Arbeitsklima.

7. Oktober 2013 9 Von Jan-Martin Klinge

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Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund über sein Arbeitsumfeld. Er möchte Arzt werden und wechselt während seines PJs alle sechs Wochen die Station. Auf diese Weise sieht er in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen.
Zuletzt war er nicht besonders glücklich: Die Schwestern waren chronisch überarbeitet und hatten wenig Zeit; wann immer er irgendwo dabei stand, wurde er angeranzt sich doch “wenigstens mal vorzustellen” – und wenn er sich dann ständig vorstellte hieß es “wissen wir längst!”.

Seit einer Woche ist er eine Station weitergezogen und erlebt ein völlig anderes Arbeitsklima: Die Schwestern sind sehr nett und aufgeschlossen – wenn sie eine Pause brauchen, nehmen sie sie sich. Ein Oberarzt bat ihn zuletzt, etwas länger zu bleiben und mein Freund kam 5 Stunden später nach Hause, als eigentlich geplant. Erschöpft, aber glücklich.

Wir haben uns länger über dieses Phänomen unterhalten. Auch über mein eigenes Arbeitsklima.

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Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, wird sich bei uns geduzt. Von der Sekretärin bis zum Schulleiter. Zu Beginn dieses Schuljahres haben wir zwölf neue Kollegen bekommen und – soweit ich mit ihnen gesprochen habe – sprachen sie alle davon, wie wohl sie sich an unserer Schule fühlen würden, wie einfach ihnen der Einstieg gelungen sei.

Ich kenne eine Menge Lehrer, denen es nicht so geht und frage mich manchmal, wie viel Geld man mir bieten müsste, das ich diesen Arbeitsplatz aufgäbe.
Und wie hoch der volkswirtschaftliche “Schaden” wohl ist, der durch unglückliche Arbeitnehmer jährlich entsteht.

Einmal im Jahr geht das Kollegium wandern (und grillen) und einmal im Jahr wird eine Art “Klassenfahrt” fürs uns angeboten. Beides wird von einem Großteil der Lehrer dankbar angenommen.
Meine eigenen Empfindungen versuche ich auf den Schüler-Alltag zu übertragen: Auch hier bin ich davon überzeugt, das alle Kinder in bestimmten Bereichen gerne 120% bringen, wenn sie sich wohl fühlen. Das kann man bei Theaterprojekten gut beobachten, in Ansätzen auch bei meinem Physikkurs. Für meine eigene Klasse gilt das sowieso; der Jungs-Mädchen-Tag war so ein pädagogisches Ding, das nur auf das Klassenklima ausgerichtet war.

Heute dann: Schul-Fußball-Turnier.
Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Ganz viele Schulen aus dem Siegener Umland treffen sich, um in einem kleinen Turnier gegeneinander anzutreten und ich bin – mehr zufällig – als Betreuer unserer Schulmannschaft da hineingerutscht. Obwohl das Wetter gut war, hielt sich der Spaß doch in Grenzen.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man gegen jemanden am Computer spielt oder zum Schach antritt, und das Gegenüber ist einfach um Welten besser? Irgendwann bekommt das Spiel einen bitteren Beigeschmack.

Fußball-Turnier.

Während die anderen Mannschaften z.T. mit Jugendbundesligaspielern antraten, waren wir eine zusammengewürfelte Gurkentruppe, die untereinander nicht mal die Namen aller Mitspieler kannte. Aus Bitterkeit wurde irgendwann Galgenhumor: Unser Ziel war es, zumindest ein Tor zu erzielen und der Notfallplan war (wenn das nicht klappen sollte), in der letzten Minute ein Eigentor zu schießen. Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht – aber ich kann mir denken, warum zwei der angemeldeten Schulen gar nicht erst erschienen sind.
Irritierend empfinde ich die fließende Grenze zwischen sportlichem Wettkampf und übermäßigem Ehrgeiz: Hier und da wurden Bälle weggeschlagen oder Gegner unsanft angegangen – so richtiges Fairplay war nicht zu erkennen und ich hätte mir von Seiten der Kollegen ein bisschen mehr Engagement gewünscht.

Aber ich bin ja auch kein Sport- sondern Physiklehrer Zwinkerndes Smiley.

Was mich zu einer Freundin (aus einer anderen Stadt) führt. Sie erzählte mir neulich, sie hätte zwei ihrer Kunststunden für Mathematik verwandt, woraufhin ein Jahrgangsstufen-Kollege ihr ein “na, dass ist aber unfair!” hinwarf. Unfair? Ist der Konkurrenzdruck so groß, dass man… ich meine… was?

Ich bin ein ganz großer Freund vom Streben nach Mehr, vom Arbeiten, Denken und Besser werden. Aber dieses bissige Wettkampf-Gedöns zwischen Kollegen oder Jahrgängen oder zwischen Schulen ist mir total fremd.

Ich merke, ich habe wirklich Glück gehabt. Und das wünsche ich euch auch!