Geburtstag & Gedanken

12. November 2009 6 Von Jan-Martin Klinge

Kurz bevor meine Mutter vor einigen Jahren starb, verfasste sie einen Brief an meine Geschwister und mich. Darin klärte sie vieles. Es war ein Abschiednehmen und eine Liebeserklärung an ihre Kinder.

Jeder kann sich ausmalen, was solch ein Brief für die Angehörigen bedeutet. Insbesondere für die eigenen Kinder.

Traurig.

Berührend.

Bedeutend.

 

Ich habe mir zu jener Zeit Gedanken über meine eigene Sterblichkeit gemacht. Meine Tochter war gerade ein halbes Jahr alt. Was, wenn mir etwas zustieße? Ich fuhr jeden Monat knapp 2000 km Autobahn und sie würde nichts von mir haben als ein paar Bilder auf dem Computer und graue Erinnerungen von alten Freunden.

Also fing ich auch an zu schreiben.

Einen Brief an meine Tochter.

Immer, wenn wir etwas besonderes zusammen gemacht haben, wenn sie etwas erlebt oder gelernt hat, schrieb ich darüber. Manchmal einige Wochen nichts. Manchmal jeden Tag. Als ich in meiner Prüfungszeit schwitzte, schrieb ich darüber. Wenn ich mit der Erziehung kämpfe, frustriert über ihren Dickkopf war, schrieb ich darüber. Der erste Schritt. Der erste Zoobesuch. Ausflüge. Streits. Frustration. Geburtstage. Weihnachtsfeste. Urlaube. Gutes. Schlechtes. Fröhliches. Trauriges. Jeder meiner Blogeinträge über Carolina findet sich auch in diesem Brief wieder.

Mittlerweile sind es über zweihundert Seiten. In dreieinhalb Jahren.

Einige Seiten haben meine Geschwister verfasst und enge Freunde. Alles über und an Carolina gerichtet. Als wir Tübingen nach fünf Jahren verließen, schrieb die halbe Gemeinde da rein. Wünsche, Gedanken, Erfahrungen, Hoffnungen. Das, was mich auchmacht, wer ich bin, findet sich in diesem Brief.

Wenn ich jetzt stürbe hätte meine Tochter etwas in der Hand, um ihren Vater kennenzulernen. Wenn wir uns irgendwann zerstreiten und kein Wort mehr miteinander wechseln sollten, baut so ein Brief vielleicht eine Brücke. Mir selbst hilft er, mich zu erinnern, zu reflektieren und besonnener zu reagieren. Er ist ein Stück Erinnerung.

Ob sie ihn je erhalten wird? Keine Ahnung. Wer weiß, was kommt. Aber wer würde sich nicht einen Brief voller Gedanken und Liebe von seinen Eltern wünschen?

Heute feiert meine Tochter ihren vierten Geburtstag. Ich bin sicher, es wird ein fantastischer Tag. Auch er wird dort festgehalten.

Und vielleicht, wenn sie das alles liest, verzeiht sie mir in vielen Jahren so manchen Erziehungsfehler.