“Das ist mal wieder typisch deutsch…”

Diese WM nervt mich ziemlich. Auch – oder gerade – als Fußball-Fan. Die Mannschaften sind defensiv ausgerichtet und die dämlichen Plastiktröten als “afrikanisches Kulturgut” zu verteidigen ist vermutlich eine Beleidigung für die meisten Afrikaner.

Aber wehe, man klagt öffentlich über die Vuvuzelas. “Das ist mal wieder typisch deutsch” bekommt man dann zu hören (oder zu lesen). “Immer müsst ihr euch über irgendwas beklagen.”

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt.
Und ich würde sogar so weit gehen, dass Gegenteil zu behaupten: Es ist eigentlich nicht üblich, Dinge öffentlich zu beklagen. Typisch deutsch ist, Kritisches und Klagendes als „typisch deutsch“ zu brandmarken. Es ist, als würden wir in einer “Kultur des Verleugnens” leben.

Ich beschäftige mich gerade mit einem der obskursten Bücher aus der Bibel, den “Klageliedern”. Ich vermute, die meisten Leute brauchen die Seitenzahl, um dieses Buch im Alten Testament zu finden. Es ist nicht sonderlich bekannt und ich würde behaupten, dass es eines der merkwürdigsten Bücher der Bibel ist.
In ihm berichtet der Erzähler von der Zerstörung Jerusalems.

1 Ach, wie einsam und verlassen liegt sie da, die Stadt Jerusalem, in der sich einst die Menschen drängten! Sie war berühmt bei allen Völkern, jetzt gleicht sie einer Witwe ohne Schutz. Sie, die über andere Länder herrschte, wird nun zum Sklavendienst gezwungen.

In drastischen Bildern wird uns all das Leid und der Schmerz vor Augen geführt. Es wird geklagt.
Und ich glaube, das Buch wirkt auch deshalb auf uns so befremdlich, weil wir dieses Klagen in unserer Kultur nicht gewohnt sind. Weil wir in einer “Kultur des Verleugnens” leben.

Zwei Beispiele.

17300000000 $ werden im Jahr 2010 nur in den USA voraussichtlich für Schönheitsoperationen ausgegeben. Und das nicht, weil die Menschen gerne und in Würde altern. Sondern weil wir nicht wissen, was wir mit alten Menschen tun sollen. Wir wissen nicht, wie wir mit dem Tod umgehen sollen.
Was uns zum zweiten Beispiel führt: Wann immer wir ein Begräbnis im Fernsehen oder in einem Film sehen, wie verhalten sich da die Menschen? Wie stehen sie da, wie gucken sie?

Und dann vergleichen wir das mit einem Begräbnis aus dem Mittleren Osten: Die Menschen werfen sich auf den Boden, sie schreien und heulen und schimpfen. Man kann Klageweiber anheuern, die die Toten nicht einmal kennen, aber im Auftrag jammern und trauern. Und wenn wir das schauen, dann geht uns durch den Kopf, was für eine primitive, barbarische Art des… Oder?
In Wirklichkeit… kann es sein, dass die eine Kultur viel gesünder mit Trauer und Tod umgeht, als die andere, die das Leid leise und unauffällig zur Seite schiebt und den Mantel des Schweigens darüber deckt?

Die absolut am meisten verkaufen Computerspiele beinhalten was? Menschen die Menschen töten. Modern Warfare 2 wurde in wenigen Monaten über 20 Millionen mal verkauft, sicher noch weit öfter kopiert.

Wenn man versteht, dass man in einer Kultur des Verleugnens lebt, dann versteht man auch, weshalb Computerspiele, in denen es darum geht, möglichst viele Menschen zu erschießen, so unfassbar beliebt sind.
In einer Kultur, in der wir nicht gewohnt sind, Dinge auszusprechen, in der wir nicht gewohnt sind, Dinge zu beklagen, in einer solchen Kultur tragen wir die Sachen mit uns herum. Und wenn sie nicht beklagt werden, dann suchen sich diese Dinge ihren Weg.

Die Kraft und die Macht des Klagens liegt darin, dass sie ausspricht, was eine Person, was ein Volk betrübt. Judith Lewis Hermann sagte mal “Die typische Reaktion auf eine Greueltat oder ein Trauma ist die Verleugnung, das Verdrängen aus dem Bewußtsein.”

Wie vielen Familien würde es besser gehen, wenn jemand in der Familie aufstünde und sagte: „Hey, wir müssen darüber reden! Ich werde nicht länger schweige – wir müssen darüber reden!“
Wie viele Ehen wären besser dran, wenn zumindest einer gesagt hätte: „Hey, wir machen nicht mehr weiter so. Wir müssen darüber reden wie es weitergeht!“
Wie viele Institutionen? Wie viele Freundschaften? Wie viele Lehrerzimmer?

Die Kraft des Klagens liegt darin, dass man ausspricht was andere normalerweise ignorieren. Und darum sind diese Gedichte hier in diesem Alten Testament für mich relevanter als je zuvor. Weil sie uns mir mehr als je zuvor zu sagen haben. Wir müssen das Klagen wieder erlernen. Weil wenn wir nicht klagen, wenn wir nicht lernen, diese Sachen herauszulassen, dann werden sie sich ihren Weg suchen.

Mögen wir den Sonntag heute also nutzen, Dinge auszusprechen und loszulassen, die im Raum stehen und uns bedrücken. Und mögen wir frei werden von dem Gefühl, immer alles unter Kontrolle haben zu müssen und dann sind wir hoffentlich auch bald frei von dem Getröte der Vuvuzelas.

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One Response to “Das ist mal wieder typisch deutsch…”

  1. Tamar says:

    Ich stimme dir im Grunde genommen voll und ganz zu (abgesehen davon, dass ich mit Vuvuzelas kein Problem habe), nur begegne ich leider im Alltag oft zwei Kategorien von Menschen: Die einen klagen nie, auch wenn es ihnen noch so elend geht, die anderen klagen immer, auch wenn es ihnen eigentlich blendend ginge….

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