Warum ich #OER-Schulbücher für eine schlechte Idee halte

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Dieses Schuljahr unterrichte ich sieben verschiedene Kurse (Mathematik, Physik, NW und Technik) und in keinem einzigen habe ich aktiv mit dem Schulbuch gearbeitet. In fünf von sieben Kursen habe ich nicht mal ein Buch ausgeteilt. Wenig überraschend hat im Laufe des Schuljahres kein einziger Schüler je nach ihnen gefragt.

Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, Schulbücher seien überflüssig – aber wenn sich eine wachsende Zahl von Lehrern schon Gedanken über freie Bildungsmaterialien (Stichwort: “OER”) macht, dann halte ich eine Entwicklung in Richtung Schulbüchern für falsch.

Zunächst also zwei Beispiele für OER-Projekte, bevor ich über Diagnose spreche und dann Krankheitsverlauf und dann Heilungschancen.

Zunächst: Vor einigen Monaten machte das Schulbuch-O-Mat-Projekt Schlagzeilen, als zwei Initiatoren ein komplett freies Biologie-Schulbuch erschaffen wollten. Vorteil wäre, dass jeder Text und jedes Bild beliebig genutzt und kopiert werden könnte.
Kurt Söser hat sich ganz ähnlich Gedanken darüber gemacht, wie man ein Mathematik-Schulbuch mit der Software OneNote gestalten könnte. Der Ansatz schien mir zunächst verlockend, bis ich mir klar gemacht habe, dass ich nicht nur nicht mit OER-Schulbüchern arbeiten würde, sondern dass ich grundsätzlich nicht mit Büchern arbeite.

Der Grund führt mich zur Diagnose:

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Wenn ich guten Unterricht mache, dann ist der stets auf meine Klassen individuell abgestimmt. Das bedeutet, ich biete ihnen Inhalte, die sie persönlich betreffen (interessieren?) und herausfordern. Im Fach Mathematik impliziert das unterschiedliche Niveaustufen, in der Physik werden mal Filme analysiert und mal Bären vom Dach geworfen.
Weil ich selbst nicht sonderlich kreativ bin, klaue ich. Aus Büchern. Vielen Büchern. Ein einzelnes kann mir gar nicht genügen. Wahlweise ist es zu bunt und aufregend oder zu grau und langweilig oder aber (wie die aktuellen AT-Bücher) völlig wirr. Schön, dass der Klett-Verlag seine Physikbücher überarbeitet hat – schade, dass weder im Kapitel Atomphysik noch sonst irgendwo ein Periodensystem zu finden ist.

Guter Unterricht entsteht immer dann, wenn ich mir aus vielen Büchern/Arbeitsheften das Beste (weil: Passende) zusammenstelle.

Im Alltag scannen, kopieren und verteilen Lehrer Materialien, obwohl sie das eigentlich nicht dürfen. Sie benutzen Texte und Bilder und tauschen Arbeitsblätter aus, obwohl es verboten ist. Das führt letztlich zu der Motivation offene, frei zugängliche Materialien zu erschaffen. Natürlich gegen den Widerstand der imageSchulbuchverlage, die pro Jahr über 200 Millionen Euro mit dem Verkauf eben jener Bücher verdienen.

In diesem Jahr findet erneut eine OER Konferenz in Berlin statt (ich überlege, hinzufahren), bei der sich viele leidenschaftliche Menschen Gedanken darum machen, die Bildung in diesem Land zu verbessern. Aber… bitte:

Macht keine Schulbücher.

Für guten Unterricht brauche ich einen Supermarkt der Ideen. In dem ich entlangschlendere und Ideen zu verrückten Experimenten, aufregenden Projekten und spannenden Aufgaben finde. Einen Supermarkt, in dem ich für meine Physik-Hauptschulklasse ebenso Passendes finde, wie für meine Jugend-forscht-Truppe.

Macht keine Schulbücher. Baut einen Supermarkt!

 

1: Die der Grafik zugrunde liegenden Daten bezüglich der öffentlichen Ausgaben für Schulbücher beziehen sich auf die Angaben des // VdS Bildungsmedien e.V. (Stand 2004)

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