#5: Turm

Heute beginnt der 5. Teil meines kleinen Bibelstudiums und ich freue mich über jeden, der bis hierhin treu geblieben ist. Bereit für mehr? Denn dies ist erst der Anfang, denn wir haben ja erst ein wenig über die Flut und einen Fisch gesprochen – als nächstes wollen wir einen Turm und einen Sohn in Augenschein nehmen.

In Genesis 11 lesen wir die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Darin wollen die Menschen ein Gebäude bauen, so hoch, dass sie damit bis in den Himmel stoßen wollen.

„Dadurch werden wir überall berühmt. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser Mittelpunkt ist und uns zusammenhält!“

Aber dann kommt Gott des Wegs, schaut sich ihr Projekt an und kommt zu der Erkenntnis

„Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen!“

…also entscheidet er sich

„Wir werden hinuntersteigen und ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr den anderen versteht!“

Ende der Geschichte.

Mittlerweile haben wir uns angewöhnt, dass man bei vielen Geschichten eine Reihe Fragen stellen muss, um einen Zugang zu finden. Erst recht bei so merkwürdigen, wie dieser.

Warum haben die Menschen eine solche Erzählung über Jahrhunderte bewahrt?

Gute Frage.

Zunächst: Wer baute Babel?

Wenn wir ein Kapitel zurückblättern, erfahren wir, dass…

… Kusch zeugte Nimrod; der war der erste Gewaltige auf der Erde.
Er war ein gewaltiger Jäger vor dem HERRN; darum sagt man: Wie Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem HERRN!  Und der Anfang seines Königreiches war Babel und Erech und Akkad und…

Was wissen wir überhaupt über Nimrod? (Außer, dass es ein erfolgreiches Green Day-Album gleichen Namens gibt.) Der Name Nimrod kommt aus dem hebräischen und bedeutet „rebellieren“. Aha. Hm.

Und nun?

Wir können erkennen, dass der Turm zu Babel unter einem sehr, sehr gewalttätigen und mächtigen Krieger gebaut wurde, der viele Dörfer und Städte gründete und sein Name wird mit dem Wort „rebellieren“ assoziiert. Hier entsteht ein großes Empire und wie jedes große Empire hat es seine militärische Macht und wirtschaftliche Dominanz genutzt, um seine Feinde zu zerschlagen.

Haben wir noch andere Details verpasst, als wir die Passagen vorher übersprangen?

Ja. Wurde der Bau des Turms eventuell noch detaillierter beschrieben? (Das hätte ich übrigens auch nicht gewusst, wenn ich es nicht nochmal gelesen hätte).
Im Text steht:

„Los, wir formen und brennen Ziegelsteine!“, riefen sie einander zu. Die Ziegel wollten sie als Bausteine benutzen und Teer als Mörtel.

Diese Details muten belanglos an – sind in ihrer Bedeutung aber nicht zu unterschätzen: Sie nutzten Ziegel anstatt Steinen. Ein Gebäude aus Steinen zu bauen ist weitaus schwieriger: Sie sind schwer und ungleichmäßig geformt und unterschiedlich groß und es ist eine Mammutaufgabe, sie übereinander zu stapeln.

Aber hier werden Ziegelsteine erwähnt. Jemand hat herausgefunden, wie man Ziegel brennt. Und mit Ziegeln kann perfekt arbeiten und alles mögliche bauen. Zum Beispiel einen Turm.

Wenn wir seit Urzeiten mit Steinen gebaut hätten und plötzlich würde jemand mit Ziegeln ankommen, welche Fragen würden sich stellen?

Vielleicht etwas wie: Diese Ziegelsteine sind fantastisch! Sie eröffnen uns Möglichkeiten, an die früher nicht mal zu denken war! Wie großartig kann ein Gebäude aus Ziegeln wohl werden?

Aber es geht hier nicht nur um Ziegelsteine. Es geht auch um Mörtel. Um eine frühe Form von Zement, der die Steine aneinander heftet.

Wie kann man eine Geschichte über Ziegelsteine und Mörtel zusammenfassen?

Es geht um Technologie! Dies ist eine Geschichte über Technologie. Irgendwer erfand den nächsten Schritt – Ziegelsteine und Mörtel – und das eröffnete den Menschen ungeahnte Möglichkeiten.

Und was hat das alles mit Nimrod zu tun?

In dieser Geschichte wird beschrieben, was geschieht, wenn ein mächtiger Herrscher ein Empire errichtet und seine Hände an eine neue Technologie legt. Ein Herrscher, der sich mithilfe dieser neuen Erfindungen selbst zu einem Gott krönt und jeden, der ihm in den Weg kommt, vernichtet.

Und was sagt uns das über die Welt, in der der Autor der Erzählung gelebt hat?

Als Folge der zunehmenden Besiedelung des Planeten und der immer größer werdenden Städte gewannen einige Menschen mehr und mehr Macht und Einfluss auf die anderen (Wenn wir heute hören, dass die Unternehmen und Banker an der Börse zu viel Einfluss haben, ist das womöglich nur ein Echo jener Rufe, die schon vor tausenden Jahren hallten…).
Die Geschichte zeugt von einem wachsenden Bewusstsein und der Sorge, dass es ein höheres Ziel für die Menschen geben muss, als von den Starken und Mächtigen beherrscht zu werden und sie anzubeten.

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wir hätten unser Leben lang aus Steinen kleine Mauern gebaut. Vielleicht kleine Häuser. Und dann sehen wir eines Tages den Turm zu Babel. Aus Ziegelsteinen. Höher, als die höchsten Gebäude der Welt.

Es wäre atemberaubend.

Und erschreckend.

Wenn jemand so etwas bauen kann, zu was ist er noch imstande? Oder anders: Was ist ihm wohl nicht möglich? (Stellen wir uns vor, andere Länder hätten Atombomben und unser Land nicht – und denken wir weiter darüber nach, wie sich dieses Bewusstsein wohl anfühlt, dass ein solches Land, diese Atombomben auch einsetzen und auf Städte mit Tausenden und Abertausenden Menschen werfen könnte. Erschreckend.)

Was erzählt uns diese Geschichte darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein?

Uns steht eine unglaubliche Macht und unerreichte Fähigkeiten zur Verfügung. Wir können Dinge erfinden und bauen, wir erträumen uns verrückte Sachen und lassen sie Wirklichkeit werden. Das ist großartig und muss gefeiert werden. (Handys, Falschbildfernseher, selbstaufblasende Luftmatratzen, Milka-Schokolade. Ihr wisst, was ich meine.)

Wir verfügen über die geistige und wirtschaftliche Macht, immer mehr und mehr anzuhäufen, unseren Einfluss immer weiter auszudehnen und während wir die Schwachen ausbeuten, machen wir die Welt damit mehr und mehr zu einem tristen Ort.

Ist da noch mehr?

Ja. Der zentrale Punkt der Geschichte ist die mitklingende Warnung: Hey, seht zu, dass sich nicht alles um dich dreht, um dein Wohl, dein Ego und deine Wünsche! Wenn es am Ende nur noch darum geht, wie wir uns auf die immer höhere Spitze des Turmes setzen können (und wir wissen alles, dass es unzählige Formen von „Türmen“ gibt), dann hat Gott (oder welches Wort auch immer wir einsetzen mögen) unendlich viele Wege unsere Anstrengungen und Pläne zu zerschlagen – manchmal sogar, indem er unsere Sprache zerschlägt.

Nächstes Mal: Sohn.

Dank geht an Rob Bell.

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