Mit der Samstagsarbeit für Lehrer:innen wird aktuell der nächste Aufreger durch das Internet-Dorf getrieben. Ich finde: Darüber darf man durchaus diskutieren.

Ein Baby! Von ‚Hurra‘ bis ‚Na Toll!‘

schwangere Frau im Wasser

Eine australische Influencerin ist schwanger und alles ist ganz zauberhaft. Fast jedenfalls, denn sie hat ein paar Verdauungsbeschwerden und fragt ihre Follower:innen um Rat. Sie erfährt viel Hilfe, aber auch jede Menge Kritik und Vorwürfe: Ob sie sich nicht vorstellen könne, dass dieses Thema viele Frauen verletze, die vergeblich auf eine Schwangerschaft hoffen oder die es viel schwerer gehabt hätten. Wegen so einem Pups gleich um Hilfe zu fragen.

Eine Empörungskultur ist entstanden. Es fällt Menschen (zunehmend) schwer, andere Meinungen im Raum stehen zu lassen. Zu beobachten ist dieses Phänomen auch in wiederkehrenden Entschuldigungen: „Ich weiß, ich habe kein Recht mich zu beklagen, aber…“

Ist mir selbst schon mehr als einmal herausgerutscht, wenn mich Freunde nach meinem Zustand erkundigen. „Ich habe einen großen Garten, wer wäre ich, mich zu beschweren?“ anstelle von „Mir geht dieses Eingepfercht-Sein auf den Sack! Ich will wieder Menschen sehen!“

Ich habe inzwischen gelernt, dass es unhöflich ist, andere Menschen nach ihrem Kinderwunsch zu fragen. Weil man ja nicht weiß, welche Wunden diese Frage aufreißt. Aber das finde ich gerade falsch: Wir können doch nicht jedes Thema totschweigen, aus Angst, dass es beim Gegenüber irgendwie triggert!

Es scheint, als würden wir von unserem Umfeld – gerade auf Social Media – stets erwarten, dass es unsere Meinung und Haltung widerspiegelt und müssen aufpassen, dass wir uns als Gesellschaft nicht in Richtung USA bewegen. Dort spaltet die Frage „Demokrat oder Republikaner“ ganze Familien und es ist vielerorts auch kein argumentativer Austausch mehr möglich, geschweige denn, die Position des anderen respektvoll stehen zu lassen.

Klar – liest sich nachvollziehbar. Testen wir das in meiner Bildungsblase doch mal aus.

Samstagarbeit? Lächerlich!

In seinem aktuellen Artikel ärgert sich der reichweitenstarke Lehrer Bob Blume über den (unter anderem von der Bild-Zeitung publik gemachten) Vorschlag der Samstagsarbeit für Lehrer:innen. Er führt auf, dass ein Großteil der Kolleg:innen über Gebühr arbeitet und – übrigens – das Wochenende seit jeher für Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung gearbeitet wurde. Der Vorschlag sei ein Zeichen von Geringschätzung gegenüber den Lehrer:innen, die in diesen Zeiten ihr Bestes gäben.

Ich kann seine Argumentation unterschreiben und ich glaube auch nicht, dass ich für mein Geld zu wenig arbeite.

Aber ich sehe es anders.

Beamtenrechte und Beamtenpflichten

Während allerorten Industrie, Einzelhandel und Dienstgewerbe um ihr überleben kämpfen, geht es uns Lehrer:innen ziemlich gut. Als verbeamteter Lehrer muss ich mir nicht nur keine Sorgen um die pünktliche Überweisung meines Gehalts machen, ich werde auch im Krankheitsfall von meinem Dienstherrn versorgt. Das Land zahlt den größten Teil der Arztrechnungen, weshalb die private Krankenversicherung so günstig ist und wenn ich komplett ausfalle, ist auch für meine Familie das wirtschaftliche Überleben einigermaßen gesichert.

Diese Privilegien bekomme ich nicht aus guter Laune heraus, sondern Beamt:innen gehen damit auch Verpflichtungen ein: Der Dienstherr darf auf uns zugreifen und hat im Bedarfsfall nicht mit Streiks oder französischen Krankheitswellen zu rechnen. Ich darf Entscheidungen des Landes kritisieren und auch remonstrieren – aber wenn mir gesagt wird „Mach!“, dann habe ich zu machen.

Im Frühjahr des vergangenen Jahres gab es in der unklaren Lage einen Zeitpunkt, zudem auch nächtliche Betreuungsangebote in den Schulen im Raum standen: Je nach Pandemieverlauf musste die Kinderbetreuung von systemrelevanten Eltern abgesichert sein: Damit das Pflegepersonal arbeiten kann, müssen die Kinder betreut werden – evtl. Tag und Nacht und dafür könnte das Lehrpersonal einbestellt werden.

Nicht, dass ich scharf drauf gewesen wäre – aber nicht eine Sekunde habe ich gedacht „Oh, nicht mit mir!“

Die meisten Lehrer:innen haben einen Eid geschworen, der genau das impliziert:

„Ich schwöre, dass ich das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können verwalten, Verfassung und Gesetze befolgen und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Samstagsarbeit? Das gehört zur Pflicht!

Einige politische Entscheidungen der letzten Monate empfinde ich als diskussionswürdig. Ich bin der Meinung, dass die Bildung in einem Land ohne Diamantenminen und Ölfelder schlicht die wichtigste Ressource sein muss. Ich glaube, dass Lehrer:innen zu Unrecht einen viel zu schlechten Ruf in diesem Land genießen.

Aber ich bin auch der Meinung, dass man über vieles reden können muss und darf. Samstagsarbeit für Lehrer:innen?

Das halte ich aus verschiedenen Gründen für kontraproduktiv. Man vergisst dabei leicht, dass es nicht nur um eine Beschäftigung der faulen Lehrer:innen geht, sondern dass auch die Kinder, die ja auch irgendwann Erholung brauchen, einen sechsten Tag mit Französischvokabeln, dem Unterschied von Klassik und Moderne und den Details der Weimarer Republik belehrt werden.

Aber: Wenn mein Dienstherr zu der Entscheidung kommt, dass Lehrer:innen Samstags ein Betreuungsangebot anzubieten haben und damit „dem Wohle des Landes dienen“, dann ist das so. Das gehört zu den Pflichten.

Von der Schule zurück zu Influencerin

Ob die Diskussion OpenSource vs. Wirtschaft, ob Dreigliedriges System vs. Gesamtschule, ob verbeamtete Lehrer vs. Angestellte – ich halte es für wichtig, dass wir immer wieder andere Meinungen hören, uns damit beschäftigen und sie auch dann stehen lassen, wenn wir sie für falsch halten.

Wer von der Schwangerschaft seiner Lieblingsinfluencerin getriggert wird, sollte ihr vielleicht einfach nicht mehr folgen – oder die eigene Einstellung hinterfragen. Aber wenn wir alles ausklammern, was das Gegenüber aufregen könnte, herrscht ziemliche Stille.

Und dann hört man die Idioten umso lauter.