Tabletschule im Aufbau #9: Apple vs. Windows

Vorbemerkung: Ich arbeite weder für Apple noch Microsoft oder Google. Alle diese Firmen machen tolle Produkte, die in bestimmten Szenarien optimale Lösungen sind. Ich möchte weder belehren noch bekehren, sondern berichten. Der Bericht betrachtet die Entscheidung retroperspektiv.

Meine Reihe „Tabletschule im Aufbau“ beschreibt die digitale Transformation meiner Schule, einer städtisch geprägten Gesamtschule. In den bisherigen Teilen (die alle hier nachzulesen sind), ging es um eine Standortbestimmung, die Tatsache, dass Eltern, Lehrer und Schüler wollen und welches Konzept wir verfolgen. Viele dieser Bausteine liefen nicht nacheinander, sondern parallel zueinander ab – so auch das heutige Kapitel: Welche Hard- und Software wollen wir denn: Apple, Windows oder ChromeOS?

Viel Zeit in die Analyse gesteckt
Tatsächlich haben wir uns für dieser Frage sehr viel Zeit genommen. Wir haben Schulen besichtigt und Kollegen interviewt, die mit den unterschiedlichen Systemen arbeiten. Außerdem viel gelesen. Auf Twitter findet man jede Menge kluge Leute, die auf noch mehr gute Artikel verweisen können.
Unser digitales Konzept sieht vor, dass die Kinder mit Stiften schreiben – das bedeutet, klassische Notebooks fallen direkt weg. Und weil ich die Digitalisierung unserer Schule maßgeblich mit vorangeschoben habe, habe ich mir zum vorhandenen Galaxy S3 Tablet auch ein Surface Go und ein iPad angeschafft. Früher wanderte das Geld in Bastelmaterial, heute sind es digitale Werkzeuge.

Viele Monate (!) haben wir mit der Entscheidung gerungen. In meiner eigenen Wahrnehmung ist „Tabletklasse“ ein Synonym für „iPad-Klasse“ geworden. Die allermeisten Schulen scheinen mit Apple gut zu fahren: Die Geräte sind günstig, stabil und bieten einen Stift. Darüber hinaus ist die Administration über ein geschlossenes System sehr einfach. Wo immer ich nachgefragt habe, waren die Kollegen zufrieden (hier ein aktuelles Gegenbeispiel).
ChromeOS als Betriebssystem fiel für uns praktisch von Beginn an weg: Ich betrachte unser Schul-WLAN aktuell nicht als so zuverlässig, dass ich mich darauf verlassen wollte. Damit müssen die Geräte auch grundsätzlich ohne Internet funktionieren können.
Dem iPad entgegen steht auch das Gefühl einer „App-isierung“ des Unterrichts. Die Schülerinnen und Schüler scheinen – in meiner beschränkten Wahrnehmung – zwar zu lernen, wie man App X für Fach Y einsetzt, aber wieviel davon ist kurzlebige Spielerei und wieviel echter Gewinn? Und wie lange hält sich das im Kollegium? Wird der „Greenscreen“ nur von zwei Kollegen alle drei Jahre mal genutzt? Hm.
Einige Schulen sehen das ähnlich: Sie nutzen iPads in den unteren Jahrgangsstufen und wechseln später zu Windows-PCs. Das erscheint mir zunächst schlüssig: Ein einfacher, kontrollierter Einstieg für jedes Kind bevor man später komplexe Aufgaben angeht und auch ein wenig Richtung „Berufsvorbereitung“ schielt.
Jedoch: Ich arbeite an einer städtischen Gesamtschule: So begeistert unsere Eltern einer ersten Befragung zugestimmt haben – ich kann Ihnen unmöglich erklären, dass sie in der 5. Klasse ein 400€ iPad (inkl. Stift & Versicherung) und drei Jahre später bitte nochmal 500 € für ein Notebook ausgeben sollten. Keine Chance. Das Gerät, welches auch immer wir anschaffen, muss im Idealfall über die gesamte Schulzeit halten. Damit fallen dann auch billige Grabbeltisch-Geräte raus. Ständigen Support für abgebrochene Tasten oder schiefe Scharniere können wir nicht leisten.

Support
Apropos Support: Auch dort hat das iPad die Nase vorn. Es gibt zahlreiche Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Schulen mit iPads auszustatten und auch Finanzierung, Versicherung und Austausch vornehmen. Das läuft richtig rund.
Bei Chromebooks oder Windows-Laptops sieht das anders aus: Hier muss man sich selbst etwas ausdenken. Im Zweifel gibt es nur die normale Herstellergarantie über zwei Jahre. Etwas, dass im schulischen Alltag zwischen Regengüssen, dichtem Gedränge im Bus und herabfallenden Stühlen eindeutig nicht ausreicht.

Die Entscheidung

Auf dem Weg zu einer Entscheidung haben wir verschiedene Schüler unserer Schule für zwei Wochen mit infrage kommenden Geräten ausgestattet. Nach einer kurzen Einführung („Das ist der Stift. Das ist OneNote. Hier wird reingeschrieben“) haben wir sie einfach machen lassen und anschließend um Feedback gebeten. Der Gedanke war natürlich: „Schön, wenn Herr Müller vom Surface/iPad/Chromebook begeistert ist – aber wie empfinden die Schüler das?“
Feedback kam auch. Über die Akkulaufzeit. Das Stiftgefühl. Den Workflow. Außerdem griffen wir auf die Erfahrung meiner Tochter zurück: Die lief anderthalb Jahre mit einem Android-Tablet und ein halbes Jahr mit einem Surface Go durch die Schule in genau dem Setting, das wir uns vorstellten: Erstmal nur als Heftersatz nutzen und mit Office umgehen lernen.

Nach reiflicher Überlegung, vielen Stunden an Gesprächen und tabellarischen Auswertungen haben wir uns schließlich für das Surface Go entschieden: Alle 105 Schüler der kommenden Jahrgangsstufe sollten mit so einem Gerät ausgestattet werden. Bewusst haben wir uns gegen eine MDM-Lösung entschieden. Das bedeutet, wir administrieren und kontrollieren die Tablets als Schule nicht, sondern es sind sozusagen die Privatgeräte der Schüler. Nachdem sie einmal eingerichtet sind, müssen sie laufen, die Verantwortung tragen die Schüler. Ein bisschen BYOD.

Begründung
Als städtische Schule ist die Berufsorientierung für uns ein relevanter Punkt: Zwar schreibt jeder Schulabgänger „Erfahrung im Umgang mit Office“ in seine Bewerbungsmappe – dahinter steckt aber oft nichts als heiße Luft. Wenn unsere Schüler nach sechs Jahren die Schule verlassen, dann kennen sie mindestens OneNote, Word, PowerPoint und Excel hoffentlich in- und auswendig. Ein iPad ermöglicht zwar hier und da imposante Unterrichtsbeispiele – aber das Gerät soll in erster Linie ein täglicher Begleiter sein. Office und insbesondere OneNote stehen absolut im Vordergrund. Mein Ziel ist insgeheim, dass in zehn Jahren jede Firma im Umkreis von X Kilometern weiß, dass unsere Kinder absolut fit für digitales Arbeiten sind. Die längere Erprobung durch meine Tochter hat uns darin bestärkt, dass der Akku des Go zwar nicht mit dem des iPad konkurrieren kann, aber dennoch einen Schultag locker übersteht. Das System muss ohne Internet laufen (ja), für alle Kollegen nachvollziehbar sein (ja) und lange halten (werden wir sehen).

Nebenher haben wir uns nach Hardware-Partnern umgesehen. Als Schule können wir weder Finanzierung, noch Vertrieb oder Support der Geräte übernehmen. Mit dem örtlichen MediaMarkt haben wir uns immer wieder auseinandergesetzt und ein passendes Angebot erhalten, welches das Surface Go, den zugehörigen Stift und eine Versicherung gegen Sturz- und Bruch- und Wasserschäden über drei Jahre umfasst. Weitere Kosten an Apps etc. sind nicht geplant.


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