein und Musik und wegen der Bäume und Berge und Kunst und Wirtschaft und Recht und Medizin und Bildung und wegen dem Spaziergang mit dem Hund am Abend.

Es geht um tatsächliche, materielle Dinge des alltäglichen Lebens und der nachdrücklichen Betonung der Autoren der Bibel, dass sie eine besondere Tiefe haben, dass Gott durch sie und in ihnen wirkt. Dieses Buch handelt von einer göttlichen Kraft, die hier auf Erden gegenwärtig ist – im Tempel eines jüdischen Mannes, wo immer zwei oder drei versammelt sind und während wir das Geschirr waschen.

Warum diese Zusammenstellung? Weil alle Dinge für uns sind.

Der Bibel zufolge ist die ganze Welt ein Tempel – wir leben auf heiligem Boden, in Gottes Haus. Paulus schrieb an seine Freunde in Korinth, dass alle Dinge für uns sind. Ein ganz zentrales Thema der Bibel ist, dass – wo immer wir auch hingehen – Gott ist da. An den merkwürdigsten Orten, in unerwarteten Momenten und Menschen. Melchisedech taucht aus dem Nichts auf – als Priester – und alles ist prima (Wir kommen später nochmal auf ihn zurück). Kyros wird als Messias bezeichnet, Jesus sagt, es würde Sodom und Gomorrah letztlich besser gehen als dem ganzen religiösen Volk. Die Bibel wird nicht durch die Existenz anderer Bücher und anderer Stimmen bedroht – sie nimmt sie, umarmt sie und sagt etwas wie “Du auch? Großartig!”

Sie ist sowohl sehr speziell –

Abraham hat viele Söhne, sein Stamm soll alle anderen segnen, das Göttliche nimmt Fleisch und Knochen an und zieht in die Nachbarschaft, Jesus trägt seinen Jüngern auf, hier in Jerusalem mit der Arbeit zu beginnen aber bis zum Ende der Welt zu gehen –

als auch universell: Die Versöhnung aller Dinge, ein neuer Himmel, eine neue Erde, ein Gott, der über allem und in allem ist, ein Gott, der alle vor allem erretten will, vor dem sie Abstand brauchen.

Warum diese Zusammenstellung? Weil das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde.

In keiner dieser Geschichten ist das letzte Wort schon gesprochen. Ezechiel behauptet, Sodom würde wiederhergestellt, Joseph erzählt seinen Brüdern, dass ihre unheilvollen Pläne von Gott in Gutes verwandelt worden sind, Jesus schreit in der Einsamkeit warum Gott ihn verlassen habe und besteht später darauf, dass sogar in diesem Moment Gott einen Plan verfolgte.
Das letzte Wort ist an keiner Stelle gesprochen worden.

Ich muss das für mein Leben hören.

Immer wieder.

Wenn es etwas gibt, das die Autoren ständig wiederholen, dann, dass unsere Perspektive klein und limitiert ist, dass wir anfällig sind vorschnell zu urteilen und Dinge bewerten, die weit über unser Verständnis hinausgehen.

In dieser Geschichte ist Gott ein dreieiniger Tanz aus Liebe und Großzügigkeit, der uns endlos umkreist, uns jeden Morgen neue Gnade ans Bett trägt, uns an unsere Kleinheit in der Welt erinnert und daran, dass wir unser Leben an die Welt verschenken sollen um es in einer Art und Weise wieder zu erhalten, die wir uns nicht ausmalen können.

Für mich klingt diese Geschichte gut. Sie klingt richtig.
Selbst – oder vielleicht sollte ich sagen ‘ganz besonders’ – die merkwürdigen Aspekte.

Wenn wir uns über die gewalttätigen Teile empören und uns als moderne, aufgeklärte Menschen verstehen – dann müssen wir vielleicht nur abwarten, bis uns das nächste Mal jemand im Verkehr schneidet um Wut und Hass und Zorn zu empfinden.
Das Problem mit der Bibel ist oft, dass die Leute, die in ihr vorkommen und die Leute, die die Geschichten aufschrieben, Leute wie wir sind. Menschen, die in ihrer Zeit lebten, mit Weltanschauungen und Vorurteilen und Ängsten und Hoffnungen und Träumen. In dieser Bibliothek werden uns ihre Blickwinkel enthüllt, wir betrachten ihre Sterblichkeit, ihr Scheitern, wir sehen ihre Ansichten über Gott und das Leben und alles andere.

Sie brauchen Hilfe.

Wie wir.

Diese Zusammenstellung von Büchern, die Bibel, enthält eine Geschichte über Hilfe.

Sie ist oft grob und und unschön und zuweilen etwas fragwürdig aber an anderen Stellen erhebt sie sich, greift nach den Sternen, besteht darauf, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, dass das Grab leer ist, dass alle Dinge uns zustehen und dass sie versöhnt und repariert und erneuert werden.

Diese Geschichte, als ganzes betrachtet, bewegt mich. Sie eröffnet mir neue Perspektiven und hilft mir, ein besserer Mensch zu werden.

Darum dieses Buch.

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