Unterhaltungsprogramm #3

Unterhaltungsprogramm #3

Der erste volle Tage ist rum und es gibt soviel zu erzählen…
In meiner Wohnung fühle ich mich immer noch einsam und verlassen. Meine Co kann ich schlecht fragen ob sie bei mir einzieht (wir scheiden uns ja Ende der Woche voneinander) und ich habe kurz erwogen, den mitfahrenden Lehramtsanwärter zu überzeugen, mir Gesellschaft zu leisten. „Irgendein Paragraph sowieso, den du halt noch nicht kennst. Basta! Zieh einfach bei mir ein – du bekommst die Couch!“
Ist natürlich Quatsch und nur der Trennungsschmerz, den nur mein leerer Junggesellen-Kühlschrank teilt.

Zurück zur Unterkunft: Die ist mega! Ein richtiges Hotelzimmer und – Novum – Betten mit offenem Fußende. Außerdem eine moderne Dusche, deren Duschkopf sich über 2,30 Meter Höhe heben lässt. Nicht ganz unwichtig für große Menschen.

Untergebracht sind wir alle in dem gleichen großen Haus, nur in unterschiedlichen Etagen. Das Erdgeschoss ist (weitgehend) barrierefrei und bietet sowohl meinen beiden Rolli-Kindern als auch ihren I-Helfern jeweils Zimmer und zwei Bäder. Absolute Empfehlung hier. Ich weiß jedoch von früheren Klassen, dass sie über den halben Komplex verteilt wurden – solche Fälle sind natürlich suboptimal.

Kurz nach 8 Uhr ging es dann nach Hamburg. Der frühe Termin ist natürlich bewusst gewählt: Je länger die Schüler morgens schlafen, desto später gehen sie ins Bett. Wir haben die leise Hoffnung, dass sich ihr Schlafmangel bis Ende der Woche so steigert, dass wir keinen schrecklichen letzten Abend zu befürchten haben (ich befürchte ihn natürlich trotzdem).
Unser Busfahrer ist ein Unikat und wurde mit Unterhaltungsprogramm gebucht. Nach fünf Jahren Unterricht, zahlreichen Praktika und Besuchen im Arbeitsamt wollen nach nur einem Tag alle Jungen in ihrem Leben nur noch eines werden: Busfahrer. Und unser Busfahrer (dessen liebenswerte Marotte es ist, von sich selbst zuweilen in der dritten Person zu sprechen) bestärkt die Jungs darin, dass sein Job eigentlich nur aus Urlaubsfahrten und Besuchen in örtlichen Restaurants bestünde. 

In Hamburg hat mir eine wunderbare Freundin eine Stadtrallye vorbereitet. Und weil eine Rallye, bei der 30 Kinder durch die Stadt pesen irgendwie blöd ist, hat sie mir sogar sechs verschiedene vorbereitet (ich kenne so viele so wunderbare Menschen! Danke Birte!). Eine davon barrierefrei für die Rollikinder. Erstmal lange Gesichter bei einzelnen: „Eine Rallye? Oooch!“
Ich finde eine kleine Stadtrallye ganz hilfreich, um ein erstes Gefühl für eine Stadt zu bekommen. Wie sieht sie aus, wie orientiere ich mich? Weil die Kinder die meiste Zeit in ihren engsten Freundesgruppen verbringen, habe ich für dieses Event alle Schüler durchgemischt – ein Vorgehen, das völlig klaglos akzeptiert wurde.

Während die Kinder loszogen, mussten meine Co und ich noch shoppen gehen – wir würden noch Badeklamotten brauchen und hatten sie beide nicht eingepackt. Selten dämlich, aber keine Katastrophe. Katastrophal dagegen, wenn ich mit meiner Frau einkaufen muss – mit meiner bald geschiedenen Co-Klassenlehrerin Ramona eine nicht minder große Katastrophe. „Wie lange noch?“, quengle ich schon nach 5 Minuten. Ich habe einfach ins Regal gegriffen und mir irgendeine Buxe geschnappt (später stelle ich fest: Größe L. VERDAMMT!). Während Ramona sucht und sucht, wird mein Ton unwirscher und ich beginne, unsere Trennung zu verarbeiten. „Dann behalt doch auch die Kinder!“, schreie ich ihr in Gedanken irgendwann entgegen, aber dann hat sie doch etwas gefunden.

Mittags dann die Auswertung der Rallye. Alle Gruppen kommen wohlbehalten aber erschöpft am Hafen an. Die I-Helfer bemerken nebenbei, dass sie tolle Gruppen gehabt und viel Unterstützung an blöden Stellen erfahren haben. „Und, was ist euch in Erinnerung geblieben? Was habt ihr tolles gesehen?“, fragt Ramona. Eine Schülerin meldet sich: „Wir haben in einer Bäckerei eine Frau getroffen, deren Schwiegersohn auch mal in Siegen gewesen ist.“ 

Kurz fragen wir uns, ob sie uns auf den Arm nimmt. „Und das war alles?“, frage ich zögernd und ernte Schulterzucken. Oh weh.

Die Kinder sind gut gelaunt, aber hungrig. Die nächsten zwei Stunden können sie frei verbringen – einige gehen essen, andere ins Miniaturwunderland. Wir drei Lehrer suchen erfolglos ein Restaurant und landen am Ende bei einem kleinen Italiener, der haufenweise Portraits von sich selbst an den Wänden hängen hat. Anschließend trennen sich unsere Wege: Während Ramona… (keine Ahnung, ich habe nicht zugehört. Vielleicht shoppen?) gehen der Lehramtsanwärter und ich in das Spielzeugschäft für große Jungs am anderen Ende der Stadt: Den SATURN. Toll. Aber nach exakt zwei Minuten müssen wir auch wieder zurück. Wir treffen alle anderen vor St. Nikolai wieder.

St. Nikolai ist eine Kirche, die während des 2. Weltkriegs zerstört und danach – als Mahnmal – nicht wieder aufgebaut wurde. Der nackte, zerstörte Kirchturm ist gleichzeitig beeindruckend und erschreckend. Nach einem kurzen Besuch auf der Turmspitze laufen wir noch durch das angrenzende Museum. Welch eine furchtbare Zeit. (Kirchturmspitze und Museum waren beide mit Rollstuhl zu erreichen.)

Auf der Heimfahrt haben die Jungs unseren Busfahrer endgültig ins Herz geschlossen: Während der gesamten Fahrt wird über Fahrzeugtypen gefachsimpelt und allerlei Räuberpistolen erzählt, die ich hier gar nicht wiedergeben möchte. Kinder auf einer Abschlussfahrt, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und gutgelaunte Busfahrer sind eine seltsame Mischung, die sich mir als weltfremdem Physiklehrer entzieht.

Ich bin erstmal nur müde. Mein Schrittzähler zeigt mir knapp 24.000 Schritte an.

Zurück in den Apartements finden sich doch noch Schüler, die nochmal kurz zum Strand wollen. Müde schleppen wir Lehrer uns mit. Einige Schüler bleiben in ihren Appartements und versuchen ein altes Versprechen einzuhalten: Sie färben sich die Haare blau.
Am Strand wird gealbert. Einige Schüler bieten Daniel Geld, wenn er mitsamt Klamotten ins Wasser springt. Daniel wittert eine Geschäft und feilscht die Preise hoch. „Ich bekomme ja den Ärger, nicht ihr!“, versichert er unter unseren erstaunten Blicken. „Ich kenne Herrn Klinge: Das sind höchstens zwei OAs nachsitzen und einen Aufsatz schreiben – ab 15 Euro mache ich das!“

Deprimiert schauen wir zu, wie das Geld in Sekunden gesammelt ist und Daniel sich in die Fluten stürzt. Als er wieder herauskommt, blickt er uns kurz an und erklärt: „Für nochmal 2 € wälze ich mich jetzt im Sand!“

Diese 2 € habe ich bezahlt. 
Ehre, wem Ehre gebührt und ein rechter Schabernack will gewürdigt werden. Ich erinnere an meinen inneren Zwist bei unserer letzten Klassenfahrt in Aachen: Die Kinder in die Pfützen springen lassen oder vor dem kalten Wasser bewahren? Manchmal heißt Pädagogik auch, rechten Unsinn zulassen.  Als er sich zum Schluss bis zum Hals eingraben lässt, ist ihm fast schon wieder warm.

Ganz spät abends treffen wir Lehrer uns in meinem Apartment (das liegt in der Mitte zwischen den Jungenzimmern). Ich bin inzwischen 14 Jahre verheiratet und das Konzept, allein in einer Wohnung zu leben, überfordert mich. Meine wenigen Habseligkeiten liegen überall verstreut herum (ich wollte mir den Anschein einer lebendigen Wohnung vermitteln) und ein einsamer Teller steht in der Spülmaschine. „Bei dem Tempo ist die in einem Monat voll.“, kommentiert meine (baldige Ex-) Co.

Wir verbringen einen entspannten Abend miteinander und kontrollieren um halb elf nochmal alle Zimmer. Ramona (die wirklich ausgebufft ist) fordert die Jungs auf, bitte einmal den Staubsauger zu öffnen. Gerade in jenem Zimmer wurde intensiv diskutiert, wo man denn theoretisch überall Alkohol verstecken könnte. Als Ramona mitten im Raum steht und ohne mit der Wimper zu zucken auf den Staubsauger zeigt, stehen den Jungs die Münder offen. „Alter! Wie kann das sein!?“

Natürlich ist nichts da. Überhaupt haben wir bisher (bisher!) keinen Stress gehabt. Alle Absprachen werden eingehalten. Ich bin ganz wunderbar zufrieden – befürchte aber, dass die anstrengenden Abende noch kommen werden.

Jetzt aber wünsche ich mir selbst erstmal eine ruhige Nacht.      

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