“Political Correctness” im Lehrerberuf.

7. Dezember 2016 22 Von Jan-Martin Klinge

Als „First World Problems“ werden gemeinhin (und etwas abfällig) Probleme bezeichnet, die nur Menschen der ersten Welt haben. „Mich nervt, wenn der Akku meines Handys nur einen Tag hält!“ (Es gibt einen schrecklichen, sehenswerten Kurzfilm dazu hier.)

In Deutschland, scheint es mir manchmal, machen wir uns darüber hinaus noch zusätzlich Sorgen: „Future World Problems“ könnte man das vielleicht nennen, denn mit meiner Welt haben sie nichts zu tun.

Konkretes Beispiel: Vor einiger Zeit haben verschiedene Studienseminare eine Empfehlung zur gendergerechten Sprache veröffentlicht. Dabei wird den Referendarinnen und Referendaren angeraten, nicht mehr von selbigen sondern, neutral, nur von „Lehrkräften im Vorbereitungsdienst“ zu sprechen. Statt „Schülerinnen und Schülern“ heißt es „Lernende“.

Die Intention dahinter: Man wolle

…allen Personen im Bereich der Lehrerbildung mit Wertschätzung begegnen. Deshalb sind Ausbildungskräfte bemüht, eine gendersensible Sprache zu benutzen.

Die gebräuchliche Abkürzung „SuS“ solle man nicht benutzen, weil nicht klar sei, dass die Schülerinnen auch wirklich zuerst genannt würden. Das sei also nicht wertschätzend.

Liebe Leser (Leserinnen?), bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin schrecklich altmodisch. Ich finde, ein Mann sollte einer Frau die Türe aufhalten und manchmal erinnere ich mich sogar daran, aufzustehen, wenn eine Frau den Tisch verlässt. Meine Frau ist berufstätig. Meine Co-Klassenlehrerin hat mehr Ahnung und mehr Erfahrung als ich, ohne sie wäre ich ein miserabler Klassenlehrer. Für mich ist Gleichberechtigung keine Frage, sondern eine Tatsache.

Aber?

Aber:

Der SPIEGEL fragte vor wenigen Tagen, ob die „Political Correctness“ unseren Blick nicht zu sehr auf Sprache und Nebensächlichkeiten gelenkt hat und ja, dem stimme ich zu. Ich weiß, dass viele Menschen aufgrund ihrer Religion, Hautfarbe ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden und Nachteile erleiden müssen. Das ist nicht wegzudiskutieren.

Umgekehrt ist mir aber völlig klar, woher die Politikverdrossenheit vieler Menschen kommt, woher der Eindruck, „die da oben“ würden doch nichts mehr mit der realen Welt zu tun haben. Vereinfacht gesprochen: Wir brauchen mehr Polizisten, wir brauchen besser bezahlte Krankenschwestern und mehr Lehrer. An den Schulen bräuchten wir bessere Ausstattung, mehr Sozialarbeiter und mehr Freiraum – statt dessen bekommen wir Anleitungen, wie wir künftig formulieren sollen, damit sich ja niemand auf den Schlips getreten fühlt.

Im Alltag muss ich mich Inklusionskindern klar kommen, Flüchtlingskinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in meinen Unterricht integrieren, innerhalb der Klasse für friedliches Miteinander sorgen, die Schwachen fördern und die Starken fordern, jede Menge Elterngespräche führen. Und zwischendurch ist der Kopierer kaputt und, ach ja, das Internet geht heute nicht.

Und dann bekomme ich einen Brief, indem mir erklärt wird, mit der Abkürzung “LuL” würde ich den Kolleginnen nicht wertschätzend begegnen. Statt so einem Quatsch könnte man mal dafür sorgen, dass Frauen genauso viel verdienen, wie Männer. Das wäre wertschätzend.

Meine Erfahrung zeigt: Meine Probleme sind nicht deren Probleme. Und das führt zu Frust und Wut. Vielleicht sind wir als Gesellschaft (noch) nicht so weit, uns jetzt schon mit solchen Problemen in dieser Ausführlichkeit auseinandersetzen zu können. Zuerst die wichtigen Dinge. Arbeitslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Integration.

(Dieser Beitrag mag auch als Teil der Diskussion von Bob Blume „Fragen an die liberale Demokratie“ verstanden werden.)