Elternbrechtag

23. November 2014 10 Von

Habe ich das neulich richtig gelesen? Jan schrieb ungefähr: „Elternsprechtage sind ja immer ganz nett.“ Nein, sind sie nicht. Das heißt jetzt nicht, dass ich sie schlecht finde, denn gut sind sie eigentlich schon, aber nett?

Bei uns läuft vormittags Unterricht bis 13.10 Uhr und dann Elternsprechtag von 14 bis 19 Uhr. Die Heizung wird um 15 Uhr abgestellt. Gespräche sollten im 10-Minutentakt stattfinden und solchermaßen werden auch die Termine vergeben. Also reicht die Zeit für 30 Gespräche, und ich hatte auch schon Sprechtage mit 30 Gesprächen, wenn ich eine neue Klasse 5 hatte. Am Ende wusste ich nicht mehr, wo ich mein Auto geparkt hatte und wie ich heiße.

Ich muss Eltern in 10 Minuten sagen, wie sich ihr Kind in der Schule macht, was es für ein Mensch ist und welche Probleme/ Perspektiven sich für das Kind eröffnen. Und eins muss man immer im Kopf haben: Kinder sind für ihre Eltern absolut existentiell, und wenn man irgendwas kritisiert, muss man das mit der gebotenen Vorsicht tun.

Es gibt, glaube ich, mehrere Gesprächstypen, von denen hier drei von mir skizziert werden.

Fall 1 : Murat wurde erkennbar erzogen oder ist sowieso ein netter Mensch. Zudem ist er fröhlich, leicht zu motivieren und findet sich in der Klasse gut zurecht. Die Noten sind ordentlich. Wir sind in 5 Minuten fertig.

Fall 2 : Vicky ist für nichts verantwortlich. Noten sind die Lehrer schuld, die Mitschüler mobben das Kind und sie selbst muss sich um nichts kümmern. Das Handy braucht sie, falls auf dem Weg nach Hause etwas passiert und natürlich spielt sie nie damit im Unterricht. Dass ich das Kind deswegen ermahnen musste, ist unwahr. Das Gespräch dauert 15 Minuten, bis beide Parteien auseinander gehen und sich gegenseitig für Idioten halten.

Fall 3 : Michaels Noten sind schlecht und er benimmt sich wie eine offene Hose. Die ganze Familienstruktur liegt im Argen. Je mehr die Eltern erzählen, desto schlechter wird mir und desto mehr wundere ich mich, dass das Kind immer noch zur Schule kommt. Meine Ratschläge werden dankend angenommen oder verworfen, auf jeden Fall frage ich mich, was mich dazu qualifiziert, etwas zu sagen, außer meine mittlerweile ordentliche Erfahrung. Solche Gespräche dauern lange und müssten noch länger dauern. Ich bin dann immer froh, dass wir eine sehr gute Schulsozialarbeiterin haben, auf die ich schließlich verweisen kann.

So oder so: Wenn ich dann um kurz nach sieben aus der Schule gehe, ist mir eiskalt und ich fühle mich völlig ausgewrungen. Ich schaffe es an einem Elternsprechtagabend noch zum Fastfoodmann, um mit einer Wärmflasche und einem Stuppi Erzquell Pils vor den Ferneseher zu fallen. Wenn ich Glück habe, läuft ein Wissenschaftsmagazin wie „Die Geißens“.

Schon klar Jan, Elternsprechtag sind immer ganz nett.