#27 Maria und Rage Against the Machine

#27 Maria und Rage Against the Machine

Alles klar, los geht’s.
                                 Maria  [Lukas 1v38]

It has to start somewhere, it has to start sometime.
What better place than here? What better time than now?
                                Rage Against the Machine

Es gibt da dieses jüdische Mädchen, sie ist vermutlich 13 oder 14, und dem Evangelium von Lukas zufolge erscheint ihr ein Engel und berichtet, dass sie Gnade bei Gott gefunden hat, schwanger würde und ihr Kind der

Sohn des Höchsten

sei, er den

Thron seines Vaters David

übernehmen werde und sein

Reich wird niemals enden.

Bevor es aber soweit ist, hat Maria noch die ein oder andere Frage, (wie etwa „Aber ich hatte keinen Sex bisher?“) woraufhin der Engel antwortet:

Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.

weil das den Sachverhalt klarstellt. (Mich Überschatten? Das ist deine Antwort?)
Das Mädchen Maria hört alles, nimmt es in sich auf, stellt ihre Fragen und antwortet dann:

Ich bin die Magd des Herrn. Es geschehe mir nach deinem Wort.

Oder wie wir heute sagen würden:

Alles klar. Los geht’s.

Heute, vorweihnachtlich, zunächst ein paar Gedanken über dieses Mädchen und ihre Welt.

P1010327Maria war Teil eines Stammes, der von sich glaubte, von Gott auserwählt worden zu sein, um der Welt diesen einen Gott zu zeigen. Das war seinerzeit eher ungewöhnlich, denn die anderen Stämme hatten eine Menge Götter. Jede Menge. Ein altertümlicher Schriftsteller schrieb einst, es sei in Athen einfacher, einen Gott zu finden als einen aufrechten Mann. Götter waren überall.
Aber Marias Stamm glaubte, dass es nur einen Gott gäbe. Einen Gott, der so groß, so mächtig sei, so anders, dass es sogar verboten war, Bilder von ihm zu erschaffen.

Das war eine neue Idee.

Und eine merkwürdige noch dazu. Wer würde nicht jede Menge Götter wollen (zumindest einen für den Fußball, was die merkwürdige Tabelle erklären würde…!?)

Aber in dieser Sippe herrschte die Überzeugung, dass dieser Gott so groß sei, dass kein Bildnis ihm auch nur nahe kommen könne. Auf eine faszinierende Art glaubten sie nicht an jene Götter, die Menschen nach ihrem Bild geschaffen hatten, sondern an einen Gott, der Menschen nach seinem Bild erschaffen habe.

Eine erstaunliche Idee.

Obwohl das ganz romantisch klingt, wurde das Land dieser Sippe wieder und wieder erobert. Ägypter, Babylonier, Seleukiden, kampftüchtige Assyrer, eine Supermacht nach dem anderen zerschlug den Stamm, drang in ihr Land ein, raubte die Reichtümer und deportierte sie in fremde Gebiete. Ihr Leben war miserabel. Generation für Generation. Jedesmal, wenn man einen Eroberer loswurde, nahm der nächste seinen Platz ein.

Diese Erfahrungen, die Geschichte ihres Stammes brachte eine Frage auf, die die Menschen damals beschäftigte: Wenn unser Gott der eine Gott ist, wenn dieser Gott angeblich über allen anderen Göttern steht – wie kann es sein, dass ständig andere Leute kommen und uns unterdrücken?

Geschichte wiederholt sich. Ein brutales Imperium und eine Armee folgte der nächsten, weiter und weiter bis in die Zeit Marias, wo die Römer in ihr Land gestürmt waren, ihre Sippe unterdrückten und ein militärisches Hauptquartier bauten, das ihren Tempel um ein paar Meter überragte – nur um ganz deutlich zu machen, wer hier das Sagen hat. Die Römer wurden von einer ganzen Reihe Herrschern angeführt, die Cäsaren, die von sich glaubten, sie seien

…Kinder Gottes, vom Himmel gesandt um eine universelle Herrschaft des Friedens und des Wohlstands auf die Welt zu bringen.

Sie hatten einen beliebten Slogan

Es gibt keinen anderen Namen unter dem Himmel durch den die Menschen gerettet werden, als den Cäsars.

und sie fordern, dass jedermann zu jederzeit bestätigte

Cäsar ist Herr.

Und so marschierten sie in alle Welt, eroberten Ländereien, in denen sie forderten, dass man Cäsar als Herrn anerkannte, erhoben erdrückende Steuern von den Bürgern, die sie für den Aufbau einer noch größeren Armee benutzten um immer mehr Menschen und Länder zu erobern und zu unterdrücken, um noch mehr Steuern für eine noch größere Armee…

Allzu weit ist diese Geschichte von uns heute nicht entfernt. Die Römer würden in unsere Stadt kommen und unsere Ehrerbietung erwarten. Wenn wir ihrem Anspruch Folge leisteten, wären wir Teil des Empires – würden wir uns wehren, würde man uns öffentlich an ein Kreuz nageln, um jedermann und jederfrau klar zu machen, was es bedeutete, sich Cäsar zu widersetzen.

So machten sie Frieden .

Gib auf. Oder wehre dich und ende am Kreuz.

Dies war die Welt, in der Maria gelebt hat und es erinnert in perfider Form an jene Frau, die heimlich ihren Alltag in der IS Hauptstadt Rakka filmte. Ein falscher Schritt, eine dumme Bemerkung und man stirbt. Die Mächtigen sitzen auf dem Stuhl. Die Starken herrschen. Das gibt es auch heute.

Man kann diese Angst und Müdigkeit kaum nachempfinden. Über Generationen hinweg immer wieder herumgestoßen und ausgebeutet worden zu sein. Müde, einem Gott anzuhängen, der so etwas zulässt. Wieder und wieder und wieder.

So sieht die Welt aus, als der Engel erscheint und von einem Baby spricht, dass dieses fremde Kaiserreich beherrschen wird. Maria antwortet dem Engel mit einem epischen Lobgesang (den man im Kirchenslang „Magnificat“ nennt) in dem sie begeistert erzählt, Gott

hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd

und, dass Gottes Barmherzigkeit jene erreicht,

welche ihn fürchten.

Sie sagt, dass Gott

Mächtige von ihrem Thron stieß

(hat er das wirklich? Die Römer sind noch immer hier, und noch mächtiger als je zuvor…)

und er

hob die Demütigen.

Sie führt an, dass

Gott den Hungrigen Gutes gibt, aber die Reichen fortschickt.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen
auf ewig.

Für Lukas Publikum muss der Kontrast atemberaubend gewesen sein: Wer ist dieses Teenager-Mädchen aus der Sippe Abrahams, dass sie behautet, ihr Baby würde Cäsar überdauern?

Maria. Cäsar.

Ein Mädchen im Teenageralter. Der Herrscher der Welt.

Maria feiert, dass Cäsar untergeht.

Erkennen wir den revolutionären Ansatz der Jesus-Geschichte? Man stelle sich vor, sie würde im heutigen Rakka stattfinden.

Schon jetzt eine politische und subversive und eindringliche und trotzige Geschichte und Jesus ist noch nicht mal geboren.

Dies ist eine Geschichte über die Außenseiter, die mit dem Joch des Imperiums im Nacken, über diejenigen, die ein Unrecht nach dem anderen erlitten.

Lukas erzählt von einem anderen Weg als dem des Kaisers. Er bietet der Welt die aufregende Nachricht eines neuen Herrn, der die Welt nicht durch militärische Gewalt, sondern durch opferbereite Liebe verändern wird.

Welcher Weg ist besser?

Alles beherrschende Macht oder opferbereite Liebe?

Wer ist Herr – Cäsar oder Jesus?

Diese Frage stellt Lukas seiner Welt durch diese Erzählung und er beginnt mit einem Mädchen, dass für alles bereit ist, was Gott im Sinn hat.
Aus diesem Grund beginnt die Jesus Geschichte im Untergrund, in der Gosse, der Nebenstraße eines unbedeutenden Dorfes. Und das ist auch der Grund, warum sie oft ihre Kraft und Energie verliert, wenn sie an bestehende Strukturen und Systeme angepasst wird. (Auch wenn wir es uns hier nicht vorstellen können: Solche Untergrund-Kirchen wachsen und gedeihen in Ländern, die von totalitären Regimes regiert werden, während die Kirchen in „christlichen“ Ländern eher träge und müde und irrelevant erscheinen.)

Es ist eine Geschichte über ein jüdisches Mädchen und das Baby in ihrem Schoß, aber es ist gleichzeitig eine Geschichte über die herrschende Ungerechtigkeit überall.
Es geht um die zeitlose Erinnerung daran, dass Imperien brüchig und Herrscher vergänglich sind und dass Politiker und Mäzene und führende Unternehmen kommen und gehen.

Gott, so freut sich Maria, steht auf der Seite der Armen, der Hungrigen, der Demütigen und denen die Barmherzigkeit brauchen. Sie freut sich, weil sie daran glaubt, dass Gott ihre Sippe nicht vergessen hat, sondern immer noch dabei ist, die Welt zu verändern.

Gott hat sie nicht vergessen, der Kaiser wird vergehen, der Schrei der Unterdrückten wird angehört, ein Baby wird geboren werden.

All dies geht von einem Teenager-Mädchen aus, deren erste Antwort lautet:

Alles klar, los geht’s.

Frohe Weihnachten.  🙂
Weiter geht es im neuen Jahr, denn natürlich sind wir immer noch erst am Anfang.

Dank geht an Rob Bell.

4 Replies to “#27 Maria und Rage Against the Machine”

  1. Ach je, mir war nicht bewusst, wie aktuell mein Kommentar letztes Mal von der ungefragt geschwängerten Maria sein würde… 🙂 Jan-Martin ich wünsche dir und deiner Familie glückliche, schöne Weihnachten, die für gläubige Menschen sicherlich noch mal einen besonderen Zauber haben.

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