“Political Correctness” im Lehrerberuf.

Als „First World Problems“ werden gemeinhin (und etwas abfällig) Probleme bezeichnet, die nur Menschen der ersten Welt haben. „Mich nervt, wenn der Akku meines Handys nur einen Tag hält!“ (Es gibt einen schrecklichen, sehenswerten Kurzfilm dazu hier.)

In Deutschland, scheint es mir manchmal, machen wir uns darüber hinaus noch zusätzlich Sorgen: „Future World Problems“ könnte man das vielleicht nennen, denn mit meiner Welt haben sie nichts zu tun.

Konkretes Beispiel: Vor einiger Zeit haben verschiedene Studienseminare eine Empfehlung zur gendergerechten Sprache veröffentlicht. Dabei wird den Referendarinnen und Referendaren angeraten, nicht mehr von selbigen sondern, neutral, nur von „Lehrkräften im Vorbereitungsdienst“ zu sprechen. Statt „Schülerinnen und Schülern“ heißt es „Lernende“.

Die Intention dahinter: Man wolle

…allen Personen im Bereich der Lehrerbildung mit Wertschätzung begegnen. Deshalb sind Ausbildungskräfte bemüht, eine gendersensible Sprache zu benutzen.

Die gebräuchliche Abkürzung „SuS“ solle man nicht benutzen, weil nicht klar sei, dass die Schülerinnen auch wirklich zuerst genannt würden. Das sei also nicht wertschätzend.

Liebe Leser (Leserinnen?), bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin schrecklich altmodisch. Ich finde, ein Mann sollte einer Frau die Türe aufhalten und manchmal erinnere ich mich sogar daran, aufzustehen, wenn eine Frau den Tisch verlässt. Meine Frau ist berufstätig. Meine Co-Klassenlehrerin hat mehr Ahnung und mehr Erfahrung als ich, ohne sie wäre ich ein miserabler Klassenlehrer. Für mich ist Gleichberechtigung keine Frage, sondern eine Tatsache.

Aber?

Aber:

Der SPIEGEL fragte vor wenigen Tagen, ob die „Political Correctness“ unseren Blick nicht zu sehr auf Sprache und Nebensächlichkeiten gelenkt hat und ja, dem stimme ich zu. Ich weiß, dass viele Menschen aufgrund ihrer Religion, Hautfarbe ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden und Nachteile erleiden müssen. Das ist nicht wegzudiskutieren.

Umgekehrt ist mir aber völlig klar, woher die Politikverdrossenheit vieler Menschen kommt, woher der Eindruck, „die da oben“ würden doch nichts mehr mit der realen Welt zu tun haben. Vereinfacht gesprochen: Wir brauchen mehr Polizisten, wir brauchen besser bezahlte Krankenschwestern und mehr Lehrer. An den Schulen bräuchten wir bessere Ausstattung, mehr Sozialarbeiter und mehr Freiraum – statt dessen bekommen wir Anleitungen, wie wir künftig formulieren sollen, damit sich ja niemand auf den Schlips getreten fühlt.

Im Alltag muss ich mich Inklusionskindern klar kommen, Flüchtlingskinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in meinen Unterricht integrieren, innerhalb der Klasse für friedliches Miteinander sorgen, die Schwachen fördern und die Starken fordern, jede Menge Elterngespräche führen. Und zwischendurch ist der Kopierer kaputt und, ach ja, das Internet geht heute nicht.

Und dann bekomme ich einen Brief, indem mir erklärt wird, mit der Abkürzung “LuL” würde ich den Kolleginnen nicht wertschätzend begegnen. Statt so einem Quatsch könnte man mal dafür sorgen, dass Frauen genauso viel verdienen, wie Männer. Das wäre wertschätzend.

Meine Erfahrung zeigt: Meine Probleme sind nicht deren Probleme. Und das führt zu Frust und Wut. Vielleicht sind wir als Gesellschaft (noch) nicht so weit, uns jetzt schon mit solchen Problemen in dieser Ausführlichkeit auseinandersetzen zu können. Zuerst die wichtigen Dinge. Arbeitslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Integration.

(Dieser Beitrag mag auch als Teil der Diskussion von Bob Blume „Fragen an die liberale Demokratie“ verstanden werden.)

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  1. „Lernende“ ist doch auch sprachlich Blödsinn.
    Kinder, die gerade spielen und nicht lernen, sind eben keine „Lernende“, sondern „Spielende“.
    Schüler(innen) sind sie aber auch, wenn sie gerade spielen.

    So kann man seine Sprache auch kaputtmachen …

  2. Oh Mann (!!!) – ich gebe dir soo recht. In Berlin ist das ganz großes Thema. Am dämlichsten an der Diskussion finde ich diesen immer unüberwindlicheren Spalt, der sich dadurch zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache auftut. Naja, vielleicht nicht am dämlichsten. Kommt doch von „Dame“ das Wort :)))

  3. Ist die Zweideutigkeit, ob nun Lehrerinnen oder Lehrer bei LuL, an erster Stelle stehen, nicht eigentlich das Ideal für eine wertneutrale Anrede? Warum sollte ich Lehrende mit Brüsten mehr schätzen als Lehrende ohne Brüste? Und was ist dann mit dicken Männern?

    In dem Sinne: Du hast meine Wut über Political Correctness auf den Punkt gebracht. 🙂

    • Großartig, genau so!!! Mich ko*** dieses übertriebene Gendergedöns so dermaßen an, überall! Gab da mal einen schönen kleinen Artikel in einer Sprachzeitschrift zu, an dessen Ende es heißt: „Den Vogel schoss jedoch der hessische Finanzminister Thomas Schäfer ab. In einer Rede vor dem Landtag Ende Juni sprach er von den ‚Gemeindinnen und Gemeinden‘. Als ihm der Fehler auffiel, rechtfertigte er sich damit, dass er eben bereits ‚mental durchgegendert‘ sei.“

  4. Kleine Geschichte, die ich letztens irgendwo gelesen habe:

    „Ein Mann fährt mit seinem Sohn über die Autobahn. Sie haben einen Unfall. Der Vater stirbt, der Sohn wird ins Krankenshaus gefahren. Als der Arzt ihn in der Notaufnahme empfängt, ist er schockiert: „Oh mein Gott, das ist mein Sohn!“
    Wie ist das möglich?

    Den konkreten Fall mit den Refis finde ich auch übertrieben, aber Sprache ist wirkungsmächtiger, als man denkt. Es gibt Berufsgruppen die sprachlich immer männlich sind und mit der man auch hauptsächlich (häufig unbewusst) Männer assoziiert: Ärzte, Ingeniuere, Mechaniker usw. –> Hat das einen Einfluss auf unser Frauen- und Männerbild?
    Darüber hinaus sollte political correctness einen dazu anregen eigene Menschenbilder zu reflektieren. Die Klage über darüber kommt doch auch häufig von Leuten, die von Diskriminierung durch Sprache gar nicht betroffen sind. Ich habe noch nie einen Schwarzen getroffen, der sich darüber beschwert hat, dass „Neger“ nicht mehr im allgemeinen Wortschatz anzutreffen ist, viele Weiße dagegen schon.
    Ob das zu solchen Verrenkungen wie Lernende und Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst führen sollte, sei mal dahingestellt. Und ist das Aufregen über political correctness nicht auch ein „first world problem“ 😉

  5. Darüber hinaus: Auch „Lehrkräfte“ (ob im Vorbereitungsdienst oder nicht) sind hoffentlich nach wie vor „Lernende“. Und: „Lehrkraft“ ist gegenüber „LuL“ geradezu eine sprachliche Entmenschlichung – Lehrerinnen und Lehrer sind eben nicht einfach nur „Kräfte“, sondern Menschen. Nichts gegen gendersensible Sprache – aber bitte nur eingeführt von sprachsensiblen Denkern, nicht von Zombie-Technokraten.

  6. Ich sehe das ein wenig skeptischer als die meisten hier. Du nennst das „Future World Problems“, weil sie mit deiner Welt nichts zu tun haben. Auch für mich haben die angesprochenen Fragen gerade keine hohe Priorität, weil ich wohl in der gleichen Welt lebe wie du – weiße Männer mit guten Jobs werden allerdings nie in einer Welt leben, in der das ein Thema ist. Wir sind so oder so immer mitgemeint.

    Die verlinkte Sprachregelung einiger Seminare habe ich gar nicht erst gelesen, sie klingt gar zu albern. Übertreiben kann man es mi der Sprachregelung auf jeden Fall, und wer das möchte, wird immer jemanden finden, der es einem übertreibt.

    Du findest, ein Mann sollte einer Frau die Türe aufhalten? Ich auch, und einem Mann ebenso. Wenn ich je in eine Situation komme, wo es vom Geschlecht der Person abhängt, ob ich eine Tür aufhalte oder nicht, dann würde ich mir überlegen, ob ich etwas falsch mache.

    >Für mich ist Gleichberechtigung keine Frage, sondern eine Tatsache.

    So wie du das meinst, stimme ich dir völlig zu. Den Satz könnte man aber auch anders verstehen, aber das tust du ja selber, wenn du später schreibst, man sollte mal dafür sorgen, dass Frauen genauso viel verdienen wie Männer.

    Kurz: Ich stimme dir zu, dass Sprache nicht das Hauptproblem ist. Wer die Sprachregelung kritisiert, meint aber vielleicht das Anspruchsdenken dahinter, und dieses wiederum halte ich für legitim.

    SuS finde ich übrigens sehr praktisch, LuL ein wenig albern (und darum mag ich es gerne).

  7. Neulich hatten wir in der Schule eine Buchvorstellung für die Anschaffung eines neuen Mathebuchs. Der nette Mann vom Verlag erzählte uns, dass die Lehrerhandreichungen zu dem Buch nun wegen der Gendersache „Serviceband“ heißen.

  8. Ich möchte mich Herrn Rau anschließen und mich für eine geschlechtersensible Sprache stark machen: Sprache gibt unserem Denken einen Rahmen und sie erzeugt Vorstellungen in unseren Köpfen. Wenn in diesem Text von Polizisten, Krankenschwestern und Lehrern die Rede ist, dann haben sicherlich die meisten einen Mann in Polizeiuniform, eine Frau im weißen Krankenpfleger-Dress und einen Mann vor einer Schulklasse als Bild vor Augen. Gerade gegenüber Kindern halte ich es deshalb für sinnvoll, diesen Automatismen vorzubeugen und eine Vielfalt der Berufsmöglichkeiten auch sprachlich deutlich zu machen.
    Leider helfen Regeln wie „Frauen müssen immer zuerst genannt werden“ bei diesem Problem wenig weiter, denn sie sind wiederum selbst sexistisch. Es geht schließlich darum Menschen sichtbar zu machen, nicht sie aufgrund ihres Geschlechts mehr wertzuschätzen als andere.
    Es gibt natürlich weit dringendere Probleme als sprachliche Kenntlichmachung. Für mich ist allerdings die sprachliche Limitierung unserer Alltagssprache ein Teil des Problems. Die ungleiche Bezahlung von Frauen, die geringe Wertschätzung von sogenannten Frauenberufen und die geringe Anzahl der Studienanfängerinnen in technischen Studienfächern hat auch damit zu tun, dass wir Frauen und Männer nicht gleichwertig in unserer Sprache verwenden. Und für viele Frauen ist ihr niedriger Lohn oder das sexistischen Betriebsklima tatsächlich ihr dringendstes Problem.

  9. Ich finde auch, der Blogeintrag bringt es auf den Punkt.
    Ich möchte hier gar nicht so sehr auf das Genderthema eingehen, sondern vielmehr nochmals den Kerngedanken des Blogbeitrags aufgreifen.
    In Deutschland wird, was Schule angeht, alles über reglementiert und man wird mit sinnlosen Vorschriften überhäuft. Man kämpft verbissen auf Nebenschauplätzen, anstatt sich mal wirklich um die wichtigen, dringenden und wirklich weltverändernden Probleme zu kümmern. Schön das sich Referendar durch Sprache nun wertgeschätzt fühlen, wenn ich sie als „Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst“ bezeichne. Ach, wie toll. Und um diese Wertschätzung noch weiter auszudrücken, werden sie Ende Juli entlassen und dürfen sich arbeitslos melden. Oh, nein, wie böse von mir, es muss ja arbeitssuchend heißen, denn Suche ist ja auch Arbeit.Dabei suchen die Referendare (welche ich übrigens, meiner Meinung nach viel wertschätzender, einfach als Kollegen bezeichne) gar nicht. Viele haben bereits eine Stelle, aber, oh wie schön, man kann sich ein Monatsgehalt sparen, wenn man sie erst mal rausschmeißt und dann wieder einstellt. Das gleiche Spiel findet übrigens bei KV Lehrkräften statt. Aber der eine Monat Verdienstausfall, in denen man weiter Miete zahlen und seine Familie ernähren darf, wird bestimmt bald vergessen sein, jetzt wo die Referendare ja eine so tolle Wertschätzung erhalten, indem sie künftig mit „Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst“ angesprochen werden. Aber ich sehe schon, meine werden sich nun freuen wie Schneekönige. Verzeihung, Schneeköniginnen und Schneekönige. Verzeihung, immer noch nicht korrekt, so vergesse ich ja Transgenderpersonen, welche sich gerne der anderen Geschlechterrolle zuordnen möchten. Sie werden sich freuen wie Schneeköniginnen und Schneekönige und Schneeköniginnen, welche sich aber eigentlich eher als Schneekönig sehen und Schneekönige, welche sich eher als Schneeköniginnen sehen. Nein, immer noch nicht korrekt, so diskriminiere ich ja asexuelle Personen, welche es bevorzugen keinem Geschlecht zugeordnet zu werden. Sie werden sich freuen wie Schneekönixe. Nun müsste es stimmen. Freuen, wie Schneekönixe.

    *IRONIEMODUS OFF*

  10. Lieber Aentz,

    es ist unverschämt wie Sie sich auf eine so polemische Art über Menschen mit anderer sexueller Orientierung lustig machen. Warum können Sie die Bedürfnisse von beispielsweise Transgender-Menschen nicht erst nehmen? Warum ziehen Sie den Wunsch einer Transgender-Frau, als Frau angesprochen zu werden, ins Lächerliche?
    Wenn die Schulbehörde eine Empfehlung ausspricht, dann sollten sich möglichst alle Arbeitnehmer der Schulbehörde daran halten. Genauso wie sie sich an jede andere Empfehlung oder Dienstanweisung zu halten haben. Was Sie privat tun, ist Ihnen doch nach wie vor selbst überlassen.
    Meiner Meinung nach geht es den Vertretern von sensibler Sprache nämlich darum: Sprachliche Möglichkeiten der Sichtbarmachung verschiedenster Menschen aufzuzeigen. Wie sie genutzt werden ist immer eine persönliche Entscheidung – zumindest im privaten Gebrauch.

    • Lieber/e/es Rike,
      ich kenne Aentz nicht, kann aber seinem Beitrag keine Belustigung über sexuelle Orientierungen entnehmen. Ich gehe davon aus, dass er eine Transgender-Frau – wie auch jede andere auf jede mögliche Weise zur Frau gewordene Person – als „Frau“ anspricht.
      Sie würde es ihm danken. Und ihr wäre mit der „Sichtbarmachung ihrer Verschiedenheit“ nicht gedient – weder mit der Anrede „äh-Frau“, noch „Frrrau“ noch „Fraaau“ und erst recht nicht „Personix“.
      Wenn der Elefant im Raum ist, sagt man „Hallo Elefant.“ – man brüllt nicht „Denkt jetzt alle bloß NICHT an einen Elefanten!“

  11. In unserem Wohnzimmer haben wir nach Sitte der Altvorderen einen zeitlosen Schrank fürs Gutegeschirr, für die Bücher ein modernes Regal mit bildungsbürgerlicher Anmutung und für den Schreibkram einen altmodischen Sekretär in der Tradition Goethes.
    In unserer genuin generösen Art haben wir der Genderizität Genüge getan indem wir unsere Möbel als DER Schrank, DAS Regal und DIE Sektetärin bezeichnen.
    Das muss reichen.

    In diesem Zusammenhang empfehle ich halbofftopic dies: https://youtu.be/4D1maAGlLl4

      • Ich empfinde das Video als eher unpassend – gerade auch, weil der Begriff „Neger“ heute einen rassistischen und negativen Beiklang hat.
        Ich wollte auch genderkorrekte Sprachwahl nicht per se diskreditieren, sondern nur klar machen, dass man es damit, meinem Empfinden nach auch zu weit treiben kann: Nämlich dann, wenn mit großem Aufwand künstliche Sprachkrücken kreiert werden.

        • Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass nur der Nigger ein per se abwertendes Wort ist und nicht der Neger, den ja auch Martin Luther King im Munde führte, dessen Ansichten diesbezüglich wohl über jeden Zweifel erhalben sind. Es hat keinen Wert, auf das Wort einzuteufeln, denn erst war er dann ein Farbiger, dann ein Schwarzer, dann ein Idigener oder umgekehrt – je nachdem wen man fragt und in welchem Jahrzehnt man fragt, ist etwas Anderes gerade angesagt. Aber wer Leute mit einem intensiven Teint nicht mag, wird durch solche Wortklaubereien nicht abgehalten oder geläutert. Ein Rassist ist aus dem Gedanken heraus ein Rassist und nicht aus dem Wort – und kann auch dann ganz eindeutig rassistisch klingen, wenn er sich gezwungenermaßen der bestmeinenden Sprachkrücke bedient (irgendwas mit Afro oder farbig oder Migration).
          Oder halten Sie das wort „studiert“ für problematisch? Nicht? Das glauben aber auch nur Sie, Sie Studierter, Sie!
          Deshalb unterschreibe ich sofort die Kritik an den Sprachkrücken, und bezeichne alle Schüler als Schüler, wenn es sich um an einer Bildungsanstalt eingeschriebene Personen handelt, nicht als SuS und nicht als Lernende, denn Letzteres sind sie nicht, wenn sie grad nasebohrend aus dem Fenster schauen. Wer sich bei der Anrede als Schüler ausgegrenzt fühlt, hat ein Problem der Selbstwahrnehmung, kein Sprachproblem. Und wer sich auf das Sprachproblem kapriziert, ändert nix am eigentlichen Benachteiligungsproblem.

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