#9: Adam & Eva

Adam und Eva

Im Physikunterricht spreche ich jedes Jahr aufs Neue über die Entstehung unseres Sonnensystems. Ich erzähle davon, dass die Sonne vor allem aus (den leichten und kleinen Atomen) Wasserstoff und Helium bestünde und dass alle schweren und großen Elemente um uns herum (wie Sauerstoff und Kohlenstoff und die Tafel vorne und die Kreide und meine Ohrläppchen und überhaupt alles) aus dem Inneren einer explodierten, alten Sonne entstammten. Eine Supernova sei so etwas wie ein Backofen für Elemente. Dort verbacken die leichten Elemente zu schweren.

Am Schluss solcher Stunden kommen zuweilen Schüler nach vorne, bedanken sich für die nette Geschichte und versichern mir, dass sie das nicht glauben würden. Es sei hübsch konstruiert und nett erzählt – aber doch ziemlich weit hergeholt.

Hm.

Aktuelle Umfragen aus den USA belegen, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung davon ausgeht, dass die Erde nur wenige tausend Jahre alt ist. In Deutschland bezweifelt etwa ein Drittel die Evolutionstheorie.

Hmm.

Die Vorstellung, jemand nähme die Adam & Eva-Erzählung als Tatsachenbericht, schien mir lange Jahre völlig absurd. Bis jene Schüler vor mir standen und mir höflich mitteilten, dass ihr Physiklehrer gerade ihren Glauben mit Füßen trat.

Glaube ich, dass Adam und Eva wirkliche Menschen waren?

Ich glaube nicht, dass dies entscheidend ist.

Könnte es eine wahre Geschichte sein?

Klar.
Bei aller Naturwissenschaft können wir gerade 4% des Universums als normale Materie erklären; jedes Atom besteht zu 99,99999999 % aus leerem Raum (das bedeutet also, der Bildschirm, auf den du gerade guckst, der Stuhl auf dem du sitzt und.. du selbst auch bist zum größten Teil gar nicht da. Oder anders gesagt: Würde man den leeren Raum zwischen den Atomen entfernen, dann würden alle Menschen zusammengenommen etwa die Größe eines Apfels besitzen.). Wir beginnen gerade erst zu verstehen, woraus Atome bestehen und wie sie miteinander wechselwirken (Anfang des Jahres erklärte Stephen Hawking seinen Zweifel an der Existenz von Schwarzen Löchern).
Ich kann mir eine Menge vorstellen. Aber dann müssten wir alle möglichen Fragen über DNA und Fossilien und das Alter der Erde beantworten…

Hm.

Ich glaube, dass wir die zentrale Aussage der Geschichte verpassen, wenn wir uns zu lange mit der Frage auseinandersetzen, ob es Adam und Eva wirklich gegeben hat.

Also.. so eine Antwort ist doch wischi-waschi!

Absolut nicht.

Na klar! Es wäre doch viel klarer zu sagen: ‚Ja, ich glaube, dass diese Geschichte real ist, weil ich die Bibel ernst nehme.‘

Ganz im Gegenteil. Ich gebe diese Antwort, weil ich glaube, dass sie der Geschichte am meisten entspricht.

Nun – fromme Gemüter (wie z.B jene Schüler) – würden nun argumentieren: Wenn Sie Adam und Eva nicht für real halten, dann stellen Sie auch den Rest der Bibel in Frage.

Das wiederum halte ich für unsinnig, fast schon frech gegenüber einem Buch wie der Bibel.

Also gut – warum bezweifelst du denn, dass diese Geschichte sich genau so zugetragen hat?

Weil ich denke, dass der Erzähler dieser Geschichte eine weitaus größere Intention hat.

Der Reihe nach: Zuerst die zentrale Aussage. Anschließend einige Details über die Adam&Eva-Geschichte. Und zuletzt einige Schlussfolgerungen.

Zunächst einmal ist die Geschichte von Adam und Eva in den ersten Kapiteln des Buches Genesis zu finden, welches wiederum das erste Buch der Torah ist. Die Torah (im hebräischen bedeutet Torah Weg, Ausbildung oder Anweisung) hatte ursprünglich nicht die Form, die wir kennen (Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium), sondern wurde während des Exils in Babylon verfasst und bearbeitet (aus diesem Grunde berichten die Bücher Mose auch wie Mose gestorben ist…)

Während des Exils fanden sich die Erzähler und Autoren nicht in Jerusalem wieder – ihrer weltlichen und geistigen Heimat – sondern viele Kilometer entfernt in einem fremden Land mit fremden Bräuchen und fremden Göttern, denen gehuldigt wurde.

Und welche Geschichten wurden in dieser Zeit gesammelt und bearbeitet?

Zum Beispiel die Geschichte, wie ihre Vorfahren sich vor vielen Jahren im Exil wiederfanden, in einem fremden Land unter furchtbaren Bedingungen und wie ihre Vorfahren sich aus der Sklaverei befreiten. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Juden in der Fremde um ihre Identifikation rangen. Ihr Glaube, ihr Gott war tief mit dem Berg verknüpft, an dem Mose die 10 Gebote erhielt und ebenso mit der Stadt Jerusalem, wo ihr Tempel stand (zumindest, bis er zerstört wurde). Ähnliche Identifikationsprozesse finden wir heute genauso, wenn Migranten zweiter und dritter Generation sich plötzlich ihrer Wurzeln besinnen und z.T. extrem religiös werden.

Für die Menschen, die in Babylon im Exil lebten ist diese Geschichte ein Strohhalm gewesen. Ein Hoffnungsschimmer. Ein „es kommen auch bessere Zeiten!“-Zeichen. Jeder von uns würde sich unter solchen Umständen an solche Geschichten klammern.
Aus diesem Grund gilt Exodus auch als das zentrale Buch der Torah, als wichtigstes Buch – denn es behandelt ein Ereignis. Ein Ereignis, von dem die Menschen hofften, es würde wieder eintreten (Der Prophet Jesaja sprach sogar von einem kommenden Exodus, in welchem die ganze Schöpfung befreit würde..)

Und wenn man eine Geschichte mit einem Volk in Sklaverei beginnt, wirft das unweigerlich die Frage auf: Wie sind sie in Gefangenschaft geraten?

Nun, sie landeten da wegen eines Mannes namens Joseph…

Und wer war Joseph?

Der Sohn Jakobs.

Und wer war Jakob?

Der Sohn Isaaks.

Und wer war Isaak?

Der Sohn Abrahams.

Und warum ist Abraham so eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte?

Weil genau er derjenige ist, den Gott gesegnet hat und dem Gott versprach, seine Nachkommen seien gesegnet und würden… aber stattdessen endeten sie in ägyptischer Gefangenschaft und Sklaverei.

Nun – warum sollte dieser Stamm Abrahams so eine große Sache sein? Es gab bestimmt viele gesegnete Familien.

Weil die Menschheitsgeschichte (gefühlt) völlig aus dem Ruder lief: Seit Menschengedenken haben sich Brüder gegenseitig umgebracht; ganze Zivilisationen zerstörten sich in ihrer Gier nach Macht und Einfluss selbst; technologische Errungenschaften und der Bau großer Gebäude füllten die Menschen mit so viel Stolz und Ego, dass sie schließlich überzeugt waren, selbst Götter zu sein.

Also wie eine Seuche? Eine Krankheit, die zuerst wenige befällt und dann alle?

Ja.

Den Gedanken, die Menschheit wie ein Virus zu betrachten gibt es auch heute noch – zuletzt zum Beispiel im Film Matrix.

Und im Wesentlichen geht es in den ersten elf Kapiteln des Buches Genesis genau darum.

Da sitzt also ein ganzes Volk im Exil und in Sklaverei und hört Geschichten. Und ein Teil dieser Geschichten, das Buch ‘Genesis’, wäre so betrachtet eine Art Prolog, der den Zuhörern die Hintergrundgeschichte dafür liefert, warum die Welt so aus den Fugen geraten ist und die erklärt, warum Gott mit Abraham ein neues Geschlecht schaffen will – eines, dass der Welt einen besseren Weg zeigt, miteinander umzugehen.

Puuh.

Nun ein wenig über die Details.

Der Name Adam bedeutet Boden oder Schmutz.

Der Name Eva bedeutet Atem, Leben oder lebend.

Herr Schmutz trifft Frau Lebend.

Diese Namen wirken so weit gefasst, als wären sie nur Platzhalter für die ganze Menschheit.

Scheint so.

Und dann reden sie mit einer Schlange…

Tatsächlich waren sprechende Schlangen in der damaligen Literatur gar nicht so selten.

Warum gibt es eigentlich zwei verschiedene Versionen davon? Im ersten Kapitel werden sie als Ebenbild Gottes geschaffen – im zweiten Kapitel aber nacheinander. Außerdem unterscheiden sich die Stile beider Erzählungen arg voneinander. Was soll das?

Vermutlich sind verschiedene Autoren Urheber dieser Berichte, die verschiedene Perspektiven zusammenbringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein großer Teil der Bibel als mündliche Überlieferung entstand – Geschichten, die man sich am Lagerfeuer erzählte.

Nunja.. Paulus und Jesus sprachen über Adam und Eva, als seien es reale Personen gewesen.

In der Tat. Außer, man betrachtet Herrn Schmutz und Frau Lebendig als eine literarische Form, über den Zustand der Welt zu sprechen. Von ihren ersten Momenten an, an dem sie sich selbst als Menschen erkennen bis zu dem Tag heute, da die Welt in Trümmern zu liegen scheint.

Also…?

Das ist die Kraft einer guten Geschichte: In ihren Details (Charaktere, ihre Namen, was sie tun und sagen) erzählt sie etwas über das große Ganze (Dinge, die wir alle kennen; Fähigkeiten, die wir besitzen wollen; Wahrheiten über die Menschen, die wir teilen).

In der heutigen Zeit sind wir darauf konditioniert, wörtliche Berichte als die höchste Form der Wahrheit zu betrachten. Viele Geschichten werden nur als wahr betrachtet, wenn sie tatsächlich so geschehen sind. Aber es gibt einen größeren Rahmen – als Jesus zum Beispiel von einem Vater erzählt, dessen jüngster Sohn sein Erbe ausgezahlt bekommen möchte: Diese Erzählung von einem vergebenden Vater und seinen zwei Söhnen trifft eine tiefe Wahrheit. Seit bald zweitausend Jahren inspiriert und bewegt sie Menschen – und nie gab es Debatten darüber, ob der Vater und seine zwei Söhne echte Menschen gewesen sind.

In diesem Kontext wird aber klar ersichtlich, dass Jesus eine Parabel erzählt. An dieser Stelle muss man die Frage nach der Realität nicht stellen.

Man könnte es auch anders formulieren: Einige Geschichten sind passiert. Aber eine weitere Perspektive ist, dass diese Geschichten heute noch passieren.

Letztlich landen wir wieder bei den Fragen der letzten Wochen: Worin liegt die Bedeutung? Wo finde ich das in meinem Leben wieder? Was sagt uns diese Geschichte über uns selbst und darüber, wie Gott ist?

Und genau deshalb ist es so problematisch, wenn man nur zwei Schubladen hat: Historisch oder Fiktional.

Diese Kategorien sind zu klein.

Aber wenn das alles nur Geschichten sind… was ist mit der Einzigartigkeit der Bibel, die darauf besteht, dass Gott sich aktiv in die Welt einmischt und sie zum Guten wenden will?

Ja! Ich befürchtete schon, die Frage würde niemals kommen. Aber dafür brauchen wir noch ein paar Wochen.

Nächstes Mal: Die Macht eines Gedichts.

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