Namen.

Namen.

Von meiner Großmutter habe ich vor etlichen Monaten einen riesigen Stapel voller Urkunden und Stammbäume bekommen. Einen großen Teil der Daten habe ich abgearbeitet, aber oft kann ich die Handschrift nicht entziffern und muss ahnen, was da stehen könnte.

Genealogie. Obwohl dieses Thema vor wenigen Jahren zu viel Leid in Deutschland beigetragen hat, darf ich mit der kindlichen Unschuld der Nachkriegsgeneration an dieses Projekt herangehen.

Und finde es wahnsinnig spannend.

Da gibt es einen George Knobloch, 11.11.1665 geboren. Ob da eine Verbindung zu Charlotte Knobloch besteht? So unfassbar viele Namen: Heinrich, Wecke, Fürll, Höhne, Klemm, Gärtner, Jeschke, Rönsch, Ruhkamp, Krausche, Krüger, Scholze, Gürtler, Wagner, Lindner, Bichin, Knoffe, Schröer, Tzschoppin, Liebich. Ein Zier- und Lustgärtner namens "George Liebich”. Einen Kutscher mit Namen “Christoph Kleint”. Schuster und Kirchvater “George Heintze”. Namen, Namen, Namen.Unbenannt

Ich blicke auf eine große Ahnentafel voller fremder Namen, fremder Schicksale. Einer meiner Vorfahren starb mit 37, weil ihn ein Ast niedergeschlagen hat. Ich sehe Berufe im Wandel der Zeit. Erst Gärtner und Weber. Innwohner und Landwirte. Dann Reichsbahnangestellte und Oberweichenwächter, Schuldirektoren und Böttcher-meister. Heute Journalisten, Ärzte, Industriekaufleute.

Es erscheint mir so unwahrscheinlich, dass ich mit diesen Leuten etwas zu tun haben soll. Wie gerne wüsste ich mehr über diese Leute. Wer sie waren. Was sie dachten. Was sie sich von der Zukunft erhofften. Und ich frage mich umgekehrt, ob meine Nachfahren in dreihundert, vierhundert Jahren auf eine Ahnentafel blicken und bei meinem Namen achtlos mit den Schultern zucken. Ein weiterer Name. Einer unter vielen.

Als Christ glaube ich, dass es da einen Gott gibt, der jeden einzelnen dieser Menschen geliebt und begleitet hat. Und als technikbegeisterter Nerd denke ich über Wege nach, meinen Nachkommen möglichst Essentielles von mir zu hinterlassen. Wie grandios wäre es, wenn ich statt Groschenromane aus der Grabbelkiste die Geschichten meiner Ahnen lesen könnte?

Findige Autoren haben hier eine Marktlücke entdeckt: Sie bieten Menschen an, auf Honorarbasis deren Biographie zu verfassen. Wie grandios – wenn auch teuer. Elie Wiesel, der den Holocaust überlebt hat, hat einmal geschrieben, dass deshalb immer noch so viele Babys geboren werden, weil Gott Geschichten liebt.

Und ja. Es ist mehr, als nur eine Ahnengalerie.

Es sind nicht nur Namen.

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