Feengeschichten und Rabenväter

Feengeschichten und Rabenväter

7. Juli 2019 2 Von Jan-Martin Klinge

„Wer mag alles gleich mit mir spielen?“, fragt meine vierjährige ganz begeistert beim Mittagessen.

Aber niemand meldet sich.

Enttäuscht guckt sie von einem zum anderen und ich fühle mich wie ein Rabenvater.

Mein schlechtes Gewissen bringt mich dazu, ihr am Abend eine lange Geschichte zu erzählen. Von der geheimen Feentür unter unserer Treppe. Unbedacht plappere ich drauf los und erzähle von der kleinen Fee namens „Johannisbeere die Kleine„. Jene Fee war ganz traurig, weil sie auch die Kleinste ihrer Familie war und war eines Tages ausgerissen und hatte sich nach einem aufregenden Abenteuer unter unsere Treppe verlaufen.

Zum untrüglichen Beweis, dass meine Geschichte der Wahrheit entsprach, hatte ich sogar eine Zeichnung angefertigt.

(Schaut man genau hin, sieht man sogar den kleinen Gürtel aus Johannisbeeren) Meine Jüngste war begeistert. So sehr, dass sie mir das Versprechen abnahm, sie unbedingt zu wecken, wenn die Fee sich das nächste Mal in unser Haus verirren sollte. Und, dass wir demnächst nach der geheimen Feentür unter der Treppe schauen wollten.

Das beim Frühstück am nächsten Morgen eine kleine Schüssel mit frischen, zauberhaft schmeckenden Johannisbeeren dastand, tat dem Zauber keinen Abbruch. „Bestimmt sind die von der Fee!!“, wurde gemutmaßt.

Nun, zwei Tage später, fühle ich mich noch schlechter. Immer wieder muss ich Fragen nach dieser Zaubergeschichte beantworten und ich weiß nicht, ob ich das ganze immer weiterstricken oder sanft mit dem Deckmantel der Vergessenheit zudecken soll?

So oder so, fühle ich mich wie ein Rabenvater. Über Ideen und Hinweise, wie es pädagogisch sinnvoll weitergehen kann, wäre ich dankbar.