5 Minuten Schulleitung: Mediokratie

5 Minuten Schulleitung: Mediokratie

Am Wochenende habe ich mit Kollege Kara den 8. Band unserer Reihe „Arbeitslehre unterrichten“ fertiggestellt. Er ist eine direkte Fortsetzung des letzten Buches. Jenes hatte seinen Fokus auf dem Verbrennungsmotor und den technischen Aspekten des Autos – hier betrachten wir Verkehr und Mobilität eher als gesellschaftliches Phänomen und versuchen gemeinsam mit den Schülern dahinterzusteigen. Das war nicht wenig Arbeit und der voraussichtliche Erfolg ist gleichzeitig so gering, das Reichtum wohl kaum unser Antrieb sein kann. Sondern.. ja, was eigentlich?

Im gleichen Atemzug stolperte ich bei Twitter über folgende Aussage eines Kollegen1:

Sinngemäß: Die Schulleitung untersagt ihm, den (selbstgekauften) Beamer im Klassenraum zu nutzen. Im Verlauf des Threads wird (wurde?) deutlich, dass es wohl auch ein wenig darum geht, dass die Kollegen nicht mit seinem Tempo mitkommen – er solle sich bitte ein wenig zurücknehmen.
Ein Urteil von außen verbietet sich – trotzdem entsteht der Eindruck, dass hier ein engagierter, leidenschaftlicher Lehrer ausgebremst wird. Es mag womöglich andere, gute Gründe für die Entscheidung geben, aber es bleibt ein fahler Nachgeschmack.

In einem meiner ersten Bewerbungsgespräche über meine angehende Stelle sprach ich mit meinem (damals zukünftigen, jetzt aktuellen) Schulleiter über sein Verständnis von Leitung. Nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund, dass ich an meiner alten Schule weitgehend Narrenfreiheit genossen habe. Ich war sicherlich jemand, der engagiert war, der vorgeprescht ist und erstmal probiert hat und damit bin ich ganz sicher auch Kollegen auf die Füße getreten.
Im Laufe dieses Bewerbungsgespräches kamen wir auf den Begriff der Mediokratie zu sprechen. „In manchen Firmen“, sagte er, „und auch Schulen existiert zuweilen eine Art Vorherrschaft der Mittelmäßigkeit.“ Ein Chef umgibt sich mit Personen, die alle eher so mittelmäßig sind, damit sie seine Position nicht angreifen können. Schulleitung verstünde er dagegen so, als dass er die Kolleginnen und Kollegen maximal fördern wolle, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren.

Das fand ich beeindruckend.

Denn ich glaube, dass das tatsächlich herausfordernd ist. Wie bin ich als Lehrer bisher damit umgegangen, wenn meine Referendare deutlich organisierter, leidenschaftlicher, intelligenter gewesen sind, als ich? Und wie lerne ich, als Schullleitung Kollegen zu fördern, die in bestimmten Bereichen viel mehr Expertise zu bieten haben als ich?

Denke ich an den Twittereintrag frage ich mich, wie lange jener Kollege noch leidenschaftlich bleibt. Oder wann der Punkt gekommen ist, an dem er nur noch „Dienst nach Vorschrift“ macht. Es ist, glaube ich, die Leidenschaft für eine bestimmte Sache, die uns motiviert und vorwärts treibt und Lust auf Schule macht.
In meinem Fall sind das unter anderem die entwickelten Schulbücher. Diese Lust auf Neues. Die Leidenschaft zum Schreiben und Planen und Denken.

Ich möchte das Lernen. Möchte umgeben sein von einem Kollegium, indem viele vieles besser können als ich und indem man einander inspiriert und respektiert und fördert und stehen lässt. In diese Art Leitung darf ich die nächsten Jahre hinein- und mir ganz viel davon abgucken. Und… man!… ich bin so gespannt!

1: Ich finde weder Tweet noch Thread und gehe deshalb davon aus, der der betreffende Kollege an dieser Stelle lieber nicht namentlich genannt werden möchte. Sollte das eine falsche Annahme sein, werde ich das umgehend korrigieren.

One Reply to “5 Minuten Schulleitung: Mediokratie”

  1. Hallo Herr Klinge,
    ich kenne diese Situation mit dem Einsatz des Beamers sehr gut und kann mich nur dazu aussprechen, dass der Umgang mit Technik im Unterricht ein voller Erfolg für die Schüler der Klasse war. Leider ist dieses Verbot weder im Sinne der Schüler und des Lehrers und ein großer Rückschritt für die Unterrichtsmethoden.

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