Dyskalkulie in der Wissenschaft

Dyskalkulie in der Wissenschaft

11. März 2018 8 Von Jan-Martin Klinge

Im Unterschied zur Lese-Rechtschreib-Schwäche wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) in der weiterführenden Schule nicht im gleichen Rahmen als Lernschwäche anerkannt. Im Falle von LRS können Schülerinnen und Schüler bei Klassenarbeiten bspw. mehr Zeit bekommen oder die Rechtschreibung fließt nicht in die Bewertung ein.

Für Dyskalkulie gilt das (bisher) nicht. Überhaupt ist umstritten, ob es eine Mathe-Schwäche  wirklich gibt (auch wenn in meinem Bekanntenkreis jeder zweite darunter zu leiden glaubt). Spannend ist an dieser Stelle die Verdrahtung von Mathematik im Hirn.

Mathematik als Produkt der Evolution

Der Tübinger Hirnforscher Andreas Nieder ist davon überzeugt, Dyskalkulie mithilfe eines MRT nachweisen zu können. Bei Experimenten mit Rhesusaffen konnte er für die Zahlen von 0 bis 30 jeweils „Lieblingsnervenzellen“ diagnostizieren, deren Aktivität bei einer bestimmten Zahl am höchsten war. Dies spricht für eine direkte Verknüpfung von mathematischen Konzepten mit konkreten Hirnzellen. Wären diese Hirnareale (der Präfrontale Kortex und der Intraparietale Sulcus) weniger ausgebildet, könnte man eine Lernschwäche nachweisen. Nieder folgert aus seinen Ergebnissen weiterhin, dass mathematisches Verständnis einProdukt der Evolution ist. Die Fähigkeit, zu zählen – oder allgemeiner: Größen abzuschätzen – hilft Lebewesen, in ihrer Umwelt zu überleben.

Mathematik als Produkt der Kultur

Diese These ist allerdings nicht unumstritten. Der chinesische Wissenschaftler Yiang Tang von der chinesischen Akademie der Wissenschaften hat ebenfalls mit einem MRT gearbeitet – und kommt zu ganz anderen Ergebnissen.
Tang hat Chinesen und Engländer beim Rechnen mit arabischen Zahlen tomografiert. Bei den verschiedenen Gruppen zeigten sich ganz unterschiedliche Hirnareale aktiv – was der Wissenschaftler auf die kulturellen Unterschiede beim Lesen und Schreiben zurückführt. Je nachdem, in welcher Welt man aufwächst, verknüpfen sich unterschiedliche Areale des Gehirns mit den mathematischen Fähigkeiten. Tang betrachtet den Umgang mit Zahlen also als kulturell erworbene Fähigkeit.

Für die Schule hätten die unterschiedlichen Interpretationen gravierende Folgen.
Die feste Verdrahtung von Mathematik im Hirn nach Nieder hätte zur Konsequenz, dass man Dyskalkulie explizit nachweisen könnte. Schulen und Lehrer müssten zwangsläufig darauf reagieren.
Tangs Ansatz hingegen weist nach, dass es nicht den mathematischen Bereich im Hirn gibt. Als kulturell erworbene Fähigkeit wäre jeder Mensch imstande, mathematische Vorstellungen zu beherrschen.
Trotzdem stehe ich als Lehrer vor der Situation, dass Schülerinnen und Schüler einer weiterführenden Schule nicht in der Lage sind, im Zahlenraum bis 100 zu rechnen.
Hier gilt: Üben, üben, üben. Und gerne Hilfen und Ratschläge holen und das Üben bei familiärem Stress abgeben!
(Einen wichtigen Ansatz sehe ich darin, frühzeitig und in spielerischer Form mit dem Zählen zu beginnen. Mit zweijährigen Kindern kann man schon Apfelstücke zählen. Wenn wir mit dem Auto durch einen Tunnel fahren oder vor einer roten Ampel stehen, beginnen wir immer laut bis zehn zu zählen damit wir aus dem Tunnel wieder herauskommen oder die Ampel umspringt. Dieses Niveau lässt sich langsam und nebenher steigern („Zwei Apfelstücke liegen da und wenn ich dir nochmal zwei gebe, wie viele hast du dann?“))