Mehrgenerationenhausgeschichten

Mehrgenerationenhausgeschichten

Obwohl ich gar keinen Alkohol trinke, verbinde ich das Bild eines Glases Rotwein auf unserer Terrasse mit einer gewissen Wärme. Einer Lebenslust. Jahrelang habe ich mir immer gerne Rotweine schenken lassen um diese dann an meine Frau weiterzureichen.
Um meine alljährliche, sanfte Winterdepression zu bekämpfen, habe ich mir heuer ein Weinregal gekauft. Unter den amüsierten Blicken meiner Schwiegermama und meiner jüngsten Tochter packe ich es aus und halte es an probehalber an diese und jene Wand. „Was meinst du“, frage ich, „soll ich den Opa direkt rufen oder warten, bis er von alleine kommt?“

Alle haben wir in unserem großen Haus unsere Rollen gefunden. Die Kinder, meine Frau, ich und auch meine wunderbaren Schwiegereltern. Nachdem ich die Bohrmaschine bereitgelegt und die Bohrstellen markiert habe (ich habe extra leise gearbeitet!), öffnet sich die Tür, und der wunderbarste Schwiegervater von allen steht im Raum. Skeptisch hebt er eine Augenbraue, besieht sich den Bohrkopf und den Bohrer, murmelt etwas von „nicht mit dem Spielzeug“ und verschwindet im Haus.
Ich habe keinen Lärm gemacht. Keine Andeutungen. Nichts. Es ist, als würde sein Spinnensinn Handwerkersinn Alarm schlagen, wenn ein Amateur in der Nähe ist. Keine Ahnung, wie er das macht. Tatenlos sehe ich zu, wie er binnen weniger Minuten das Regal anbringt und zufrieden brummelt.

Zufrieden kann ich den alkoholfreien Traubensaft aufs Regal legen und fühle mich dem nahenden Frühling schon gleich ein gutes Stück näher. Mein einziger Beitrag diesbezüglich.

Statt dessen kümmere ich mich um die Dinge, die ich kann.
Wie schon vor Jahren mit meiner ersten Tochter standen heute mit meiner jüngsten aufregende Kristallexperimente an: Mit Schutzbrille bewaffnet haben wir unseren eigenen Anna-und-Elsa-Kristall gemacht. Ich hoffe, dass meine Töchter irgendwann „Wissenschaftlerin“ als ebenso aufregenden Beruf ansehen, wie den der Eiskönigin. Bis dahin werden noch viele Haus- und Küchenexperimente in diesen vier Wänden stattfinden und wer weiß – vielleicht auch bald wieder welche im warmen, goldenen Sommer.

Bis zum Abend sind die ersten Kristalle schon gewachsen und am Wichtigsten in diesem Haus ist, was die Oma denkt! Nichtmal ein Dankeschön hat die junge Dame für mich übrig. Und als wir abends darüber sprechen, was das Schönste am Tag war, ist die wissenschaftliche Lektion längst vergessen: „Mit der Oma das Bild zu malen, das war heute das Schönste!“

Alle haben wir in unserem großen Haus unsere Rollen gefunden.

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