Alles wird gut!

Alles wird gut!

Ich wohne am Dorf, und viele Kinder aus unserem Dorf und den Dörfern drumrum besuchen unsere Gesamtschule. Deswegen kommt es zum 80er-Jahre „Hallo-Herr-Kaiser-Effekt“, wenn ich samstags in der Stadt einkaufen gehe oder wenn ich mich auf Dorffesten blicken lasse – wie gestern auf der Mudersbacher Kirmes. Man muss sich das so vorstellen: Ein großer Schotterplatz. Darauf werden jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende 5 Karussells, ein großes Bierzelt und diverse Bierwagen, Los- und Pommesbuden hingestellt. Der Bürgermeister macht den Fassanstich und dann wird im Wesentlichen getrunken. Die Jugendlichen vertiefen ihre Alkoholsozialisation, die Alten spülen die Nieren.

Also gestern: Mudersbacher Kirmes und „Hallo-Frau-Tellmann“. Und auf einmal steht Max vor mir. Max war vor einigen Jahren in meiner Klasse und hat einen ziemlich bescheidenen Hauptschulabschluss gemacht. Nicht dass er dumm wäre – weit gefehlt. Max hat den ganzen Tag gezockt und in der Schule hat er nichts getan, außer zu essen und so sah er denn auch aus.  Totes Fleisch. Und am Dorf hört man ja auch wie der Lebensweg so weiter geht: erste Lehre (ich vermute, dass die Mutter die Bewerbung geschrieben hatte) – rausgeflogen. Zweite Lehre – rausgeflogen.
Und gestern steht er vor mir: erschlankt und sieht super aus. Er berichtet mir, dass er jetzt schon im zweiten Lehrjahr in einem rennomierten Unternehmen arbeite und dass er seinem Leben einen ganz neuen Dreh gegeben habe. Er hätte eingesehen, dass das so nicht weitergeht, hat abgenommen, treibt Sport, lernt fleißig in der Berufsschule, die Noten seien gut.
Ich freue mich wirklich und frage: Was ist passiert? Wie kommt es, dass er sich dann doch noch besonnen hat? „Nix“, sagt er.  Nur eines: Nach dem zweiten Rausschmiss habe seine Mutter geweint und da habe er sich überlegt, dass er nie wieder der Grund dafür sein wollte, dass seine Mutter traurig ist.

Komisch, oder? Da macht man und tut man als Lehrer und man könnte genauso gut mit einer Wand reden. Sehr frustrierend.
Das ist nicht das erste Mal, dass ich erlebt habe, dass Leute mit einer wirklich intensiven Pubertät dann doch auf die Füße fallen. Das passiert eigentlich oft, und man trifft die ehemaligen Schüler überall. Und wie schön und gut zu sehen, wie die Kinder ihren Platz im Leben finden. Gut, mag man einwenden, die im Dunkeln sieht man nicht. Klar. Aber wie toll das ist, dass Leute ihren Weg machen und dann doch noch ihre Möglichkeiten ausnutzen, die man nicht packen konnte. Deswegen  für alle Eltern  und Lehrer, die einfach nur verzweifeln möchten, weil das pubertäre Kind den Aufschlag nicht hört: Alles wird gut – fast immer.

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