„Was genau ist eigentlich Ihr Beruf?“

„Was genau ist eigentlich Ihr Beruf?“

„Herr Klinge… was genau ist eigentlich Ihr Beruf?“
Ich stehe in irgendeinem anonymen Gang mitten in der Universität. Leon steht neben mir. Ein ehemaliger Schüler. Mit gerunzelter Stirn und leicht besorgtem Blick schaut er mir zu.

Es ist das letzte Wochenende meiner mehrwöchigen Weiterbildung zum „Grenzen(und…)Los AntiMobbing- & JugendCoach®“. Über viele Tage und vier Module hinweg habe ich mich nun mit den Grundlagen des Lernens, Täter- und Opferpsychologie, Verhaltensmustern, Prävention und Fallbeispielen auseinandergesetzt. Immer im Wechsel gab es Theorieblöcke, Gruppendynamische Spiele und Grundlagen der Selbstverteidigung für Mädchen.
Echtes Highlight bei aller Anstrengung war, dass ich den Kurs mit einer wunderbaren Kollegin durchlaufen habe. In den Mittagspausen haben wir stets Fäden aufgegriffen und überlegt, wie wir das gelernte auf unsere Schule adaptieren und dort einbringen können. Darüber hinaus haben wir uns gegenseitig stets für die Rollenspiele vorgeschlagen („Ich finde, Jan-Martin gibt einen wunderbaren Sittenstrolch ab!“) und fanden uns irgendwann mit einem Fallbeispiel und dem Strafgesetzbuch energisch diskutierend in der Uni-Mensa wieder. „Ist das jetzt Zugänglichmachung pornografischer Inhalte?“ „Du, keine Ahnung – gibt es keine Definition, was pornografische Inhalte sind?“ „Hast du von irgendwas eigentlich Ahnung?“ „Hallo? Studiert hier jemand von euch Jura? Nein? Und ihr da drüben? Wisst ihr, was Pornografie ist?“

Wieder wahnsinnig viel gelernt aber im Augenblick bin ich wirklich erschöpft und dankbar, dass der Kurs vorbei ist. Die nächsten Wochen bringen leider erst die richtige Arbeit mit sich – der gewaltige Materialfundus, den wir bekommen haben will gesichtet und exzerpiert, sinnvolle Ideen und Konzepte für unsere Schülerschaft erstellt und ins Kollegium getragen werden.
Als wirklich Wesentlich empfinde ich die zahlreichen Spiele, die auch an die Erlebnispädagogik anknüpfen. Auch die muss ich für mich neu sichten und aufgreifen. Vielleicht erstelle ich eine Lerntheke dazu – nicht für die Schüler, sondern für Lehrer. Sie gehen stark in Richtung Mobbingprävention und das ist wirklich mein Ding. Klassenhalt stärken. Teambuildingmaßnahmen. Gemeinsam Ziele erreichen.

An diesem letzten Wochenende hatten unsere Trainer eine perfide Freude daran, uns mit einigen der Spiele quer durch die Uni zu treiben. Die Studenten werfen uns irritierte Blicke zu und verdrehen die Augen. Wir wirken wie eine bescheuerte Comedytruppe, die nach einer Familienaufstellung gerade ihre Kleinkindphase neu durchlebt. Und – na klar – natürlich laufen mir auch ehemalige Schüler über den Weg. Die meisten sind höflich genug, mein Treiben zu ignorieren. Aber nicht Leon.

„Herr Klinge… was genau ist eigentlich Ihr Beruf?“, fragt er süffisant, als ich auf einem Bein balancierend eine Murmelbahn zwischen meinen Beinen entlangführe und hoffe, dass ich meine Teamkameraden in diesem Wettstreit nicht blamiere. „Ja, das frage ich mich auch ständig! Was hast du eigentlich gelernt?“, ruft meine Kollegin von weiter hinten. Zum Glück habe ich bei der Selbstverteidigung für Mädchen aufgepasst: Hinterher gibt’s was auf die Nase!

Lehrer bin ich, Leon. Und Clown. Erzieher. Vorbild. Antreiber. Motivator. Und, Himmel, ist das ein großartiger Beruf!

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